-1- 1. Einleitung
Im Jahre 1866 wurde das damalige Kurfürstentum Hessen von Preußen annektiert und in den folgenden Jahren gemeinsam mit Nassau und Frankfurt dem Königreich als Provinz Hessen-Nassau eingegliedert. Auch für Marburg bedeutete dies einschneidende Veränderungen; das einstige, fast noch mittelalterlich anmutende "Universitätsdorf" 1 wandelte sich in den folgenden Jahren zur Universitätsstadt, wobei die preußische Herrschaft entscheidende Impulse zur Modernisierung gab. Als einer dieser Impulse, auf die noch genauer einzugehen sein wird, gilt allgemein die Garnison des Hessischen Jägerbataillons Nr. 11, das 1866 eingerichtet und in Marburg stationiert wurde.
Zwar gibt es viel Literatur zur allgemeinen Geschichte und Entwicklung der Stadt, 2 auch einige wenige, meist kürzere und im allgemeinen einer eher apologetischen Sichtweise verpflichtete Schriften zum Militär in Kurhessen und zu seiner Rolle in Marburg. 3 Zur angemessenen Bearbeitung des Themas muß also auf die umfangreichen Aktenbestände des Staatsarchivs Marburg zurückgegriffen werden, die für diese Studie jedoch aus Gründen des Arbeitsaufwandes allenfalls ansatzweise ausgewertet werden konnten. 4
1 So beispielsweise Leopold von Ranke; vgl. Kämmer, Entwicklung, s. 17.
2 Zu nennen sind hier vor allem: Kürschner, Geschichte; Dettmering/Grenz, Marburger
Geschichte; Marburg. Eine illustrierte Stadtgeschichte.
3 Für Kurhessen allgemein: Bach, Heer; Kaiser, Eingliederung. Reine Truppengeschichten,
die über die militärischen Einsätze des Bataillons hinaus nicht viel Stoff bringen, sind:
Döring, Dienstzeit; Krüger, Geschichte; Moldenhauer, Geschichte; Wetzel, Jäger. Die
Informationsschriften für die heute in Marburg stationierten Einheiten (Dein Standort
Marburg bzw. Unsere Garnison) enthalten auch kurze Aufsätze zur Geschichte des Mi-litärs in Marburg, u.a. Langkabel, Garnison. Außerdem sind hier zu nennen Huber,
Militär-Tradition; Langkabel, Marburg als Garnison; ders., Marburg als Garnisonstadt;
Schneider, Kaserne. Kritisch mit Aspekten der Marburger Militärgeschichte setzen sich
allein Werther, "... darauf sind wir Jäger stolz", sowie in Zukunft Michael Lemling mit
seinem Werk über die Mechterstädter Morde auseinander.
4 In Betracht kommt vor allem der Bestand 330 Marburg (Stadtarchiv). Die Bestände zur
Militärgeschichte im zentralen preußischen Archiv, heute im Bundesarchiv - Außenstelle
Freiburg - sind durch Kriegseinwirkungen leider nur noch ausgesprochen fragmentarisch
erhalten und bringen für dieses Thema mit einiger Sicherheit keinen Aufschluß; vgl.
Stahl, Bestände.
-2-Immerhin soll auf dieser Basis versucht werden, die Bedeutung des Militärs für die Marburger Stadtentwicklung herauszuarbeiten 5 am Beispiel der alten Jägerkaserne (heute Psychologisches Institut, Gutenbergstraße). Die hier anzusprechenden Fragen sind beispielsweise: Welche Interessen hatte die Stadt daran, eine Garnison zu erhalten? Welche Leistungen hat die Stadt in diesem Zusammenhang für das Militär erbracht Was also war das Militär in den Augen der Marburger Stadtväter wert? Und - nicht zu vergessen - was hat es ihnen letztendlich gebracht? Fragestellungen dieser Art sind bisher nicht nur für Marburg kaum beachtet worden, sondern fanden in der gesamten Historiographie insgesamt so gut wie keine Beachtung. 6
Aspekte der Marburger Entwicklung wie Universität und Stadterweiterung wurden mit in die Darstellung einbezogen, weil sich im Laufe der Untersuchung immer deutlicher herausstellte, daß diese Themenkreise kaum voneinander zu trennen waren: die Pläne zur Garnison hingen zusammen mit der Universität, beides hatte Rückwirkungen auf die Stadterweiterung.
