I N H A LT S V E R Z E I C H N I S
EINLEITUNG 3
DIE TIMOKRATIE 5
ENTSTEHUNG VON UNREINEN KLASSEN 5
ADELS - UND MILITÄRHERRSCHAFT 6
DER EHRBEGIERIGE TIMOKRAT 7
DIE OLIGARCHIE. 8
DIE ZUNEHMENDE MACHT DES GELDES 8
DIE REICHEN, NICHT DIE WEISEN, HERRSCHEN. 9
DER BEGIERLICHE OLIGARCH. 10
DIE DEMOKRATIE. 11
AUFSTAND DES ARMEN VOLKES 11
ANARCHIE UND ZÜGELLOSIGKEIT. 12
DER UNNÖTIG BEGIERLICHE DEMOKRAT. 12
DIE TYRANNIS 14
VON DER TOTALEN FREIHEIT IN DIE TOTALE UNTERDRÜCKUNG. 14
ÜBERMACHT EINES DESPOTEN 15
DER SEINEN NIEDERSTEN TRIEBEN VERSKLAVTE TYRANN 16
PROBLEMATIKEN DES KONSTRUIERTEN VERFALLSSYSTEMS 18
1. GREIFT DIE ENTSPRECHUNG DER SEELENTEILE
UND DER VERFASSUNGSTYPISCHEN MENSCHEN? 18
2. IN WIE WEIT KANN DER EINZELNE BÜRGER
MIT DEM JEWEILIGEN STAAT GLEICHGESETZT WERDEN? 18
3. NUR DIE OBERE SCHICHT WIRD ZUR ERKLÄRUNG DER PROZESSE HERANGEZOGEN -
WAS GESCHIEHT MIT DEN UNTEREN SCHICHTEN? 20
4. KANN PLATONS VERFALLSREIHE GESCHICHTSDETERMINISTISCH
VERSTANDEN WERDEN? 21
ANHANG 24
QUELLE. 24
SEKUND ÄRLITERATUR. 24
2
Zentrales Thema der Politeia ist die Begründung der Gerechtigkeit als höchstes Gut: derjenige, der gerecht ist, hat grundsätzlich einen Vorteil vor dem, der ungerecht ist. Das Wesen der Gerechtigkeit soll anhand eines Vergleichs bestimmt werden: da eine Staatsverfassung ein vergrößertes Modell der menschlichen Seele darstelle, das im Aufbau mit ihr identisch, aber leichter zu untersuchen sei, soll zunächst ein utopischer Idealstaat entworfen werden, um ihn dann auf die Seele zu projizieren.
Noch vor der Konstruktion seines Idealstaates präsentiert Platon bereits in Buch I durch die Darstellung von unterschiedlichen seiner Auffassung nach falschen Gerechtigkeitsauffassungen Gegenentwürfe zu seinem Idealstaat, welche die Hauptfrage der Politeia aufwerfen: Was ist Gerechtigkeit? Während die erste von Kephalos aufgeworfene Definition auf dem Prinzip der Vertragstheorie gründet ("wiedergeben, was man empfangen hat" 1 ), bedeute Gerechtigkeit laut Polemarchos dagegen, "den Freunden nutzen, den Feinden schaden" 2 und laut Thrasymachos "das dem Stärkeren Zuträgliche" 3 . Hier lassen sich schon deutliche Parallelen zum Verfallssystem in Buch VIII erkennen, in dem auf ein System der bloßen Bestandswahrung (Oligarchie) ein System des Verteilungskampfes (Demokratie) folgt, das schließlich in ein System umschlägt, in dem der Stärkste das Recht an sich gezogen hat (Tyrannis). Falsche Vorstellungen vom Wesen der Gerechtigkeit zu Beginn und zum Ende der Politeia rahmen also kontrastierend das Portrait des Idealstaates ein.
Am Ende des vierten Buches kündigt Sokrates die Darstellung der Verfallsformen an, wird aber von Polemarchos und Adeimantos dazu angehalten, noch weitere Details des Idealstaates zu besprechen. Nach einem "Umweg" über die vielleicht wichtigsten drei Bücher gelangt er in Buch VIII schließlich wieder zurück zu den Verfallsformen seiner Aristokratie.
