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INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG. 3
2. AUSWIRKUNGEN DER PSYCHISCHEN ERKRANKUNG EINES
ELTERNTEILS AUF DIE FAMILIE. 6
2.1. Funktionen der Familie und Funktionsverluste der Familie durch die
psychische Erkrankung eines Elternteils. 6
2.2. Die Auswirkungen der psychischen Erkrankung auf die einzelnen
Mitglieder der Familie. 6
2.2.1. Der psychoseerkrankte Elternteil. 8
2.2.1.1. Die Folgen einer akuten psychotischen Erkrankung 10
2.2.1.2. Die chronisch psychische Erkrankung und ihre Bedeutung
f ür die Familie. 11
2.3.1. Die Folgen für die Kinder. 12
2.3.1.1. Unmittelbare Reaktionen der Kinder auf den
veränderten erkrankten Elternteil. 13
2.3.1.2. Folgeprobleme für die Kinder. 14
2.4.1. Auswirkungen auf den Partner. 15
2.4.1.1. Die Belastungen für den Partner in der psychotischen
Krise. 16
2.4.1.2. Auswirkung auf den Beziehungsalltag des Paares 17
3. AUFGABEN, ANGEBOTE UND ZUSAMMENARBEIT DER ERWACHSENE-N
PSYCHIATRIE UND JUGENDHILFE IN DER FAMILIENARBEIT. 18
3.1. Aufgaben und Angebote einer gemeindenahen psychiatrischen Versorgung. 19
3.1.1. Aufgaben einer gemeindenahen psychiatrischen Versorgung. 19
3.1.2. Angebote einer gemeindenahen psychiatrischen Versorgung. 21
3.1.2.1. Stationäre Angebote. 21
3.1.2.2. Komplementäre Angebote. 23
3.1.2.3. Ambulante Angebote. 25
3.2. Aufgaben und Leistungen der Jugendhilfe. 26
3.2.1. Aufgaben der Jugendhilfe. 26
3.2.2. Leistungen der Jugendhilfe. 30
3.2.2.1. Hilfen zur Förderung der Erziehung in der Familie. 30
3.2.2.2. Hilfen zur Erziehung. 33
3 2 3 Zwischenergebnis 36
3
3.3. Zusammenarbeit der beiden Handlungssysteme Erwachsenenpsychiatrie
und Jugendhilfe in der Praxis. 38
3.3.1. Spannungsfelder der beiden Handlungssysteme. 38
3.3.1.1. Parteilichkeit der beiden Institutionen. 39
3.3.1.2. Selbstbestimmung des Erkrankten kontra mögliche
Gef ährdung des Kindes. 40
3.3.1.3. Unterschiedliche Bearbeitungszeiten der Institutionen 40
3.3.1.4. Unterschiedliche zeitliche Maßstäbe in der Betreuung
von Eltern und Kindern 41
3.3.2. Möglichkeiten einer gelingenden Kooperation. 43
4. CASE MANAGEMENT IN DER SOZIALEN ARBEIT. 45
4.1. Die Entwicklung der Sozialen Einzelfallhilfe (Case Work) und ihre
Verbindungslinien zum Case Management. 46
4.2. Das Konzept des Case Management nach Neuffer. 49
4.2.1. Leitlinien einer fallorientierten Sozialen Arbeit. 49
4.2.2. Ablauf und Phasen des Case Management. 51
5. EINSATZMÖGLICHKEITEN FÜR DAS CASE MANAGEMENT KONZEPT
NACH NEUFFER IN DER SOZIALEN ARBEIT IM ARBEITSFELD
PSYCHIATRIE. 61
5.1. Parallelen des personenzentrierte Ansatzes zum Case Management-
Konzept. 61
5.2. Case Management im Sozialpsychiatrischen Dienst. 65
6. RESÜMEE. 70
ABK ÜRZUNGSVERZEICHNIS. 74
LITERATURVERVERZEICHNIS. 75
ANHANG
4
1. EINLEITUNG
Auf Familien, in denen ein Elternteil psychisch erkrankt ist und die Bedeutung dieser Erkrankung für die Familie wird in der Öffentlichkeit oder in der Fachliteratur bisher kaum eingegangen. Die Erwachsenenpsychiatrie hat in ihrer Behandlung den erkrankten einzelnen Menschen im Blickfeld und nicht primär das soziale Umfeld. So beziehen sich ihre Angebote für Angehörige nicht auf die Kinder sondern im wesentlichen auf Eltern, welche psychisch kranke Kinder haben. Auch in der Sozialen Arbeit mit Familien, wie bspw. in der Jugendhilfe liegen kaum Erkenntnisse über die speziellen Probleme dieser Familien vor. Dass psychisch erkrankte Menschen auch Eltern sind und Kinder haben, scheint für die Erwachsenenpsychiatrie und der Jugendhilfe noch ein Randphänomen zu sein.
