Ludwigs Maximilians Universität München
Proseminar Wirtschaft und Gesellschaft Japans II
Über die Soziale Frage in Japan, 1868 - 1930
von: Friedrich Alexander Kurz
Hauptteil
I. Ausgangspunkte (p.3)
a. Moderne (p.3)
1. Iwakura
2. Wettbewerb
3. Effizienz
b. Tradition (p.4)
1. Sakoku
2. Ie-Verantwortlichkeit
3. Familiarität
4. Workable Synthesis?
II. Situtationen (p.7)
a. Die Ländliche Gesellschaft (p.7)
1. Konfrontation
2. Die Meiji-Landreform
3. Dekasegi
4. Markt und Wettbewerb
5. Laissez-Faire Kapitalismus
6. Pauperisierung
b. Leichte Industrie und Paternalismus (p.10)
1. „Meijister-Kapitalismus“
2. Reservoir
3. Ausbeutung
4. Repression (?)
5. Schlechte Vorraussetzungen
c. Schwere Industrie und Paternalismus (p.13)
1. Keine Zäsur
2. Watari Shokkou
3. Oyakata-System
4. Der Mittel-Meiji-Paternalismus
5. Urbanisierung
6. Slow-Down
7. Zweischneidige Politik
8. Der Taishou-Paternalismus
III. Reaktionen (p.19)
a. Chichibu und Fukushima (p.19)
1. Jiyuutou
2. Gekka Jikken
3. Landhalter und Protestbewegung
4. Der legalistische Weg
5. Der agitative Weg
6. Ende der Jiyuutou
b. Imperium und Arbeiterbewegung (p.22)
1. Der Russo-Japanische Krieg
2. Hibiya-Park, Ashio und Great Treason
3. Nation oder Klasse?
c. Yuuaikai, Kantou-Erdbeben, Weltwirtschaftskrise (p.23)
1. New Social Base
2. Yuuaikai und Kantou-Erdbeben
3. Yuuaikai und Weltwirtschaftskrise
4. Die Rolle der Zaibatsu
5. Zaibatsu, Yuuaikai und Touyou-Streik
B: Anhang
I. Ausgangspunkte
a) Moderne...
1871 bis 1873 befand sich eine Gesandschaft japanischer Diplomaten auf einem doppelten Weg in die Zentren europäischer Betriebsamkeit. Diese, nach ihrem Initiator, Iwakura- Mission benannte Diplomatengruppe wollte zum einen die Revision der Ungleichen Verträge von 1854 erwirken – zum anderen suchte sie aber die Klärung eines vergleichsweise undiplomatischen Sachverhalts. Sie suchten nach einer Antwort auf die Frage: Was ist die Fortschrittlichkeit des Westens? Beide Inhalte waren auf natürliche Weise miteinander verbunden, denn es war nicht zuletzt der Fortschrittlichkeit der USA zuzuschreiben, verbildlicht in den „Schwarzen Schiffen“ Perrys, daß eben diese 1854 eine dem Bakufu überlegene Position eingenommen hatte, und so das demütigende Diktat von Kanagawa durchsetzen konnten. Jene Gesandschaft setzte also Schiff auf eine Tournee durch Europa und Amerika, um dort die Auswüchse des Fortschrittsdenkens zu untersuchen. Festgehalten sollten diese Betrachtungen in einer „blueprint for modernization, based on a definitive ‚empirical’ exposure of the West’s secrets of success“1 – im Reiselogbuch, dem Jikki von Kume Kunitake.
