Die Organisation von Arbeit in einer Gesellschaft ist keineswegs willkürlich, sondern entpuppt
sich alsbald bei genauerem Hinsehen als auf Regeln basierend und Politiken widerspiegelnd.
Zuständigkeiten, Pflichten und Rechte werden im Rahmen des Geschlechterverhältnisses zugewiesen:
durch den Geschlechtervertrag.
In welchem Zusammenhang stehen Erwerbsformen und Lebensverhältnisse mit dem Geschlechtervertrag
in Deutschland? Der folgende Text soll dazu beitragen, den Zusammenhang zwischen
der Arbeits- und Lebensorganisation und dem Geschlechtervertrag transparent zu machen und
die Mechanismen und die einhergehenden Implikationen verständlich aufzuzeigen. Die Zusammenhänge
sind keineswegs offensichtlich, handelt es sich bei dem Geschlechtervertrag doch um
ein unausgesprochenes, scheinbar unsichtbares und fast wie selbstverständlich hingenommenes
„Regelwerk, das Frauen und Männer unterschiedliche Arbeiten und Werte, unterschiedliche
Verantwortlichkeiten und Pflichten zuweist“1 und somit hohe Relevanz für alle gesellschaftlichen
Bereiche besitzt. Ich konzentriere mich auf die Entwicklung der Erwerbsformen und Lebensverhältnisse,
und beschränke mich bei meiner Analyse auf Deutschland, um die Möglic hkeit
zu haben im Rahmen dieses Textes in die Tiefe einzudringen.
Frauen und Männer werden zunehmend mit einem strukturellen Widerspruch konfrontiert: So
ändern sich die Lebensverhältnisse und Erwerbsformen, doch der ihnen zugrundeliegende Geschlechtervertrag
schreibt sich nur oberflächlich modifiziert fort. Zwei Thesen möchte ich anhand
der Ergebnisse meiner Analyse der Entwicklung der Erwerbsformen und Lebensverhältnisse
in Kapitel 2 überprüfen:
a) Der ernährerzentrierte Geschlechtervertrag in seiner stets nur oberflächlich modifizierten
Form wird den sich wandelnden Lebens- und Arbeitsverhältnissen nicht gerecht und erzeugt
Widersprüche.
b) Die Herausforderungen unserer Zeit bedingen eine Neuverhandlung des Geschlechtervertrags
zwischen den Geschlechtern. Damit verbunden ist eine Neubewertung der Arbeit.
1 Gender Glossar: http://www.wien.gv.at/ma57/gender_mainstreaming/glossar.htm#gvert (Letzter Zugriff: 24.10.03).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Problemstellung
1.1 Vorgehen und Methode
1.2 Begriffe, Definitionen und Operationalisierung
2. Erwerbsformen, Lebensverhältnisse und der Geschlechtervertrag
2.1 Wandel der Erwerbsformen
2.2 Wandel der Lebensverhältnisse und Einstellungen
2.2.2 Haushaltsstruktur
2.2.3 Lebensformen
2.3 Der Geschlechtervertrag
2.3.1 Geschlechtsspezifische Pflichten
2.3.2 Geschlechtsspezifische Rechte
3. Zusammenfassung
4. Schlussfolgerungen und Diskussion
5. Ausblick
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen dem Wandel der Erwerbsformen, veränderten Lebensverhältnissen und dem deutschen Geschlechtervertrag. Ziel ist es, die Mechanismen und Implikationen aufzuzeigen, die durch die Diskrepanz zwischen modernen Lebensentwürfen und dem fortdauernden ernährerzentrierten Geschlechtermodell entstehen, um daraus die Notwendigkeit einer Neuverhandlung und Neubewertung von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit abzuleiten.
- Entwicklung und Wandel der Erwerbsformen in Deutschland
- Strukturwandel der Privathaushalte und Pluralisierung der Lebensformen
- Analyse des Geschlechtervertrags als regulierendes „Regelwerk“
- Die institutionelle Verankerung geschlechtsspezifischer Rechte und Pflichten
- Notwendigkeit einer Neubewertung von Arbeit und Geschlechterrollen
Auszug aus dem Buch
2.1 Wandel der Erwerbsformen
Die Arbeitswelt hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Die zunehmende Vielfalt der Beschäftigungsformen macht es schwer, zu definieren, was unter „normaler Erwerbsarbeit“ zu verstehen ist. Folgende Entwicklungen können in den letzten 10 Jahren festgestellt werden:
Die Frauenerwerbstätigkeit hat insgesamt stark zugenommen. Dabei steigt sie in Westdeutschland, während sie in Ostdeutschland abnimmt.