Die Kinder- und Jugendpsychiatrie, die sich sich schon seit langer Zeit mit den Kindern psychisch kranker Eltern beschäftigt, erkannte den Zusammenhang zwischen der psychischen Erkrankung eines Elternteils und der psychischen Erkrankung der Kinder. So stellte Remschmidt u. a. fest, dass etwa ein Drittel der Kinder, die sich in stationärer Behandlung befinden, einen Elternteil haben der psychisch krank ist (s. Remschmidt, 1994, S. 14). Im Jahr 1996 wurde in Deutschland auf dem Kongress „Hilfen für Kinder psychisch Kranker“ (Veranstalter war der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker in der Zusammenarbeit mit dem Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigung) zum ersten Mal die problematische Situation der Kinder öffentlich gemacht. Dadurch richtete sich der Fokus auch auf die psychisch kranken Eltern und die gesamte familiäre Situation. Von 1999 bis 2002 wurde vom Institut für soziale Arbeit e. V. in Kooperation mit der Fachhochschule in Dortmund ein Projekt zu der Thematik „Kinder psychisch kranker Eltern und deren Lebenssituation“ durchgeführt. Ziel war es, Kenntnisse über die Lebenswelten der Kinder und ihre Ressourcen zur Bewältigung dieser belastenden Situation zu erhalten. Daneben untersuchte das Projekt, wie die fachlichen Handlungsweisen der Erwachsenenpsychiatrie und Jugendhilfe unter
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einer sozialpädagogischen Perspektive mit den Problemen der Kinder und der Familien umgehen (s. Schone, 2002, S. 9). Das führte dazu, dass die Lebenswelt der betroffenen Familien mit erfasst wurde. Ich werde mich in meiner Arbeit besonders auf die Ergebnisse dieses Projekt stützen.
Im Erkenntnisinteresse dieser Arbeit steht die Frage, inwieweit das Case Management, als eine Arbeitsform der Sozialen Arbeit, eine geeignete Arbeitsfweise darstellt, um Familien, in denen ein Elternteil psychisch erkrankt ist, effektiv und effizient zu unterstützen. Es gibt verschiedene Case Management Modelle (s. Schleuning, 2000, S.1ff.) die zumeist den Bezug auf einzelne Erkrankte nehmen. In dieser Arbeit soll die Anwendung des Case Management Konzeptes von Neuffer dargestellt werden. Er richtet sein Konzept ganz speziell auf die fallorientierte soziale Arbeit mit dem Einzelnen und mit Familien (Neuffer, 2002). Im ersten Schritt meiner Arbeit ist es zunächst erforderlich darzustellen, was es für das Familiensystem bedeutet, wenn ein Elternteil psychisch erkrankt. Dabei lege ich für den Begriff der ,Familie’ die Definition des siebten Jugendberichts, des Bundesministeriums für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit aus dem Jahr 1986 zugrunde. Da ist mit Familie die „auf persönlichen Beziehungen gegründete Gemeinschaft gemeint, in der Erwachsene und junge Menschen auf Dauer angelegt miteinander leben, dabei aufeinander Einfluss nehmen und füreinander Verantwortung tragen“ (zitiert n. Schewe, 2000, S. 277). Diese Definition umfasst alle mögliche Formen von Familienbeziehungen, wie die klassische Familie, Mutter, Vater, Kinder, die Ein-Eltern-Familie, Stieffamilien usw.
