Marx), bzw. Besitz- und Erwerbsklasse (Max Weber) beschrieben worden. Insbesondere die Verbesserung der materiellen Lage der Arbeiter in der BRD und die Vermehrung ihrer Chancen, einen sozialen Aufstieg zu erleben, - oftmals als "Entproletarisierung" 2 charakterisiert -, wurde von vielen Sozialwissenschaftlern und Sozialhistorikern als
Kontinuitätsbruch (zum Deutschen Reich) angesehen und ließ die Ansicht einer Überwindung der Klassenspaltung aufkommen.
Um zu untersuchen, welche Auswirkungen dieser Bruch auf den Wandel der Sozialstruktur Westdeutschlands hatte, ist es unerlässlich, sich mit Helmut Schelskys nicht unumstrittener These von der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" zu beschäftigen. Ziel dieser Hausarbeit ist es, einige Verbesserungen der Lage der Arbeiter in den 1950er und Anfang der 1960er Jahre nachzuvollziehen und zu untersuchen, ob sie im Sinne Schelskys zu einer Angleichung der materiellen Lage und des Lebensstils der Arbeiter an den Mittelstand, zu einem Abbau der Klassengegensätze und somit zur Integration der Arbeiter in eine "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" geführt haben. Daneben soll geklärt werden, ob es auch Kontinuitäten in der sozialen Situation der Arbeiter gegeben hat, bzw. ob sich neue soziale Ungleichheiten herausgebildet haben, die einen Nivellierungstrend in Richtung Mittelstandsgesellschaft eventuell abgeschwächt haben könnten.
Unter dieser Fragestellung sollen einige Aspekte (- die gebotene Kürze läßt einen Anspruch auf Vollständigkeit nicht zu -) in den Bereichen Ausbildung und berufliche Qualifikation, Einkommensentwicklung und Lebenshaltung, soziale Mobilität, sowie politische Orientierung und "Arbeiterbewusstsein" auf Kontinuitäten und Diskontinuitäten untersucht und eine Verbindung zu Schelskys These geknüpft werden. Das Hauptaugenmerk liegt darauf, ob das empirische Material Schelskys These stützt, oder ob Modifizierungen nötig sind. Grundlegende Literatur dafür war insbesondere Josef Moosers "Arbeiterleben in Deutsch-land" 1900-1970 (1984).
Für die vorangehende Darlegung von Schelskys These wurde dessen Aufsatzsammlung "Auf der Suche nach Wirklichkeit" (1965), sowie seine Studien über die Arbeiterjugend (1955) und die deutsche Familie (4.Aufl. 1960) zugrunde gelegt.
Die Ergebnisse werden in Form einer Abschlussbemerkung noch einmal kurz zusammenge- fasst.
II. Schelskys Modell der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft"
Viele Sozialwissenschaftler hielten es in den 1950er Jahren nicht mehr für möglich, die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland als Klassengesellschaft zu bezeichnen. Bereits 1949 diagnostizierte Theodor Geiger Prozesse von Auflösung und Durchkreuzung der Klassenstrukturen nach dem Ersten Weltkrieg und beschrieb die deutsche Gesellschaft dieser Zeit als "Klassengesellschaft im Schmelztiegel". 3
Der Soziologe Helmut Schelsky führte diesen Gedankengang in Bezug auf die westdeutsche Gesellschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fort und formulierte 1953 seine These von der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft". Für Schelsky war die Entwicklung der bundesrepublikanischen Gesellschaft nur aus den gesellschaftlichen Strukturbrüchen seit dem Ende des Ersten Weltkriegs zu erklären. Zwei Weltkriege, die Inflation von 1923, die Weltwirtschaftskrise von 1929, die nationalsozialistische Herrschaft und nicht zuletzt die Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten haben nach Schelsky die allgemeine soziale Mobilität erhöht und gesellschaftliche Auf- und Abstiegsprozesse beschleunigt, was zu einem breiten Abbau der Klassengegensätze geführt habe.
