1. Einleitung
Die vorliegende Zwischenprüfungsarbeit beschäftigt sich mit der Reflexion von Fremdheitserfahrungen innerhalb der interkulturellen Literatur in Deutschland. Um dieser Thematik gerecht zu werden, sieht es die Verfasserin als notwendig an, zuerst allgemein auf Entwicklung und Stand der interkulturellen Literatur einzu- gehen. Hierbei stehen folgende Fragestellungen im Mittelpunkt: Ø Wie lässt sich der Begriff der interkulturellen Literatur definieren? Ø Welche Voraussetzungen muss ein Text erfüllen, damit man ihn der inter- kulturellen Literatur zuordnen kann?
Ø Welche spezifischen Eigenarten und Aspekte sind für diese Gattung kon- stituierend?
Nach dieser sehr allgemein gehaltenen Einführung in die Problematik der inter- kulturellen Literatur soll ein hieraus resultie render Teilaspekt erklärt und erläutert werden: Die interkulturelle Literatur stellt nicht zuletzt eine dichterische Reflexi- on der Einwanderung dar. Die Begegnungen und/oder Konfrontationen unter- schiedlicher Lebensweisen, Kulturen und Auffassungen haben sich in literari- schen Modellen niedergeschlagen. 1 Ein signifikanter Aspekt, der hieraus resul- tiert, ist der Begriff des „Fremden“. Dabei sollen nicht nur Theoriemodelle der Literaturwissenschaft, sondern auch die der Linguistik berücksichtigt werden, um zu klären, was die Begriffe der „Fremdheit“ und des „Fremden“ beinhalten und umfassen können. Die linguistische Begriffsvariante ist dann auf den Bereich der interkulturellen Literatur übertragbar und kann somit verifiziert werden. Der Be g- riff des „Fremden“ is t eng mit dem Begriff des „Eigenen“ verbunden, denn nur wenn etwas „fremd“ erscheint, wird das „Eigene“ bewusst. 2 Dieser Aspekt ist genau zu definieren und die beiden Begriffe sind voneinander abzugrenzen. In einem weiteren Schritt sollen die hier herausgearbeiteten definitorischen Ansät- ze an ausgewählten Textbeispielen übergeprüft werden. Hierzu sollen zwei Ro- mane in Bezug auf Fremdheitserfahrungen in der interkulturellen Literatur unter-
1 Vgl. Sölcün, Sargut: Literatur der türkischen Minderheit, in: Chiellino, Carmine (Hrsg.): Interkulturelle Literatur in Deutschland, Ein Handbuch, Stuttgart 2000, S. 135-153, hier S. 135.
2 Vgl. Lönker, Fred: Aspekte des Fremdverstehens in der literarischen Übersetzung, in: Lönker, Fred (Hrsg.): Die literarische Übersetzung als Medium der Fremderfahrung, Be r- lin 1992, S. 41-63, hier S. 43 ff.
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sucht werden: Einerseits „Die Brücke vom goldenen Horn“ von Emine Sevgi Öz- damar und andererseits „Selim oder die Gabe der Rede“ von Sten Nadolny. Es handelt sich hierbei um zwei völlig unterschiedliche Romane, die jedoch beide der interkulturellen Literatur zuzuordnen sind und nach Meinung der Verfasserin be- züglich des Aspektes der Beschäftigung mit Fremdheitserfahrung sehr ergiebig sein können. Bei der Analyse sollen nicht nur die impliziten Fremdheitserfahrun- gen untersucht werden. Vielmehr soll zudem analysiert werden, wie das „Fremde“ beschrieben und erzähltechnisch darge stellt wird. Weiter sollen Textpassagen, die den aus Fremdheitserfahrungen resultierenden Kulturschock thematisieren, unter- sucht werden. Hier soll gezeigt werden, wie die Figuren auf die Erfahrungen des „Fremden“ reagieren und vor allem, wie diese Erfahrungen verarbeitet werden. Aufgrund dieser Textanalysen lassen sich sehr gut Rückschlüsse auf die jeweili- gen Gesellschaftsbilder der Autoren Özdamar und Nadolny ziehen. In der Schlussbemerkung soll zusammenfassend dargestellt werden, wie die bei- den Romane in die interkulturelle Literatur einzuordnen sind und welche gat- tungstypischen Aspekte sie erfüllen. Vor allem aber soll der durch die Analyse der beiden Texte herausgearbeitete Aspekt der Fremdheitserfahrung abschließend vergleichend diskutiert werden.