Es ist zunächst danach zu fragen, welche Funktionen die Familie hat und welche Funktionsverluste die psychische Erkrankung eines Elternteils nach sich zieht. Was konkret die psychische Erkrankung eines Elternteils in bezug auf die Situation der einzelnen Familienmitglieder innerhalb des Familiensystems bewirkt, soll hier thematisiert werden. Im dritten Teil der Arbeit werde ich der Frage nachgehen, welche Unterstützungsangebote die Erwachsenenpsychiatrie und die
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Jugendhilfe, als die beiden wichtigen Institution im Umgang mit psychisch kranken Menschen und bei familiären Problemen für diese Familien anbieten. Dabei zeige ich auf, welche Hilfsangebote die beiden Institutionen anbieten, was sie voneinander unterscheidet, wo ihre Grenzen und Möglichkeiten liegen und was dies für die praktische Arbeit mit den Familien bedeutet. Ich beschreibe anschließend die Konflikte und Spannungsfelder, welche in der praktischen Zusammenarbeit durch die unterschiedlichen Handlungsaufträge der beiden Institutionen auftreten, Anschließend stelle ich Ansätze dar, wie die Kommunikationsstruktur und Zusammenarbeit der Fachkräfte der beiden Institutionen verbessern werden könnte. Im anschließenden Kapitel soll dann untersucht werden, welches spezifisches Lösungspotenzial Case Management hat. Wo dieses Konzept institutionell unter welchen Bedingungen verortet werden soll, stelle ich im letzten Abschnitt vor. Im Ressüme werde ich die Ergebnisse der Arbeit zusammenfassend darlegen.
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2. AUSWIRKUNGEN DER PSYCHISCHEN ERKRANKUNG EINES ELTERNTEILS AUF DIE FAMILIE
2.1. Funktionen der Familie und Funktionsverluste der Familie durch die psychische Erkrankung eines Elternteils
Die Familie erfüllt verschiedene Funktionen, wie die Erziehung und Sozialisation der Kinder, die Regeneration der einzelnen Mitglieder und deren finanzielle Versorgung (s. Textor, 1990, S. 89). Die Erziehung und Sozialisation des Kleinkindes, das Befriedigen und Sicherstellen grundlegender Bedürfnisse wie Körperpflege, Ernährung, aber auch Verlässlichkeit und Bindung, Sicherheit, Vertrauen,
emotionale und verbale Zuwendung und Anerkennung ist grundlegend für die Entwicklung des Urvertrauens und der Identitätsentwicklung des Kindes.
Die Regenerationsfunktion leistet einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der psychischen Gesundheit und Integrität des Einzelnen. Die Familie ist Rückzugsraum gegenüber dem außerfamiliären Alltag und die Mitglieder unterstützten einander bei der Verarbeitung der von außen kommenden Belastungen.
Die finanzielle Versorgung garantiert die Beteiligung an den gesellschaftlichen Gegebenheiten, wie Bildung, Kultur, Gesundheit und Freizeit.
Bei einer psychischen Erkrankung eines Elternteils werden die oben genannten Familienfunktionen beeinträchtigt und können oft nur noch unzureichend erfüllt werden. So besteht die Gefahr, dass bei einer Erkrankung der primären Bezugsperson Defizite der kognitiven und sozial-emotionalen Entwicklung beim Kind entstehen. Diese sind umso größer, je jünger das Kind ist. Bei einer länger bestehenden Erkrankung kann die finanzielle Versorgung wegbrechen. So kann sich bspw. die wirtschaftliche und soziale Lage der Familie durch Arbeitslosigkeit und den dadurch bedingten finanziellen Problemen verschlechtern. Durch die innerfamiliären Anspannungen und Belastungen aufgrund der Erkrankung bricht auch die Regenerationsfunktion weg.
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Die Funktionsverluste sind abhängig davon, welcher Elternteil erkrankt ist. Die Rollenverteilung innerhalb der Familie ist oft noch traditionell und die Haushaltsführung und Kindererziehung wird nach der Geburt eines Kindes von der Frau vorgenommen, während der Mann weiterhin erwerbstätig bleibt. Empirische Daten, die seit den 50er Jahren erhoben wurden zeigen, dass die Aufgabenbereiche der Frau trotz vermehrter Berufstätigkeit nach wie vor Hausarbeit und Kindererziehung sind (s. Lakemann, 1999, S. 41).
