4.3.1.1 Der politische Konflikt zwischen Serben und Kroaten/ Slowenen 4.3.1.2 Die politische Auseinandersetzung von Moslems und Kroaten mit den Serben
sowie der Kroaten mit den Moslems
4.3.2 Die Konflikte der internationalen Diplomatie 4.3.2.1 Der politische Konflikt zwischen den Diplomaten 4.3.2.2 Der politische Konflikt der internationalen Diplomatie mit Serbien
4.4 Die wirtschaftliche und geographische Konfliktdimension 5 Schluss 6 Karten 7 Literaturverzeichnis
1 Einleitung Der Balkan – Friedenszone oder Pulverfass? Das Pulverfass scheint nicht so abwegig, lässt man die Zahlen für sich sprechen: (Vgl. Suppan 1998, S. 9-13)
• Es gibt auf dem Balkan 9 Staaten (Rumänien, Bulgarien, die (europäische) Türkei, Griechenland, Albanien, Makedonien, die Bundesrepublik Jugoslawien (von Serbien dominiert), Bosnien-Herzegowina, Kroatien), sowie Gebiete mit (angestrebter) hoher Selbständigkeit wie das Kosovo.
• Im Gebiet des Balkans gibt es 19 Sprachen.
• In den meisten der Staaten leben relativ viele Minderheiten und alleine in den 90ern wurden ca. 2450000 Menschen, meistens gewaltsam, „umgesiedelt“, ganz zu schwei- gen von den Abermillionen die während der letzten 200 Jahre „ethnischen Säuberun- gen“ zum Opfer fielen.
Schon diese Zahlen zeigen, dass der Balkan eine Problemzone ist.
Meine Arbeit versucht dazustellen wie es zu den schweren Konflikten der 90er kommen konnte und zeigt Lösungsansätze für die verschiedenen Auseinandersetzungen auf. Bevor ich die Funktionen der verschiedenen Kapitel erkläre, hier zunächst die Definition zweier Begriffe: (Vgl. Brockhaus 1979, Band Sechs, S.403 und Zwölf, S.151) 1. Konflikt = lat. Widerstreit; Dabei lassen sich drei Arten (n. K. Lewin) unterscheiden: 1.1 Der Appetenz-Appetenz-Konflikt, bei dem die angestrebten Ziele sich ausschlie-
ßen, 1.2 Der Appetenz-Aversions-Konflikt, bei dem das angestrebte Ziel angenehme und unangenehme Aspekte hat und 1.3 Der Aversions-Aversions-Konflikt, bei dem Abneigungen gegen unausweichliche, auf jeden Fall unangenehme, Alternativen vor- liegen. Der Konflikt auf dem Balkan entspricht, wie die meisten Bürgerkriege dem Punkt 1.1. Die Punkte 1.2 und 1.3 entsprechen in etwa der Situation auf dem Balkan, sobald es Verhandlungen zwischen Gegnern gab, die zuerst unter 1.1 einzuordnen wa- ren. Die aus der Soziologie stammende Unterteilung in Individual- und Kollektivkon- flikt sollte auch noch hinzugezogen werden: Meistens handelt es sich bei Bürgerkrie- gen (auch auf dem Balkan) um Kollektivkonflikte, aber nicht selten (ebenfalls auch auf dem Balkan) kommt es vor, dass Individuen ihren ganz persönlichen Konflikt zum Kollektivkonflikt machen (z. B. Milosevic).
2. Volk = Eine durch gemeinsame Herkunft, Kultur und meist auch durch Sprache ver-
bundene Gesamtheit von Menschen. Für die Kultur ist auf dem Balkan besonders die Religion hervorzuheben. Diese Definition verdeutlicht die brisante Lage im Ex- Jugoslawien, denn dort stoßen unzählige Völker aufeinander.