2. Die Lage der Stadt in kurhessischer Zeit
Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein beschränkte sich die städtische Bebauung in Marburg fast ausschließlich auf den engen Raum innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern. Ihre Grenzen entsprachen also mit Barfüßertor und Pilgrimstein, Untergasse und Ketzerbach sowie den Straßenzügen Grün und Weidenhausen weitgehend denen auf dem von Friedrich Küch für 1750 entworfenen Stadtplan, 7 der hier also als Illustration dienen kann. Insbesondere das heutige Süd-und Biegenviertel waren völlig unbebaut und dienten als Garten, Weide und Bleichplatz. 8
5 Eine vergleichbare Untersuchung existiert für den Zusammenhang zwischen Universität
und städtischer Entwicklung: Messerschmidt, Stadterweiterung.
6 Vgl. Hofmann, Einführung. Einen ersten allgemeinen Überblick gibt Sicken, Stadt, im
gleichen Band.
7 Abgedruckt in: Ehlers/Leib, Marburg, nach S. 14. Vgl. den schematischen Plan für das
Jahr 1846 in Gilbert, University Town, S. 32.
8 Döpp, Marburg, S. 79; Ehlers/Leib, Marburg, S. 11-13; Gilbert, University Town, S. 19;
Großmann, Marburg, S. 32; Kämmer, Entwicklung, S. 17; Kürschner, Geschichte, S.
235; Leister, Marburg, S. 33; Messerschmidt, Beginn, S. 7; ders., Stadterweiterung, S.
30f.; Rumpf, Entstehung, S. 4, 7f.; Stadt Marburg. Gesamtdokumentation, S. 12f.
-3-Es hatte zwar immer wieder Pläne für eine Erweiterung und Modernisierung der Stadt gegeben, doch waren diese meist am Geldmangel der Stadt und der Regierung gescheitert. 9 Im-merhin hatte man von 1807 an die Frankfurter Straße als Verlängerung des Grün erbaut, um -nicht zuletzt für militärische Zwecke - eine Ausfallstraße nach Süden anstelle des Weges durch die enge Oberstadt zur Verfügung zu haben. 10 Große Bedeutung für die spätere Entwicklung erhielt dann vor allem der Bahnhof, als Marburg zwischen 1848 und 1852 eine Eisenbahnverbin-dung nach Kassel und Frankfurt erhielt. Die Regierung baute den Bahnhof auf ehemaligem Deutschordensgelände weit vor der Stadt im Nordosten, obwohl sich die Stadtvertreter für einen Standort bei Weidenhausen ausgesprochen hatten und auch in späteren Jahren nicht sonderlich glücklich über diese Lage waren. 11 Für die Beleuchtung innerhalb der Stadt sorgte seit 1863 zu-mindest teilweise ein Gaswerk; Kanalisation und ausreichende Wasserversorgung bestanden weiterhin nicht. 12
In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts stagnierte auch die Bevölkerungsentwicklung der Stadt bei gut 7500 Einwohnern in knapp 800 Häusern. 13 Doch betrifft dies nicht nur Marburg, sondern etwa parallel auch Oberhessen als nähere Umgebung und das gesamte Kurfürstentum Hessen, wie ein Zahlenvergleich zeigt. 14 Die Entwicklung der Stadt ist hier also keineswegs als singulär oder besonders außergewöhnlich zu betrachten. Auflistungen der Marburger
9 Dettmering/Großmann, Marburg, S. 6; Kürschner, Geschichte, S. 239, 242.
10 Großmann, Marburg, S. 114; Kürschner, Geschichte, S. 194; Rumpf, Entstehung, S. 12;
Stadt Marburg. Gesamtdokumentation, S. 20.
