Inhaltsverzeichnis:
Einleitung 01
1. Von der Nation zum Corps:
Ein Überblick über die Geschichte studentischer Zusammenschlüsse
von Reformation bis Vormärz 09
2. Humboldt und die Folgen:
Die Hochschulwelt des Vormärz unter konfessionellen Gesichtspunkten 19
3. Zwischen Säkularisierung Ultramontanismus und Annäherung:
Katholische Rheinlande und protestantisches Preußen im
Spannungsverhältnis 21
3.1. Die paritätische Bonner Friedrich Wilhelms Universität:
Eine Chronik konfessionell bedingter Konflikte 21
3.2. Staat Kirche und Laien:
Die Entstehung katholischer Öffentlichkeit und Massenbewegung
im Rheinland 24
4. Einigkeit macht stark so dachten sie
Die Frühformen katholischer Studentenzusammenschlüsse in Bonn 29
4.1. Gründung und erste Jahre der Bavaria 29
4.2. Korporisierung und Ausweitung: Die Bonner Union 34
4.3. Alternative Konkurrenz oder Anerkennung
Die Bonner Studentenschaft und ihr Verhältnis zur Union 43
4.4. 1848: Das Verhalten der Unionsstudenten in studentischer
Reformbewegung und Revolution 50
4.5. Unerwartete Gegner: Zerfall und Niedergang der Union 57
5. Kein Einzelfall: Das Entstehen deutschlandweiter katholischer
Studentenzusammenschlüsse und die Rolle der Bonner hierbei 65
5.1. München Berlin Breslau: Gründungswelle und überregionale
Kontaktaufnahme Cartell- und Korrespondenzverhältnisse 65
5.2. Wiedererstarken in Bonn: Die Neugründung der Bavaria 69
5.3. Einreihung in die katholische Bewegung: Georg von Hertling
der Katholikentag in Frankfurt und die zweite Welle 72
5.3.1. Katholische Studenten auf dem Frankfurter Katholikentag 72
5.3.2. Konkurrenz in Bonn: Bavaria und Arminia 78
5.4. Der Würzburger Bund und sein Scheitern unter besonderer
Berücksichtung der Rolle Bonner Vereinigungen hierbei 83
Schlussbetrachtung 90
Literaturverzeichnis 97
Anhang 110 NA
Einleitung
Bonn, 8. Juli. Neben den vielen, bisher unter den hiesigen Studenten bestehenden Corps und Burschen-
schaften hat sich jüngst ein neuer Verein von katholischen Studenten gebildet, der zwar nach Art jener
anderen Verbindungen mit farbigen Mützen und Bändern auftritt, aber doch (...) eine ganz andere
Richtung als jene zu verfolgen scheint (...), einen Zweck (...), der der Religion und Sittlichkeit nicht
entgegengesetzt ist. 1
Mit diesen Zeilen berichtete die Rhein- und Moselzeitung im Sommer 1847 auf ihrer Titel-
seite von einem Ereignis, das der Öffentlichkeit eine völlig neue Erscheinung in der akade-
mischen Welt präsentierte: die erste öffentlich auftretende Vereinigung katholischer Studen-
ten an einer deutschen Universität, die Bonner Union. 2
Einen solchen Zusammenschluss katholischer Studenten 3 hatte es bis dato nicht gegeben,
erst recht nicht im genuin deutschen Stil einer Studentenverbindung. Mit einem Band über
der Brust – in den rot-weiß-roten Farben der Erzdiözese Köln – setzten die Unionsmitglieder
deutliche Zeichen und meldeten in aller Öffentlichkeit einen dergestalteten Anspruch auf ei-
ne respektable Stellung innerhalb der Studentenschaft an, wie es bisher vor allem die Corps
getan hatten. Die Vereinigung der Bonner Studenten war ein klares Signal für das erstarkte
Selbstbewusstsein des Katholizismus 4 an der Universität.
Gerade dieser neue konfessionelle Aspekt in der Geschichte deutscher Studenten wird von
der studentenhistorischen Forschung weitgehend ausgeblendet. Abgesehen davon, dass Stu-
dentengeschichte ohnehin nur eine weitgehend stiefmütterlich behandelte und von einer klei-
nen Gruppe Interessierter betriebene Teildisziplin der Bildungs-, Sozial- oder Kulturge-
schichte ist, fällt auf, dass sie fast ausschließlich um denselben Kernbereich kreist: die dezi-
diert politisch intendierten Studentenbewegungen wie die Urburschenschaft, 5 Studenten in
NS-Zeit und im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund 6 oder die 68er-Bewegung.