Zur Analyse der beiden Romane ist es natürlich notwendig, Texte aus der Sekun- därliteratur heranzuziehen. Besonders hilfreich bei der Einführung in die Thema- tik der interkulturellen Literatur in Deutschland sind der Aufsatz von Sargut Söl- cun, sowie die Aufsätze von Carmine Chiellino und Aglaia Blioimi. Zur Definiti- on des Be griffs des Fremdverstehens wird unter anderem der Aussatz von Fred Lönker herangezogen. Daneben findet natürlich der Aufsatz von Sten Nadolny über seinen Roman „Selim oder die Gabe der Rede“ besondere Berücksichtigung.
2. Die interkulturelle Literatur in Deutschland
Literatur reflektiert die politischen und sozialen Verhältnisse ihrer Zeit. 3 Dies gilt natürlich auch für die die vorliegende Thematik betreffenden, demographischen Veränderungen seit dem Ende des 2. Weltkrieges in Deutschland. Nach dem 2. Weltkrieg setzte eine Wanderungsbewegung ein, die man zu den großen Wande-
3 Vgl. Sölcün, Sargut: Literatur der türkischen Minderheit, in: Chiellino, Carmine (Hrsg.): Interkulturelle Literatur in Deutschland, Ein Handbuch, Stuttgart 2000, S. 135-153, hier S. 135.
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rungsbewegungen innerhalb der deutschen Geschichte rechnen kann. Von 1955- 1973 siedelten nach Deutschland viele so genannte „Gastarbeiter“ über, die die deutsche Wirtschaft wieder mit aufbauen sollten. Der Aufenthalt dieser ausländ i- schen Arbeitskräften war nur für eine kurze Periode geplant. Kamen die ersten dieser ausländ ischen Arbeitskräfte aus Italien, Spanien und Portugal, so stiegen seit dem Ende der sechziger Jahre die Anteile türkischer und jugoslawischer Ar- beits-Migranten erheblich an. Der Großteil dieser ausländischen Arbeitskräfte verrichtete ungelernte oder angelernte Tätigkeiten in den Zentralbereichen der industriellen Produktion. 4 Aufgrund dieser Migration begegneten sich unter- schiedliche L ebensweisen und Kulturen, deren Konflikte und Ineinandergreifen die Literatur reflektiert.
Die Texte, die der interkulturellen Literatur unterzuordnen sind, zeigen in Bildern, Rückblicken und Vorstellungen eine meist starke Präsenz der verlassenen Heimat im Bewusstsein ihrer Autoren. 5 Dies kann mit gesellschaftlichen oder politischen Ereignissen in mehr oder weniger enger Verbindung stehen, wobei dabei auch immer der kulturelle Hintergrund des Autors berücksichtigt werden muss, wes- halb hier eine Relativierung sehr gefährlich wäre. Die Autoren sind nicht immer in der Lage, sich völlig von ihrem historischen und sozialen Hintergrund zu lösen, wobei aber auch ihr Standort im Einwanderungsland eine große Rolle zu spielen scheint. Ihr Standort im Einwanderungsland wirkt sich zudem auf die Theme n- wahl und die Wahl der jeweiligen Gattung aus. 6 In den Texten von Autoren mit einem Migrationshintergrund vollzieht sich eine Gratwanderung zwische n den Kulturen des Heimatlandes und des Einwanderungslandes. Diese Gratwanderung führt zu einer gewissen Selbständigkeit. 7 Die interkulturelle Literatur verdankt ihren literarturhistorischen Stellenwert vor allem dem Aspekt, dass sie weder als Verlängerung der heimatlichen Literatur, noch simplifizierend lediglich als ein Teil der deutschen Literatur anzusehen ist. 8 In ihrer Anfangsphase wurde die „Migrantenliteratur“ hauptsächlich noch von Übersetzungen beherrscht. Die Sprache der Fremde galt noch als „Fremdsprache“.
4 Vgl. Bade, Klaus J. 1993:Deutsche im Ausland, Fremde in Deutschland, S. 393ff.
5 Vgl. Sölcün, Sargut: Literatur der türkischen Minderheit, in: Chiellino, Carmine (Hrsg.): Interkulturelle Literatur in Deutschland, Ein Handbuch, Stuttgart 2000, S. 135-153, hier S. 135.