11 John, Entwicklung, S. 200-202. Außerdem OA 95, 6.12.1866; OZ 162, 16.8.1867; vom
Brocke, Marburg, S. 373, 380; Döpp, Marburg, S. 83; Ehlers/Leib, Marburg, S. 15;
Kürschner, Geschichte, S. 235f.; Lachmann, Zur Geschichte, S. 22; Leib/Mertins, Stadt-
exkursion, S. 205; Leister, Marburg, S. 34; Messerschmidt, Stadterweiterung, S. 68f.;
Rumpf, Entstehung, S. 4; Stadt Marburg. Gesamtdokumentation, S. 14; Woischke, Bilder,
S. 3, 16, 19.
12 OZ 156, 9.8.1867. Messerschmidt, Stadterweiterung, S. 70f.; Wissner, Aus dem Dornrös-
chenschlaf, S. 18.
13 Zahlen und Graphiken bei Bauer, Stadtbild, S. 17; vom Brocke, Marburg, S. 377; Gilbert,
University Town, S. 11, 21; Kürschner, Geschichte, S. 207, 232; Messcherschmidt, Stadt-
erweiterung, nach S. 29.
14 Für Oberhessen Möker, Nordhessen, S. 19; für Kurhessen Bauer, 1866, S. 19; Löffler,
Presse, S. 12f.
-4-Gewerbetreibenden 15 und auch das Adreßbuch der Stadt Marburg, dessen erste Ausgabe 1868 erschien, zeigen deutlich, daß Handwerk und Kleingewerbe in der städtischen Wirtschaftsstruk-tur überwogen. Traditionelle mittelalterliche Handwerkszweige wie die Wollen- und Leinenwe-berei befanden sich seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts im Niedergang; neue Gewerbe wie die Töpfer, deren Produkte zeitweise von Marburg aus bis ins Ausland exportiert wurden, erlebten zunächst zwar einen Aufschwung, fielen dann aber gleichfalls der zunehmenden Konkurrenz durch Manufaktur- und Industrieprodukte zum Opfer. 16 Andere Handwerkszweige wie Bäcker, Metzger und Schuhmacher waren zumindest zeitweise völlig überbesetzt; die Landwirtschaft konnte angesichts der Enge des Tales kaum eine größere Rolle spielen. 17 Insgesamt litt damit ein nicht geringer Teil der Marburger Einwohnerschaft unter Mangel und Armut; 18 auch der leichte Aufschwung in Folge des Eisenbahnbaues konnte daran kaum etwas ändern. 19 Die Ansiedlung größerer Industriebetriebe, die vielleicht einen Ausweg geboten hätte, war wegen der beengten Platzverhältnisse im Lahntal schwierig und wurde außerdem von der kurhessischen Regierung, die dem gewerblichen Fortschritt insgesamt eher kritisch gegen-überstand, nicht gefördert. Die Marburger industrielle Revolution beschränkte sich daher auf einige kleinere Betriebe, von denen nur wenige wie die Tabakfabrik Niderehe im Schwanhof etwas bekannter waren. 20
Nicht nur die Einwohner, auch die Stadt selbst hatte stark unter den Kriegen der vergangenen Jahrhunderte gelitten, war verarmt, die Schuldenlast stieg bis 1866 auf 257000 Mark oder 33 Mark pro Kopf der Bevölkerung. Das städtische Vermögen bestand fast nur noch aus Immobi-
15 Für 1776 und 1867 beispielsweise bei vom Brocke, Marburg, S. 434; Koch, Entwicklung,
S. 19f., doch zum Teil - obwohl für die gleichen Jahre - mit erheblichen Abweichungen.
16 OZ 173, 29.8.1867. vom Brocke, Marburg, S. 429f.; Ehlers/Leib, Marburg, S. 14; Koshar,
Social Life, S. 24f.; Kürschner, Geschichte, S. 189, 247f.; Löffler, Presse, S. 20.
17 Zur Notlage der Stadt beispielsweise die Petitionen in StAM 330 Marburg C 1671. Vgl.
vom Brocke, Marburg, S. 434; Kämmer, Entwicklung, S. 17; Koch, Entwicklung, S. 19f.
18 OZ 173, 29.8.1867. Koshar, Social Life, S. 25; Kürschner, Geschichte, S. 248; Werther,
"... darauf sind wir Jäger stolz", S. 8.
19 Ehlers/Leib, Marburg, S. 13; Fülberth, Marburg, S. 104; Gilbert, University Town, S. 23.
20 OZ 173, 29.8.1867. vom Brocke, Marburg, S. 429; Koshar, Social Life, S. 25; Lerner,
Folgen, S. 133-135.
