Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis......................................................................................................................1
I Einführung 2
II Vorlage und Prototypen der Protokolle 4
II 1 Die Vorlage : Dialogue aux Enfers entre Machiavel et Montesquieu 4
II 2 Die Prototypen: Biarritz und Ein Rabbiner über die Gojim 5
III Die jüdische Weltverschwörung eine antisemitische Kollage 7
III 1 Martin Luther und die religiösen Vorurteile..........................................................7
III 2 Adolf Stoecker und der soziale Antisemitismus 9
III 3 Die Weltverschwörung als Synthese 11
IV Die jüdische Auctoritas 12
V Die Widersprüche in den Protokollen 13
VI Die Protokolle als Legitimation für den Völkermord.....................................................13
VII Schlussbetrachtung 14
Bibliographie............................................................................................................................16
1
I. Einführung
Die Protokolle der Weisen von Zion – eine Fälschung, die keine ist: Aus einem brillanten Dialog abgeschrieben, von einem drit tklassigen Roman inspiriert, zusammengestückelt aus alten religiösen Vorurteilen und neuen sozialen Vorwürfen gegen die Juden, angereichert mit einer abstrusen Verschwörungstheorie – judenfeindliches Gedankengut aller Zeiten vereint sich in den Protokollen zur wirkungsmächtigen Kollage des Antisemitismus.
Der Text ist ein angeblich wörtlicher Bericht über 24 geheime Sitzungen, geführt von den Köpfen der jüdischen Weltverschwörung. Auf rund 100 Seiten wird erläutert, wie alle konkurrierenden Religionen ausgelöscht, alle Staatsoberhäupter gestürzt werden sollen, um den Weg frei für das jüdische Weltreich zu machen, dessen Thron ein König aus dem Hause Davids besteigen soll. Dieses große Ziel heilige alle Mittel und so schrecke das Judentum vor nichts zurück. Mit Hilfe von Freimaurerlogen und der Presse würden die Gesellschaften unterwandert, sozialistisches, liberales und demokratisches Gedankengut verbreitet, der Klassenkampf unterstützt und intrigiert, verführt, gemordet werden. So stehe das Judentum samt seiner heimliche n Weltregierung hinter allen wichtige n Umwälzungen der Geschichte (zum Beispiel Französische Revolution). Die Juden seien genauso für Inflation, Verfall von Moral und Sitten wie für Seuchen, Krankheiten und interstaatliche Konflikte verantwortlich. Wenn die Welt der Nichtjuden in naher Zukunft schließlich vollständig im Chaos versinke, breche die Zeit für das despotische Weltreich an. Demokratie und Sozialismus würden dann sofort wieder abgeschafft werden.
Norman Cohn hat in seinem Standardwerk über die Protokolle in diesem Wust aus unterschiedlichsten Anschuldigungen und Ausführungen über die angeblichen Pläne der Juden drei Hautthemen ausfindig gemacht: „Kritik am Liberalismus, Methoden zur Erlangung der Weltherrschaft, Beschreibung des zu errichtenden Weltstaates“ 1 .
Nach einer weit verzweigten und undurchsichtigen Entstehungsgeschichte, die bis heute noch nicht vollständig aufgeklärt ist, sind Auszüge der Protokolle erstmals im Jahre 1903 in der russischen Zeitschrift Znamja (Das Banner) veröffentlicht worden. 2 Ihren weltweiten Siegeszug traten sie vor allem in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg an. Sie wurden in nahezu alle Kultursprachen der Welt übersetzt. Henry Ford sorgte 1920 in den Vereinigten Staaten für ihre Publizierung in englischer Sprache, erst in seiner Zeitung Dearbon Independent (Auflage: 300.000 Exemplare), später als Buch mit dem Titel: The International Jew: The World’s Foremost Problem mit 500.000 Exemplaren. Im selben Jahr kamen in Deutschland gleich zwei Versionen auf den Markt. Der engagierte Antisemit Ludwig Müller alias Gottfried zur Beek veröffentlichte die deutsche Übersetzung unter dem Titel Die Geheimnisse der Weisen von Zion, die bis 1933 nicht weniger als 33 Auflagen erlebte. Theodor Fritsch nannte seine Ausgabe Die Zionistischen Protokolle. Das Programm der internationalen Geheimregierung, die es bis Hitlers Machtergreifung immerhin auf zwölf Auflagen brachte. 3
1 Cohn, Norman: „Die Protokolle der Weisen von Zion“: der Mythos der jüdischen Weltverschwörung. Aus dem Englischen von Karl Röhmer. Mit einer kommentierten Bibliographie von Michael Hagemeister. Baden-Baden; Zürich 1998: S.63 2 vgl. Sammons, Jeffrey L.: Die Protokolle der Weisen von Zion: die Grundlage des modernen Antisemitismus – eine Fälschung. Text und Kommentar. Göttingen 1998: S.15 3 vgl. ebd.: S.19f.