Für das 19. Jahrhundert liegt der Forschungsschwerpunkt in der Einheitsbewegung der frü-
1 Rhein- und Moselzeitung (Koblenz) Nr. 156. 10. Juli 1847, S. 1. Zitiert nach Wolf, Otto: Geschichte der katholischen
deutschen Studentenverbindung Bavaria 1844-1914. Bonn, 1914. S. 236. Ebenfalls in Weiß, Joseph: An der Wiege der ka-
tholischen deutschen Studentenverbindungen. Neues von der Bonner Union 1847-53 -55 (= Der Weiße Turm. Zeit- und Le-
bensbilder aus dem katholischen Studententum. Bd.1). München, 1930. S. 25. Bei Weiß heißt es allerdings „Studirende“
statt „Studenten“. Da die Moselzeitung im Original nicht einsehbar war, halte ich mich an das zeitnahere Werk von Wolf.
2 Die Union war ein lokaler Verbund mehrerer katholischer Studentenverbindungen. Bis zum Jahr 1849 nannte sich der Zu-
sammenschluss allerdings noch „Gesamtverein“.
3 In dieser Arbeit wird aus naheliegendem Grund ausschließlich der Begriff Studenten gegenüber dem heute gebräuchlichen
Wort „Studierende“ verwendet. Weibliche Studierende sind erst nach 1905 an den deutschen Universitäten präsent. Siehe
Prahl, Hans-Werner: Sozialgeschichte des Hochschulwesens. München 1978, S. 233.
4 Der Begriff „Katholizismus“ meint in dieser Arbeit eine durch den katholischen Glauben geprägte Welt- und Lebensauf-
fassung, die Einfluss auf die gesellschaftliche Wirklichkeit zu gewinnen suchte, also eine „religiöse, soziale, später auch po-
litische Sammlung der Katholiken in der Öffentlichkeit“. Siehe Maier, Hans: 1848 und die deutschen Katholiken. In: Hehl,
Ulrich von und Kronenberg, Friedrich (Hrsg.): Zeitzeichen. 150 Jahre Deutsche Katholikentage 1848- 1998. Paderborn u.a.,
1999. S. 23-30. Hier S. 25. Diese „Sammlung“ stand unter dem vornehmlichen Einfluss von Laien und darf als Akt der
Selbstfindung und Selbstbehauptung der Katholiken in der modernen Welt verstanden werden. Siehe Maier, Hans: Katholi-
zismus. In: Lexikon für Theologie und Kirche. Bd. 5. Freiburg u.a., 1996, Sp. 1368-1370.
5 Siehe vor allem die Reihe „Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und der deutschen Einheitsbe-
wegung“ (QuD) sowie als jüngsten Forschungsbeitrag den Sammelband von Asmus, Helmut (Hrsg.): Studentische Bur-
schenschaften und bürgerliche Umwälzung. Zum 175. Jahrestag des Wartburgfestes. Berlin, 1992. Weitere Angaben zum
Thema Burschenschaft und Wartburgfest weiter unten.
6 Vgl. u.a. Faust, Anselm: Der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund, 2 Bde. Düsseldorf, 1973; Grüttner, Michael:
Studenten im Dritten Reich. Paderborn u.a., 1995; Brunck, Helma: Die Deutsche Burschenschaft in der Weimarer Republik
und im Nationalsozialismus. München, 1999; Weber, Rosco: Die deutschen Corps im Dritten Reich (= Abhandlungen zum
Studenten- und Hochschulwesen 8). Köln, 1998; Rösgen, Hans Jürgen: Die Auflösung der katholischen Studentenverbände
im Dritten Reich (= Dortmunder Historische Studien, Bd. 15). Bochum, 1995.
1
hen Burschenschaft und ihrer späteren Variante des so genannten „Progress“, sowie in der
prägenden Rolle der feudalen Corps des Kaiserreiches. 7 Die religiös motivierten Studentenvereinigungen finden sich sowohl in den jüngeren Standardwerken zur Geschichte des 19. Jahrhundert als auch in der Studentengeschichts-
schreibung alter und junger Generation nur als Randbemerkungen. 8 Diese Nicht-Beachtung der katholischen Korporationen 9 wird der Realität an den deutschen Hochschulen spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts nicht gerecht, denn seither überholten die Mitgliederzahlen der katholischen Studentenverbände sowohl die der Corps als auch die der Burschenschaf-
ten. 10 Die fehlende konfessionelle Fokussierung in der Studentenhistoriographie lässt sich mit Einschränkung auf die Geschichtsschreibung überhaupt übertragen. So hat es zumindest Olaf Blaschke jüngst bewusst überpointiert postuliert und eine Diskrepanz zwischen der his- toriographischen Geringschätzung der Religion und ihrer prägenden Rolle in Politik, Gesell- schaft und Kultur ausgemacht. Die Historikerschaft habe den Konfessionalismus „lange ein- mütig ignoriert, beinahe tabuisiert“, meint er und sieht in der Zeit von 1800 bis 1970 „ein
zweites konfessionelles Zeitalter“. 11 Auch wenn er etwas überspitzt erscheint, soll Blaschkes Ansatz, der religiös-konfessionellen Dimension „stärkere Beachtung“ zukommen zu lassen, mit Bezug auf den Mikrokosmos der studentischen Welt Mitte des 19. Jahrhunderts in dieser Arbeit verfolgt werden.
