Bedarf konnte nur gesichert werden, wenn alle fast rund um die Uhr mitarbeiteten. Somit waren die im „Haus“ vorherrschenden zweckmäßigen Beziehungen für das Überleben wichtiger als gefühlsmäßige. (Vgl. Textor 1991, o. S.) Das „Haus“ der Handwerker und Bauern war eine Lebensgemeinschaft, zu der sowohl Eltern, Kinder und oft unverheiratete Verwandte als auch Lehrlinge und Gesellen bzw. Mägde und Knechte gehörten. Die weit verbreitete Vorstellung, dass es in der vorindustriellen Zeit nur mehrgenerationelle Großfamilien gab, ist so nicht richtig (hohe Sterblichkeit, hohes Heiratsalter, niedrige Lebenserwartung). (Vgl. Textor 1991, o. S. ; Meyer 1992, S. 32 f.) Die Beziehungen unter den Mitgliedern des „Hauses“ waren, wie oben schon erwähnt, zweckmäßig. Dies fällt besonders im Verhältnis der Geschlechter und in der Stellung der Kinder auf. Für eine Heirat waren wirtschaftliche Aspekte und die Interessen des „ganzen Hauses“ ausschlaggebend. (Vgl. Meyer 1992, S. 33 f.) Im Hinblick auf die Arbeits- und Aufgabenverteilung kann man sagen, dass der Mann das Oberhaupt und absolute Autoritätsperson des „ganzen Hauses“ war. Aber auch die Frau hatte ihre festen Aufgaben in der Hausgemeinschaft. (Vgl. Meyer 1992, S. 35) Die Kinder des „Hauses“ hatten ebenfalls ihre Funktion im Produktionsprozess. Sie mussten mitarbeiten und wie die anderen dem Zweck des Überlebens dienen. Ihre Kindheit dauerte nicht lange, und für ihre Erziehung und Pflege wurde nur wenig Zeit verwendet. In der Beziehung zwischen Eltern und Kindern spielten Gefühle keine große Rolle. Hierbei ist jedoch zu bedenken, dass viele Kinder noch im Säuglingsalter starben. Dies war damals durchaus ein „normales“ Ereignis. (Vgl. Textor 1991, o. S. ; Meyer 1992, S. 36 f.) In der vorindustriellen Zeit bestand zwar der größte Teil der Bevölkerung aus Bauern und Handwerkern, aber es gab auch den Stand der Adligen und reichen Bürger. Bei ihnen verlief das Leben jedoch in anderen Bahnen. (Vgl. Textor 1991, o. S.)
2.2 Das Zeitalter der Industrialisierung
(Verfasser: Janine Hieke)
Mit den großen wirtschaftlichen, technisch- industriellen und politischen Veränderungen im späten 18. und 19. Jahrhundert änderten sich die Handlungsorientierungen und Handlungsbedingungen der Menschen. Der starke Bevölkerungswachstum, die Verarmung der Landbevölkerung, die Bauernbefreiung führten zu starken Wanderungsbewegungen in andere Länder sowie in die Stadt. Als
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dritte Auswanderungsform kann man die alltägliche Wanderung zwischen Wohnung und Arbeitsplatz bezeichnen. (Vgl. Rerrich 1998, S.34) Mit dem Produktionsanstieg hängen Faktoren zusammen wie Spezialisierung der Arbeit, Einsatz von Maschinen, anhaltender technischer Fortschritt, Mobilisierung von Kapital und eine deutliche Trennung zwischen lohnabhängigen Arbeitern und zwischen Besitzenden an Produktionsmitteln. Kein einziges Modell kann alle Umwälzungen berücksichtigen, die sich in der Familie unter der Ind ustrialisierung verändert haben. Ein Heer von Arbeitskräften zusammenhängend mit der Agrarrevolution suchte Beschäftigung in den neuen Industrien. (Vgl. Segalen et al. 1998, S.13 f.) Die Veränderungen der Industrie und andere Faktoren haben ein neues Familienmodell hervorgerufen, das bürgerliche Familienmodell.
