Einleitung
S.1 - 2
1.These I
S. 3
1.1. Argumentation von Norbert Bolz zu These I
S. 3 S. 3
1.1.1. Die Option des Krieges
S. 4
1.1.2. Dialog der Religionen
1.1.3.Wertorientierung
1. 2. Kritik und Analyse von These I
S. 7 S. 7
1.2.1 Die Option des Krieges
S. 7 - 8
1.2.2. Dialog der Religionen
2.1. Argumentation von Norbert Bolz zu These II
S. 16
S. 16 - 17
2.1.1. Die zivilisierenden Effekte des kapitalistischen Konsumismus
S. 17 - 18
2.1.2. Der Konsumismus als Ersatzreligion
S. 18 - 19
2.1.3. Die positiven Effekte des modernen Geldverkehrs
S. 19 - 20
2.1.4. Der Neid zugunsten des öffentlichen Wohles
2.2. Analyse und Kritik von These II
S. 20 S. 20
2.2.1. Die zivilisierenden Effekte des kapitalistischen Konsumismus
S. 21
2.1.2. Der Konsumismus als Ersatzreligion
S. 21 - 23
2.2.3. Die positiven Effekte des modernen Geldverkehrs
S. 23
2.2.4. Der Neid zugunsten des öffentlichen Wohles
3. Fazit
Literaturverzeichnis
II
Einleitung: In dem, bereits kurz nach seinem Erscheinen im Jahre 2002 kontrovers diskutierten sozialphilosophischen Werk „Das Konsumistische Manifest“, proklamiert Norbert Bolz den
modernen Konsumismus als das einzig erfolgversprechende System, das den Herausforderungen, den der fundamentalistische Terror an die Weltgesellschaft stellt,
gewachsen sei.
So löse der Konsum all jene Befriedigungsprobleme, „die keine Religion, kein Humanismus,
keine Rechtsordnung, geschweige denn ein Krieg je vollständig bewerkstelligen “ 1 könne. Bolz erkennt in den modernen Konsumenten friedfertige Antipoden der fundamentalistischen Fanatiker, denn ihnen gelinge mit dem Konsum „sich Anerkennung durch sichtbaren Erfolg
zu verschaffen.“ 2 So lautet die Grundthese des Konsumistischen Manifest:
„Das 21. Jahrhundert beginnt mit der Kritik der liberalen Vernunft, die von religiösen Fanatikern in der Weltsprache der
Gewalt geschrieben wird. Im Terror islamischer Fundamentalisten manifestiert sich ein Antiamerikanismus, gegen den die
westliche Welt keinen erfolgreichen Krieg führen kann, weil man – das war schon die Lektion von Vietnam – unter
Bedingungen einer feminisierten Öffentlichkeit ohnehin keinen erklärten Krieg mehr führen kann. Doch wenn das zutrifft,
bleibt dem Westen nur eine Hoffnung: der Marktfriede. Konkret besteht diese Hoffnung darin, dass sich der Virus – oder wie
man im Anschluss an Richard Dawkins formulieren könnte: die Meme des kapitalistischen Wirtschaftens – auch in den heute
noch vom antiamerikanischen Ressentiments besetzten Seelen reproduziert. Wirtschaftlicher Erfolg als Opium für die
Fanatiker (...)“ 3
In meiner Hauptseminararbeit sollen daraus die zwei nachfolgenden zentralen Thesen analysiert und kritisiert werden:
These 1: „Dem Westen bleibt nur eine Hoffnung: der Marktfriede. Konkret besteht diese Hoffnung darin, dass sich der Virus (...) des kapitalistischen Wirtschaftens – auch in den
heute noch vom antiamerikanischen Ressentiment besetzten Seelen reproduziert.“ 4
These 2: „Der Konsumismus ist das Immunsystem der Weltgesellschaft gegen den Virus der
fanatischen Religionen.“ 5
1 Leander Scholz 2002
Rezension zu „Das konsumistische Manifest“, Deutschlandradio vom 25.10.2002, im Internet unter: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/165612/ 2 Bolz, Norbert 2002 Das konsumistische Manifest, München, Wilhelm Fink Verlag, S.15
3 ebd., S.16 4 ebd, S.16 5 ebd, S.16
1
Im ersten und umfangreichsten Teil der Arbeit werde ich die wichtigsten Dimensionen der Argumentation, mit welcher Norbert Bolz These 1 begründet, vorstellen. So soll gezeigt werden, warum der Autor der Ansicht ist, dass der Marktfriede in Form des modernen Konsumismus, die einzige Hoffnung des Westens darstellt, der Herausforderung der fanatischen Religionen zu begegnen, und warum andere Handlungsmuster, wie etwa Krieg, ein Dialog der Religionen oder die stärkere Betonung einer Wertorientierung in unserer modernen Gesellschaft dazu nicht fähig seien.