Der konfessionelle Aspekt ist nicht das einzige Problem bei einer wissenschaftlichen Aus- einandersetzung mit Studentengeschichte. Es mangelt – vereinfacht gesagt – generell an ob- jektiver, wissenschaftlich fundierter und aktueller Korporationsgeschichtsschreibung. Ein Großteil der Literatur zu diesem Thema ist umstritten. Sie liegt, wie Thomas Mayer formu-
liert, in einem „Spannungsfeld von Apologetik und Polemik“ 12 . Auf der einen Seite steht ei- ne breite Festschriftenliteratur der studentischen Verbindungen und Verbände. Diese, nicht selten von Laien und Hobbyhistorikern verfassten Festschriften, bleiben „fast durchweg ent- weder in kulturgeschichtlichen Schilderungen älteren Stils oder in reinen, an Traditionsstif-
tung und Traditionspflege interessierten Korporationsgeschichten stecken“. 13 Wenngleich
7 Vgl. u.a. Studier, Manfred: Der Corpsstudent als Idealbild der Wilhelminischen Ära. Untersuchungen zum Zeitgeist 1888 bis 1914. Nürnberg, 1965; Jarausch, Konrad: Students, Society and Politics in Imperial Germany. The Rise of Academic Il- liberalism. Princeton, 1982. Vgl. auch Elias, Norbert: Die Satisfaktionsfähige Gesellschaft. In: Ders.: Studien über die Deut- schen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt/M., 1989. S.61-158.
8 Vgl. folgende für das 19. Jahrhundert unabdingbare Gesamtdarstellungen: Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1800- 1866. Bürgerwelt und starker Staat. München, broschierte Sonderausgabe 1998 (1983); Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Ge- sellschaftsgeschichte, Bd 2. Von der Reformära bis zu industriellen und politischen „Deutschen Doppelrevolution“ 1815- 1848/49. München, 1998 (Wehler scheint mir aber besonders beim Thema Religion zur Polemik zu neigen. Vor allem im Bezug zum Katholizismus fehlt ihm anscheinend das Verständnis); Langewiesche, Dieter: Europa zwischen Restauration und Revolution. Vierte Auflage, München, 2003 (1985. Besonders in der Betrachtung der konfessionellen Problematik be- deutend, wenn auch älter: Schnabel, Franz: Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, 4 Bde. Freiburg, 1929-1937 (Neudruck München, 1987). Sozialgeschichtlich betrachtet: Rürup, Reinhard: Deutschland im 19. Jahrhundert. 1815 –1871. Zweite Auflage, Göttingen 1992 (1984).
9 Korporation wird in dieser Arbeit als Synonym zu Studentenverbindung und Studentenverein verwendet.
10 Siehe Jarausch: Academic Illiberalism, S. 304.
11 Blaschke, Olaf (Hrsg.): Konfessionen im Konflikt. Deutschland zwischen 1800 und 1970: ein zweites konfessionelles Zeitalter. Göttingen, 2002, S. 7ff.
12 Mayer, Thomas: Katholische Farbstudenten im Kulturkampf. Eine Untersuchung der Periodika katholischer Korporati- onsverbände im 19. Jh. Stein am Rhein (CH), 2003. S. 14.
13 Hardtwig, Wolfgang: Studentische Mentalität – Politische Jugendbewegung – Nationalismus. Die Anfänge der deutschen Burschenschaft. In: Historische Zeitschrift 242. 1986, S. 581-628, hier S. 582. Vergleiche die ähnliche Kritik Steinhilbers zu Beginn seiner Dissertation über studentische Stammbücher: Steinhilber, Horst: Von der Tugend zur Freiheit: studentische Mentalitäten an deutschen Universitäten 1740-1800. Hildesheim, 1995.
2
diese Einschätzung Wolfgang Hardtwigs differenzierter bewertet werden sollte, 14 verweist
sie auf die entscheidende Achillesverse dieser Art studentenhistorischer Literatur. Seit ihren
Anfängen Ende des 19. Jahrhunderts war die Studentengeschichte eine „Laienwissenschaft“.