Die „Normalarbeitsverhältnisse“ (hier abgegrenzt als abhängige unbefristete Vollzeitbeschäftigung) verlieren an Gewicht, sind aber mit Abstand nach wie vor die wichtigste Erwerbsform.
Das Arbeitsvolumen hat zugenommen, nicht jedoch die Anzahl der Vollzeitarbeitsplätze. Eine erhebliche Ausweitung von Teilzeitbeschäftigung kann beobachtet werden, der überwiegend Frauen nachgehen. Ein zunehmender Arbeitszeitrückgang der wöchentlich geleisteten Arbeitsstunden von Vollzeit- und Teilzeit-Erwerbstätigen ist auffällig.
Befristete Arbeitsverhältnisse nahmen insgesamt zu. Dabei hatten mit fast 14 Prozent im Jahr 2001 erheblich mehr ostdeutsche Beschäftigte einen befristeten Arbeitsvertrag. Gut jeder fünfte abhängig Beschäftigte (ohne Auszubildende) in der Altersgruppe der unter 30-Jährigen war 2001 in einem befristeten Arbeitsverhältnis.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Problemstellung: Die Einleitung begründet das Thema und führt die zentrale Forschungsfrage zum Zusammenhang zwischen Erwerbsarbeit, Lebensverhältnissen und dem Geschlechtervertrag ein.
2. Erwerbsformen, Lebensverhältnisse und der Geschlechtervertrag: Dieses Kapitel analysiert empirisch den Wandel der Erwerbsstrukturen, der Haushaltstypen sowie den theoretischen Rahmen des Geschlechtervertrags und seine Auswirkungen auf Rechte und Pflichten.
3. Zusammenfassung: Der Autor fasst die wesentlichen Erkenntnisse zusammen, insbesondere die These, dass das Modell des Normalarbeitsverhältnisses an Bedeutung verliert und Widersprüche erzeugt.
4. Schlussfolgerungen und Diskussion: Hier werden die Thesen unter Einbeziehung des gesellschaftlichen Wandels diskutiert und die Notwendigkeit einer Neuverhandlung des Geschlechtervertrags gefordert.
5. Ausblick: Das Fazit skizziert Anforderungen an eine zukunftssichere Gesellschaft und die Notwendigkeit, staatliche Rahmenbedingungen für eine neue Geschlechterordnung zu schaffen.
Schlüsselwörter
Erwerbsformen, Lebensverhältnisse, Geschlechtervertrag, Normalarbeitsverhältnis, Reproduktionsarbeit, Geschlechterrollen, Arbeitsmarkt, Privathaushalte, Sozialpolitik, Steuerpolitik, Vereinbarkeit, Erwerbsbiographie, Modernisierung, Strukturwandel, Beschäftigung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie sich die Organisation von Arbeit und das Privatleben in Deutschland gewandelt haben und welchen Einfluss diese Veränderungen auf den sogenannten Geschlechtervertrag haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Transformation von Erwerbsformen, den Wandel der Haushaltsstrukturen und Lebensformen sowie die rechtliche und institutionelle Verankerung von geschlechtsspezifischen Rechten und Pflichten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Mechanismen transparent zu machen, durch die der ernährerzentrierte Geschlechtervertrag trotz sich wandelnder gesellschaftlicher Realitäten fortbesteht, und aufzuzeigen, warum eine Neuverhandlung notwendig ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und ergänzt diese durch die Auswertung empirischer Daten, insbesondere von Mikrozensus-Erhebungen und Statistiken des Bundesamtes.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden der Wandel der Erwerbsformen (z.B. Zunahme von Teilzeit und befristeten Stellen), die Pluralisierung der Lebensverhältnisse sowie die steuerlichen und sozialversicherungsrechtlichen Rahmenbedingungen des Geschlechtervertrags erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Erwerbsformen, Geschlechtervertrag, Normalarbeitsverhältnis, Reproduktionsarbeit, Strukturwandel, Sozialpolitik und Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Warum ist der Begriff des „Normalarbeitsverhältnisses“ zentral für die Analyse?
Der Autor nutzt diesen Begriff, um aufzuzeigen, dass das Leitbild der lebenslangen, vollzeitbeschäftigten männlichen Erwerbsperson in der modernen Gesellschaft nicht mehr flächendeckend tragfähig ist und zunehmend durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse verdrängt wird.
Welche Rolle spielt die Reproduktionsarbeit für den Geschlechtervertrag?
Die Reproduktionsarbeit wird als „Frauensache“ thematisiert, die durch institutionelle Anreize (wie das Ehegattensplitting) oft privatisiert bleibt, anstatt als gesellschaftliche Aufgabe anerkannt und neu bewertet zu werden.
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- Eva Bretschneider (Author), 2003, Erwerbsformen, Lebensverhältnisse und der Geschlechtervertrag, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26545