Erkrankt der Mann, kann die Funktion der Familie wie Erziehung und Regeneration von der Frau aufrecht erhalten werden. Es zeigt sich auch, dass psychisch kranke Männer durch die Ehefrau stabilisiert werden. Durch die krankheitsbedingte Einschränkung des Mannes in seiner Berufsausübung, wie bspw. Wechsel des Arbeitsplatzes, oder Umschulungsmaßnahmen und Erwerbsunfähigkeit, können finanzielle Engpässe entstehen. Dadurch kann es zu einer Rollenverschiebung kommen, wobei die Frau die einzige Versorgerin der Familie wird. Dagegen kann der Ausfall der Frau aufgrund einer psychischen Erkrankung weniger gut kompensiert werden. Denn das bedeutet für den Mann eine zusätzliche Belastung, da er sich neben seiner Berufstätigkeit um die Versorgung der Kinder kümmern muss. Auch ist nun die Gefahr größer, dass die familiären Strukturen durch Trennung auseinanderfallen, da das Trennungsrisiko bei der Erkrankung der Frau größer ist (s. Schone, 2002, S. 69).
Besteht die Familie nur aus einem Elternteil, der „Ein-Eltern-Familie“, welche in den letzten Jahren erheblich zugenommen hat, (s. Bullinger, 1998, S. 53) sind die Auswirkungen für das Familiensystem noch gravierender. Die unmittelbare primäre Bezugsperson muss mit der Erkrankung und den Auswirkungen alleine zurechtkommen und kann sich nicht ausreichend um die Kinder kümmern. Es besteht hier ein erhöhter Bedarf an institutioneller Unterstützung, da auch im Gegensatz zur traditionellen Familie das soziale Netzwerk von Alleinerziehenden zu anderen Familien kleiner ist (s. Bullinger, 1998, S. 56 ff.).
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2.2. Die Auswirkungen der psychischen Erkrankung auf die einzelnen Mitglieder der Familie
2.2.1. Der psychoseerkrankte Elternteil
Eine psychische Erkrankung kann verschiedene Formen annehmen, wie z. B. Neurosen, Borderline, Persönlichkeitsstörungen usw. Ich
beschränke mich jedoch auf Menschen, die an einer schizophrenen und affektiven Störung erkrankt sind. Dabei verwende ich den Begriff „Psychose“, auch wenn dieser im überarbeiteten ICD-10 (International Classification of Diseases der WHO) nicht mehr verwendet wird, da er neutraler, unbelasteter ist, als z. B. Schizophrenie oder schizophrene Störung. Psychosen sind schwerwiegende seelische Erkrankungen, die sich durch eine tiefgreifende Veränderung des Denkens, der Wahrnehmung und der Affektivität auszeichnet. Bei den schizophrenen
Psychosen, zum Teil auch bei den affektiven Psychosen, können noch akzessorische Symptome wie Wahnideen und Halluzinationen (akustische, optische und taktile) dazukommen (s. Finzen, 2003, S. 39ff.).
Um verstehen zu können, wie Patienten eine Psychose erleben, haben in den 60er bzw. 70er Jahren die Psychiater Huber und Gross und die Psychologin Süllwold das Basisstörungs-Konzept entwickelt. Demnach sind bei einer Psychose bei den Erkrankten grundsätzliche Störungen im Bereich des Denkens, der Sprache, der Wahrnehmung, der Gefühle und der Bewegung vorhanden (s. Tab.1, in Wienberg, 1995, S. 35). Die Betroffenen nehmen diese vor und nach einer akuten psychotischen Krise, oder auch in symptomfreien Zeiten bei sich wahr. Durchgehend im Erleben der Störungen ist die Erfahrung innerer Verwirrung und Desorientierung. Der Versuch mit diesen Störungen umzugehen, verlangt von den Betroffenen eine erhöhte Anstrengung und hat oft zur Folge, dass sie sich von der Umwelt zurückziehen müssen. Bestimmte Arten von Basisstörungen können schließlich in spezifische psychotische Symptome übergehen.
Der Anfang, die Dauer und das Ende einer Psychose sind sehr individuell
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und nicht vorhersehbar. Im folgenden orientiere ich mich hauptsächlich an den Ausführungen von Helene Beitler, die in ihrem Buch „Psychose und Partnerschaft (2002)“ sehr gut beschreibt, wie die Symptome einer Psychose erlebt werden.
