-1- 1. Einleitung
Das Thema dieser Hausarbeit sind die Beziehungen zwischen Rom und Germanien in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n.Chr., d.h. unter der Regierung der Principes Tiberius, Caligula, Claudius und Nero. Eine sinnvolle genauere zeitliche Begrenzung sind auf der einen Seite die Abberufung des Germanicus durch Tiberius und die Beendigung der erfolglosen Feldzüge im rechtsrheinischen Germanien im Jahre 16 n.Chr., auf der anderen Seite die Aufstände des Galliers J. Vindex und der germanischen Bataver in den Jahren 68 bis 70. Da diese Kette von Aufständen jedoch ein zu komplexes Thema ist und sie auch im Gegensatz zu der Mehrzahl der vorhergehenden Aufstände eher den Charakter eines bellum internum, also eines Bürgerkrieges in Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um das Principat, als den eines externen Krieges mit fremden Völkerschaften trägt, soll dieser Zeitraum hier ausgeklammert bleiben. Die behandelte Epoche endet daher mit dem Principat Neros und, bezogen auf Germanien, mit der Vertreibung der Ampsivarier aus dem rechtsrheinischen Militärland im Jahre 58 n.Chr. Als Quelle für diese Zeit dienen vor allem die "Annalen" des Tacitus (mit einer Lücke für die Jahre 38 bis 46) und einige Stellen in Suetons "Leben der Caesaren" und Cassius Dios "Römischer Geschichte". Ein grundsätzliches Problem ist dabei, daß auch Tacitus nur über Aufstände und ähnliche Vorkommnisse berichtet, nicht über die allgemeinen Beziehungen zwischen Rom und Germanien in dieser Zeit, z.B. was Handel etc. betrifft. Diese literarischen Quellen werden in ihrer Aussage ergänzt durch verschiedene Münzen aus der Zeit von Caligula und Claudius und durch archäologische Erkenntnisse über Bau und Nutzung von Kastellen und Legionslagern an der römisch-germanischen Grenze.
Aufgrund des beschränkten Quellenmaterials sind die Ziele dieser Hausarbeit vor allem die Darstellung der Aufstände und der militärischen Aktionen Roms in Gallien und Germanien (meist in Anlehnung an Tacitus) und daneben der Versuch, eine Grundstruktur der römisch-germanischen Beziehungen im 1. Jahrhundert n.Chr. zu finden. Interessant ist daher beispielsweise die Frage, ob die römische Germanienpolitik als offensiv bzw. imperialistisch oder als defensiv zu betrachten ist. Eine kritische Hinterfragung der taciteischen Darstellung muß dabei wegen der fehlenden Parallelüberlieferung weitgehend wegfallen.
-2- 2. Ausgangssituation
Nach der Varusniederlage (9 n.Chr.), bei der drei römische Legionen durch die Cherusker unter Arminius vernichtet wur- den, unternahmen Tiberius und Germanicus in den Jahren 10 bis 15 n.Chr. erneute Vorstöße in das rechtsrheinische Germanien, wobei Germanicus zwar bis an die Weser vorstieß, aber keine Unterwerfung der Germanen erreichen konnte. Im Jahre 16 n.Chr. wurde Germanicus dann durch Tiberius, der inzwischen Princeps geworden war, aus Germanien abberufen. Diese Abberufung bedeutete gleichzeitig das endgültige Ende der Versuche, Germanien bis zur Elbe zu erobern.