Das Jikki war aber keineswegs nur als Atlant gedacht, als Handbuch für den Westen – ganz im Gegenteil, die Erforschung des Westens geschah „zu dem erklärten Zwecke, das Beste, was sie fanden, auch in Japan einzuführen.“2 Und so war das Jikki in gewisser Weise auch ein Bauplan. Für die Soziale Frage in Japan interessant dabei sind die Ausführungen im Bezug auf die Industrieorganisation der westlichen Staaten, da von dieser, als Bausteine des Fortschritts und des Wohlstandes verstanden, wesentliche Anleihen genommen wurden. Grundelement dieser Organisationsweise, im Grunde also des Systems des Kapitalismus, ist die Eigenverantwortlichkeit, der Egoismus des westlichen Menschen und sein „highly developed spirit of individual competition.“3 Verbunden mit der Garantie des Besitzes durch den Staat – was gleichzeitig auch den Zwang zum Marktsystem, zum Handel nach sich zog – führte dieser Rivalismus zu einem individuellen Wettstreit um Macht und Wohlstand, dessen dynamisierende Wirkung den westlichen Wertschöpfungsprozess beschleunigte und somit den Wohlstand der westlichen Gesellschaft extrem wachsen ließ. Entgegengesetzt dazu schöpft das Wirtschaftssystem des Westens eine zweite Energie aus dem Phänomen der Knappheit seiner Ressourcen und so auch seiner Güter – daß also immer nur weniger zur Verfügung stehen kann als vom Konsumenten, beziehungsweise Produzenten tatsächlich gewünscht ist. Dieses elementare Prinzip zwingt somit zu wirtschaftlich-rationalen Umgang mit jedem Gut, was den Konsumenten betrifft, und jeder Ressource, was den Produzenten angeht: Es ist die Verpflichtung zu einem „commitment to efficiency.“4 Diese Efizienzausrichtung war es auch, die im Westen eine Sozialarchitektur entstehen ließ, die einerseits den individuellen Wettstreit, aber andererseits auch die Kooperativität zur Geltung kommen ließ: es ist das System der kapitalistischen Sozial- Techniken, dessen grobe Kategorien dem Jikki zufolge „sophistication in industrial techniques, banking, finance and management“5 seien.
b) Tradition...
Es ist wohl, angesichts des Wohlstandsvorsprungs des Westens gegenüber dem Osten im imperialen Zeitalter, nicht falsch zu sagen, daß das japanische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem sich wesentlich voneinander unterschieden und zudem das westliche im Wertschöpfungsprozess wesentlich erfolgreicher war, als das in Japan praktizierte. Das japanische System hatte sich nicht paralell zum Westen von einer theozentrischen, religiösen, feudalistischen Ordnung wegbewegt, sondern war lange Zeit, bedingt vor allem durch die Sakoku-Politik (Abschottungspolitik) des Bakufu in seiner traditionellen Ordnung verharrt – während der Westen mit dem Beginn der Moderne in zunehmendem Tempo die geistigen Kleider der Feudalzeit ablegte: die Gesellschaft wurde tendenziell laizistisch anstatt ekklesiarchisch (mit der Renneissance), rationalistisch anstatt religiös (mit der Aufklärung) – und noch später kapitalistisch anstatt feudalistisch (mit der Industriellen Revolution). In Japan allerdings, wo die Feudalzeit auch nach der Revolution 1868 noch lange Zeit greifbare Reben heiterer Erinnerungstrauben trug, war die „Präzedenz ..., der geistigethischen Werte über den wirtschaftlichen“6 im Kleinen, wie im Großen Ideal. Hier war ein solcher gesellschaftlicher Paradigmenwechsel geschichtlich nicht annähernd so zwingend wie er das im Westen gewesen war. Das Tokugawa-Ethos war unter anderem das Resultat der Notwendigkeit für das Bakufu der Tokugawa den Staat stabil und friedlich zu halten, so daß ihre Herrschaft nicht gefährdet werden würde: So, „As part of their system of control the Tokugawa shoguns ritualized and formalized class relation to a very high degree.“7 Während sich das westliche Gesellschaftssystem zu einer individual-dynamisierten, sozial flexibleren Struktur hin entwickelte, verharrte das japanische in einer durch die konfuzianistische Philosophie begründeten ideellen, starren Rangordnung8. Der Individualität der Person und ihrer Selbstverantwortlichkeit stand in Japan die Verantwortlichkeit der Ie genannten, quasi-familiären, feudalen Wirtschaftsgemeinschaft gegenüber. Ihre strikte hierarchische Ausrichtung forderte, daß wer Mitglied war „keine Eigenrechte, keine persönlich getrennte Sphäre mehr“9 zu wünschen habe. Auch das Eigentum war eng mit der verwandschaftlichen, biologischen Bindung verknüpft: Das Haus selber war „das von einem Ahnen gegründete, von dem Nachfahren als Aufgabe ererbte Untenehmen (Hof, Geschäft): …“10, und dessen Besitz somit nicht unveräußerliches, individuelles Recht sondern konträr Gabe der Ahnen unter Verpflichtung zum Erhalt des Fortschreitens der Tradition.
