Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Definitionen 3
2.1. Historischer Überblick zum Antisemitismus 5
3. Antisemitismus - eine Massenpsychose? 8
4. Fazit 13
5. Literaturverzeichnis 14
1
1. Einle itung
„Existierte der Jude nicht,
der Antisemit würde ihn erfinden.“
1 Jean-Paul Sartre
Mit diesem Zitat drängt sich mir die Fragestellung auf, was eigentlich den/ die Antisemiten/ in zu eben dem/ der macht und warum er/ sie gerade innerhalb der Masse dazu neigt seinen/ ihren Hass auf die Juden dieser Welt auszuleben. Bisher wurde mir in der Schule „nur“ der historische Aspekt des Antisemitismus vermittelt. Aber die psychologischen und sozialen Motive, die den/ die Antisemiten/ in dazu veranlassen, das Feindbild „Jude“ aufrecht zu erhalten, blieben mir noch verborgen. Deshalb möchte ich mit dieser Seminararbeit den Antisemitismus aus psychologischer Sicht betrachten.
Dazu habe ich den Aufsatz „Antisemitismus und Massen-Psychopathologie“ von Ernst Simmel (1882-1947), dt. Psychoanalytiker, analysiert. Zunächst bedarf es im zweiten Kapitel zweierlei Begriffsklärungen, einerseits des Begriffs „Psychose“ und andererseits des Begriffes „Masse“. Ein historischer Überblick soll an das Thema Antisemitismus heranführen und die Unterschiede des Begriffsverständnisses „Antisemitismus“ aufzeigen.
Im darauffolgenden dritten Kapitel liegt der Schwerpunkt auf den psychologischen Faktoren des Antisemitismus. Ich möchte hier Simmels drei wesentlichen Thesen seines Aufsatzes darstellen und den Antisemitismus als Massenphänomen bzw. Massenpsychose charakterisieren.
Im vierten Kapitel steht abschließend mein persönliches Fazit zu dieser Arbeit im Vordergrund.
1 Sartre http://www.inidia.de/antisemitismus.htm [16.03.04]
2
2. Definitionen
Psychose
Allgemein definiert sich eine Psychose als eine Geistes- oder Nervenkrankheit. 2 Mit Verlauf des 19. Jahrhunderts tauchte der Begriff „Psychose“ immer häufiger in der deutsprachigen psychiatrischen Literatur auf, welcher seelische Erkrankungen im allgemeinen bezeichnete. 3
Die Psychosen wurden nach Symptomatik und Ausmaß von den Neurosen unterschieden. 4 Die Neurosen sind als funktionelle Nervenkrankheiten zu betrachten, bei denen der/ die Betroffene den Arzt konsultiert. Während die Psychose durch psychische Symptome charakterisiert ist, für die der Nervenarzt zuständig ist. 5 Innerhalb der Psychoanalyse hat man den Interessenschwerpunkt auf die unterschiedlichen Affekte dieser Störungen gelegt und diese spezieller determiniert: Perversionen, Neurosen und Psychosen.
Die Psychose untergliedert sich wiederum in Paranoia und Schizophrenie, sowie Melancholie und Manie. Ursachen für die Psychosen liegen dabei in „einer primären Störung der libidinösen Beziehung zur Realität“. 6 Auf die Psychose komme ich im dritten Kapitel zurück und erspare mir hier nun weitere Ausführungen.
Masse
Im weitesten Sinne ist eine Masse durch eine große und unüberschaubare Anzahl versammelter Menschen, der Anonymität dieser Menschen und deren gemeinsamer Aktivitäten definiert.
Im Sinne der Massenpsychologie (Le Bon, Freud u. a.) ist eine Masse durch Verhaltensveränderungen eines Einzelnen innerhalb dieser Masse charakterisiert. Die Arten und Ausrichtungen der Massen sind sehr unterschiedlich. Es gibt homo- und heterogene Massen, kurzlebige und dauerhafte,primitive und gut organisierte
2 vgl. Dudenredaktion 2001, S. 343
3 vgl. Laplanche/ Pontalis 2002, S. 414
4 vgl. Zimbardo 1999, S. 606
5 vgl. Laplanche/ Pontalis 2002, S. 414
6 vgl. Laplanche/ Pontalis 2002, S. 413
3
Massen, sowie natürliche und künstliche Massen. 7 Zu den bekanntesten künstlichen Massen zählen Kirche und Heer, zu deren Zusammenhalt bedarf es eines äußeren Zwanges. Sigmund Freud (1856-1939), österreichischer Psychiater und Begründer der Psychoanalyse, definiert diese folgendermaßen:
„Eine psychologische Masse ist eine Vereinigung von Einzelnen, die die nämliche Person in ihr Über-Ich eingeführt und sich auf Grund dieser Gemeinsamkeit in ihrem Ich miteinander identifiziert
8 haben.“
Gustave Le Bon (1841-1931), franz. Sozialpsychologe, charakterisiert die Masse in seinem 1895 erschienen Pionierwerk der Massenpsychologie, „Psychologie der Massen“, mit den Worten:
„An einer psychologischen Masse ist das Sonderbarste dies: welcher Art auch die sie zusammensetzenden Individuen sein mögen, wie ähnlich oder unähnlich ihre Lebensweise, Beschäftigung, ihr Charakter oder ihre Intelligenz ist, durch den bloßen Umstand ihrer Umformung zur Masse besit-
zen sie eine Kollektivseele, vermöge deren sie in ganz anderer Weise fühlen, denken und handeln,
9 als jeder von ihnen für sich fühlen, denken und handeln würde. (...)“
Das heißt, die psychologische Masse besitzt Eigenschaften, die den Eigenscha ften des Einzelnen nicht gleichkommen müssen. Das einzelne Individuum kehrt innerhalb der Masse auf eine primäre Entwicklungsstufe zurück, es ist unfähig logisch zu denken und verantwortungsvoll zu handeln. Die bewußte Persönlichkeit schwindet, an ihrer Stelle tritt das unbewußte Wesen, dadurch wird das Individuum von vorherrschenden Trieben und Gefühlen geleitet. Die Gedanken und Emotionen des einzelnen Individuums in der Masse werden durch Übertragung und Suggestion in die selbe Richtung geleitet und das Individuum neigt zur Verwirklichung der eingeflößten Ideen. 10 Le Bon beschrieb diesen Vorgang mit fo lgendem Satz:
11 „(...) Das Individuum ist nicht mehr es selbst, es ist ein willenloser Automat geworden.“
7 vgl. Freud 1921: Massenpsychologie und Ich-Analyse, GW XIII, S. 101
8 Freud 1932: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, GW XV, S. 74
9 zit. nach Le Bon 1912, S. 13
10 vgl. Le Bon 1912, S. 17
11 zit. nach Le Bon 1912, S. 17
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Arbeit zitieren:
Antje Ruthert, 2004, Antisemitismus und Massenpsychose, München, GRIN Verlag GmbH
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