Sprechens - mitsamt ihren Konsequenzen für den Körperbau - zurückzuführen sind. Durch die Wahrnehmung seiner gehenden und kommunizierenden Mitmenschen und durch die eigene Willenskraft, es ihnen gleich zu tun, eignet sich das Kind sowohl die aufrechte Haltung als auch darauf folgend das Sprechen an: es lernt, seinen Leib durch seinen Willen zu beherrschen. Durch das über die Sinne Wahrgenommene bauen Seele und Geist also am Leib mit. 2
Nach dem Zahnwechsel im Alter von rund sieben Jahren erwacht der ätherische, zeitliche Leib. Nun entfaltet sich laut Steiner das Vorstellungs- und Erinnerungsvermögen des Kindes und es kommt zu einer verstärkten Gefühlsreifung. Das Kind wird sich der Einzigartigkeit und Wirklichkeit seiner eigenen Biographie in der Zeit bewußt. Es will sich selbst in der Welt wahrnehmen, strebt danach, in einem kreativen Akt Sinnzusammenhänge von Erscheinungen eigentätig zu ergründen. 3
Im Alter von 14 Jahren wird nach anthroposophischer Lehre der Astral-/Seelen/Empfindungsleib, der Träger des Bewußtseins und der Empfindungen, geboren. Während das Kind von Wahrnehmungen noch unmittelbar ergriffen wird, setzt sich der Jugendliche nunmehr abwägend, prüfend und wertend mit Eindrücken und Empfindungen auseinander und schafft auf diese Weise eine Distanz zwischen innerer und äußerer Welt. Er eignet sich die Fähigkeit an, eigenständig zu urteilen und selbstverantwortlich zu handeln. 4 Der Jugendliche entwickelt sich in dieser Lebensphase zur wahren Mündigkeit, die Steiner als die Übereinstimmung von Ziel und Handlung in der Lebensführung charakterisiert und deren Erreichen er als Geburt der Ich-Organisation bezeichnet. Diese Lebensreife erlangt der junge Mensch nach Ansicht der Anthroposophen etwa im Alter von 21 Jahren. Die gestaltenden Kräfte haben nun ihre Aufgabe erfüllt. 5
Die Waldorfpädagogik (die Bezeichnung geht auf das Stuttgarter Zigarrenunternehmen Waldorf-Astoria zurück, in dessen Auftrag 1919 die erste Waldorfschule für die Kinder der Arbeiterschaft gegründet wurde 6 ), die auf der anthroposophischen Erkenntnistheorie aufbaut, berücksichtigt dieses schrittweise Sich-Zusammenfügen der verschiedenen Wesensglieder des Menschen. Sie sieht es als ihre Aufgabe an, die individuelle Entwicklung des jungen Menschen zu fördern, in dem sie zu einer bestimmten Zeit mit entsprechenden Mitteln und Methoden auf einen Wesensteil des Kindes / Jugendlichen einwirkt.
2 vgl.: Kranich 1985², S. 53 ff.
3 vgl.: Müller-Wiedemann 1985², S. 73 ff.
4 vgl.: Leber 1985², S. 94 ff.
5 vgl.: ebd., S. 94 ff.
6 vgl.: Hellmich 1992, S. 50 ff.
