Die Überzeugung, dass politische Bildung als ein Teil der allgemeinen Persönlichkeitsbildung
– mit der impliziten Aufgabe der Ausbildung demokratisch denkender
und handelnder Staatsbürger dieser Gesellschaft – notwendig ist, hat sich bereits in
der politikdidaktischen Diskussion der 1950er Jahre durchgesetzt.1 So kommt der
Schule als institutioneller Rahmen dieses Lernvorganges eine Schlüsselrolle zu. Die
Forderung nach bildungspolitischer Gleichbehandlung2, die in der Bildungsexpansion
ihren Ausdruck fand, „führte auf inhaltlicher Ebene zu einer Diskussion über die
Stofffülle der Lehrpläne, zur Kritik an ihrem Enzyklopädismus, zur Forderung nach
exemplarischem Lernen sowie nach einer Beschränkung auf das Wesentliche.“3 Auf
eine kurze Formel gebracht subsumieren die Tübinger Beschlüsse von 1951 denn
auch: „Verba docent, exempla trahunt.“4
Mit Kurt Gerhart FISCHER als einem Vertreter der „hessischen Didaktiker“, der sich
mitverantwortlich für die so genannte „didaktische Wende“ zeigte – nicht zuletzt
durch das 1960 veröffentlichte Buch „Der Politische Unterricht“5, welches von Walter
GAGEL als erste Fachdidaktik des politischen Unterrichts (!) gewürdigt wurde6 –
fanden die Begriffe der Einsichten und Erkenntnisse Eingang in die breitere politikdidaktische
Betrachtung. Anhand ihrer Implikationen werden im Folgenden Zielund
Inhaltskomponenten FISCHERs Didaktik des politischen Unterrichts7 betrachtet
und im heutigen gesellschaftlichen Kontext kritisch hinterfragt.
1 vgl. Tielking 1998, 57
2 d.h. der Minderung der starken Selektivität des Bildungssystems und der Verbesserung der
Zugangschancen zu den Sekundarstufen für bildungsferne soziale Schichten
3 Tielking 1998, 57
4 vgl. Tübinger Beschlüsse, zitiert nach Fischer 1999, 167
5 Fischer et al 1965, 1960
6 vgl. Gagel, Menne 1988, 18
7 Wenngleich Fischer die politische Bildung nicht als exklusive Aufgabe des Unterrichtsfaches Politik
verstanden hat, sondern vielmehr als eine Bildungsaufgabe per se in allen Bereichen – wie später noch
gezeigt wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zieldimensionen und ihre Umsetzung
2.1 Die Verflechtung von Elementarem und ihrer Einsichten
2.2 Emanzipation – FISCHERs Bild des homo politicus
3 Resümee
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die didaktischen Ansätze von Kurt Gerhard Fischer zur politischen Bildung, insbesondere die zentrale Bedeutung der Begriffe „Einsichten“ und „Erkenntnisse“. Ziel ist es, das Modell des homo politicus sowie die methodische Umsetzung der kategorialen Bildung kritisch vor dem Hintergrund moderner gesellschaftlicher Anforderungen zu beleuchten.
- Die politikdidaktische Bedeutung von „Einsichten“ und „Erkenntnissen“
- Fischers Konzept der „didaktischen Wende“ und der politische Unterricht
- Die kritische Rolle des „Fallprinzips“ bei der Lerngegenstands-Auswahl
- Die demokratische Emanzipation als Ziel der politischen Bildung
- Kritische Analyse der Austauschbarkeit von Lerngegenständen
Auszug aus dem Buch
Die Verflechtung von Elementarem und ihrer Einsichten
Im Kontext der allgemeinen Didaktik der Zeit sieht FISCHER das Elementare der politischen Bildung in den wenigen Grundüberzeugungen und –werten der sozialen und politischen Wirklichkeit, die alle Gesellschaftsmitglieder teilen und die zudem in der demokratischen Grundordnung, explizit in der Verfassung, niedergelegt sind: „Keine Gesellschaft, keine Vergesellschaftung kann leben und überleben ohne ein Minimum gemeinsamer Grundüberzeugungen aller ihrer Mitglieder.“ Dieser Minimalkonsens ist wesentlicher Inhalt des politischen Unterrichts. Ihn zu erkennen, zu hinterfragen und für sich (ggf.) anzuerkennen ist das Ziel im Sinne FISCHERs Didaktik.