-5-lien wie z.B. dem Kämpfrasen und dem Saurasen. 21 Entsprechend konnte die Stadt kaum etwas zur Förderung der Wirtschaft beitragen. Als kurhessischer Verwaltungs- und Residenzort hatte sie gleichfalls schon seit langem ihre frühere Bedeutung verloren; das Schloß diente inzwischen als Gefängnis. 22
Die allgemeine Stagnation betraf auch die Universität, die gegenüber früheren Jahrhunderten erheblich an Bedeutung verloren hatte. 23 Die Studentenzahlen kamen im 19. Jahrhundert kaum über 300 hinaus, und auch 1866 studierten nur 257 Personen in Marburg, von denen über 90% aus Hessen und Nassau stammten. Marburg war damit eine der kleinsten deutschen Universitäten, deren Bedeutung kaum über die kurhessischen Landesgrenzen hinausreichte. Doch ist diese Entwicklung im Vergleich zu den Gesamtzahlen der Studenten in Deutschland keineswegs außergewöhnlich schlecht; die Stagnation zeigte sich überall, die Unternehmerlaufbahn erschien manchem im Zeitalter der Industriellen Revolution attraktiver als mit dem Studium womöglich zu erringendes schmales Beamtengehalt. 24
Da die Philipps-Universität für das "Universitätsdorf" Marburg aber immerhin den einzigen einigermaßen konstanten und zuverlässigen Wirtschaftsfaktor darstellte, verwandten sich die Bürger der Stadt immer wieder bei ihrem Landesherrn für eine intensivere Förderung; dies geschah beispielsweise 1834 und erneut 1848. 25 Die Regierung hatte auch 1831/32 auf dringende Bitten der Verantwortlichen den Zuschuß für die Universität erhöht, damit zumindest die laufenden Ausgaben gedeckt werden konnten. Wenn nicht mehr für die völlig unzureichende personelle wie bauliche Ausstattung getan wurde, so lag dies offenbar weniger am mangelnden Interesse des Kurfürsten als an dessen fehlenden Ressourcen; doch machte dies Marburg für Studenten und Dozenten zu einem vergleichsweise unattraktiven Ort. 26
21 Kürschner, Geschichte, S. 242f. Vgl. den Gemarkungsplan für 1720 mit der Kennzeich-
nung des städtischen Grundbesitzes, in: Küch/Niemeyer, Kreis Marburg-Stadt, S. 7.
22 Kürschner, Geschichte, S. 212.
23 Zur Universitätsgeschichte allgemein vgl. Kaehler, Universität.
24 Bauer, Stadtbild, S. 17; Ehlers/Leib, Marburg, S. 8, 10; Fricke, Frequenzentwicklung, S.
818f., 824, 837; Koshar, Social Life, S. 26.