Zwar institutionalisierte sie sich als „Hochschulkunde“ zunehmend in verschiedenen Einrich-
tungen, 15 doch deren Mitglieder – eine Mischung aus Laienforschern 16 und professionellen
Historikern – gehörten vielfach als „Alte Herren“ einer Studentenverbindung an. 17 Eine Aus-
nahme bildete der bekennende Freistudent Paul Ssymank. Sein gemeinsam mit Friedrich
Schulze verfasster Zweibänder „Das deutsche Studententum von den ältesten Zeiten bis zu
Gegenwart“ gilt besonders dank seines Quellenreichtums und der kulturgeschichtlichen Be-
trachtungen als das lesenswerteste Werk dieser Zeit. 18 Da ohne das nachvollziehbare Interes-
se der Verbindungsmitglieder an ihrer eigenen Geschichte eine Lücke in der Forschung ent-
standen wäre, und es an Alternativen und Quellensammlungen mangelt, war die Rezeption
der frühen studentenhistorischen Darstellungen und der Festschriftenliteratur für diese Ma-
gisterarbeit aber unumgänglich. Ihre besondere Charakteristik wird jedoch stets berücksich-
tigt.
Ebenso problematisch ist ein anderes Spektrum von Werken, das sich mit studentischen
Korporationen auseinandersetzt: Die Publikationen der Marburger Geschichtswerkstatt und
ähnlich motivierte Nachfolger. Zwar erheben diese mehr Anspruch auf geschichtswissen-
schaftliches Vorgehen als die Festschriftenliteratur, sind aber nicht weniger subjektiv und
fragwürdig motiviert. Studentenverbindungen generell als „Wegbereiter des Faschismus“ 19
zu bezeichnen, ist wenig differenziert. Diese aus einer neo-marxistischen Faschismusdefini-
14 Mayer sieht vor allem in den jüngeren Selbstdarstellungen ein Bemühen um „quellenkritische Beiträge, die möglichst von Historikern aus den eigenen Reihen verfasst werden sollten“. Siehe Mayer: Katholische Farbstudenten, S. 14.
15 Die "Burschenschaftliche Historische Kommission" (heute „Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung e. V.“) entstand zur Jahrhundertwende. Das "Hochschularchiv der Deutschen Studentenschaft" sollte in den 1920er Jahren zur umfassenden Sammelstelle der Hochschulkunde werden, erreichte dieses Ziel aber nie. Ein Lehrauftrag für Hochschulkunde bestand in den 1920er und 1930er Jahren an der Universität Frankfurt/M. Ungefähr zur gleichen Zeit etablierten sich jährli- che „Tagungen deutscher Studentenhistoriker“. Einen vorläufigen Höhepunkt erreicht die Hochschulkunde in der Errichtung des „Instituts für Studentengeschichte“ 1939 in Würzburg. Dieses stand allerdings unter der Ägide des nationalsozialisti- schen Historikers A. Brügmann. Der wetterte bereits in seiner Antrittsrede gegen die „volkszersetzenden Komponenten (...) des Katholizismus (...) an den deutschen Universitäten“ und dessen „Bundesgenossen“, den „jüdische[n] Marxismus“. Sein in Berlin 1941 erschienenes Werk „Zucht und Leben der deutschen Studenten 1648-1848“ ist daher heikel, hält aber im Quellenteil einige wichtige Dokumente bereit. Angesichts dieser Leitung sowie aufgrund des Krieges konnte das Institut nie eine regelmäßige freie Forschung aufnehmen. 1954 wurde es als „Institut für Hochschul- und Studentengeschichte“ unter der Leitung von Georg Meyer-Erlach wiedereröffnet. Dieser war ebenso wie der Initiator neuer Studentenhistorikertagungen Robert Paschke Corpsmitglied. Heute ist das Institut an die Universitätsbibliothek Würzburg angeschlossen und Teil der „Deutschen Gesellschaft für Hochschulkunde“. Studenten- und Verbindungsgeschichte widmen sich außerdem die „Ge- meinschaft für deutsche Studentengeschichte e.V.“, der „Verein für corpsstudentische Geschichtsforschung“ , die „Gesell- schaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung e.V.“ und die „Studentengeschichtliche Vereinigung des Coburger Con- ventes“. Zur Geschichte der Hochschulkunde siehe Ssymank, Harald: 40 Jahre Tagungen deutscher Studentenhistoriker. In: Der Convent. Akademische Monatszeitschrift. Jg. 16, 7/1965. S. 145-172. Obige Zitate nach ebenda, S. 159f. Vgl.: www.studentenhistoriker.de/studentengeschichte.htm.
16 Deren Publikationen kritisierte der Frankfurter Privatdozent Rheindorf bereits 1930 als „für den Historiker unbrauchbar. Die primitivsten Grundsätze historischer Kritik fehlen, phraseologischer Schwung ersetzt sachliche Darstellung“. Zitiert nach: Ssymank: 40 Jahre, S. 153.