Tacitus lehnt die von Tiberius für die Abberufung gegebenen Gründe als "Ausflüchte" ab und meint, daß "Germanicus quamquam fingi ea seque per invidiam parto iam decori abstrahi intellegerat" (Tac. ann. 2,26,5). Wahrscheinlicher ist jedoch, daß Tiberius aufgrund der Erfolglosigkeit der Offensiven einsah, "daß es militärische Macht und finanzielle Möglichkeiten des Imperiums offenbar überstieg, das Gebiet zwischen Rhein und Elbe zu erobern und zu behaupten". 1 Dazu kam noch, daß sich auch eine wirtschaftliche Ausnutzung Germaniens nicht rentieren würde, so daß der hohe Aufwand auch dadurch nicht gerechtfertigt werden konnte. 2 Stattdessen hielt sich Tiberius an das "consilium coercendi intra terminos imperii", einen Rat, den Augustus in seinem Testament gegeben hatte (Tac. ann. 1,11,4; vgl. Dio 56,33,5 (Xiphilinos 120,7-121,33)). Anstelle der Eroberungsversuche hielt er diplomatische Einflußnahme auf die rechtsrheinischen Germanenstämme und das Vertrauen auf die innere Uneinigkeit der Germanen für effektiver, denn "se novies a divo Augusto in Germaniam missum plura consilio quam vi perfecisse. (...) posse et Cheruscos ceterasque rebellium gentes, quoniam Romanae ultioni consultum esset, internis discordiis relinqui" (Tac. ann. 2,26,3).
1 Bruno Krüger (Hrsg.): Die Germanen. Geschichte und Kultur der germanischen
Stämme in Mitteleuropa. Bd. 1: Von den Anfängen bis zum 2. Jahrhundert unserer Zeitrech-
nung. 3. Aufl. Ostberlin 1979, S. 277.
2 Vgl. F. Petri, G. Dröge (Hrsg.): Rheinische Geschichte Bd. I/1: Harald v. Petrikovits,
Altertum. Düsseldorf 1976, S. 63f.
-3-Nach dem Abbruch der Offensive verlief die Grenze zwischen dem römischen und dem "freien" Germanien also dort, wo sie seit Caesar war, nämlich weitgehend am Rhein. Die Römer waren jetzt allerdings in einer sehr viel günstigeren Ausgangsposition, weil seit der Varusniederlage acht Legionen - rund ein Drittel des gesamten römischen Heeres - direkt am Rhein stationiert waren und damit sowohl bei Aufständen im römisch beherrschten Gallien als auch bei Aus-einandersetzungen mit rechtsrheinischen Germanenstämmen leicht eingreifen konnten. Die Rheingrenze selbst war inzwischen durch eine Kette von Militärlagern gut befestigt, wobei ein Teil dieser Lager schon bei den Germanienoffensiven zwi- schen 12 v. und 16 n.Chr. als Stütz-punkt gedient hatte, ein Teil aber auch im Zusammenhang mit der neuen defensiven Germa-nienpolitik ausgebaut bzw. neu angelegt wurde.
Die wichtigsten dieser Stützpunkte, die meist an strategisch wichtigen Stellen gegenüber Flußmündungen etc. lagen, waren von der Rheinmündung flußaufwärts gesehen: das Legionslager Noviomagus (Nijmwegen) südlich des römisch beherrschten Batavergebietes; das Legionslager Vetera (Xanten) gegenüber der Lippemündung; das Legionslager Novaesium (Neuß), das zwischen 30 und 40 n.Chr. eine der Legionen aus Köln aufnahm; das Legionslager Köln, das bis 30/40 n.Chr. bestand, während die Stadt 50 n.Chr. zur Veteranenkolonie Colonia Claudia Ara Agrippinensium wurde; das Legionslager Bonna (Bonn), das die zweite der Kölner Legionen aufnahm; das Auxiliarkastell Confluentes (Koblenz) an der Moselmündung, das entweder während der Offensiven nach der Varusniederlage oder unter dem Principat des Tiberius errichtet wurde; das Legionslager Mogontiacum (Mainz), in dessen Nähe seit 10 v.Chr. eine Schiffsbrücke über den Rhein führte; ein Brückenkopf gegenüber von Mainz, der die wichtige Mainebene und die Wetterau beherrschte und der gesichert wurde durch ein Kastell direkt an der Brücke (in Kastel) und das Kastell Aquae Mattiacorum (Wiesbaden); das Kastell Hofheim (15 km östlich von Wiesbaden), das vermutlich im Zusammenhang mit Caligulas Germanienfeldzug errichtet wurde; das Legionslager Argentoratum (Straßburg); das Legionslager Vindonissa (Windisch, Schweiz). 3
3 Vgl. Joachim v. Elbe: Die Römer in Deutschland. Ausgrabungen, Fundstätten, Museen.
Berlin/Stuttgart 1977.