Anschließend soll These 1 einer kritischen Analyse unterzogen werden. Dabei werden einerseits die oben beschriebenen, von Norbert Bolz abgelehnten, alternativen Reaktionsmuster des Westens auf die Herausforderung des religiösen Fanatismus untersucht werden. Andererseits erfolgt eine Analyse der Ursachen des Fundamentalismus, die meines Erachtens für eine kritische Bewertung von These 1 unumgänglich ist.
Zudem werde ich die Folgen des Konsumismus für die sogenannten Minimalwerte: „formale
Demokratie, Liberalismus und soziale Marktwirtschaft“ 6 aufzeigen und die Rolle des Staates in unserer modernen Gesellschaft untersuchen. Im Abschnitt „Der Marktfriede“, der den ersten Teil der Arbeit beschließen wird, werde ich eine Analyse der Machtverhältnisse innerhalb des modernen Wirtschaftssystems vornehmen und die daraus resultierenden Folgen für die Beurteilung von These 1 vortragen.
Im zweiten Teil der Arbeit werde ich die im Konsumistischen Manifest vorgetragenen, wichtigsten Begründungen für These 2 vorstellen, so die zivilisierende Wirkung des kapitalistischen Konsumismus, die Funktion des modernen Konsumismus als Ersatzreligion, die positiven Effekte des modernen Geldverkehrs, und den sogenannten Neid zugunsten des öffentlichen Wohles. Anschließend werde ich die vom Autor propagierten, positiven Effekte des modernen Konsumismus kritisch auf ihre Realitätskongruenz überprüfen und mit Hilfe der gewonnenen Ergebnisse These 2 analysieren.
Mit dem dritten Teil der Untersuchung, dem Fazit, in dem die erarbeiteten Erkenntnisse zu einer abschließenden Beurteilung des Konsumistischen Manifests herangezogen werden, werde ich die Hausarbeit beschließen.
6 ebd, S.39
2
1.1. These I:
„Dem Westen bleibt nur eine Hoffnung: der Marktfriede. Konkret besteht diese Hoffnung dari n, dass sich der Virus (...) des kapitalistischen Wirtschaftens – auch in den
heute noch vom antiamerikanischen Ressentiment besetzten Seelen reproduziert.“ 7
1.1.1. Die Option des Krieges
Bolz argumentiert, dass gegen einen islamistischen Fundamentalismus, das sei „die Lektion
von Vietnam – unter Bedingungen einer feminisierten Öffentlichkeit“ 8 kein erfolgreicher Krieg geführt werden könne. So ließe die Darstellung des Krieges in den modernen Medien
eine „Paradoxie der Ethik der Medien“ 9 erkennen: „Erst kann man nicht mehr tatenlos
zusehen, dann kann man den Krieg nicht mehr führen – Stichwort: body bag syndrom.“ 10 Im Krieg gegen den Terror, bei dem es ohnehin „im wesentlichen um Rhetorik“ 11 gehe, werde von Politikern und den Massenmedien immer wieder verlautbart, dass „die
Weltgemeinschaft durch Fanatiker, Terroristen und Fundamentalisten von außen bedroht“ 12 werde. Fatalerweise sei dem politischen System des Westens „ ... nichts ferner als eine
Deutung des Terrors als Selbstbedrohung der Weltgesellschaft“ 13 , obgleich es sich beim Fundamentalismus, so Bolz, um „die präzise Reaktionsbildung gegen den Ausschluss der
Konsum – und Kommunikationslosen“ 14 handele: In dieser Perspektive, erschienen „Fundamentalismus und Weltgesellschaft als Komplementärphänomene :“ 15 „Der spektakuläre Terror und die farblose Apathie der schweigenden Massen, die sogenannte
Politikverdrossenheit, wären dann also die zwei Seiten derselben Medaille erkennbar:
minimale Partizipationschancen in der modernen Gesellschaft.“ 16
„Dass der Fanatismus, vor dem die Weltgesellschaft erschrickt, ihr eigenes Produkt“ 17 sei, bleibe verborgen, weil er sie als ganze zu bedrohen scheine. Denn, so Bolz, die Politik des Westens missverstehe sich als Weltgesellschaft und brauche deshalb einen globalen Feind.