Die bürgerliche Familie unterscheidet sich in folgenden Punkten von der Familie des „ganzen Hauses“:
• Trennung von Wohnung und Arbeit
• Gesinde und Dienstboten sind räumlich getrennt und erhalten zunehmend Angestelltenstatus
• Die Familie wird privat und die Ehe wird emotionalisiert und intimisiert und hebt somit die Austauschbarkeit der Partner auf
• Die Polarisierung der Geschlechter: Die Frau wird auf die Haushaltsorganisation und Erziehung verwiesen. Der Mann geht der Erwerbsarbeit und hat die Machtposition in der Familie
• Kindheit wird zu einer selbständigen, anerkannten Lebensphase.
Bürgerliche Familien dieses Typs waren allerdings im 19. Jahrhundert relativ selten und fanden ersten Einzug im Bürgertum, aber auch hier konnten viele wegen der ökonomischen knappen Lage das Ideal und Leitbild nicht praktizieren. Gerade in den Arbeiterfamilien durch Niedrigstlöhne und Arbeitslosigkeit ist die Erwerbstätigkeit der Frau und der Kinder notwendig. Allerdings wird das bürgerliche Familienmodell immer populärer. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist eine zunehmende Orientierung aller Schichten am bürgerlichen Modell festzustellen. Die Durchsetzung und große Verbreitung des bürgerliche Familienmodells gelang jedoch erst richtig nach 1950, bedingt durch die tiefgreifenden Wandlungsprozesse wie dem Wirtschaftswunder, massiver Lohnsteigerungen und dem Ausbau des sozialen Sicherungssystems. Zur Propaganda des bürgerlichen Familienmodells trugen Parteien und Kirchen bei. Erst
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jetzt wurde die moderne Kleinfamilie zur dominanten, massenhaft gelebten Lebensform. (Vgl. Peuckert 1996, S.20 f. ; Böhnisch 1997, S. 16 ff.) Aufgrund der großen Klassenunterschiede und verschiedenen Lebensweisen im 19. Jahrhundert ist es sinnvoll zwischen der bürgerlichen Familie, der adlige Familie, der Arbeiterfamilie und der Bauernfamilie zu unterscheiden, die wiederum auch verschiedene Lebensformen beinhalteten . (Vgl. Textor 1991, o.S.) Weiter zu erwähnen ist noch, dass in dieser Zeit Kinderbewahranstalten, Kindergärten und die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde. Die Kinderarbeit ist erst nach 1870 allmählich zurückgegangen. Auch die Reform des Familienrechts unterstützte das bürgerliche Familienmodell in einigen wesentlichen Punkten wie zum Beispiel die Sicherung der Machtstellung des Mannes .(Vgl. Beck-Texte im dtv. Familienrecht. 2002, S.XII) Erst 1949 wurde das Gleichberechtigungsgesetz im Grundgesetz geschrieben und bildete die Grundlage für die Familienrechtsreform von 1977. (Vgl. Rerrich 1988, S.46 f.)
2.3 Die Postmoderne
(Verfasser: Daniela Dorn)
Die gesellschaftlichen und familiären Veränderungen, die sich im Zeitalter der Industrialisierung vollzogen haben, gehören zu einem langfristig stattfindenden Modernisierungs- und Individualisierungsprozess. Seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts zeichnet sich ein neuer Individualisierungsschub ab. Die Individualisierungsthese von Ulrich Beck (Vgl. Peuckert 1996, S. 251 ff.) beschreibt diese neuen Wandlungen.
Durch einen vergleichsweise hohen materiellen Lebensstandard und weit vorangetriebene soziale Sicherheiten wurden die Menschen immer mehr aus traditionellen Bindungen und Versorgungsbezügen der Familie herausgelöst und verstärkt auf eine individuelle Lebensführung verwiesen. Ein entscheidender Punkt des Individualisierungsprozesses ist die Individualisierung des weiblichen Lebenslaufes. Die traditionelle Selbstverständlichkeit Hausfrau, Ehefrau und Mutter zu sein, hat nachgelassen. Die Frau hat auch einen Anspruch auf Beruf bzw. Karriere und Selbstverwirklichung. (Vgl. Peuckert 1996, S. 253) Ereignisse, die zur Veränderung der Rolle der Frau beigetragen haben (Vgl. Peuckert 1996, S. 198), sind zum Beispiel:
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Daniela Dorn, Janine Hieke, 2003, Funktionen von Familie in einer sich wandelnden Gesellschaft, Munich, GRIN Publishing GmbH
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