Zur Künstlerin
* 19.1.1889/Davos
+ 13.1.1943/Zürich
Sophie Taeuber besuchte zunächst die Gewerbeschule in St. Gallen, es folgte später ein Wechsel and die Lehr- und Versuchsateliers für angewandte und freie Kunst in München. Sie wird Mitglied des schweizerischen Gewerbebundes und Lehrerin für Textildesign an der Kunstgewerbeschule in Zürich.
Im Jahr 1916 beginnt sie ihre selbstständige künstlerische Karriere und in Folge kommt es zu Kontakten mit den Dadaisten des Cabaret Voltaire in Zürich. 1921 heiratet sie Hans Arp; 1926 beginnt sie gemeinsam mit Arp und Theo von Doesburg mit der Arbeit an der Ausgestaltung des Café Aubette in Strassburg, dieser Auftrag wurde ursprünglich ihr allein erteilt.
Es folgt eine Übersiedlung nach Meudon, die Künstlerin wird Mitglied der Gruppe Abstraction création. Es folgte die Flucht vor den deutschen Truppen nach Grasse und Rückkehr nach Zürich im Jahr 1940.
„Wie die Blätter eines Märchenbaumes sanken die tiefen Farbenträume Sophies in mein Dasein nieder.“ 1
Das Besondere an Sophie Taeuber-Arp ist - unter anderem - ihre Vielseitigkeit; sie lässt sich keiner Kunstrichtung zuordnen - ihre Arbeiten sind von den verschiedensten Stilen des beginnenden 20. Jahrhunderts beeinflusst - ob es sich nun um Dada, Expressionismus oder Konstruktivismus handelt. Als bildende Künstlerin schuf sie Gemälde und Skulpturen. Weiters betätigte sie sich auch in den Bereichen Tanz und Puppentheater und arbeitete an Collagen, Wandteppichen - oft gemeinsam mit ihrem Mann Hans Arp. Im Zentrum ihrer Kunst stand nicht so sehr eine abstrakte Vorstellung, die im Kopf des Künstlers langsam Gestalt annimmt, sondern die ganz konkrete Arbeit mit Materialien, es war die Umsetzung, die Handarbeit, wovon Sophie Taeuber eigentlich ausging.
1 Arp, Hans: Unsern täglichen Traum, S. 24
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Ihren Arbeiten liegt eine geometrische Grundstruktur zugrunde. Die Einteilung in Quadrate als einer reinen Form ist der Ausgangspunkt jedes Werks. Die Rückkehr zum Ursprünglichen, Elementaren war es, was dadurch ermöglicht werden sollte.
„In den Arbeiten, die Sophie Taeuber mir damals kurz nach unserer ersten Begegnung zeigte, waren als Material ebenfalls Wolle, Seide, Stoff und Papier verwendet. Aus der frühesten Zeit ihre künstlerischen Schaffens sind noch Stilleben und Portraits erhalten geblieben. Die meisten jener Arbeiten aber hatte sie schon damals vernichtet, da sie nach neuen Lösungen in der Kunst suchte. Ihre geistige Reinheit und die Liebe zum Handwerk führten sie schon in ihren ersten abstrakten Kompositionen zur größten Vereinfachung.“ 2
„Sophie Taeuber und ich malten, strickten und klebten im Jahr 1915 Bilder, die wahrscheinlich die ersten Werke konkreter Kunst sind. Diese Arbeiten sind selbstständige, unabhängige Wirklichkeiten. Sie haben keinen rationalen Sinn, sie entspringen nicht der greifbaren Wirklichkeit. Wir verwarfen alles, was Nachahmung oder Beschreibungen sein könnte, um das Elementare und Spontane in uns frei wirken zu lassen. Weil die Verteilung der Flächen, ihre Verhältnisse und Farben auf diesen Arbeiten nicht ausgeklügelt wirkten, erklärte ich, dass diese Werke nach den Gesetzen des Zufalls geordnet seien, des Zufalls, der für mich nur ein Teil der unerklärbaren Vernunft ist, der unfasslichen Ordnung, welche die Natur regiert.“ 3
Ihre Beteiligung an Dada Zürich war nur eine Facette ihres künstlerischen Schaffens, ihr bildnerisches Werk, das sehr harmonisch und ruhig ist, lässt sich nur schwer mit den dadaistischen Aktivitäten im Cabaret Voltaire und später der Galerie Dada in Verbindung bringen.