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Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die pädagogische Arbeit an der Waldorfschule darzustellen und kritisch zu hinterfragen. Es sollen die charakteristischen Merkmale der Waldorfpädagogik herausgearbeitet, analysiert und hinsichtlich ihrer vorteilhaften und nachteiligen Auswirkungen und Begleiterscheinungen bewertet werden. Zu diesem Zwecke werden die Grundzüge der Waldorfpädagogik und ihre Herleitung aus der anthroposophischen Lehre im folgenden zweiten Kapitel deskriptiv erläutert. Eine ausführliche Darstellung der Anthroposophie samt ihrer Kausalzusammenhänge kann im Rahmen der vorliegenden Arbeit aus Platzgründen nicht erfolgen. Einzelaspekte aus Steiners Lehre fließen nur an den Stellen explizit in die Ausführungen ein, wo sie als Begründung für die pädagogischen Maßnahmen an der Waldorfschule notwendig erscheinen. In Kapitel 3 wird die Waldorfpädagogik einer kritischen Betrachtung unterzogen. Im Vordergrund steht dabei weniger die Hinterfragung der zugrundeliegenden anthroposophischen Erkenntnistheorie, vielmehr wird die Umsetzung der anthroposophischen Erkenntnisse in der pädagogischen Praxis kritisch untersucht. Zuletzt folgt im vierten Kapitel eine abschließende Beurteilung der Waldorfpädagogik anhand der herausgearbeiteten Ergebnisse. Unter der aufgeführten Literatur ist besonders auf die Publikation Die Pädagogik der Waldorfschule und ihre Grundlagen, herausgegeben von Stefan Leber (1985²), zu verweisen, die eine Vielzahl erhellender Aufsätze zur Biographie Rudolf Steiners, zur Anthroposophie und zur methodischen und didaktischen Umsetzung in den Waldorfschulen enthält. Ferner ist an dieser Stelle das Buch Die Waldorfpädagogik von Johannes Kiersch (1997 9 ) zu nennen, das einen einführenden Überblick über die Thematik bietet. Auch der Sammelband Erziehungswissenschaft und Waldorfpädagogik, herausgegeben von Fritz Bohnsack und Ernst-Michael Kranich (1990), hält mehrere informative Arbeiten zur Methodik, zum Unterricht und zur Organisation der Waldorfschulen bereit. Darüber hinaus werden kritische Ansichten und Standpunkte zur Steiner-Pädagogik erörtert. Zuletzt sei auf das Buch Erziehung zur Anthroposophie von Klaus Prange (1985) verwiesen. Pranges kritische Darstellung und ablehnende Beurteilung der Waldorfpädagogik enthält eine Vielzahl interessanter Aspekte, Informationen und Interpretationen, die zu einer kontroversen Diskussion anleiten.
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2. Grundzüge der Waldorfpädagogik und ihre Hintergründe
Die pädagogische Umsetzung der anthroposophischen Erkenntnisse beginnt bereits im Vorschulalter mit der Erziehung im Waldorfkindergarten. Hier ist es das Ziel, die Wahrnehmung und nachahmende Tätigkeit des Kindes durch die Bereitstellung eines breiten Spektrums an Spielmöglichkeiten anzuregen. Im Spiel wirken alle Fähigkeiten des Kindes zusammen, es verbindet sich mit seinem Tun, schlüpft in Rollen und gibt sich ganz seinen Unternehmungen hin. Durch das Spielen soll die Phantasie des Kindes beflügelt, seine Intelligenz und seine Geschicklichkeit gesteigert werden. Gemeinsames Musizieren, eurythmischer Tanz wie auch das Malen mit bunten Farben zielen ebenso auf die Förderung der kindlichen Kreativität ab. Zudem sollen durch Märchengeschichten, welche der Erzieher täglich vorträgt, die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder geschult und der Wortschatz kontinuierlich erweitert werden. Der Erzieher, der jedes Kind individuell betrachtet und einfühlsam begleitet, soll als Vertrauensperson mit Vorbildcharakter fungieren. Eine seiner Hauptaufgaben ist es, dem Kind ein behagliches und geborgenes Umfeld bereitzustellen, in dem es sich frei und sicher entwickeln kann. 7
Auch in den Waldorfschulen, die das Kind ab dem siebten Lebensjahr besucht - weil erst ab diesem Alter nach anthroposophischer Überzeugung die Vorstellungs- und Gedächtniskraft zur Verfügung steht und das Kind somit schulreif ist 8 -, steht die Förderung der individuellen Entwicklung des Kindes im Mittelpunkt. In den Klassen treffen Kinder unterschiedlicher Begabung und unterschiedlicher sozialer Herkunft nach dem Gesamtschulprinzip zusammen. 9 Bei der Schulaufnahme kommt es jedoch zuvor zu einer Selektion: der Klassenlehrer wählt seine Schüler selbst aus. Dieser Auslese liegen anthroposophisch geprägte Gesichtspunkte zugrunde, die auf eine möglichst breit gefächerte Charakter- und Temperamentenmischung abzielen. 10 Als private Bildungsanstalt, die sich selbst verwaltet, kann jede Waldorfschule eigenverantwortlich über Personalien sowie über ihre Organisation, die Gestaltung ihres Schulleben und ihren Lehrplan entscheiden. In wöchentlich abgehaltenen Konferenzen kommt das Kollegium zur Beratung von pädagogischen, unterrichtlichen und organisatorischen Fragen zusammen. Die Mitglieder der Lehrerschaft sind gleichberechtigt -
7 vgl.:Kranich 1985², S. 66 ff.