Aus der Dominanz des Marktes im Westen enstand die „Verkapitalisierung“ der Arbeitskraft. Anders geschah es in Japan: „jedes Haus, … als kontinuierliche Wirtschaftseinheit, hatte seinen Gründer, den go-senzo, …“ er „…konnte befehlen und Gehorsam verlangen, weil er in der Linie der Kontinuität des Ahnen stand.“ Hier regierte nicht Mammon sondern der Hausgründer. Analog war nicht unbedingt derjenige Arbeiter von größtem Wert, dessen in Geldgrößen bewertete Arbeitsleistung die höchste war – ganz im Gegenteil, sein Rang war „abhängig von der Berührungsdauer zwischen Individuum und Gruppe.“11 Der westliche Egoismus führte zu einer Zerstörung des „Unternehmens als menschliche Gemeinschaft.“12 Wogegen in Japan, der Auschluß aus der Gruppe eine drastische Sanktionierung darstellt: das Eingebettetsein in die Gruppe sei dagegen „(…) vor allem positiver Antrieb zu höchsten Anstrengungen, zum achievment.“13 Dies alles sind Ausprägungen der japanischen vertikalen Gesellschaftsordnung (spätestens seit den Tokugawa), die, entgegen den legalistisch-individualen Prinzipien des Westens, eher von emotionalen Bindungen als Verträgen getragen wurde: Bezugspunkt für soziale und damit auch wirtschaftliche Beziehungen jeder Art war daher nicht der unpersönliche Vertrag, sondern die persönliche Beziehung.
Diese (Ideal-)Bildnisse der westlichen und japanischen Gesellschaft stehen wie wir sehen stark zueinander in Kontrast. Somit war aber auch die Modernisierung und ihr “(…) Öffnen nach dem Neuen hin auf der Makro-Ebene in direktem Widerspruch zu den Verpflichtungen und Werten auf der Mikro-Ebene.“14, nämlich zu dem Erhalt der Rangordnung, der Gruppe, der historischen Kontinuität et cetera: „It was in large part the West’s …, cultural values, social structuring, and so forth, that accounted for the West’s superior status.“15 Die Frage also, die sich auch den Meiji-Oligarchen stellte war diejenige, ob man die nötigen Bedingungen für eine endogene Entwicklung von Wirtschaftlichkeit, wie der im Westen, in Japan würde vorfinden können. Eine Frage die sich schon die Gesandschaft zweifelnd stellte: „Was it possible to transplant Western industry and technology without adopting the whole socio-political structure and value system of the West? And what then was the fate of the still lingering Japanese traditions? Could there be a workable synthesis of the two?“16
II. Situationen
a) Die Ländliche Gesellschaft...
[...]
1 Shively; p. 10
2 Hentschel; p. 51
3 Shively; p. 27
4 ebd.; p. 21
5 ebd.; p. 21
6 Hirschmeier; p. 61/62
7 Halliday; p. 5
8 Hirschmeier; p. 60
9 ebd.; p. 63
10 ebd.; p. 63/64
11 Nakane; p. 185
12 Hirschmeier; p. 89
13 Hirschmeier; p. 67
14 Hirschmeier; p. 72
15Shively; p. 32/33
16 Shively; p. 32/33
Quote paper:
Friedrich Alexander Kurz, 2004, Über die Soziale Frage in Japan, 1868 - 1930, Munich, GRIN Publishing GmbH
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