17 Wilhelm Fabricius, Verfasser der ersten umfassenden Darstellung des Corps-Wesen („Die deutschen Corps“. Berlin, 1898) war Mitglied in Gießener, Jenenser und Marburger Corps. Friedrich Meinecke und Heinrich von Srbik, Begründer der QuD, waren Burschenschafter in Berlin und Wien.
18 Schulze, Friedrich und Ssymank, Paul: Das deutsche Studententum von den ältesten Zeiten bis zu Gegenwart. Leipzig, 1910.
19 Heither, Dietrich und Lemling, Michael: Die studentischen Verbindungen in der Weimarer Republik und ihr Verhältnis zum Faschismus. In: Elm: Füxe (siehe Fußnote 21), S. 92-157. Hier S. 143. Ähnlich der Tenor in Heither, Dietrich: Bur- schenschaften. Weltbild und Habitus eines schlagenden Männerbundes. In: Butterwegge Christoph und Hentges, Gudrun (Hrsg.): Alte und Neue Rechte an den Hochschulen (= agenda Politik 19). Münster 1999. S. 92-114.
3
tion entsprungene Pauschalisierung greift nicht nur im Bezug auf die Waffenstudenten (also die Mitglieder „schlagender“, Mensur fechtender Verbindungen) zu kurz. Sie blendet vor al- lem die besondere Stellung katholischer Verbindungsstudenten im korporativen Spektrum der deutschen Hochschulgeschichte aus. Thomas Mayer protestiert vehement gegen diese Form von Geschichtsschreibung und sieht in ihr nur den „platten Stil einer Anklageschrift
gegen das Verbindungswesen“ 20 . Dies ist zwar auch wieder verallgemeinernd, allerdings drängt sich bei der Lektüre der tendenziösen Werke von Finke, Elm, Kühnl oder Stefan 21 der Eindruck auf,
die oft lediglich auf Quellen nach 1933 basierende oder auch nur apodiktisch behauptete These, die
Korporierten hätten dem Hitler-Faschismus den Weg bereitet, dient zum Beleg für eine pauschal erho-
bene Anklage: Das heutige Verbindungswesen spiele eine entscheidende (...) Rolle bei der Entwick-
lung eines neuen Rechtsradikalismus, eine unbelegbare Unterstellung. 22
Im Ton ebenfalls latent klassenkämpferisch und einem marxistischen Geschichtsverständnis folgend, zeigen sich die DDR-Historiographen. Ähnlich wie ihre oben genannten Parallelen in der Bundesrepublik bezeichnen sie „die Verbindungen (...) als ideologische Wegbereiter des Antidemokratismus, Revanchismus und Antikommunismus sowie als Machtstützen des
imperialistischen Systems in der Studentenschaft“. 23 Trotzdem zeigt sich die DDR- Forschung zur Studentengeschichte in ihren Ergebnissen ertragreich. Die Werke von Grie-
wank, Steiger, Flaschendräger oder Juckenburg 24 haben insbesondere im Bezug zur Rolle der Burschenschaft und des Progress im Vormärz erheblich zum aktuellen Kenntnisstand beige-
tragen. 25 Wissenschaftlichen Ansprüchen genügen dahingegen weder die frühe Monographie von
Fick 26 noch die jüngeren, für ein Allgemeinpublikum verfassten und reich bebilderten Werke von Krause, Gladen oder Prahl. 27 Einen gut lesbaren Einstieg in die Thematik vermittelt aber besonders Krause allemal.
Wesentlich ambitionierter als diese Kulturgeschichtsschreiber stellt sich eine Reihe von Forschern da, die seit den frühen 1980er Jahren der Hochschul- und Studentengeschichte ganz neue Perspektiven eröffnet haben. Durch die „Verzahnung von traditioneller Universi- tätsgeschichte mit einer sozialgeschichtlich gefassten Wissenschafts- und Bildungsgeschich-
20 Mayer: Katholische Farbstudenten, S. 15.
21 Siehe Finke, Lutz: Gestatte mir Hochachtungsschluck. Deutschlands korporierte Elite. Hamburg, 1963 (Thomas Mayer
identifiziert Finke als das SDS-Mitglied Michael Mauke. Siehe Mayer: Farbstudenten, S. 15). Vgl. Kühnl, Reinhard: Der
deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten. Vierte Auflage, Köln, 1979; Stefan, Klaus-Dieter: Blind wie zu Kaisers
Zeiten. Säbel, Seidel, Schmisse – neue „Burschenherrlichkeit“? Berlin (Ost), 1985; sowie Elm, Ludwig, Heither, Dietrich
und Schäfer, Gerhard (Hrsg.): Füxe, Burschen, Alte Herren. Studentische Korporationen vom Wartburgfest bis heute. Köln,
1992. Elm wurde als regimetreuer Jenaer Professor nach der Wende entlassen. 1994 war PDS-Abgeordneter im Bundestag.
Siehe Mayer: Farbstudenten, S. 15.