So gehe „ ... der Staffelstab der Weltfeindschaft vom Faschismus an den Kommunismus und
7 ebd, S.16
8 ebd, S.16 9 ebd, S.57 10 ebd, S.57 11 ebd, S.21 12 ebd, S.23 13 ebd, S.25 14 ebd, S.25 15 ebd, S.24 16 ebd, S.23 17 ebd, S.35
3
heute eben an den Fundamentalismus.“ 18 Denn hinter dem Spektakel des Fundamentalismus walte „die Supercodierung der modernen Gesellschaft: Inklusion – Exklusion.“ 19
1.1.2. Dialog der Religionen
Auch vom sogenannten Dialog der Religionen verspricht sich Bolz keine Fortschritte. Man sollte sich „nicht von der humanistischen Seminarerfahrung der Religionswissenschaftler und
der politischen Korrektheit der Politiker irreführen lassen, die uns heute unisono einreden“ 20 wollten, der Islam sei eine Religion des Friedens. Vielmehr kommt Bolz zu der Einschätzung, dass „die islamische Kultur [...] Modernisierung qua Säkularisierung [..] bis heute nicht
erreicht“ 21 habe. Denn nach wie vor ordneten „die Muslime die Welt mit der Unterscheidung der zwei Rechtskreise „Islam“ und „Ungläubige.“ 22 Zudem beanspruche der Islam immer noch „einen privilegierten Zugang zur Wahrheit“ 23 .
Für Bolz ist es deshalb absurd „sich irgendeinen politischen Fortschritt vom „Dialog der
Religionen“ zu versprechen“ 24 , denn wenn der Dialog beginne, habe „der Liberalismus schon gewonnen“ 25 und genau dafür hätten „die Frommen ein untrügliches Gespür.“ 26 So könnten „die Intelligenten unter den Frommen die Be weislast leicht umkehren und den säkularen
Geistern zeigen, dass sie den Gott der Vernunft bzw. der Diskussion anbeten.“ 27 Wer das einsehe, werde „sich der Illusion entschlagen, man könne zwischen Einschluss und
Ausschluss, zwischen tolerantem Dialog und dem Clash of Civilizations wählen.“ 28
1.1.3. Wertorientierung
Die Rufe nach einer stärkeren Wertorientierung in unserer modernen Gesellschaft hält Bolz für unsinnig. Denn aus der Tatsache, dass die „säkulare Weltgesellschaft [...] viele Optionen,
aber typ isch nur schwache Bindungen“ 29 biete, und damit nicht mit den starken Bindungen der traditionellen Struktur des Glaubens konkurrieren könne, ergebe sich „zwingend, dass eine Apologie der modernen Gesellschaft nicht versuchen sollte, neue starke Bindungen zu beschwören (Kommunitarismus, Bürgergesellschaft, Wertorientierung), sondern umgekehrt
die Stärke der schwachen Bindungen deutlich zu machen.“ 30
18 ebd, S.25
19 ebd, S.25 20 ebd, S.28 21 ebd, S.27 22 ebd, S.27 23 ebd, S.27 24 ebd, S.29 25 ebd, S.30 26 ebd, S.30 27 ebd, S.36 28 ebd, S.32 29 ebd, S.9 30 ebd, S.10
4
Daraus folge nicht die zynische Empfehlung, „die Moral durch den Marktmechanismus zu
ersetzen.“ 31 Vielmehr ge he es darum, „Moral nicht ethisch, sondern ökonomisch zu begründen – nämlich aus der Evolution der Kooperation.“ 32 Denn es sei in der modernen
Wirtschaftswelt „intelligent, nett zu sein“ 33 . Wer dagegen Erfolg suche, indem er die Dummheit der anderen ausnut ze, zerstöre „damit die Umwelt, in der er Erfolg haben könne.