25 StAM 330 Marburg C 1671. Kaehler, Universität, S. 545f., 548f.; Kämmer, Entwicklung,
S. 17.
26 Bauer, Stadtbild, S. 17; Kaehler, Universität, S. 543f., 552.
-6-Militärisch hatte die Stadt ihre Bedeutung schon längst verloren; im 19. Jahrhundert diente sie zeitweise noch als Garnisonstadt. 1856 wurden auch die letzten regulären Truppen abgezogen, es blieben einige Veteranen zur Bewachung der Zuchthausgefangenen auf dem Schloß. 27 Doch wird immer wieder deutlich, daß die Stadväter interessiert waren an der Erhaltung bzw. Wiedererlangung einer Garnison und auch Bereitschaft zeigten, dafür Opfer zu bringen. 1825 fanden erstmals Verhandlungen mit der Stadt über die Errichtung einer Kaserne statt; diese kam damals nicht zustande, doch stellte man verschiedene Räumlichkeiten unter anderem im Rathaus für militärische Zwecke zur Verfügung. 28 Nachdem Marburg seine Garnison 1832 im Zuge einer Neuformation der kurhessischen Truppen verloren hatte, baten die Stadtväter mehrfach dringend, doch erfolglos, darum, wieder Militär in die Stadt zu legen. So hieß es 1834: "Für die Stadt ist dieser Verlust um so drückender und fühlbarer, als die hiesigen Bürger zu ihrem Lebensunterhalte, bei dem gänzlichen Mangel an Feldbau, an einem nährenden Verkehr mit dem Auslande und an blühenden Fabriken und Manufacturen, lediglich auf den Ertrag ihrer Gewerbe beschränkt, diese Gewerbe aber für den dermaligen durch den Abgang der Garnison und durch das Herunterkommen und Sinken der Universität herbeigeführten, verkümmerten Zustand so sehr übersetzt [sic] sind, daß die Mehrzahl Mangel an Beschäftigung und Erwerb leidet." 29 1837 beantragte ein Privatmann, die Stadt solle auf eigene Kosten eine Kaserne bauen, um auf diese Weise eine Garnison zu erlangen. Der Stadtrat kam letztendlich jedoch zu der Ansicht, daß die mit einer Garnison verbundenen wirtschaftlichen Vorteile zum einen prinzipiell dadurch eingeschränkt würden, daß beispielsweise der laufende Garnisonsbedarf öffentlich ausgeschrieben werde und die Lieferung daher nicht unbedingt durch Marburger Betriebe erfolgen könne. Zum anderen seien die Bau-und Unterhaltungskosten so hoch, daß alles in allem kein Gewinn für die Stadt zu erwarten sei. 30 Knapp zwei Jahrzehnte später lagen erneut Truppen in Marburg, wobei der städtische Kämpfrasen als Exerzierplatz genutzt wurde. Da dieser gleichzeitig weiterhin, wie traditionell
27 Bach, Heer, S. 20 Anm. 33; Gi., Marburg, S. 27; Kürschner, Geschichte, S. 175, 186,
250; Langkabel, Garnison, S. 12; Messerschmidt, Stadterweiterung, S. 34; Schneider,
Kaserne, S. 25; Werther, "... darauf sind wir Jäger stolz", S. 8.
28 Huber, Militär-Tradition, S. 70.
29 StAM 330 Marburg C 1671.
30 StAM 330 Marburg C 1671. Vgl. Kürschner, Geschichte, S. 228; Langkabel, Marburg als
Garnisonstadt, S. 12.
-7-üblich, als Schweinehute diente, erwies sich das Exerzieren in dem aufgewühlten Boden als ausgesprochen schwierig. Der Verlust der Garnison drohte daraufhin erneut, doch scheint sich an der Doppelnutzung nichts geändert zu haben, bis die Truppen 1856 abgezogen wurden. 31 Dann allerdings hieß es von der kurfürstlichen Regierung, daß "dem Gesuche der Stadt Marburg um Belassung der Garnison nicht willfahrt werden kann, weil es dort an genügendem Kasernenraum und an einem Exerzierplatz fehlt". 32
Weder in kurhessischer noch später in preußischer Zeit war dieses Marburger Interesse an einem Status als Militärstandort ein Einzelfall. 33 Immer ging es dabei um die "unverkennbaren Vorteile", die man sich insbesondere für Handel und Gewerbe von der Garnison erhoffte; und immer zeigte sich, daß die jeweilige Regierung Gegenleistungen von den Städten erwartete in Form der unentgeltlichen Zurverfügungstellung von Bauplätzen etc. So formulierte das preußische Kriegsministerium im Zusammenhang mit der Heeresvermehrung von 1912, es stehe "grundsätzlich auf dem Standpunkt, daß diejenigen Städte, welche eine wesentliche Verstärkung ihrer Garnison erhalten, namentlich aber die ganz neu zu schaffenden Standorte, für die ihnen zuteil gewordene Bevorzugung vor vielen anderen, auch gewisse Opfer bringen sollen." 34
3. Die Annexion 1866
Nach dem Einmarsch Preußens in Holstein stellte sich der hessische Kurfürst im Juni 1866 auf die Seite Österreichs gegen Preußen, stieß mit seiner Forderung nach Mobilmachung der kurhessischen Truppen zunächst aber auf den Widerstand seiner Ständeversammlung, die sich für die Rückkehr zur Neutralität aussprach. Die Mobilisierung geschah auf kurfürstlichen Befehl trotzdem, als schon preußische Truppen von Wetzlar aus in das Land einmarschierten; der überwiegende Teil Kurhessens fiel kampflos in preußische Hände. 35 Der Kurfürst, letztendlich
31 Kürschner, Geschichte, S. 242.
32 StAM 330 Marburg C 1671; vgl. auch aaO. Nr. 1742.
33 Vgl. Bach, Heer, S. 206f.; Sicken, Stadt, S. 48.
34 StAM 150 Nr. 350, S. 65-69.
35 Zu den Vorgängen vor allem Losch, Geschichte, S. 384-395; außerdem vom Brocke,
Marburg, S. 371f.; Kaiser, Eingliederung, S. 59; Klein, Provinz, S. 565f.