Als Ergebnis dieser Entwicklungen sah Schelsky das Entstehen einer "nivellierten Mittel-standsgesellschaft", die sich durch eine Angleichung der materiellen Lebensbedingungen und einen sich vereinheitlichenden mittelständisch- kleinbürgerlichen Lebensstil auszeichne. Selbst formulierte er seine zentrale These so:
"Das Zusammenwirken dieser sich begegnenden Richtungen der sozialen Mobilität führtneben einer außerordentlichen Steigerung der sozialen Mobilität an sich - zur Herausbildung einer nivellierten kleinbürgerlich- mittelständischen Gesellschaft, die ebensowenig proletarisch wie bürgerlich ist, d.h. durch den Verlust der Klassenspannung und sozialen Hierarchie gekennzeichnet wird." 4
Betroffen von den sozialen Abstiegsprozessen, die Schelsky beschrieb, waren vor allem große Teile des alten Besitz- und Bildungsbürgertums. Insbesondere die von Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg betroffenen mittelständischen Personengruppen konnten ihren sozialen Status nicht halten. Im Gegensatz dazu erkannte Schelsky einen kollektiven Aufstieg der Industriearbeiterschaft, die von dem rasanten Wirtschaftsauf- schwung der 1950er Jahre, den damit verbundenen Modernisierungen in der Industrie- produktion und von der Ausdehnung des sozialen Sicherungssystems der Bundesrepublik, profitierte. 5 Mit der Angleichung der materiellen Lebensbedingungen ging nach Schelsky auch eine An-
gleichung des Lebensstils der Menschen, eine Vereinheitlichung der sozialen und kulturellen Verhaltensformen, einher. Zwar blieb für die meisten Menschen das Schema der alten Sozial-ordnung weiterhin als Grundlage für die Bestimmung ihres eigenen Standortes in der Gesellschaft und für ihren Wunsch nach sozialem Aufstieg, bzw. ihrer Angst vor sozialem Abstieg bestehen, die soziale Realität wurde diesem Schema aber nicht mehr gerecht. In seinen Studien über Familie und Jugend stellte Schelsky fest, daß sich nach dem Zweiten Weltkrieg explizit getrennte proletarische und bürgerliche Milieus, wie sie noch in der Weimarer Republik vorhanden waren, nicht wieder herausgebildet haben. Statt aus sozialen Gegensätzen und Herkunftsunterschieden beziehe die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" nach Schelsky ihre Identität aus einer fast einheitlichen Teilhabe am Konsum. 6 Aus den von ihm aufgezeigten Nivellierungsprozessen leitete Schelsky aber nicht ab, dass es keine sozialen Spannungen oder Konflikte mehr geben werde. Die der "nivellierten Mittel-standsgesellschaft" eigentümlichen Spannungen seien jedoch nicht mehr Klassenkonflikte, sondern vielmehr "(...) die Spannungen und der Gegensatz des Einzelnen oder des unmittelbaren `Wir´ gegenüber dem anonymen System jeder Art von Bürokratie, von der man abhängt (...)" 7 , was sich z.B. darin äußere, dass das "Feindbild" der Arbeiter nicht mehr "die
Kapitalisten" seien, sondern mehr und mehr die anonymen Kräfte aller Arten bürokratischer Organisation und ihrer Funktionäre (ausgedrückt in: "das System" oder "Die-da-oben" 8 ).
III. Die Arbeiter in der BRD der 1950er Jahre
Befanden sich die westdeutschen Arbeiter in den 1950er, Anfang der 1960er Jahre tatsächlich auf dem Weg in die von Schelsky beschriebene "nivellierte Mittelstandsge- sellschaft"? Im Folgenden soll an Hand der Punkte Ausbildung und berufliche Qualifikation, Einkommensentwicklung und Lebenshaltung, soziale Mobilität, sowie politische Orientierung und "Arbeiterbewusstsein" nach Hinweisen gesucht werden, die Schelskys Nivellierungsthese in Bezug auf die Arbeiter stützen, oder auf Entwicklungen hindeuten, die mit seiner These nur unzureichend erklärt werden können.