Sie schildert, dass die Psychose meist schleichend beginnt und von den anderen Familienmitgliedern, nicht wahrgenommen wird, sofern keine Erfahrung mit der Erkrankung vorhanden sind. Vorboten können z. B. sein: Schlaflosigkeit und das Gefühl starker innerer Unruhe. Die Betroffenen werden von Gedanken und Ideen überflutet, was zu Zerfahrenheit und Danebenreden führt. Auch kann es vorkommen, dass die Betroffenen sich zurückziehen, da sie von ihren inneren Erleben und Gefühlen überrollt und absorbiert werden. Für den Betroffenen beginnt sich die Innen- und die Außenwelt voneinander abzutrennen, das heißt die inneren persönlichen oder unbewussten Bilder treten immer stärker in den Vordergrund, sie nehmen Gestalt an oder beginnen als Stimmen zu sprechen. Diese Halluzinationen können auch als existentielle Bedrohung erlebt werden und dadurch starke Ängste auslösen. Die Betroffenen glauben von den Eindrücken weggeschwemmt zu werden. Das Erleben kann einem Traum gleichen, der wach erlebt wird. Daneben können weitere spezifische Symptome entstehen, so die Empfindung, dass Eindrücke oder Informationen von außen ungefiltert und ungehindert auf die Seele treffen. Dadurch kann ein Gefühl von Bedrohung oder Verfolgung entstehen.
In manchen Fällen verhält sich der Erkrankte feindselig und aggressiv gegenüber seiner Umwelt. Es kann auch vorkommen, dass Gewalt gegen sich selbst ausgeübt wird und Suizidabsichten oder Suizidversuche geäußert und ausgeführt werden. Durch diese intensiv erlebten Wahrnehmungen und der dadurch veränderten Erlebniswelt hat der Betroffene den Eindruck, er sei der einzige Gesunde und die anderen haben einen ’Mangel’. Die äußere Realität wird nur noch bruchstückhaft wahrgenommen, und dadurch kann es zu „ver-rückten“ Handlungen kommen (s. Beitler, 2002, S. 38). Der Erkrankte wird von seiner Umwelt als stark verändert, fremd und unheimlich wahrgenommen.
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Bei den affektiven Psychosen, welche sich weniger auf Denken und Wahrnehmen auswirken, ist die Stimmung beeinträchtigt. Bei depressiven Psychosen stehen Symptome wie tiefgreifende Niedergestimmtheit, ein Gefühl der Aussichtslosigkeit und Verzweiflung im Vordergrund. Oft kommen noch Schlaflosigkeit, Erschöpfung und körperliche Beschwerden hinzu. Die manische Psychose wird von einer abnormen Hoch- und Glücksstimmung, übermäßiges Aufgedreht- und Überdrehtsein begleitet. Es kommt zu Handlungen wie Geschäftsabschlüssen oder Einkäufen, die in keinem Verhältnis zur momentanen verfügbaren Geldmenge stehen.
2.2.1.1. Folgen einer akuten psychotischen Erkrankung
Die psychotische Erkrankung eines Elternteils/Partners kann für das System 'Familie' zu einem Belastungs- und Stressfaktor werden und zu einer lebensweltlichen Veränderung für alle Beteiligten führen. Anhand der auftretenden Symptome wird deutlich, dass die anderen
Familienmitglieder, sowie die gesamte familiäre Situation durch diese Erkrankung stark beeinträchtigt werden können. Der Erkrankte ist besonders in der akuten Krise mit den alltäglichen Anforderungen innerhalb und außerhalb der Familie völlig überfordert. So fehlt dem Erkrankten durch die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit seinen Symptomen die Kraft und die Sensibilität, die Bedürfnisse und Probleme der anderen Familienmitglieder
wahrzunehmen. Ebenso können die unterschiedlichen Nebenwirkungen der Medikamente, wie z. B. eine erhöhte Müdigkeit oder die Beeinträchtigung der körperlichen Verfassung durch motorische Unruhe, Steifheit, sowie eine Gefühlsverflachung, die Kommunikation und den Kontakt mit den Angehörigen stark einschränken. Oft ist eine Krise mit einem längerem Krankenhausaufenthalt verbunden, was eine Trennung von der Familie bedeutet. Die Betroffenen zweifeln
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daran, dass sie eine gute Mutter/ein guter Vater sind, und schämen sich dafür, was sie ihren Kindern und Partnern zumuten. Aus Scham wird häufig auch der Kontakt zur Umwelt eingeschränkt. Auch besteht nun oft die Angst, dass ihnen das Sorgerecht für ihr Kind entzogen wird oder dass sich der Partner von ihnen trennt.