22 Mayer: Farbstudenten, S. 15.
23 So Juckenburg, Gerhard: Jenaer Progressstudenten 1840-1849. Das Ringen Jenaer Progressstudenten um eine demokrati-
sche Gestaltung Deutschlands. Jena, 1972, S. 125.
24 Griewank, Karl: Deutsche Studenten und Universitäten in der Revolution von 1848. Weimar, 1949; Steiger, Günter und
Flaschendräger, Werner: Magister und Scholaren. Geschichte deutscher Universitäten. Leipzig/Jena/Berlin 1981.
25 Siehe Mayer: Farbstudenten, S. 16.
26 Fick, Richard: Auf Deutschlands hohen Schulen. Eine illustrierte kulturgeschichtliche Darstellung deutschen Hochschul-
und Studentenwesens mit 400 Abbildungen. Berlin u.a., 1900.
27 Krause, Alexander: „O alte Burschenherrlichkeit“. Die Studenten und ihr Brauchtum. Vierte, verbesserte Auflage,
Graz/Wien, 1983 (1979); Prahl, Hans-Werner und Schmidt-Harzbach, Ingrid: Die Universität. Eine Kultur- und Sozialge-
schichte. München/Luzern, 1981; Gladen, Paulgerhard: Gaudeamus igitur. Die studentischen Verbindungen einst und jetzt.
München, 1986.
4
te“ 28 haben Konrad Jarausch 29 und Charles McClelland 30 neue Standards gesetzt. Notker
Hammerstein 31 , Klaus Malletke 32 und insbesondere Wolfgang Hardtwig 33 , sowie Peter
Brandt 34 und Harm-Hinrich Brandt 35 haben diese Tendenz aufgenommen und unter den neu-
en Ausgangspunkten aufschlussreiche Erkenntnisse zur Korporationsgeschichte im „Span-
nungsfeld von Modernisierung und Antimodernismus“ 36 gewinnen können.
Hier möchte diese Magisterarbeit anknüpfen – mit der Fokussierung auf den konfessio-
nellen, präziser: den katholischen Aspekt. Ausgenommen der aktuellen Dissertation von
Thomas Mayer, des unentbehrlichen Lexikons von Schieweck-Mauk 37 , eines knappen Über-
blicks von Peter Hartmann 38 und einer wertvollen Arbeit von Matthias Stickler 39 gibt es so
gut wie keine aktuelle wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem katholisch-
studentischen Vereins- und Verbindungswesen. Das gilt besonders für die vorwilhelminische
Zeit. Für diese Arbeit muss somit auf ältere Publikationen aus katholischen Verbandskreisen
zurückgegriffen werden, 40 die wenig objektiv sind. Sie changieren in einer Grauzone zwi-
schen Sekundärliteratur und Traditionsquelle. In ihren Quellenzitaten ist diese Literatur je-
28 Bruch, Rüdiger vom: Universität, Staat und Gesellschaft. Neuere sozial- disziplin- und personengeschichtliche Beiträge zum deutschen Hochschulwesen vorwiegend im 19. und frühen 20. Jahrhundert. In: Archiv für Sozialgeschichte 21 (1980), S. 526-544.
29 Jarausch, Konrad: Deutsche Studenten 1800-1970. Frankfurt/M., 1984; Ders.: Illiberalism. Ders.: Korporationen im Kai- serreich. Einige kulturgeschichtliche Überlegungen. In: Brandt, Harm-Hinrich und Stickler, Matthias: „Der Burschen Herr- lichkeit“ (siehe Fußnote 35), S. 63-84; Ders.: Die neuhumanistische Universität und die bürgerliche Gesellschaft 1800-1870. Eine quantitative Untersuchung zur Sozialstruktur der Studentenschaft deutscher Universitäten. In: QuD II Bd. 11. Heidel- berg, 1981, S. 11-57; Ders.: The Sources of German Student Unrest 1815-1848. In: Stone, Lawrence: The University in So- ciety, Bd. 2. Princeton, 1974.
30 McClelland, Charles E.: State, Society and University in Germany 1700- 1914. Cambridge u.a., 1980. 31 Hammerstein, Notker: Zur Geschichte und Bedeutung der Universitäten im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. In: Historische Zeitschrift 241 (1985), S. 287-328; Ders.: Antisemitismus und deutsche Universitäten 1871-1933. Frank- furt/M. u.a., 1995; Ders.: Bildung und Wissenschaft vom 15. bis zum 17. Jahrhundert (= Enzyklopädie deutscher Geschichte 64). München, 2003; Ders. (Hrsg.): Universitäten und Aufklärung (= Das achtzehnte Jahrhundert. Supplementa 3). Göttingen, 1995.