-8-als Gefangener nach Stettin gebracht, dankte am 17. September schließlich ab und entband seine Untertanen und Truppen von ihrem Eid. Daraufhin wurde die Einverleibung Kurhessens in Preußen gesetzlich niedergelegt und am 8.10.1866 verkündet. 36 Die Übernahme der Verfassung und der Verwaltungsorganisation zog sich noch etwa zwei Jahre hin; sie war endgültig abgeschlossen mit der Konstituierung der Provinz Hessen-Nassau am 7.12.1868. 37
Die Bevölkerung stand der neuen Lage im allgemeinen aufgeschlossen oder doch zumindest neutral gegenüber. 38 Insbesondere das Offizierskorps meinte die Geschicke des Landes offenbar besser in den Händen eines Staates wie Preußen augehoben zu sehen als in denen des hessischen Kurfürsten; nicht zuletzt sahen die Offiziere in einer Angliederung an das preußische Militär zweifellos positive Entwicklungsmöglichkeiten. 39 Auch das liberale Bürgertum versprach sich von der Annexion die Aufhebung bisheriger Hemmnisse für Handel und Gewerbe, eine Modernisierung der gesamten Wirtschaftsstruktur. 40 Dies gilt auch für das Marburger Bürgertum, da die Entwicklung der Stadt in den vergangenen Jahrzehnten, wie oben dargestellt, weitgehend stagniert hatte. Zum Sprachrohr dieser pro-preußischen Richtung entwickelte sich vor allem der Oberhessische Anzeiger (ab 1867 Oberhessische Zeitung) mit seinem ersten Redakteur Dr. Wilhelm Kellner. 41
36 Kaiser, Eingliederung, S. 57; Kessler, Geschichte, S. 92; Klein, Hessen-Nassau. Von der
Annexion zur Integration, S. 281; Kürschner, Geschichte, S. 214, 264; Losch, Geschichte,
S. 399, 425-427; Moldenhauer, Geschichte, S. 124.
37 Zur Verwaltung vor allem Klein, Hessen-Nassau (Grundriß); außerdem Kürschner, Ge-
schichte, S. 214, 264; Losch, Geschichte, S. 430.
38 Klein, Provinz, S. 566; Kürschner, Geschichte, S. 264; Losch, Geschichte, S. 397, 434.
39 Bach, Heer, S. 180; Klein, Hessen-Nassau. Von der Annexion zur Integration, S.
279f.; Losch, Geschichte, S. 426.
40 Klein, Provinz, S. 566; Lerner, Folgen, S. 124; Losch, Geschichte, S. 430.
41 Bauer, 1866, S. 20; Klein, Provinz, S. 608; Kürschner, Geschichte, S. 264; Löffler, Pres-
se, S. 125.
-9- 4. Aufbruchstimmung in der Stadt: Planungen für die Zukunft
4.1. Garnison
Auch wenn der Oberhessische Anzeiger insofern mit Vorsicht zu genießen ist, als er prinzipiell preußenfreundlich eingestellt war, zeigt sich doch in der Berichterstattung und den Kommentaren, welche Hoffnungen die Marburger Bevölkerung mit dem Übergang an Preußen verband; nicht zuletzt dürfte er, da als Zeitung in diesen Jahren ohne Konkurrenz am Ort, auch wesentlich zur Meinungsbildung der Zeitungsleser beigetragen haben. 42 So heißt es beispielsweise schon Wochen vor der Verkündung der Annexion: "Jetzt ist die Zeit günstiger geworden, wo der Friede allseitig gesichert erscheint und ein neues staatliches Leben durch Einfügung unseres Landes in ein großes Staatsganze beginnt (...). [Wir] haben jetzt alle Aussicht sowohl die Bahn von der Ruhr hierher zu erhalten, wie auch die Universität in der Weise gehoben zu sehen, wie sich das in einem wohlverwalteten Staate ganz von selbst macht. Behalten wir jetzt auch eine Garnison, die für den Eintritt von Freiwilligen, sogenannten Einjährigen, wenn sie etwa studiren, ganz am Platze ist, so ist damit auch die Aussicht gegeben, daß sich die Stadt räumlich mehr ausdehnt (...)." 43
Die hier genannten Punkte Eisenbahn, Universität und Garnison sind diejenigen, um die sich die Diskussion in den folgenden Jahren in erster Linie drehte; für die Realisierung mußte der preußische Staat der primäre Ansprechpartner sein. Noch im Sommer 1866 wurde die Stadt entsprechend aktiv und bat um die Zuteilung einer Garnison. 44 Wesentlicher Gesichtspunkt in der