Damit die Psychose zu Hause zu bewältigt werden kann, muss schon eine Erfahrung mit der Krankheit vorhanden sein. Selbst wenn das der Fall ist, kann diese Vorgehen nur gewählt werden, wenn der Partner und die Kinder dem vollkommen zustimmen und der Partner die Mehrfachbelastung übernehmen kann (s. Beitler, 2002, S. 67ff.). In den meisten Fällen wird der erkrankte Elternteil jedoch in einer Klinik behandelt.
2.2.1.2. Die Folgen einer chronisch psychische Erkrankung Für die Familie und den Betroffenen ist die weitere Verlaufsform der psychotischen Erkrankung von Bedeutung. In verschiedenen Verlaufsstudien aus den 70er Jahren konnte aufgezeigt werden, dass fast ein Drittel der Betroffenen geheilt aus der Psychose hervorgehen, ein Drittel deutlich gebessert und ein Drittel durch die Psychose chronisch krank wurden (s. Finzen, 2003, S. 110). Diese Untersuchungen berücksichtigen allerdings nicht die heutigen psychiatrischen Behandlungsmethoden, wie z. B. Frühbehandlung, psychotherapeutische und soziotherapeutische Begleitung und Rehabilitation.
Heilt die Psychose aus, kommt es zu einer Normalisierung des Alltags. Verläuft die Erkrankung jedoch chronisch, können durch die Einnahme von Medikamenten und deren Nebenwirkungen sowie den anhaltenden Negativsymptomen, bei dem Erkrankten Verhaltensveränderungen hervorgerufen werden. So kann dies zur Antriebslosigkeit, geringe Belastbarkeit, Passivität, sozialer Rückzug oder auch erhöhte emotionale Labilität führen. Diese gravierenden Veränderungen führen zu erhöhten Belastungen in der Familie und der Partnerschaft und haben unterschiedliche Auswirkungen auf das Familiensystem. Die Familie
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kann sich aus Scham vom sozialen Umfeld zurückziehen, da eine psychotische Erkrankung in der Gesellschaft immer noch stigmatisiert und mit den Eigenschaften wie gefährlich, aggressiv, unvernünftig, unheimlich und unberechenbar verbunden wird. Oder es kann zu einer Trennung vom erkrankten Elternteil kommen.
Inwiefern die Kinder von psychisch kranken Eltern betroffen sind und welche durch die Erkrankung verursachten Belastungen die Kinder erleben, werde ich im folgenden Kapitel beschreiben.
2.3.1. Die Folgen für die Kinder
2.3.1.1. Unmittelbare Reaktionen der Kinder auf den veränderten erkrankten Elternteil
Mattejat, ein Kinder- und Jugendpsychiater, der sich eingehend mit der Problematik der Kinder von psychosekranken Eltern beschäftigt hat, unterscheidet zwischen unmittelbaren Problemen und Folgeproblemen, an denen die Kinder im Falle einer psychischen Erkrankung eines Elternteils leiden können (s. Mattejat, zitiert in Wagenblass, 2001, S. 515).
Unmittelbare Probleme, die sich durch das direkte Erleben der Krankheit des Elternteils ergeben, sind: Desorientierung, Schuldgefühle, Tabuisierung, Redeverbot und Isolierung.
Die Krankheitssymptome der Eltern werden nicht verstanden und können deswegen nicht eingeordnet werden (Desorientierung). Sie glauben häufig, dass sie an der Erkrankung schuld sind (Schuldgefühle). Von den Eltern wird oft versucht, die Erkrankung als Familiengeheimnis zu wahren und das Kind bekommt dadurch die Botschaft, dass es über die familiäre Situation mit niemanden außerhalb der Familie sprechen darf (Tabuisierung und Redeverbot). Diese Situation führt in vielen Fällen dazu, dass sich die Kinder von ihrer sozialen Umwelt zurückziehen, um mit der Familie solidarisch zu sein (Isolierung).