-4-Jenseits dieser Befestigungslinie kontrollierte das römische Heer aber auch einen rechtsrhei-nischen Uferstreifen, in dem z.B. die Ansiedlung germanischer Stämme verboten war. Außer-dem standen einige Germanenstämme in unterschiedlicher Weise unter römischer Herrschaft, so u.a. die Bataver (nördlich der Rheinmündung) und Mattiaker (um Wiesbaden), die Hilfstruppen stellen mußten (vgl. Tac. germ. 29), und die Friesen (an der holländischen Nordseeküste), die Tribut zahlten. Der Machtbereich des römischen Imperiums erstreckte sich also nicht nur auf linksrheinisches Gebiet, sondern durch die Abhängigkeit einiger Stämme und vor allem durch die militärischen Eingreifmöglichkeiten auch auf das rechtsrheinische Germanien.
3. Innergermanische Auseinandersetzungen
Schon kurze Zeit nach der Aufgabe der offensiven Germanienpolitik zeigte sich, daß Tiberius erfolgreich war mit seiner Strategie, die Germanen durch ihre eigene Uneinigkeit außer Gefecht zu setzen. Im Jahre 17 n.Chr. brach ein Krieg zwischen den Cheruskern unter Arminius und den Markomannen unter Marbod, d.h. zwischen den beiden mächtigsten germanischen Stämmen dieser Zeit, aus: "nam discessu Romanorum ac vacui externo metu, gentis adsuetudine et tum aemulatione gloriae, arma in se verterant" (Tac. ann. 2,44,2). Eine Schlacht zwischen den Gegnern endete unentschieden, jedoch zog sich Marbod danach in sein angestammtes Land (das heutige Böhmen) zurück, was dem Eingeständnis einer Niederlage gleichkam. Marbod "misit (...) legatos ad Tiberium oraturos auxilia. responsum est non iure eum adversus Cheruscos arma Romana invocare, qui pugantis in eundem hostem Romanos nulla ope iuvisset" (Tac. ann. 2,46,5). Der römische Princeps setzte seine Politik, die Germanen durch Kämpfe untereinander und ohne direktes römisches Eingreifen zu entmachten, also auch hier konsequent fort.
Zwei Jahre später verdrängte der früher selbst von Marbod vertriebene Adlige Catualda den Markomannenkönig auch aus dessen Stammland, eroberte die Hauptstadt und machte sich selbst zum König. Marbod wandte sich daraufhin wieder hilfesuchend an Tiberius und erhielt von diesem ein Exil in Ravenna zugewiesen, jedoch keine weitergehende Unterstützung z.B. zur Rück- eroberung seines Landes. Auch Catualda konnte sich nicht lange an seiner neuen Position
-5-halten, er wurde von den Hermunduren besiegt und ging ins Exil nach Forum Julium, das heu-tige Fréjus (Tac. ann. 2,62f.).
Die alten Gegner der Markomannen, die Cherusker unter Arminius, verloren in der Folgezeit ebenfalls an Bedeutung. Zunächst wurde im Jahre 21 Arminius von seinen Verwandten er-mordet: "ceterum Arminius abscedentibus Romanis et pulso Maroboduo regnum adfectans libertatem popularium adversam habuit, petitusque armis cum varia fortuna certaret, dolo pro-pinquorum cecidit" (Tac. ann. 2,88,2).