6 Vgl. Sölcün: Literatur, S. 135.
7 Vgl. Sölcün: Literatur, S. 135.
8 Vgl. Sölcün: Literatur, S. 135.
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Das Schreiben in der eigenen Sprache zeugt zudem von einem Bedürfnis nach kollektiver Identität. 9 Die Bildung der Kompetenz durch Distanzierung der Ge- samtrealität war in der internationalen Gemeinschaft der „Gastarbeiter“ zwar sehr paradox, doch führten gerade solche Distanzierungen zu einer schnelleren Durch- setzung der heimatlichen Perspektiven, deren Abgrenzungsmechanismen die er- lebte Fremdheit erleichtern. 10 Zu Beginn der „Migrantenliteratur“ versuchten die Autoren noch bewusst eine Vermittlerfunktion zu erfüllen und dabei die Grenzen jener spezifischen Fremdheit aufzuzeigen und zu definieren. 11 Sargut Sölcün geht in ihrem Aufsatz über die Literatur der türkischen Minderheit auf einige Komponenten der Migrantenliteratur ein, die seit den achtziger Jahren in einem widersprüchlichen Verhältnis zueinander stehen. Die türkischen Auto- rInnen sahen sich selbst als Künstler und wollten dementsprechend auch von der Gesellschaft als solche angesehen werden. Die multikulturelle Industriegesell- schaft sieht in ihnen jedoch lediglich nur „genuine Kulturvermittler“. 12 Eine der Intentionen der türkischen AutorInnen besteht darin, sich von ihren eigenen Landsleuten, den ehemaligen Gastarbeitern zu emanzipieren, die ihrerseits weder mit den Integrationsvorschlägen der einheimischen Mehrheit einverstanden sind, noch das fremde Land verlassen wo llen. 13 Für die interkulturelle Literatur in Deutschland bedeutet dies nun, dass die Auto- ren mit Migrationshintergrund - ob absichtlich oder nicht - zu Chronisten und Kri- tikern ihrer Zeit geworden sind, was zur Entstehung einer neuen Gattung geführt hat. 14 Was genau zeichnet diese Gattung aus? Welche spezifischen Eigenarten sind auf der Metaebene zu erkennen? Wodurch lässt sich ein Text der interkultu- rellen Literatur zuordnen? Die se Fragen sind in der später folgenden Textanalyse zu klären.
Daneben gilt es die Frage zu diskutieren, was der Begriff der interkulturellen Lite- ratur genau umfasst. Zur Beantwortung dieser Frage sind definitorische Überle- gungen zum Begriff der „Interkulturalität“ notwendig. Der Begriffsbestandteil „- inter“ kann sowohl als ein „Dazwischen“, als auch ein „Miteinander“ der Kulturen gedeutet werden. Der Begriff der „Interkulturalität“ beschreibt also grenzüber-
9 Vgl. Sölcün: Literatur, S. 136.
10 Vgl. Sölcün: Literatur, S. 136.
11 Vgl. Sölcün: Literatur, S. 136 ff.
12 Vgl. Sölcün: Literatur, S. 136 ff.
13 Vgl. Sölcün,: Literatur, S. 136.
14 Vgl. Sölcün: Literatur, S. 136 ff.
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schreitende Beziehungen zwischen den Kulturen. Er verweist auf eine besondere Form von Beziehungen und Interaktionen, die innerhalb einer Kultur stattfinden. Sie besitzen keinen statischen, sondern einen dynamischen Charakter. 15 Es existieren zudem im Bereich der interkulturellen Literatur Aspekte, die darauf hindeuten können, wann ein Text interkulturell angelegt ist. Aglaia Blioumi arbei- tet hierzu vier wichtige Aspekte in seinem Aufsatz, über Sten Nadolnys „Selim oder die Gabe der Rede“ heraus, die in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen sind:
Ø Der erste Gesichtspunkt, den Blioumi skizziert, ist der des dynamischen Kulturbegriffes, der eine „unabdingbare Voraussetzung für ein interkultu- relles Potential darstellt und der alle Bereiche der konstruierten Realität mit einschließt.“ 16 „Ein dynamischer Kulturbegriff akzeptiert den Wandel und den Prozess innerhalb eines kulturellen Gebildes, klammert dagegen essentialistische Zuschreibungen aus.“ 17 Ø Ein weiterer Aspekt in Bezug auf interkulturelle Texte, ist der Begriff der Selbstkritik. Hierunter versteht Blioumi eine Selbstkritik auf der kulturel- len Ebene. Dieser Begriff hinterfragt „Vertrautes“ und „Eigenes“ nicht nur in Bezug auf das Individuum, sondern auch in Bezug auf das gesamte Um- feld. 18 Ø Die Hybridität stellt einen weiteren wichtigen Aspekt in der Skizzierung von Identitäten dar. Dies kann sowohl in einer persönlichen als auch in ei- ner kollektiven Identitätsfindung manifestiert sein. Die Hybridität ist kon- stituierend für die Interkulturalität, da sie die Anerkennung der Multikultu- ralität innerhalb eines Kollektivs fördert. 19 Ø Abschließend nennt Blioumi den Aspekt der doppelten Optik, der die Dar- stellung des „Eigenen“ und des „Fremden“ aus verschieden Perspektiven ausdrückt und somit zu einer Auflockerung der eigenen kulturellen Sicht führen kann. 20
15 Vgl. Blioumi, Aglaia: Interkulturalität und Literatur. Interkulturelle Elemente in Sten Nadolnys Roman „Selim oder die Gabe der Rehe“, in: Blioumi, Aglaia (Hrsg.): Migration und Interkulturalität in neueren literarischen Texten, München 2002, S. 28-41, hier S, 31.