8 vgl.: Leber 1985², S. 8.
9 vgl.: ebd., S. 19.
10 vgl.: Kiersch 1997 9 , S. 34 ff.; Prange 1985, S. 146 f.
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Steiner spricht von einer ‚demokratischen Lehrerrepublik‘ -, einen Direktor gibt es an der Waldorfschule nicht. 11
Nach Beendigung der zwölften Klasse können Waldorfschüler einen der mittleren Reife gleichwertigen Abschluß erhalten. Darüber hinaus kann das Abitur nach der 13. Jahrgangsstufe durch ein Examen unter Vorsitz und mehrheitlicher Beteiligung von Lehrkräften aus staatlichen Schulen zuerkannt werden. Diese Einschränkung ihrer Autonomie muss die Waldorfschule hinnehmen, um ihren Schülern nicht den Zugang zu weiterführenden Bildungsgängen zu verwehren. Die Zulassung zur Abiturprüfung erhält der Waldorfschüler, wenn er ein schulinternes Eignungsgespräch mit Fachlehrern absolviert hat. 12 Gegenwärtig existieren 187 Waldorfschulen in Deutschland (fünfzehn weitere sind in Planung), die von insgesamt rund 76.000 Kindern und Jugendlichen besucht werden (Stand: April 2004). 13 Die Zahl der Waldorfschulen stieg in den letzten drei Jahrzehnten erheblich an: 1974 gab es bundesweit erst 37 (in der DDR waren Waldorfschulen verboten). 14 Waldorfschulen werden aus der Initiative von Lehrern und Eltern gegründet. Generell kommt dem Willen der Eltern, ihrem - auch finanziellen - Engagement und ihrer Mitarbeit entscheidende Bedeutung für die individuelle Gestalt der Waldorfschule und für das Gelingen der pädagogischen Zielsetzungen zu. Die Elternschaft besitzt eine erhöhte Verantwortlichkeit, die sich an vielen Waldorfschulen in einem aus Eltern und Lehrern zusammengesetzten Gremium widerspiegelt. 15
Um eine optimale Entwicklung des Schülers zu gewährleisten, ist laut Steiner die Schaffung eines positiven Lernklimas notwendig, in Geborgenheit soll das Kind seine Kräfte entfalten können. Diese Notwendigkeit fußt auf der anthroposophischen Erkenntnis, dass jedes Kind selbständig lernen will und für dieses eigentätige Lernen ein Sicherheit vermittelndes Umfeld vonnöten ist, wie es auch zuhause bei den Eltern existiert. 16 Ebenso leitet sich aus dieser Erkenntnis ab, dass es wichtig ist, dem Kind Anregungen zu geben, an denen es seine Lerntätigkeit aufbauen kann. In keinem Falle darf dem Kind etwas aufgezwungen werden. Daher wird in der Waldorfschule auf den Gebrauch von Lehrbüchern, die Thematisches und
11 vgl.: Kiersch 1997 9 , S. 51 f.; Rösch 1985², S. 266 ff.
12 vgl.: Leber 1985², S. 16; Prange 1985, S. 146 f.
13 vgl.: Bund der Freien Waldorfschulen (Hrsg.): Verzeichnis der Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen sowie
der Lehrerausbildungsstätten in Deutschland. April 2004. S. 26.
Quelle: http://www.waldorfschule.info/adressen/brd.pdf (Datum: 23.04.2004)
14 vgl.: Lindenberg 1990, S. 353.
15 vgl.: Rösch 1985², S. 266 ff.
16 vgl.: Wyneken 1992, S. 182.
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Arbeit zitieren:
Karsten Kramer, 2004, Waldorfpädagogik in kritischer Betrachtung, München, GRIN Verlag GmbH
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