Platon hatte dargelegt, dass Gerechtigkeit der einzig gesunde Zustand der Seele - und damit auch des ihr strukturell entsprechenden Staats - sei. Ziel der Gegenüberstellung seines Idealstaats mit der abfallenden Hierarchie von vier ungerechten Verfassungen und den ihnen entsprechenden Menschentypen soll nun sein, die schlechteste Verfassung und den ihr entsprechenden Menschen zu finden, um sie mit seinem Verfassungsmodell und dem Gerechten zu kontrastieren. So sollen
1 vgl. 331c
2 vgl. 332 d
3 vgl. 338 c
3
die Zweifel an der Gerechtigkeit des Idealstaates endgültig beseitigt werden 4 und auch die Basis für Buch IX geschaffen werden, in dem Platon durch den Vergleich von Tyrann und Philosoph das größere Glück des Gerechten beweisen will.
Seine Schilderung der politischen und psychologischen Phänomenologie der ungerechten Verfassungen gliedert sich wie folgt: Timokratie und der timokratische Mensch (544c-550c), Oligarchie und der oligarchische Mensch (550c-555b), Demokratie und der demokratische Mensch (555b-562a) und Tyrannis und der tyrannische Mensch (562a-576b). Die Tyrannis und der Tyrann erhalten in der Politeia dabei die ausführlichste Schilderung. Schließlich stellen sie als Vertreter der unverfälschten Ungerechtigkeit das Ziel der Ausführungen Platons dar.
In dieser Arbeit werde ich zunächst den stufenweisen Verfall mit seinen zugehörigen typischen Charakteren portraitieren, um dann kritisch einige problematische Aspekte des platonischen Konstruktes zu besprechen.
4 545a/b: "...wenn wir den ungerechtesten herausgefunden, wir ihn dem Gerechtesten gegenüberstellen und so die
Untersuchung sich uns vollende, wie sich die reine Gerechtigkeit zu der reinen Ungerechtigkeit verhält in Hinsicht auf
Glückseligkeit oder Elend dessen, der sie hat, damit wir entweder dem Thrasymachos folgend der Ungerechtigkeit
nachtrachten oder der jetzt schon in Beleuchtung stehenden Rede gemäß der Gerechtigkeit."
4
Ausgangspunkt für die Begründung der Verfallsreihe ist, dass der ethisch-politische Verfall einer Verfassung grundsätzlich vom herrschenden Teil ausgeht. Durch eine andere Ursache könne kein Ungleichgewicht entstehen. 5 Platon umgeht eine direkte Antwort auf die Frage, wie denn ein solches Ungleichgewicht in der herrschenden Klasse eines Idealstaates überhaupt entstehen könne und lässt Sokrates in der Rolle eines Dichters die Musen anrufen, um die Verfallsreihe ohne eine wirklich rationale Begründung in Gang setzen zu können.
Obwohl ein derart konzipierter Staat nicht leicht aus dem Gleichgewicht gerate, sei doch alles Existierende dem Kreislauf des Lebens ausgesetzt und letztlich dem Untergang geweiht. So komme es eines Tages dazu, dass die Herrschenden bei der Koordinierung von Zeugungen einen Fehler machen. Die von Platon umständlich beschriebene "Paarungszahl" 6 , die zur geplanten Paarung innerhalb der Wächterklasse notwendig ist, ist unbekannt beziehungsweise vergessen worden. So werden Zusammenkünfte zur falschen Zeit organisiert, woraus Kinder entstehen, die nicht mehr dem Niveau ihrer Eltern entsprechen und in der wächtertypischen Erziehung nicht mithalten können, oder sie aus fehlendem Interesse - denn es entspricht nicht mehr ihrer Naturvernachlässigen: "Die Timokratie verdankt sich einem zeugungsmathematischen Rechenfehler" 7 . Durch die Vermischung der von Platon schon vorher für die Rechtfertigung seiner Ständeunterschiede gebrauchten drei Metalle 8 mit denen ihnen eigentümlichen natürlichen Fähigkeiten kommt es zu einem Ungleichgewicht zwischen politischer Funktion im Staat und der eigentlichen Befähigung - die Zuordnung der Stände funktioniert nicht mehr einwandfrei und die Gerechtigkeit ist nicht mehr gewahrt, die ja darin bestand, dass jeder das Seinige tut. Die Mitglieder der nun unreinen Klassen sind nicht mehr nur durch die Erfüllung der ihnen entsprechenden Aufgaben befriedigt; so entstehen Machtkämpfe zwischen den Klassen. Der besitzlose Wächterstand entwickelt Eigeninteressen und missbraucht seine militärische Macht, um das Eigentum der Erwerbsklasse an sich zu reissen und diese zu seinen Leibeigenen zu machen - ein Zweiklassenstaat entsteht, den Platon zwischen Aristokratie und Oligarchie
5 545d: "Oder ist es so einfach, daß jede Änderung der Verfassung von dem herrschenden Teile selbst ausgeht, wenn nämlich in diesem Zwietracht entstanden ist; bleibt dieser aber einig, wie klein er auch sei, so kann unmöglich eine Bewegung entstehen? - So ist es freilich."