16 Vgl. Blioumi: Interkulturalität, S. 31.
17 Vgl. Blioumi: Interkulturalität, S. 31.
18 Vgl. Blioumi: Interkulturalität, S. 31.
19 Vgl. Blioumi: Interkulturalität, S. 31.
20 Vgl. Blioumi: Interkulturalität, S. 31.
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Diese Aspekte, die Blioumi in seinem Aufsatz ausgearbeitet hat und mit in seine spätere Textanalyse einbezieht, erscheinen nach Auffassung der Verfasserin für den Bereich der interkulturellen Literatur konstituierend, da sie mit zu den wichti- gen Voraussetzungen zählen, die ein Text zu erfüllen hat, so dass man ihn als in- terkulturell einordnen kann.
3. Zum Begriff des Fremden
Ein signifikanter Aspekt, der von großer Bedeutung für den Bereich der interkul- turellen Literatur ist, ist der Begriff des „Fremden“, da sich die Texte interkultu- reller Literatur mehr oder weniger bewusst mit Fremdheitserfahrungen auseina n- dersetzen. Doch was bedeutet der Begriff „fremd“? Wann erscheint jema nden etwas als „fremd“? Eine Begriffsdefinition erscheint hierbei als sehr schwierig, da sie immer nur eine vorläufige Charakterisierung zulässt. Ein benachbarter Be griff ist der der „Andersheit“ (Alterität), von dem den Begriff der „Fremdheit“ (Alieni- tät) abzugrenzen ist. 21 „Fremdheit“ stellt keine zwingende Folge von „Andersheit“ dar, sondern ent steht erst aus deren subjektiven Interpretation des Individuums. Der Ausdruck „fremd“ charakterisiert eine Form des Erlebens, das hermeneuti- sches Verstehen und analytisches Erklären fordert. 22 Auch eine Differenz zwi- schen zwei Kulturen benötigt diese Interpretation. Fremdheit kann im Gegensatz zu Andersheit reduziert oder sogar gänzlich aufgehoben werden, ist also subjekt- abhä ngig. 23 Fremdheit bedeutet also, dass „Fremdes“ und „Eigenes“ in einem Verhältnis von System- und/oder Geschichtsdifferenzen zueinander stehen. 24 Die Voraussetzung für die Alienität eines Phänomens ist also dessen Alterität. Andererseits muss diese Alterität nicht notwendigerweise eine Alienität implizie- ren. Fred Lönker stellt in seinem Aufsatz fest, dass „Fremdheit in Inkompatibilität verschiedener System- und Geschichtsreferenzen gründet und dies impliziert, dass Fremdverstehen die Übernahme solcher Referenzen voraussetzt.“ 25 Fremdheit wird also dann erfahren, wenn ein Phänomen nicht kompatibel zu dem eigenen Wissens- oder Erfahrungshorizont ist und so keine geeignete Interpretation geleis-
21 Vgl. Lönker, Fred: Aspekte des Fremdverstehens in der literarischen Übersetzung, in: Lönker, Fred (Hrsg.): Die literarische Übersetzung als Medium der Fremderfahrung, Be r- lin 1992, S. 41-63, hier S. 43 ff.
22 Vgl. Lönker: Aspekte, S. 41 ff.
23 Vgl. Lönker: Aspekte, S. 43 ff.
24 Vgl. Lönker: Aspekte, S. 44.
25 Vgl. Lönker: Aspekte, S. 46.
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Yvonne Plonka, 2004, Fremdheitserfahrungen in der interkulturellen Literatur in Deutschland, Munich, GRIN Publishing GmbH
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