„(...) Wir vollführen einen Höllenlärm. Das Publikum um uns schreit, lacht und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Wir antworten darauf mit Liebesseufzern, mit Rülpsen, mit Gedichten, mit Muh -Muh und Miau-Miau mittelalterlicher Bruitisten. Tzara läßt sein Hinterteil hüpfen wie der Bauch einer orientalischen Tänzerin, Janco spielt auf einer unsichtbaren Geige und verneigt sich bis zur Erde. Frau Hennings mit einem
2 Arp, Hans: Unsern täglichen Traum, S. 10
3 Arp, Hans: Unsern täglichen Traum, S. 52
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Madonnengesicht versucht Spagat. Huelsenback schlägt unaufhörlich die Kesselpauke, während Ball kreideweiß wie ein gediegenes Gespenst ihn am Klavier begleitet. - Man gab uns den Ehrentitel Nihilisten.“ 4
Die Zusammenarbeit mit den Dadaisten ließ eine spielerischere Auseinandersetzung mit Materialien, Farben und Formen zu, die sich zu dieser Zeit in ihren Arbeiten finden lässt. Ihre Arbeiten und Projekte sind jeweils Ergebnisse von Kollaborationen mit anderen Künstlern, vor allem eben mit ihrem Mann aber auch aus der Dada -Gruppe, die dann in ihre Werke einfließen konnten. Sophie Taeuber ließ sich inspirieren, sie war offen für Ideen anderer, die sie für sich umsetzte. Und auch ihre eigenen Arbeiten traten miteinander in Dialog. Sie stand jedoch Zeit ihres Lebens im Schatten ihres Mannes und seines künstlerischen Schaffens und erst nach ihrem Tod fanden auch ihre Werke größere Beachtung. Dabei wird oft der große Einfluss, den ihre Kreativität auf Hans Arp nahm, oft übersehen.
„Die klare Ruhe der vertikalen und horizontalen Kompositionen Sophie Taubers beeinflusste die barocke, diagonale Dynamik meiner abstrakten Gestaltungen. Eine sanfte Stille strömte aus ihren Farben- und Flächenbauten. Sophie Taeubers letzte Vereinfachungen, die ausschließliche Vereinfachungen von waagrecht und senkrecht gestellten, rechteckigen Flächen in den Bildern jener Zeit, übten auf meine Arbeit einen entscheidenden Einfluss aus.“ 5
Ein Einfluss, den er selbst vielleicht unterschätzt hatte - was sich auch ihm erst nach ihrem Tod offenbarte. Tief getroffen durch diesen Schicksalsschlag begann er sich verstärkt in seinen Gedichten auf Sophie zu beziehen.
4 Arp, Hans, zitiert in: Schrott, Raoul: Dada 15/25, S. 51
5 Arp, Hans: Unsern täglichen Traum, S. 11
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Das Cabaret Voltaire in Zürich war für Künstler ein Ort, an dem neue Dinge aus zahlreichen Impulsen entstehen konnten, die Vorstellungen entwickelten sich oftmals spontan aus dem Augenblick heraus. Die Atmosphäre bestimmten Menschen der verschiedensten Kulturen, die während des Krieges in die Schweiz gekommen waren - Sophie Taeuber war eine der ganz wenigen Schweizer in dieser Gruppe. Dazu kommt noch, dass sich ein Zusammenspiel der verschiedensten Kunstrichtungen ergab; dies war ein Garant war für eine enorme künstlerische Freiheit.