Der Untersuchung vorangestellt ist ein kurzer Abschnitt über die sektorale Entwicklung der Beschäftigung, um die `quantitative´ Entwicklung der Arbeiterschaft in der Bundesrepublik nachvollziehen zu können.
a) Sektorale Entwicklung der Beschäftigung
Der wirtschaftliche Aufschwung der BRD in den 1950er Jahren wurde vor allem von einer beschleunigten Industrialisierung getragen. So wuchs in diesem Zeitraum der Beschäfti-
gungsanteil des sekundären Sektors um 5,1% und damit stärker als im Rahmen der Industrialisierung im 19.Jahrhundert (1882-1895: 3,7%, 1895-1907: 2,7%). Dies hatte eine starke Zunahme der Industriearbeiterschaft (d.h. eine Konzentration der Arbeiter auf das produzierende Gewerbe) zur Folge, aber auch eine sehr starke Zunahme der Angestellten im produzierenden Gewerbe (25% aller Angestellten in der Industrie tätig). 9 Die wachsende Zahl der Industriearbeiter rekrutierte sich vor allem aus den Reihen der in der Landwirtschaft Beschäftigten, deren Anteil an der Gesamtheit der Erwerbspersonen in den 1950er Jahren kontinuierlich rückläufig war (1950: 22,1%, 1961: 13,4% 10 ) und aus dem Bereich der mithelfenden Familienangehörigen.
Immer stärker an Bedeutung gewann auch der tertiäre Sektor, der sich in den 1950er Jahren analog zum produzierenden Gewerbe entwickelte. Ab den 1960er Jahren zeichnete sich jedoch mit dem Stagnieren der Beschäftigtenzahlen in der Industrie und dem weiter starken Anwachsen der Beschäftigten mit nicht-manuellen Tätigkeiten im tertiären Sektor eine Entwicklung zu einer Dienstleistungsgesellschaft ab: In den 1970er Jahren übertraf die Zahl der Beschäftigten im tertiären Sektor erstmals die Zahl der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe und der Anteil der Angestellten und Beamten an den Erwerbspersonen (1977 zusammen 43,9%) den der Arbeiter (1977: 42,8%). 11
b) Ausbildung und berufliche Qualifikation
Es ist festzustellen, dass Umfang und Qualität der beruflichen Ausbildung seit dem Kaiserreich ständig zugenommen hat. Diese kontinuierliche Entwicklung ist zum großen Teil auf die Tendenz zur Professionalisierung der Arbeiterberufe zurückzuführen, durch die ehemals un- und angelernte Tätigkeiten zu Facharbeiterberufen aufgewertet wurden. Verbunden damit war eine breitere Anlegung der in Lehre und Ausbildung vermittelten Qualifikationen, die es einer zunehmenden Zahl von Arbeitern ermöglichten, in Facharbeiterberufen Beschäftigung zu finden.
Untermauert wurde diese Entwicklung durch das langfristige Absinken des Anteils der ungelernten Arbeiter an der Gesamtheit der Arbeiter in Industrie und Handwerk von 34% (1925) auf 20-25% zwischen 1950 und 1970, während sich gleichzeitig der Anteil der Fach- und Spezialarbeiter an den Erwerbspersonen erhöhte: 1961 waren 35% aller Erwerbspersonen als Fach- oder Spezialarbeiter beschäftigt. 12
Es ist also festzustellen, dass die soziale Homogenität der männlichen Facharbeiter in Bezug auf ihren Ausbildungsgrad zugenommen hat. Die Zusammensetzung der Gruppe der un- und angelernten Arbeiter ist dagegen wesentlich heterogener geworden. Sie rekrutierte sich mehr
Arbeit zitieren:
Thomas Gräfe, 1998, Die westdeutschen Arbeiter auf dem Weg in die ´nivellierte Mittelstandsgesellschaft´?, München, GRIN Verlag GmbH
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