42 Zur Marburger Zeitungslandschaft vgl. Kürschner, Geschichte, S. 255f.; Löffler, Presse,
S. 124-129.
43 OA 51, 25.8.1866. Vgl. vom Brocke, Marburg, S. 373f.; Döpp, Marburg, S. 79f.; Fricke,
Frequenzentwicklung, S. 816f.; Kämmer, Finanzwirtschaft, S. 71; Lachmann, Geschichte,
S. 21; Leib/Mertins, Stadtexkursion, S. 284; Leister, Marburg, S. 34; Messerschmidt,
Stadterweiterung, S. 33; Stadt Marburg. Gesamtdokumentation, S. 17.
44 So jedenfalls Kürschner, Geschichte, S. 265; Messerschmidt, Stadterweiterung, S. 35;
Schneider, Kaserne, S. 25, jeweils leider ohne Quellenangabe. Das entsprechende Schrei-
ben war in den Akten bisher nicht aufzutreiben.
-10-Argumentation für eine Garnison war dabei die Attraktivität der Universität für die schon in dem genannten Zeitungsartikel angeführten sogenannten Einjährig-Freiwilligen. 45 Mit dieser privilegierten Variante des Militärdienstes konnte die übliche dreijährige Dienstpflicht unter bestimmten Voraussetzungen abgelöst werden. Die interessierten Kandidaten mußten "Bildung" nachweisen, genauer den Besuch beispielsweise der ersten drei Klassen eines Gymnasiums oder die Absolvierung einer diesem Bildungsstand entsprechenden Prüfung. Daß sich der Kreis der Beteiligten demgegenüber erheblich weiter einschränkte, lag darin begründet, daß sie sich verpflichten mußten, sich während der Dienstzeit selbst einzukleiden und zu verpfle-gen und für eine eigene Unterkunft zu sorgen, da kein Anspruch auf einen Platz in der Kaserne bestand. 46 Der damit verbundene finanzielle Aufwand lag weit über dem Jahreseinkommen eines Handwerkers und war nur von wenigen Familien zu finanzieren; daher stammt vermutlich auch die Bezeichnung "freiwillig". Dennoch war diese Möglichkeit ausgesprochen attraktiv; die Ein-jährigen konnten Truppenteil und Standort frei wählen, waren von bestimmten Verpflichtungen im täglichen Dienst (z.B. Fegen) befreit. Die Dienstzeit schloß ab mit dem Reserveoffizierspatent und damit der Voraussetzung für öffentliches Prestige im allgemeinen wie für höhere Beamten-und Verwaltungslaufbahnen im besonderen. Sie bot also den Schlüssel für das Bürgertum, in die monarchisch-aristokratisch geprägte Machtelite des preußischen Staates aufzusteigen. 47 Im Zusammenhang dieser Arbeit ist entscheidend, daß für die Einjährigen während der Militärzeit die Möglichkeit einer gleichzeitig zu absolvierenden (Berufs-) Ausbildung bestand. Am naheliegendsten war hier, das Studium mit dem Militärdienst zu verbinden; beides war ähn-lich kostspielig, die zeitlichen und damit finanziellen Aufwendungen konnten auf diese Weise etwas gekürzt werden. Bestand eine derartige Möglichkeit in einer Universitätsstadt mangels Garnison nicht, mußten ihr die aus wohlhabenden Häusern stammenden und somit finanzkräfti-gen Einjährig-Freiwilligen verloren gehen. Entsprechend wurde auch im Oberhessischen An-zeiger argumentiert: "Die Universität kann nur dabei gewinnen, wenn es hier Musensöhnen aus Frankfurt, Nassau, Westfalen möglich wird, zugleich ein Jahr freiwilligen Militärdienst zu leisten
45 vom Brocke, Marburg, S. 380; Langkabel, Marburg als Garnisonstadt, S. 12; Messer-
schmidt, Stadterweiterung, S. 34; Stadt Marburg. Gesamtdokumentation, S. 20.