In den folgenden Jahrzehnten erwies sich wieder der unter Tiberius eingeschlagene Kurs, die Germanen ihren eigenen Auseinandersetzungen zu überlassen und auf diese Weise zu entmachten, als richtig, denn nach Arminius' Tod brachen bei den Cheruskern Auseinandersetzungen aus, die den Stamm offensichtlich in einen desolaten Zustand versetzten: "eodem anno (i.e. 47) Cheruscorum gens regem Roma petivit, amissis per interna bella nobilibus" (Tac. ann. 11,16,1). Der Princeps Claudius schickte daraufhin den in Rom aufgewachsenen und romfreundlich eingestellten Neffen des Arminius, Italicus, mit Geld und einer Leibwache nach Germanien. Dort hatte er allerdings bald um die Bewahrung seiner Macht zu kämpfen, blieb zunächst Sieger, wurde vertrieben, kehrte aber mit langobardischer Hilfe zurück und "per laeta per adversa res Cheruscas afflictabat" (Tac. ann. 11,17,3).
Aus dieser Schilderung des Tacitus ergibt sich nicht, wie groß die Macht Roms im rechtsrheinischen Germanien durch die Entsendung des Italicus wurde; es ist aber als sicher anzunehmen, daß Claudius sich von dieser Entscheidung auch Vorteile für die römische Seite, d.h. wachsenden Einfluß auf die Cherusker, versprach.
Nach der Ermordung des Arminius verloren die Cherusker durch ihre Machtkämpfe die einstmals führende Position in Germanien; stattdessen gewannen die etwas weiter südlich wohnenden Chatten immer mehr an Einfluß, wie auch Tacitus in seiner "Germania" andeutet: "in latere Chaucorum Chattorumque Cherusci nimiam ac marcentem diu pacem inlacessiti nutrierunt. (...) ita qui olim boni aequique Cherusci, nunc inertes ac stulti vocantur; Chattis victoribus fortuna in sapientiam cessit" (Tac. germ. 36).
-6- 4. Rom, Gallien und Germanien unter dem Principat des Tiberius (14 - 37 n.Chr.)
4.1. Tiberius' Germanienpolitik
In den zwei Jahrzehnten seiner Regierung hielt sich Tiberius konsequent an den mit Germanicus' Abberufung einmal eingeschlagenen Kurs. Er unternahm keine weiteren Eroberungsversuche im rechtsrheinischen Germanien, sondern beschränkte sich strikt auf die Defensive, was auch einen Ausbau der Verteidigungsanlagen am Rhein bedeutete. Außerdem vertraute er darauf, daß die Germanen sich in ihrer Uneinigkeit gegenseitig schwächen würden, und lehnte daher z.B. eine Unterstützung Marbods ab (s.o.).
Im Jahre 21 n.Chr. wurde zwar ein Aufstand in Gallien niedergeschlagen, sieben Jahre später unternahm er aber nichts dagegen, daß sich die nordöstlich des Rheinmündungsgebietes siedelnden Friesen mit einem Sieg über römische Truppen von der römischen Besatzung befreiten. "In den späteren Regierungsjahren des Kaisers Tiberius ist die Politik am Rhein durch eine strikte Defensive und einen Mangel an Initiative gekennzeichnet, der wohl nur dadurch verständlich wird, daß (...) Tiberius (...) an der Regierung nur noch geringen Anteil nahm". 4 Die Untätigkeit an der Rheingrenze ist also nicht nur zurückzuführen auf Tiberius' grundsätzliche Germanienpolitik, sondern auch auf eine allgemeine Passivität seinerseits.
4.2. Der Aufstand in Gallien (21 n.Chr.)
21 n.Chr. kam es bei mehreren gallischen Stämmen zu Aufständen gegen ihre schlechte wirtschaftliche und finanzielle Situation. Die Unruhen wurden bei einem ersten Ausbruch bei zwei Stämmen an der Loire (Andecaver und Turonen) rasch durch römisches Militär niedergeworfen (Tac. ann. 3,41), griffen dann aber auf die Treverer und Haeduer über. Die dortigen Anführer waren Julius Florus und Julius Sacrovir, beides Stammesadlige mit römischem Bürgerrechtalso gegenüber der restlichen Bevölkerung Privilegierte. Dennoch ist die Begründung nicht
4 Dietwulf Baatz/Fritz-Rudolf Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen, Stuttgart 1982,
S. 62.
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Sabine Schleichert, 1987, Rom und Germanien zwischen 16 und 68 n.Chr., München, GRIN Verlag GmbH
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