32 Malletke, Klaus: Zur politischen Bedeutung des Wartburgfestes im Frühliberalismus. In: Ders. (Hrsg.): 175 Jahre Wart- burgfest. 18. Oktober 1817-18. Oktober 1992. Studien zur politischen Bedeutung und zum Zeithintergrund der Wartburgfei- er (= QuD II 14). Heidelberg, 1992. S. 9-30.
33 Hardtwig, Wolfgang: Krise der Universität, studentische Reformbewegung (1750-1819) und die Sozialisation der jugend- lichen deutschen Bildungsschicht. Aufriß eines Forschungsproblems. In: Geschichtliche Grundbegriffe 11 (1985), S. 155 - 176; Ders.: Studentische Mentalität - Politische Jugendbewegung - Nationalismus. Die Anfänge der deutschen Burschen- schaft. In: Historische Zeitschrift 242. 1986, S. 581-628.
34 Brandt, Peter: Das studentische Wartburgfest vom 18./19. Oktober 1817. In: Düding, Dieter u.a. (Hrsg.): Öffentliche Fest- kultur. Politische Feste von der Aufklärung bis zum ersten Weltkrieg. Reinbeck, 1988. S.89-112.
35 Brandt, Harm-Hinrich und Stickler, Matthias (Hrsg.): „Der Burschen Herrlichkeit“. Geschichte und Gegenwart des stu- dentischen Korporationswesens (= Historia Academica, Band 36). Würzburg, 1998.
36 Brandt, Harm-Hinrich: Korporationen und politisch-sozialer Wandel. Eine historische Betrachtung. In: Ders. und Hardt- wig, Wolfgang (Hrsg.): Deutschlands Weg in die Moderne. Politik, Gesellschaft und Kultur im 19. Jahrhundert. München, 1993, S. 122-143. Hier S. 123.
37 Schieweck-Mauk, Siegfried: Lexikon der CV- und ÖCV-Verbindungen. Greifswald, 1997.
38 Hartmann, Peter: Die katholischen Verbände und der Wingolf im Rahmen der deutschen Geschichte. In: Brandt: „Der Burschen Herrlichkeit“, S. 289-311.
39 Stickler, Matthias: Der Würzburger Bund von 1864. Ein Beitrag zur Frühgeschichte des politischen Katholizismus in Deutschland. In: Ders. u.a. (Hrsg.): Zwischen Korporation und Konfrontation. Beiträge zur Würzburger Universitäts- und Studentengeschichte. Köln, 1999, S. 239-259.
40 Das einzige Werk zur Bonner Union ist das 1930 erschienene Buch Weiß’. Siehe Fußnote 1. Ebenso relevant ist Wolfs Verbindungsgeschichte der Bavaria von 1914. Siehe ebenda. Für die einzelnen Verbände ist ein Blick in die Verbandsge- schichten von Cardauns, Werr und Hoeber ergiebig. Siehe Cardauns, Hermann: Fünfzig Jahre Kartell-Verband (1863-1913). Kempten, München, 1913; Werr, Florian (Hrsg.): Geschichte des Cartell-Verbandes der katholischen deutschen Studenten- Verbindungen. Paderborn, 1890; Hoeber, Karl: Religion, Wissenschaft, Freundschaft. Der Kartellverband der katholischen Studentenvereine Deutschlands (KV). Werden und Wachsen, Wesen und Bedeutung, Aufgaben und Ziele. Überarbeitete Neuauflage, Mönchengladbach, 1921 (1913). Für die Arminia vgl. Rick, Herman-Joseph und Senff, Heinzgeorg (Hrsg.): Arminia 1863-1963. Bonn, 1963.