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2.3.1.2. Folgeprobleme für die Kinder
Folgeprobleme die sich aus der durch Erkrankung des Elternteils veränderten familiären und sozialen Situation ergeben sind: Betreuungsdefizite, Zusatzbelastungen, Loyalitätskonflikt innerhalb der Familie, Loyalitätskonflikt nach außen und Abwertungserlebnisse. Durch die Überforderung der Eltern mit ihren eigenen Problemen kommt es zu einem Defizit an Zuwendung und Aufmerksamkeit für die Kinder (Betreuungsdefizite). Die Kinder übernehmen Familienaufgaben, wie z. B. die Essenszubereitung, Einkaufen gehen oder sie kümmern sich um die Betreuung der jüngeren Geschwister. Durch diese zusätzlichen Aufgaben müssen die eigenen kindlichen Bedürfnisse zurücktreten (Zusatzbelastungen). Durch die Übernahme elterlicher Aufgaben kommt es zu einer Rollenverschiebung und die Kinder geraten in eine Erwachsenenrolle, die sie überfordert. (Parentifizierung). Sie erleben Spannungen und Konflikte zwischen den Eltern und werden in diese mit hineingezogen. Loyalitätskonflikte sind die Folge, da sie häufig mit der impliziten Erwartung eines Elternteils konfrontiert werden, für diesen Partei zu ergreifen, (Loyalitätskonflikt innerhalb der Familie). Auch gegenüber Freunden, Bekannten schwanken sie zwischen Loyalität mit den Eltern und Distanzierung von diesen, da sie sich für diese schämen (Loyalitätskonflikt nach außen). Sie erleben, dass sie von ihrer sozialen Umwelt abgewertet werden, aufgrund der Tatsache, dass ein Elterteil an eine psychische Erkrankung hat (Abwertungserlebnisse). Diese beschriebenen Probleme zeigen auf, dass die Kinder unter der Erkrankung der Eltern stark leiden können. Wie sich diese familiären Probleme jedoch im Einzelfall für die Kinder auswirken, hängt von mehreren Faktoren ab.
So dürften die Auswirkungen der psychischen Erkrankung eines Elternteils auf die Kinder umso größer sein, je jünger die Kinder sind, je intensiver und chronischer die Krankheitsphase und der
Krankheitsverlauf des betroffenen Elternteils ist. Es spielt eine Rolle, ob die Kinder über die Erkrankung informiert werden und der andere Elternteil oder andere Bezugspersonen eine kompensatorische Funktion
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übernehmen können. Auch ist zu berücksichtigen, wie die sozialen und ökonomischen Ressourcen der Familie sind und ob der innerfamiliäre Zusammenhalt durch Trennung, Scheidung oder instabile
Partnerbeziehung gefährdet ist. Forschungsergebnisse zeigen, dass die Bündelung dieser psychosozialen Auswirkungen die Kinder im allgemeinen stärker beeinflussen als die elterliche Erkrankung selbst (s. Deneke, 1998, S. 88).
Die Erkrankungen müssen aber nicht zwangsläufig zu einer Störung führen und können auch von den Kindern positiv bewältigt werden. Dabei übernimmt der gesunden Elternteil, der eine kompenatorische Funktion übernimmt eine wichtige Rolle (s. Remschmidt, 1994, S,14). Die Reaktion der betroffenen Kinder auf diese Belastungen sind unterschiedlich. Eine mögliche Verhaltensweise ist die, dass sie sich von der Außenwelt zurückziehen und still und verschlossen werden. Es kann aber auch zu externalisierten Formen kommen, wie Aggressivität, Störungen des Sozialverhaltens oder anderen Verhaltensauffälligkeiten.
2.4.1. Auswirkungen auf den Partner
Es gibt bisher kaum Studien die sich mit der Lebenssituation von Ehepartnern beschäftigen, welche mit einem Partner zusammenleben, der an einer Psychose erkrankt ist. Die psychiatrische Fachliteratur beschäftigte sich hauptsächlich, mit den Belastungen und Problemen von Familienangehörigen die mit einem psychisch erkrankten erwachsenen Kind, zusammenleben.
Ich beziehe mich auf eine Studie von Jungbauer (2002), in der er mit 49 Partnern schizophrener Menschen ein ca. halbstündiges narratives Interview durchführte. Die Zielsetzung der Studie war es zu erfahren, was sich für den Angehörigen seit der Erkrankung des Partners verändert hat und wie sie die Erkrankung des Partners und den gemeinsamen Alltag erleben.
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2.4.1.1. Die Belastungen für den Partner in der psychotischen Krise Für den Partner ist der Beginn der Psychose oft mit starken psychischen Belastungen wie Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit verbunden. Es bestehen in der Regel erhebliche Informationsdefizite über die Symptome und Behandlungsmöglichkeiten. In der Zusammenarbeit mit den Ärzten und der Psychiatrie erleben sie Schuld-, Scham- und Versagensgefühle und fühlen sich von den behandelnden Ärzten nicht ernst genommen.