Im Plakat zur Eröffnung des Cabaret Voltaire findet sich die Ankündigung einer Darbietung „abstrakter Tänze“ zu Versen Hugo Balls. Die Kostüme zu dieser Darbietung schuf Hans Arp, die Tänzerin war Sophie Taeuber, die beim Choreographen und Tanzpädagogen Rudolf von Laban Ausdruckstanz studierte. Im Programm taucht ihr Name nicht auf.
„Sophie Tauber war als Lehrerin an der Kunstgewerbeschule in Zürich tätig. Sie lehrte Komposition, Web- und Sticktechnik. Diese Arbeit war zum größten Teil bedingt durch die Notwendigkeit der materiellen Existenz. Ihre Arbeit ermöglichte ihr und mir die freien , wesentlichen Arbeiten. Ich muß den Leser daran erinnern, dass wir uns in der Dadazeit befinden und dass die Dadaisten sich eines sehr
6 Arp, Hans: Sophie, zitiert nach: Besonderheiten eines Zweiklangs, S. 99
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schlechten Leumundes erfreuten. Von der Direktion der Kunstgewerbeschule wurde Sophie Taeuber daher b edeutet, sie habe ihre Teilnahme an dadaistischen Manifestationen aufzugeben, ansonsten, wie man in der Schweiz sagt, sie ihrer Stellung als Lehrerin verlustig ginge. Sie sah sich nun gezwungen, beim Tanz eine Maske und einen Decknamen zu tragen.“ 7
Doch dieses Verdecken der eigenen Identität hatte noch andere Aufgaben und war für die Maskentänze der Dadaisten von großer Bedeutung. Dies zeigt sich an den Gedanken Hugo Balls zu den Masken des Marcel Janco:
„Janco hat für die neue soirée eine Anzahl Masken gemacht, die mehr als begabt sind. Sie erinnern an das japanische oder altgriechische Theater und sind doch völlig modern. Für die Fernwirkung berechnet, tun sie in dem verhältnismäßig kleinen Kabarettraum eine unerhörte Wirkung. Wir waren alle zugegen, als Janco mit seinen Masken ankam und jeder band sich sogleich eine um. Da geschah nun etwas Seltsames. Die Maske verlangte nicht nur sofort nach einem Kostüm, sie diktierte auch einen ganz bestimmten pathetischen, ja an Irrsinn streifenden Gestus. Ohne es fünf Minuten vorher auch nur geahnt zu haben, bewegten wir uns in den absonderlichsten Figuren, drapiert und behängt mit unmöglichen Gegenständen, einer den anderen in Einfällen überbietend. Die motorische Gewalt dieser Masken teilte sich uns in frappierender Unwiderstehlichkeit mit. Wir waren mit einem Mal darüber belehrt, worin die Bedeutung einer solchen Larve für die Mimik, für das Theater bestand. Die Masken verlangten einfach, dass ihre Träger sich zu einem tragisch-absurden Tanz in Bewegung setzten.“ 8
Die Maske dient als Mittel der Distanzierung, sie wird gebraucht, um etwas erzählen zu können, indem eben eine Trennung zwischen Erzähler und Erzähltem geschaffen wird. Ähnlich wie im Marionettentheater dient dieser
Verfremdungseffekt einer größeren Freiheit des Künstlers in Annäherung an sein Thema und schafft auch einen stärkeren Kontrast, der eine größere Drastik ermöglichen kann.
7 Arp, Hans: Unsern täglichen Traum. S. 17f.
8 Ball, Hugo zitiert nach: Jawlensky. Das andere Gesicht , S. 186
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Arbeit zitieren:
Cornelia Wurzinger, 2004, Sophie Taeuber Arp - zwischen bildender Kunst und Theater, München, GRIN Verlag GmbH
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