46 OA 74, 18.10.1866; 75, 20.10.1866. Mertens, Privileg, S. 61f. Eine vergleichbare Dienst-
art gab es schon in kurhessischer Zeit, doch scheint sie hier keine große Bedeutung ge-habt zu haben; vgl. Bach, Heer, S. 40, 55-58.
47 Mertens, Privileg, S. 59-62.
-11-und Collegien zu hören. Rechnen wir nur per Jahr 50 Einjährige Freiwillige, welche hier gering angeschlagen, durchschnittlich je 250 Thlr. verzehren, so haben wir ein Kapital von 12,500 Thlr., welches hier jährlich mehr umläuft." 48
Die Universitätsprofessoren zeigten auf der einen Seite keine sonderliche Begeisterung für die Kombination von Militärdienst und Studium, da sie davon ausgehen mußten, daß der Militärdienst während dieses Jahres ein intensives Studium verhinderte. Auf der anderen Seite haben sich im Laufe des 19. Jahrhunderts sämtliche deutschen Universitätsstädte - Stadtverwaltungen wie die Universitäten selbst - um die Zuteilung einer Garnison bemüht in dem Bewußtsein, daß ihnen sonst die aus wohlhabenden Häusern stammenden und somit finanzkräftigen Einjährig-Freiwilligen verlorengingen. 49 Auch der akademische Senat der Philipps-Universität bat im Oktober 1848 - erfolglos - um die Einrichtung einer Garnison in Marburg, um den Studenten die Möglichkeit des einjährig-freiwilligen Dienstes zu bieten. 50 Doch als es 1866 endlich so weit war, stand die Universität einer Garnison insofern zwiespältig gegenüber, "als die bevorstehende Belegung Marburgs mit einer Garnison zwar dem gewerbetreibenden Bürgertum zugute komme, den Universitätsangehörigen dagegen namentlich die Wohnungen verteuern werde" und zusätzlich eine stärkere finanzielle Förderung der Universitätsangehörigen erfordere. 51 Die Besetzung und Annexion beinhaltete, daß die früheren kurhessischen Truppen zunächst aufgelöst und im Anschluß daran in neuer Zusammensetzung als preußische Truppenteile wieder eingerichtet wurden. 52 Nachdem zunächst Vermutungen laut geworden waren, das frühere kurhessische Jägerbataillon Nr. 11 bleibe bestehen und werde in Marburg oder Hersfeld statio-
48 OA 100, 18.12.1866. Ähnliche Zahlen finden sich in: StAM 330 Marburg C 1671; Stadt
Marburg. Gesamtdokumentation, S. 18. Zum Vergleich: Das Gehalt der ordentlichen
Professoren lag zum Teil nicht höher als 800 Taler pro Jahr, die Gesamthöhe der an
sämtliche 34 Professoren zusammen gezahlten Gehälter erreichte 32100 Taler. Kaehler,
Universität, S. 550 Anm. 35.
49 StAM 330 Marburg C 1671; vom Brocke, Marburg, S. 380 Anm. 28; Fülberth, Marburg,
S. 107; Mertens, Privileg, S. 62.
50 StAM 12 B 31.
51 So Kaehler, Universität, S. 551 nach dem Desiderienbericht des Prorektors Nasse, der im
Winter 1866/67 dem preußischen Staatsministerium zuging (StAM, Kurat. Akten, Acc.
1920/30, Rep. I Nr. 1).
52 Kaiser, Eingliederung, S. 29f.; Krüger, Geschichte, S. III.
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Sabine Schleichert, 1990, Militär und städtische Entwicklung in Marburg: Der Bau der Jägerkaserne 1866 - 1869, München, GRIN Verlag GmbH
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