2
Selbst nach ihrer mehrfachen Entlarvung als Fälschung 4 werden die Protokolle bis zum
heutigen Tag in vielen Ländern weiter veröffentlicht. Zuletzt erschien 1996 eine neue
Ausgabe in Zagreb. Die Juden trugen demnach die Schuld am Krieg in Kroatien. 5 Scheinbar
hat die Idee einer geheimen Verschwörung, einem unsichtbaren Übel, das die staatliche und
gesellschaftliche Ordnung ins Wanken bringt, nicht s an ihrer Faszination verloren. Seinen
traurigen Höhepunkt erlebte der Text jedoch im Dritten Reich, erst als Bettlektüre Hitlers,
später als wichtiger Mosaikstein im antijüdischen Propagandagebilde des Nazi-Regimes.
Dass die Protokolle nicht auf einer t atsächlich stattgefundenen jüdischen Geheimsitzung
beruhen, kann auf unterschiedliche Art und Weise bewiesen werden. So spricht beispielsweise
gegen die Behauptung, der Text sei auf dem Zionistischen Kongress im Jahre 1897 in Basel
vorgetragen worden, ein einfaches Argument: Der Kongress war öffentlich. Die Zuhörer aus
aller Welt vernahmen zionistische Pläne, wie den über den ganzen Erdkreis verstreuten Juden
eine gemeinsame Heimat geschenkt werden kann; sie hörten jedoch kein Wort vo m Ziel einer
jüdischen Weltherrschaft. 6 Es ist unter diesen Umständen ausgeschlossen, daß der Vortrag der Protokolle, der ungefähr
vier Stunden gedauert hätte, auch vor einer ausgewählten Zuhörerschaft hätte geheim
7
gehalten werden können.
Der Beweis der Fälschung soll in der Ihnen vorliegenden Hausarbeit allerdings rein auf der
Grundlage eigenständiger Textarbeit erbracht werden. Im Folgenden werden Textstellen aus
der Rede Ein Rabbi über die Gojim, die auf einer Szene aus dem Roman Biarritz basiert, und
dem Dialogue aux Enfers entre Machiavel et Montesquieu den Protokollen gegenübergestellt.
So sollen die Protokolle als offensichtliches Plagiat entlarvt werden. Anschließend soll durch
ein Vergleich mit Martin Luthers Schrift Von den Juden und ihren Lügen und dem Werk des
Antisemiten Adolf Stoecker Unsere Forderungen an das moderne Judentum gezeigt werden,
inwieweit gängige religiöse sowie soziale und gesellschaftliche Vorurteile in den Protokollen
ihren Niederschlag finden.
Im Mittelpunkt dieser Hausarbeit soll die Frage stehen, warum ein Werk trotz ungeklärter
Autorenschaft, trotz eiliger und stümperhafter Komposition voll ermüdenden Wiederholungen
und auffälligen Widersprüchen, trotz des mehrfach erbrachten Beweises der Fiktionalität und
Fälschung eine solch entscheidende R olle in der Geschichte des 20. Jahrhunderts spielen
konnte. Wo liegt der Unterschied zu den so zahlreichen anderen antisemitischen Schriften,
die seit dem Mittelalter verfasst wurden, dass Norman Cohn von einem „Warrant for
Genocide“ 8 sprechen kann:
Es i st eine unumstößliche Tatsache, daß die [...] vergessenen Exzentriker einen Mythos
schufen, mit dem Jahre später die Herren einer großen europäischen Nation einen
9
Völkermord rechtfertigen konnten.
Haben die Protokolle der Weisen von Zion tatsächlich dazu beigetragen, „der Vernichtung der
europäischen Juden den Weg zu bahnen“ 10 ?
4 vgl. Sammons (1998): S.22 Nach einer Strafanzeige gegen das Bernsche Schundgesetz konnte die
Abhängigkeit der Protokolle von Herrmann Goedsches Roman Biarritz und Maurice Jolys Dialogue aux Enfers
entre Machiavel et Montesquieu 1935 auch juristisch nachgewiesen werden. Schon zuvor erschienen in
verschiedenen Ländern Arbeiten, in denen der Text als Fälschung entlarvt wurde.