Punkt 2 macht auf bestimmte Eigenheiten eines Bürgerkrieges aufmerksam, die das Ver- ständnis für die Situation auf dem Balkan erleichtern. Schon der letzte Satz ist jedoch streit- bar (Bougarel 2000, S.193): Handelt es sich bei den Konflikten tatsächlich um nationale (Bür- gerkriege) oder eher um internationale (Zwischenstaatlicher Kriege) Angelegenheiten? Die Fakten unter Punkt 2 weisen doch ganz klar auf ersteres hin und das, obwohl die Grenzen zwischen Bürger- und Zwischenstaatlichem Krieg zunehmend verwischen (Waldmann 1995, S.489 - 491). Serbien unterstützte diese Annahme mit seinen Argumenten, das „Kosovo ist eine ausschließlich innere Angelegenheit Serbiens“(Oschlies 1998b, S.4; wobei es ihnen ei- gentlich nur darum ging ihre Gewalt zu rechtfertigten und die internationale Hilfe abzuschre- cken). In Kapitel 3 geht es um die historische Herleitung der heutigen Konflikte auf dem Bal- kan. An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal auf die Karten im Anhang (S.22) verwei- sen, die das Verständnis verbildlichen und erleichtern können. Punkt 4 ist dann der eigentli- che Teil meiner Arbeit: Die Analyse der Konfliktdimensionen. Punkt 5 soll meine Ergebnisse noch einmal zusammenfassen, gewichten und zeigt einige Lösungsansätze für die Konflikte. Noch in eigener Sache: Die Verwendung der Bezeichnungen „die Serben“ oder „die Kroa- ten“, benennt meistens nicht das Volk, sondern die Führung bzw. das Militär. Dies nur am Rande, um nicht den Eindruck zu erwecken, diese Arbeit würde dem gängigen Bild der Me- dien entsprechen, die ganze Volksgruppen als „Verbrecher“ darstellen. Die Medien haben auch die Bezeichnung „Kosovo“ – Albaner geprägt, die der serbischen Sprache entstammt, wogegen sich die Albaner im Kosovo selbst „Kosova“ nennen. Ich selbst habe die Variante Kosovo übernommen, weil sie die gängige ist und nicht aus einer politischen Überzeugung
2 Die besondere Problematik eines Bürgerkrieges
Um auf das spezielle Problem von „Bürgerkriegen“ einzugehen, muss zuerst der Begriff „Krieg“ definiert werden: (nach Waldmann 1995, S.480)
1. Krieg ist ein gewaltsamer Massenkonflikt.
2. An Kriegen sind zwei oder mehr bewaffnete Streitkräfte beteiligt, wobei es sich in mindestens einem Fall um eine reguläre Armee oder sonstige Truppen im Dienste der Regierung handeln muss.
3. Auf beiden Seiten muss ein Mindestmaß an zentral gelenkter Organisation des Kampfes und der Kämp- fer vorliegen, selbst wenn dies nicht mehr bedeutet als organisierte Verteidigung oder gezielte Überfäl-
4. Die bewaffneten Operationen werden planmäßig durchgeführt, bestehen also nicht nur aus gelegent- lichen, mehr oder weniger spontanen Zusammenstößen, sondern folgen einer Gesamtstrategie Aus dieser Definition ergibt sich zum Teil diejenige für Bürgerkriege:
Sie finden auf der innerstaatlichen Ebene statt und sind durch die „... Zugehörigkeit der Kriegsparteien zu einem und demselben Staat...“ (Waldmann 1995, S. 482) gekennzeichnet
„... dessen Territorium zugleich den Kriegsschauplatz darstellt.“ (Waldmann 1995, S. 482) Außerdem berichtet Waldmann davon, dass in Literatur oftmals auf die besondere Grausam- und Rücksichtslosigkeit von Bürgerkriegen hingewiesen wird.
1. Es geht allen (Kriegs-)Parteien um die unmittelbare Existenz, also um das physische
Überleben. „Bürgerkriege sind Nullsummenkonflikte par exellence“, (Waldmann 1995, S. 484) weshalb eben mit unglaublicher Radikaltät vorgegangen wird, da der Sieg des/r Einen, den Untergang des/r Anderen bedeutet, woraus sich auch das verzweifelte Kämpfen „bis zum letzten Mann“ und grausame Massaker in den Jugoslawienkriegen ergeben 2. „Die aus der gegenseitigen Nähe resultierende gründliche Kenntnis der Eigenheiten
des Gegners begründet eine spezifische Verletzbarkeit beider Seiten, deren ausnützen Bürgerkriegsfeindseligkeiten einen besonders infamen Zug verleihen kann.“ (Wald- mann 1995, S.485) Gerade dieser Tatsache wird in Ex – Jugoslawien auf sadistischste Art und Weise genutzt, wie z.B. die Benutzung des Namens eines kroatischen Kriegs- verbrechers für Strassen etc. in Kroatien, stellt für die dort lebenden Serben eine besondere Provokation dar.
