Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Dars tellung der Interpretationsproblematik bei Kafka 4
3. Kurze Darstellung der wesentlichsten Interpretationsrichtungen 6
3.1. Die biographische Deutung 6
3.2. Die psychologische Deutung 6
3.3. Die theologische Deutung 7
3.4. Die philosophische Deutung 8
4. Der andere Weg zu Kafka 8
5. Anwendung des Schlüssels auf die Erzählung Vor dem Gesetz 12
6. Schlusswort 16
7. Literaturverzeichnis 18
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1. Einleitung
Kafkas Erzählungen sind im A llgemeinen bekannt für Rätselhaftigkeit und dementsprechend auch für eine Vielzahl von unterschiedlichsten Interpretationsrichtungen und Publikationen. Diese Ansätze stammen aus den verschiedensten Bezugssystemen, werden also in unterschiedlichste Kontexte gesetzt und dementsprechend verstanden. So entsteht schnell der Eindruck, beinahe alles könne sich bei ausreichender Begründung in die Schriften hineininterpretieren lassen. In der Tat ist dies auch geschehen, da bei hohem Verrätselungsgrad und häufigem Symbolgebrauch auch die Bezugspunkte viel freier und oft nach subjektiven Kriterien gewählt werden können. So findet jeder Leser gerade bei Kafka seinen ganz individuellen Weg, die Erzählungen zu verstehen, sich hineinzufühlen und in Bezug zu setzen. Dieser Interpretationsansatz wird versuchen, dieser Tatsache Rechnung zu tragen und dennoch auf der einen Seite Strukturen freizulegen, und auf der anderen Schlüssel anzubieten, die eine Verständnishilfe bieten können ohne ein festes Bezugssystem vorauszusetzen. Zusätzlich dazu sollen die wicht igsten Ansätze aus der Kafkaforschung angeschnitten werden. Anhand der Erzählung „Vor dem Gesetz“, die besonders viele Interpretationen hervorgebracht hat, soll dann der neue Schlüssel angewendet und erklärt werden.
2. Darstellung der Interpretationsproblematik bei Kafka
„…niemand, der Kafka gelesen hat, ganz zu schweigen von den vielen,
die ihn nicht gelesen haben, scheint im geringsten daran zu zweifeln, daß er ihn vollkommen versteht, mehr noch, daß er allein ihn versteht.“ (Flores) 1
Beinahe jeder L eser, der sich unvoreingenommen mit einer der Erzählungen Kafkas beschäftigt, liest mit einer vorgeprägten Einstellung, die durch praktische Lebens- und Leseerfahrung individuell gefestigt wurde. Dadurch versucht der Leser zunächst die dargestellte Handlung als realen Vorgang zu verstehen, der entweder tatsächlich passiert oder zumindest denkbar ist, also hätte passieren können. Dabei werden die bekannten physischen, logischen und relationalen 1 Flores 1946, S. 9
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Regeln vorausgesetzt, die unser Leben ausmachen. Bei Unstimmigkeiten oder Verstößen gegen diese Regeln versucht der Leser instinktiv das Dargestellte doch irgendwie in diese Gesetzmäßigkeiten zu integrieren. Dies geschieht aus dem Bestreben heraus, den Text mit den vertrautesten und konkretesten Mitteln und Regeln zu erfassen, die zur Verfügung stehen. Ist auch das nicht mehr möglich, wird abstrahiert. Einzelne Elemente der Handlung erhalten Symbolcharakter, werden also als Stellvertreter für etwas Reales, in unsere Gesetzmäßigkeiten passendes, angesehen. Durch die Uneindeutigkeit der Vielzahl von als Symbol identifizierten Handlungselementen ist der Leser verwirrt und versucht die Symbole in einer ihm logisch erscheinenden Art aufzuschlüsseln. Genau h ier setzten die meisten Kafka- I nterpretationen an, indem sie unterschiedlichste Bezugssysteme als Schlüssel zur Symbolvielfalt anwenden und diese somit auf die reale Ebene übertragen. So verstehen verschiedene Kafkainterpreten allein das Symbol Gesetz in der Erzählung „Vor dem Gesetz“ grundverschieden: Das Symbolverständnis reicht von „göttlicher Bestimmung“ (Buber) über „Absolutheit des Seins“ (Zimm) und „Wahrheit“ (Emri) bis hin zu „Selbstgericht und Einsicht in die eigene Schuld“ (Henel). 