5 vgl. Ben-Itto, Hadassa: „Die Protokolle der Weisen von Zion“ – Anatomie einer Fälschung. Aus dem
Englischen von Helmut Ettinger und Juliane Lochner. 1.Auflage. Berlin 1998: S.399
6 vgl. Sammons (1998): S.16
7 ebd. Hervorhebung im Original
8 Original-Titel von Norman Cohns Standardwerk, das 1967 erschien.
9 Cohn (1998): S.12
10 ebd.: S.16
3
II. Vorlage und Prototypen der Protokolle
II.1. Die Vorlage: Dialogue aux Enfers entre Machiavel et Montesquieu
Im Jahre 1864 veröffentlichte der liberale Advokat Maurice Joly den Dialogue aux Enfers
entre Machiavel et Montesquieu, ein brillantes Totengespräch zwischen Machiavelli und
Montesquieu, ein Streitgespräch zwischen Despotismus und Liberalismus. Montesquieus
humanistische und demokratische Ideale der Französischen Revolution stehen hierbei
Machiavellis Machtpolitik gegenüber. Joly kritisierte mit dieser Satire die Regierung
Napoleons III. 11 Von den Juden, oder gar dem Plan einer jüdischen Weltherrschaft ist freilich in dieser politischer Schrift in keiner Weise die Rede.
Also sind die Protokolle ein Phantom, das aus einem vollkommen andersartigen Kontext, der
mit einer angeblichen Weltverschwörung der Juden nicht den geringsten Berührungspunkt
12
aufweist, herausgenommen und umfunktioniert wurde.
Es besteht tatsächlichen kein Zweifel daran, dass Passagen aus Jolys Dialogue regelrecht
abgeschrieben und in den Protokollen lediglich in den Zusammenhang des jüdischen
Weltherrschaftsplans gestellt wurden. Zu deutlich gleichen sich viele Textstellen, ja sogar die
Reihenfolge der abgehandelten Themenschwerpunkte wurde nur vereinzelt geändert. Schon
der Vergleich der ersten Worte beider Werke entlarvt die Protokolle als Plagiat: Joly lässt
Machiavelli zu Beginn erläutern:
Der Mensch fühlt sich mehr zum Bösen als zum Guten hingezogen. [...] Die Menschen
streben alle nach der Herrschaft, und es gibt unter ihnen keinen, der nicht ein Unterdrücker
wäre, wenn er es sein könnte. Alle, oder fast alle, sind dazu bereit, die Rechte ihrer
Mitmenschen ihren eigenen Interessen zu opfern.
Was hält diese reißenden Tiere, die man Menschen nennt, zusammen? Bei der Entstehung
der Gesellschaftsordnungen ist es die brutale und ungezügelte Gewalt, [...] überall erscheint
13
die Gewalt vor dem Recht. Die politische Freiheit ist ein Ideal [...].
In der ersten Sitzung der Protokolle heißt es:
Ich stelle fest, daß die Menschen mit bösen Trieben zahlreicher sind als die mit guten
Eigenschaften [...]. Jeder Mensch strebt nach Macht, jeder Einzelne will Herr seiner
Entschlüsse und T aten sein, jeder möchte sich zum „Selbstherrscher“ (Diktator) machen,
wenn er nur könnte. Dieses Streben nach Macht ist so stark, daß es kaum einen Menschen
gibt, der nicht bereit wäre, das Allgemeinwohl zu opfern, um den eigenen Vorteil
durchzusetzen.
Welche Naturtriebe beherrschen die Raubtiere, die sich vom Blute der Menschen nähren? [...]
Als die menschliche Gesellschaft entstand, rissen die Raubtiere in Menschengestalt die rohe
und blinde Gewalt an sich. Hieraus ziehe ich den Schluß, daß die Gewalt allein maßgebend ist
[...].Somit folgt: das Grundgesetz des Daseins beruht völlig auf dem Gedanken: „Das Recht
gründet sich auf Gewalt, auf Stärke“.
14
Die staatliche Freiheit ist ein Gedanke, ein Begriff, aber keine Tatsache.
Machiavelli erläutert im zwölften Gespräch des Dialogue, wie er die Presse für seine Zwecke
missbrauchen will, „wenn zehn Zeitungen Opposition machen, werde ich zwanzig haben, die
für die Regierung eintreten, wenn zwanzig, dann werde ich vierzig, wenn vierzig, dann werde
ich achtzig haben“ 15 . Die angeblichen jüdischen Weltverschwörer tun ihm in Sitzung
11 vgl. Sammons (1998): S.12
12 ebd.: S.13
13 Joly, Maurice: Macht + Recht, Machiavelli contra Montesquieu: Gespräche in der Unterwelt. 2. Auflage des
um ein Vorw. von Herbert Weichmann erweiterten Nachdrucks. Hamburg 1979: S.10
14 Sammons (1998): S.29 Hervorhebungen im Original
15 Joly (1979): S.98
4
Quote paper:
Markus Hujara, 2004, Die Protokolle der Weisen von Zion, Munich, GRIN Publishing GmbH
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