3. Die Trennlinie zwischen Soldat und Zivilist verwischt, weshalb Zivilisten nicht länger
mit Schonung rechnen können. In Jugoslawien ist die „Volksbewaffnung“ noch sehr verbreitet, was Auslöser für diese Praxis ist 4. Es „gewinnen Menschen („Warlords“) und Organisationen [..] viel Macht, die an ein-
er Beendigung der Kampfhandlungen besonders wenig interessiert sind“ ( Genschel/ Schlichte 1995, S.506 ), da sie sonst die neuerworbene Macht und die damit verbund- enen finanziellen, politischen u.s.w. Vorteile wieder aufgeben müssten. Siehe voral- lem Punkt 2.3.4 (wirtschaftlicher/geographischer Faktor).
5. Die tendenzielle Außerachtlassung völkerrechtlicher Normen und „die Vernachlässi-
gung der operationalen Regeln „westlicher“ Kriegskunst“ (Partisanen-/ Guerillakrieg) (Waldmann 1995, S.492) Dieser Punkt steht in engem Zusammenhang mit den Punk- ten 2 und 3: In Ex - Jugoslawien ist ein Krieg nach „westlicher“ Kriegskunst über- haupt nicht mehr möglich beachtet man eben die Punkte 2 und 3.
6. Bürgerkriege dauern meist recht lange; die Bürger verlernen die „zivilen Fähigkeiten“.
Das Wiedererlernen dieser Fähigkeiten ist ein schwieriger, langwieriger Prozess und es ist zu erwarten das ein Mangel dieser die Befriedung sehr erschwert.
3 Der Balkankonflikt 3.1 Die Vergangenheit 3.1.1 Zur Geschichte des ethnischen und religiösen Konflikts
Die Konflikte auf dem Balkan existieren schon seit Jahrhunderten. 395 n.Chr. schrieb Kaiser Theodosios I. eine administrative Teilung des Römischen Reiches fest, die das als Präfektur Illyricum (heute: NW-Balkan und das Adriagebiet) bekannte Gebiet, in ein westliches und östliches Illyricum unterteilte (Koder 1998, S.38). Bis ins 13. Jahrhundert trat so immer deut- licher eine Trennungslinie, aufgrund unterschiedlicher politischer Entwicklung und sich „ver- schärfenden sprachlichen und administrativen Abgrenzung“ (Koder1998, S.39), hervor, „wel- che von Sirmium (heute: Sremska Mitrovica) entlang des Unterlaufs des Drin und anschlie- ßend in südlicher Richtung bis zur dalmatinischen Küste, südöstlich von Kontor verlief“
Damit existierte das Fundament für den ethnischen und religiösen Konflikt: Die Trennung in westliche und östliche Sphäre und die damit verbundene unterschiedliche religiöse Entwick- lung, die heute im Antagonismus katholisch contra islamisch/ orthodox geendet hat. Die Ausdehnung des osmanischen Weltreichs endete mit der misslungenen Versuch Wien zu erobern und der anschließenden Belagerung im Jahre 1683. Aber es sollte noch mehr als 100 Jahre dauern, bis das unabhängige Fürstentum Montenegro und Serbien erste Autonomie, jedoch noch innerhalb des osmanischen Reiches, erlangten. 1878 wurden beide vollkommen unabhängig. Ab 1908 annektierte dann Österreich-Ungarn (Ö-U) Bosnien-Herzegowina (B-H). Die Gebiete des heutigen Kroatiens und Sloweniens waren schon lange in Ö - U integ- riert, also westlich – katholisch gesinnt. In den Balkankriegen 1913 wurden die Osmanen immer weiter zurückgedrängt und nach dem Ersten Weltkrieg wurden 1918 das „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“(KdSK & Sl) gebildet.
Sollte das unmögliche möglich werden: Die westlich-katholischen Kroaten und Slowenen mit den osmanisch-muslimisch/ orthodoxen Serben, Bosniern und Makedoniern in einem Staat? Jahrhunderte lang erlebten die verschiedenen „historischen Regionen“ (Hrsg. Strickstrock 1997, S.254) völlig verschiedene Kulturen, Mentalitäten und Religionen. Zwar akzeptierten die meisten Osmanischen Herrscher zwar andere Religionen, jedoch ausschließlich um dem „kleinen“ (= sozial, politisch, wirtschaftlich schlecht gestelltem) Muslim ein gewisses Selbst- wert Gefühl zu vermitteln, da ihm durch die schlechte Position, die die anderen Religionen belegten, bewusst wurde, dass noch jemand in der Hierarchie „unter ihm steht“; die enormen Steuern für Menschen anderer Religionen (Kopfsteuer = 1/6 des osmanischen Haushalts) (vgl.
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Philip Baum, 2000, Die Konfliktdimensionen des Balkan-Krieges 90er Jahre - Eine Konfliktanalyse der Kriege auf dem Balkan, Munich, GRIN Publishing GmbH
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