6 vgl. 546 b ff
7 Kersting, Seite 269
8 415 a ff.
5
einordnet und Timokratie nennt. An dieser Stelle endet die Erklärung der Musen und Sokrates übernimmt die weitere Beschreibung der Verfallsreihe.
ADELS- UND MILITÄRHERRSCHAFT
Die so entstandene Verfassung der Timokratie 9 ähnelt noch in einigen Punkten der Aristokratie 10 , zeichnet sich aber vor allem durch die Hochschätzung von Ruhm und Ehre, kriegerischen Fähigkeiten und der Anhäufung von Besitz aus 11 .
Der Timokratie eigen ist die Herrschaft von "Vermischten" - denn wahre Philosophen sind durch die zunehmende Geringschätzung der musischen Bildung nicht mehr vorhanden - und die Hinneigung zu "Zornartigen und Einfacheren, welche mehr für den Krieg geeignet sind als für den Frieden" 12 , was zu einer allgemein aggressiveren Haltung und dem verstärkten Führen von Kriegen führt. Hier ändern sich zwar die Verhältnisse, die Macht bleibt jedoch noch bei der herrschenden Aristokratie: es besteht eine Adels- und Militärherrschaft, in der militärische Handlungen nicht mehr durch die vorher leitende Gerechtigkeitspolitik bestimmt werden, sondern durch eine Politik, die vor allem das Ansehen fördern soll.
In ihrer Geldgier ähnelt die Timokratie bereits der Oligarchie. Geld wird im Verborgenen angehäuft und beschützt - ein Besitz- und Verteidigungsgedanke entsteht, der auch Frauen miteinschließt. 13 Man sammelt habgierig Geld an und enthebt es seiner eigentlichen Funktion als Tauschwert, indem man dessen Besitz als Selbstzweck betreibt. Der Timokrat ist geizig und dazu noch versucht, sich fremdes Geld anzueignen. Wird er bei der Befriedigung seiner heimlichen Geldgier kriminell, flieht er aus fehlender Harmonie mit dem Staat vor dem Gesetz. Denn in der Timokratie ist durch die Vermischung der Stände und die falsche erzieherische Prägung das aristokratische Gleichgewicht und die Befriedigung der Klassen nicht mehr gegeben. Man fühlt sich nicht als Teil des Ganzen, sondern als Individuum, das sich durch "Wetteifer und Ehrsucht" 14 behaupten und verteidigen muss. Platon geht nicht weiter auf das Wesen der Timokratie ein, denn schon eine Skizzierung reiche auf dem Weg zum Vergleich des Gerechten mit dem Ungerechten.
9 Timokratie: Herrschaft der Ehre (aus dem Altgriechischen)
10 Unverändert bleibt die Ehrerbietung gegenüber den Herrschenden, die Enthaltung der Wächter von jeglicher Erwerbstätigkeit, die "Einrichtung gemeinsamer Speisungen" und die Ausübung von "Leibesübungen und kriegerischen Spielen". (vgl. 547 d/e)
11 vgl. 544 c: Als historisches Beispiel der Timokratie diente Platon das Militärregime seiner Zeit in Sparta und Kreta
12 547 e/548 a
13 vgl. 548 b
14 548 c/d
6
Arbeit zitieren:
Anna Klissouras, 2003, Die Ungerechten Verfassungen in Platons Politeia, München, GRIN Verlag GmbH
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