Je komplexer das Wirtschaftssystem, um so mehr“ 34 hänge der eigene Erfolg vom Erfolg des anderen ab. Die Wiederauferstehung der Religion in Form des Fundamentalismus könne der Westen deshalb „nur beobachten, nicht aber dem islamistischen „challenge“ mit einem
geistreichen „response“ antworten.“ 35 Nach dem Untergang der „großen Erzählungen“ [...], also im postideologischen Zeitalter“ 36 würden die Religionen als Identitätsangebote konkurrenzlos werden, denn das Heilsversprechen des Fundamentalismus wappne „ gegen die
Kontingenz der Welt“. 37 Unter Zuhilfenahme eines Begriffsschemas von Talcott Parsons sieht Bolz „das normale
Orientierungsmuster der modernen Gesellschaft durch zwei komplementäre Störungen
bedroht“ 38 , nämlich „durch Regression und Utopie:“ 39 So stehe „die Weltgesellschaft in einer beständigen Oszillation zwischen einem „hell – fire and damnation´fundamentalism“ und der
„sugary sentimentality of „positive thinking““ 40 Während sich auf der einen Seite der Grenze „ die Erfolgsgeschichte der Systeme“ 41 entfalte, explodiere „auf der anderen Seite (..) „der
Hass auf alles, was funktioniert“ 42 . Frei nach Descartes: „Ich zerstöre, also bin ich.“ 43 Nur wer das nicht so sehe oder sehen wolle, würde „die Herausforderung der westlichen Welt
durch den Islamismus als eine „geistige“ missverstehen, welche nahe legen würde, „der
Westen möge sich wieder auf seine Werte besinnen.“ 44 Laut Bolz zielt dieser Ruf nach Werten aber „auf die Unentrinnbarkeit eines Dogmas“ 45 , welches uns „vor dem endlosen
Kreisen in unbeantwortbaren Fragen“ 46 schützen solle. So funktionierten heute „ die „Grundwerte“ als Dogma der Zivilreligion“ 47 , welche die „Paradoxie, die Ernst – Wolfgang
31 ebd, S.14
32 ebd, S.14 33 ebd, S.14 34 ebd, S.14 35 ebd, S.24 36 ebd, S.24 37 ebd, S.43 38 ebd, S.37 39 ebd, S.38 40 ebd, S.38/39 41 ebd, S.55 42 ebd, S.55 43 ebd, S.55 44 ebd, S.39 45 ebd, S.39 46 ebd, S.39 47 ebd, S.39
5
Böckenförde so klar gesehen“ 48 habe, verdeckten, dass nämlich der freiheitliche säkulare Staat von Voraussetzungen lebe, die er selbst nicht garantieren könne, ohne seine Freiheitlichkeit in Frage zu stellen. Deshalb sei „heute so viel von Constitutionalism und
Verfassungspatriotismus die Rede“ 49 , was letztendlich auf eine „Substitution der Bibel durch die Verfassung“ 50 abziele.
Wer heute über einen Werteverlust jammere, verkenne „ den spezifischen Werteverzicht der
modernen Gesellschaft“ 51 Sie habe nun einmal „nicht mehr zu bieten [...] als formale Demokratie, Liberalismus und soziale Marktwirtschaft“ 52 und genau das sei das Geheimnis
ihrer Stärke. Es sei eben „nicht die Vernunft, die uns diese Minimalwerte diktiert“ 53 habe, sie seien „vielmehr das unwahrscheinliche, erstaunliche Resultat der Geschichte abendländischer
Rationalität.“ 54 Denn „die uns vertraute Rede von Menschenrechten, Demokratie, Freiheit und Individualismus“ 55 , sei „also alles andere als voraussetzungslos“ 56 . Schon Carl Schmitt habe „immer wieder darauf hingewiesen, dass die staatstheoretischen Begriffe des Abendlandes
säkularisierte theologische – und das heißt eben konkret: christliche – Begriffe“ 57 seien. Und genau dafür habe „der islamische Fundamentalismus eine hohe Sensibilität.“ 58 Der Fundamentalismus konfrontiere „den Liberalismus mit Konflikten, die nicht auf
Interessenkonflikte reduzierbar“ 59 seien. Wer fromm sei, „habe kein Interesse am Marktplatz der Ideen.“ 60 Er habe bereits „die Wahrheit – und deshalb kein Interesse an einer anderen
Wahrheit.“ 61 Denn für den Frommen seien „die westlichen Werte schon deshalb unattraktiv, weil sie sich, inhaltlich völlig unbestimmt wie sie sind, bei näherem Hinsehen ganz in
Verfahrensfragen auflösen: Variabilität, Offenheit, Andersheit, Dialogizität.“ 62 Deshalb lautet die Lektion nach Bolz: „Es gibt keine Rationalität und Toleranz ohne Grenzen, das heißt ohne Exklusion. Und Liberalismus war bisher vor allem auch die Kunst, diese Geste unsichtbar zu
machen.“ 63 So wäre „die liberale Neutralität [...] stets eine Geste der Exklusion“ 64 gewesen, „die sich als Geste der Inklusion tarnte.“ 65
48 ebd, S.39
49 ebd, S.39 50 ebd, S.39 51 ebd, S.39 52 ebd, S.39 53 ebd, S.39 54 ebd, S.39 55 ebd, S.40 56 ebd, S.40 57 ebd. S-40 58 ebd, S.40 59 ebd, S.30 60 ebd, S.30 61 ebd, S.30 62 ebd, S.31 63 ebd, S.31 64 ebd, S.32 65 ebd, S.32
6
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Magister Artium Roland Sonntag, 2004, Das Konsumistische Manifest von Norbert Bolz. Eine kritische Analyse., Munich, GRIN Publishing GmbH
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