Neben der Betreuung des psychisch erkrankten Partners müssen sie nun die alltäglichen Verpflichtungen, wie die Erziehung und Versorgung der Kinder, Haushaltsführung und Erwerbstätigkeit alleine organisieren und bewältigen. Es stellt sich auch die Frage, inwieweit der Partner alleine zuhause gelassen werden kann oder ob er in eine Klinik eingewiesen werden muss. Zusätzliche Belastung und Stress kommt auf den Partner zu, wenn er die Verantwortung übernehmen muss, ob eine Einweisung in ein Klinik erfolgen soll, z. B. bei Suicidäußerungen oder in manischen Phasen, wobei der erkrankte Partner einen Klinikaufenthalt ablehnt. Mit zunehmender Krankheitserfahrung und besserer Informiertheit sind die Partner eher in der Lage, die auftauchenden Probleme in der Krise zu bewältigen. Wenn die psychotischen Krisen gehäuft auftauchen, langandauernd sind und es immer wieder zu den akuten Belastungen kommt, kann dies in letzter Konsequenz zu einer Trennung vom erkrankten Partner führen.
2.4.1.2. Auswirkungen auf den Beziehungsalltag des Paares
Je stärker die krankheitsbedingten Beeinträchtigungen und Veränderungen des Patienten erlebt werden, umso größer sind die auftauchenden Belastungen in der Paarbeziehung und im familiären Alltag. Die Angst davor, dass es wieder zu einem Rückfall kommt, führt dazu, dass der erkrankte Partner im Alltag genau beobachtet wird. So wird darauf geachtet, ob sich seine Verhaltensweisen verändern, bspw. wird beobachtet, ob der Partner an Schlaflosigkeit leider oder ob er sich
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vermehrt von seiner Umgebung zurückzieht. Dies bringt eine erhöhte chronische Anspannung mit sich. Auch Alltagssituationen, die mit Aufregungen verbunden sind, wie z. B. Urlaub, Umzug oder eine Familienfeier führt bei dem Partner zu erhöhter Aufmerksamkeit, da diese Stresssituationen das Risiko für einen psychotischen Schub erhöhen können.
Im Falle einer dauerhaften Einschränkung des Partners und der damit verbundenen Doppelbelastung des gesunden Partners im häuslichen Bereich und auf der Arbeit, kommt es zu einer Beeinträchtigung der Lebensqualität. Ebenso müssen Abstriche bei eigenen Bedürfnissen gemacht werden. Dies kann dazuführen, dass der gesunde Partner selber schwere gesundheitliche Probleme bekommt. Es zeigt sich, dass bei einer leichten bis mittelschweren Beeinträchtigung des erkrankten Partners im Alltag die Fortführung der Partnerschaft möglich ist. Wenn jedoch eine chronische Erkrankung vorliegt, leben die betroffenen Menschen eher nur noch selten in einer Partnerschaft (s. Jungbauer, 2002). Ob und unter welchen Voraussetzungen ein Leben mit dem erkrankten Partner möglich ist, hängt stark davon ab, inwieweit die Erkrankung kognitiv-emotional verarbeitet werden kann. Es muss die Bereitschaft da sein, sich mit den Symptomen und den Behandlungsmöglichkeiten auseinander zusetzen. Darüber hinaus ist die gemeinsame Absprachefähigkeit sehr wichtig (s. Beitler, 2002, S. 56). Voraussetzung dafür ist die beidseitige Akzeptanz der psychotischen Erkrankung und einer damit verbundenen neuen Definition des gemeinsamen Lebensentwurfes.
Die Erkrankung führt zu einer gravierenden Veränderung in der Familie. Im kommenden Kapitel gehe ich darauf ein, wie die beiden Institutionen Erwachsenenpsychiatrie und Jugendhilfe mit diese komplexen, Situationen in diesen Familien umgehen. Anschließend zeige ich auf, welche Probleme die beiden Institutionen in der Zusammenarbeit haben und wie eine Kooperation gelingen kann.
Arbeit zitieren:
Birgit Lesker, 2003, Sozialarbeit in Familien mit psychisch krankem Elternteil, München, GRIN Verlag GmbH
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