Selbst wenn die Evidenz des Axioms der allen gemeinsamen Werturteile gegeben ist, so ist doch die Aufgabe des politischen Unterrichts, eben diese Werte der ständigen kritischen Betrachtung zu unterziehen. In dieser dialektischen Vertiefung von (Grund-)Werten sieht FISCHER die Einsicht, d.h. die hochgradige Generalisierung von Werten, mit dem impliziten Bewusstsein, dass Werturteile niemals richtig oder falsch sein können, sondern sich in der Abwägung miteinander als besser oder schlechter herausstellen. Andernfalls oktroyierte der Lehrende, wie schon oft zuvor, einen unbegründeten, d.h. nicht hinterfragten Wertekanon, der unumstößlich festzustehen scheint. Die eigentliche Erkenntnis – die Fähigkeit einzelne Werte mit Inhalt füllen und den historischen Hintergrund erfassen zu können, um sich schlussendlich eine eigene fundierte Meinung zu bilden – gewinnt der Lernende eben erst dann, wenn sich der Unterricht über die Schulung von Sachkenntnissen hin zur Bildung richtet.
Der wert-kritische Leitgedanke führt neben der Erkenntnis, besser noch der Einsicht in das elementare Politische zum Vermögen einer kritischen Urteilsbildung und schlussendlich zu FISCHERs Bild des homo politicus, als ein zum politischen Handeln im Sinne einer durchdachten und fundierten politischen Stellungnahme befähigten Menschen. „Somit stellen die ,Einsichten‘ das Elementare kategorialer Bildung für politischen Unterricht dar […].“ Sie sind ergo der eigentliche Lerninhalt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung verortet Fischers Didaktik in der politikdidaktischen Diskussion der 1950er Jahre und stellt die Relevanz der Begriffe „Einsichten“ und „Erkenntnisse“ für den politischen Unterricht heraus.
2 Zieldimensionen und ihre Umsetzung: Dieses Kapitel erläutert die Grundsätze der Einsichtenbildung, die Rolle des Fallprinzips bei der Lerngegenstandsauswahl sowie die angestrebte Befähigung zum eigenständigen, vernunftgeleiteten Handeln.
2.1 Die Verflechtung von Elementarem und ihrer Einsichten: Der Abschnitt diskutiert die Notwendigkeit, Grundwerte kritisch zu hinterfragen und durch den Erwerb von Einsichten eine fundierte eigene Urteilsbildung zu entwickeln.
2.2 Emanzipation – FISCHERs Bild des homo politicus: Hier wird das Ziel der politischen Bildung als Vorbereitung auf ein mündiges, selbstbestimmtes Bürgerleben definiert, das über rein kognitive Wissensvermittlung hinausgeht.
3 Resümee: Die Schlussbetrachtung würdigt Fischers Konzept, stellt jedoch fest, dass die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen heute neue Herausforderungen an die Didaktik stellen.
Schlüsselwörter
Politische Bildung, Didaktik, Kurt Gerhard Fischer, Einsichten, Erkenntnisse, Elementarisierung, homo politicus, politische Urteilsbildung, Fallprinzip, politische Emanzipation, Wertekanon, Lerngegenstand, Demokratieerziehung, politische Handlungskompetenz, Grundwissen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der didaktischen Theorie von Kurt Gerhard Fischer und seiner Konzeption der politischen Bildung, wobei der Fokus insbesondere auf der Bedeutung von „Einsichten“ und „Erkenntnissen“ liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Didaktik des politischen Unterrichts, die Vermittlung von Grundwerten, die kategoriale Bildung und das Ziel der politischen Emanzipation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die kritische Analyse von Fischers Didaktik sowie die Untersuchung, inwieweit seine Konzepte der „Einsichtenbildung“ und der „kasuistischen Lerngegenstandsauswahl“ im heutigen gesellschaftlichen Kontext Bestand haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine kritisch-historische Analyse und wertet dazu Fachliteratur sowie historische politikdidaktische Schriften von Fischer und Zeitgenossen aus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Zieldimensionen der Didaktik, die Verflechtung von Wissen und Einsicht sowie das Ideal des homo politicus detailliert beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind politische Bildung, didaktische Wende, Urteilsfähigkeit, Demokratie, Emanzipation und das Prinzip des Elementaren.
Wie unterscheidet sich der homo politicus nach Fischer von heutigen Vorstellungen?
Fischers Bild des politisch gebildeten Laien wird in der Arbeit mit dem moderneren Konzept des „Aktivbürgers“ verglichen, wobei Fischer einen eher kognitiv-reflexiven Ansatz verfolgt.
Warum wird das „Fallprinzip“ in Fischers Didaktik kritisiert?
Die Kritik setzt an der Austauschbarkeit von Lerngegenständen an, die dazu führen kann, dass wichtige fachliche Sachkenntnisse vernachlässigt werden und die Lernenden lediglich eine vorbestimmte Wertehierarchie verinnerlichen.
- Quote paper
- Ralph Horstkötter (Author), 2004, Einsichten zum Elementaren - Überlegungen zu den grundlegenden didaktischen Zielen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26377