2 Da die Erzählungen bei Kafka jedoch fast nur aus Symbolen zu bestehen scheinen und die im Text gegebenen Bezüge oft mehr als nur schwammig sind, haben viele Wissenschafter das ihnen vertrauteste Bezugssystem gewählt und die Begriffe dahingehend belegt. Dazu werden vertraute Strukturen gesucht, die der Struktur der Erzählung ähnlich sind und Übertragungen dahingehend vorgenommen. Im weitesten Sinne geht der unvoreingenommene Leser genauso vor und versucht die ihm subjektiv am nächsten liegende Übertragung vorzunehmen. Dieser Prozess ist unvermeidbar begleitet von einer sich während des Lesens aufbauenden Unsicherheit und ständig variierenden Versuchen, die Symbole hinter den Handlungselementen aufzuschlüsseln. Somit ist die Richtung, die die Interpretation annimmt, individuell verschieden und von Vorkenntnissen und persönlicher Prägung abhä ngig.
Aus diesen Gründen ist die Anzahl der Interpretationsansätze und individuellen Lesarten zu Kafka so ungeheuer groß und unterschiedlich.
2 Andringa 1994, S.104
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3. Kurze Darstellung der wesentlichsten Interpretationsrichtungen
Seit Anfang der fünfziger Jahre, als die Kafkaforschung begann, intensiver zu werden, sind sehr viele, zum Teil stark unterschiedliche Interpretationen zu Kafka veröffentlicht worden. Aber auch schon davor gab es Kritiken, die in erster Linie theologisch bzw. philosophisch motiviert waren. Pionier war hier sicherlich Max Brod, der ein guter Freund Kafkas war und nach dessen Tod einen Großteil des heute bekannten Werks veröffentlichte. Die hier kurz vorgestellten, wesent liche n Interpretationsrichtungen sind die biographische, die psychologische, die theologische und die philosophische.
Die biographische Deutung
Eine r der am weitesten verbreiteten Interpretationsansätze ist die biographische oder teilbiographische Deutung. Sie versucht Parallelen zwischen dem Leben Kafkas und den Elementen der Erzählung aufzudecken und damit die Handlung zu erklären. Die in der Erzählung auftretenden Probleme werden direkt auf die durch Tagebücher und Briefe weitgehend bekannten konkreten Probleme Kafkas in dessen Lebenssituationen bezogen. In der Tat gibt es viele auffallende Ähnlichkeiten, die auf eine Lebensverarbeitung in seinen Texten hindeuten. Sogar Kafka selbst hat auf Ähnlichkeiten zwischen Namen von Charakteren und seinem eigenen hingewiesen, z.B. im Roman „der Proceß“, in dem der Hauptcharakter „Josef K.“ heißt. „Josef“ hat dabei genauso viele Buchstaben wie „Franz“ und der Nachnahme wird nur mit „K.“ abgekürzt, was Kafka in seinen Tagebüchern ausdrücklich bemerkt. In „Vor dem Gesetz“ wurde der Türhüter oft als überstarke Vaterfigur gesehen, die die persönliche Entwicklung verhindert. Parallel dazu nehmen die Probleme mit dem Vater in Kafkas Leben eine zentrale Rolle ein. Eine rein biographische Interpretation muss aber zu kurz greifen, weil sie sich auf die Entstehung konzentriert und die Wirkung auf Kafka außer Acht lässt.
Die psychologische Deutung
Mit dem Aufkeimen der Psychoanalyse wird Kafka oft als Beispiel für psychoanalytische Arbeiten angeführt, rückt aber schnell selbst ins Zentrum der Betrachtungen. Grundannahme dieser Interpretationen ist, dass Kafk a in seinen
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Christian Stein, 2003, Kafka - Überblick und neue Sicht, Munich, GRIN Publishing GmbH
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