5
doch unentbehrlich. 41 Es gilt, diese Quellen unter veränderten Gesichtspunkten zu untersu- chen. Die Fragestellungen und Erkenntnisse der jüngeren Forschung werden dabei berück- sichtigt. Die zum Teil negativen Bewertungen, die katholische Verbindungen und Studenten-
vereine durch die Studentengeschichtsschreibung verschiedener Couleur erfahren haben 42 , sind ebenso zu überprüfen wie die teilweise kulturkämpferisch-legitimierende Geschichts- schreibung der katholischen Verbände. Dabei wird versucht, die divergierenden Entwicklun- gen, die die verschiedenartigen katholischen Studentenzusammenschlüsse genommen haben, zu vergleichen. Die bisherigen Publikationen betrachten vornehmlich nur einen Verband o- der eine Vereinigung. Ein übergreifender Ansatz erscheint aber durchaus gerechtfertigt. Denn ebenso wie die frühen Burschenschaften und die Corps stellten die neuen katholischen Studentenvereinigungen zunehmend einen relevanten Faktor für die Sozialisation großer Tei-
le späterer katholischer Funktionseliten dar. Dies gilt teilweise bis heute. 43 Am Anfang dieser Magisterarbeit steht ein Überblick über die Geschichte studentischer Zusammenschlüsse in Deutschland von der Reformation bis zum Vormärz. Diese Betrach- tung soll aufzeigen, welche Traditionslinien die katholischen Studentenvereinigungen zu äl- teren Vereinigungen hatten und inwiefern sie dies mit ihren zeitgenössischen Konkurrenz- korporationen verband oder wie weit es sie von ihnen unterschied.
Ebenso unabdingbar ist eine Betrachtung der deutschen Bildungslandschaft. Der spezifi- sche Charakter der deutschen Hochschulen des 19. Jahrhunderts stellte eine wesentliche Be- dingung für die Entstehung von Studentenverbindungen dar, auch für die katholischen. Da- her ist diesem Aspekt ein Abschnitt gewidmet. Hier soll auch die Sozialstruktur der deut- schen Studenten in der vorwilhelminischen Zeit thematisiert werden. Wie stellte sie sich ins- besondere im Hinblick auf die Konfession dar? Welche Aufschlüsse gibt dies möglicherwei- se über die Frage, aus welchen Kreisen sich die katholischen Stundentenzusammenschlüsse rekrutierten?
Auch die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Deutschland des Vormärz, der Revolution und der nachrevolutionären Zeit insbesondere im preußischen Rheinland werden thematisiert. Inwiefern spielten sie eine Rolle bei der Entstehung katholischer Stu- dentenvereinigungen, die sich gerade in Bonn zuerst entwickelten? Hier ist es unentbehrlich, gesondert auf die Universität Bonn einzugehen. Was zeichnete diese Hochschule aus? Wie haben möglicherweise ihre Professoren, besonders die der katholischen Fakultät und das Konvikt die Studenten beeinflusst? Wie stellte sich das Bonner Verbindungsleben in den
41 Die Erschließung bisher noch unpublizierter Quellen war in der Recherchephase zu dieser Magisterarbeit ausdrücklich angestrebt. Es stellte sich jedoch heraus, dass weder die Verbands- und Institutions-, noch die Universitäts- und Stadtarchive neues beisteuern konnten. Auch der Besuch des erzbischöflichen Archivs in Köln und der (oft nur von Laien betreuten) Ar- chive einzelner Bonner Verbindungen und Vereine konnte keine neuen Quellen erschließen. Dies soll aber eine detaillierte Recherche für nachfolgende Untersuchungen nicht als von vorneherein zum Scheitern verurteilt klassifizieren.
42 Vgl. u.a. Ssymank: Studententum, S. 214; Finke: Hochachtungsschluck, S. 49; Klose: Freiheit, S. 160.
43 Nur stellvertretend seien für die Zeit vor dem 2. Weltkrieg hier die Reichskanzler Georg von Hertling (CVer und KVer in München, Berlin, Münster und Bonn), Heinrich Brüning (KVer in München, Straßburg und Bonn) und Wilhelm Marx (CVer in Straßburg und Münster und anlässlich seiner ablehnenden Haltung zur sich abzeichnenden Machtübernahme der Nationalsozialisten 1932 Ehren-KVer in Bonn) genannt. Für die frühe Bundesrepublik Konrad Adenauer (KVer in Bonn und München), Kurt-Georg Kiesinger (KV, Bonn), Kardinal Joseph Frings (KVer in Freiburg und Bonn) und August Ever- ding (KVer in Bonn und München). Für die Gegenwart mögen Persönlichkeiten wie Klaus Kinkel (CVer in Tübingen), Friedrich Merz (CVer in Bonn) oder Thomas Gottschalk (CVer in München) als Beispiele genügen. Siehe www.kstv- arminia.de, sowie Gesamtverzeichnis des CV 2001. Die Verbindungen des CV mit ihren Ehrenmitgliedern, Alten Herren und Studierenden. Herausgegeben vom CV Sekretariat. Kirchheim, 2001.
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1840er, 1850er und 1860er Jahren dar? Welche Einflüsse könnte es auf die Gründung der Union und die weitere Entwicklung katholischer Korporationen gehabt haben?
Den Hauptteil dieser Arbeit bildet die Untersuchung der Jahre 1844 bis 1867. 1844 ent- stand die „Bavaria“ in Bonn als erster katholischer Studentenzusammenschluss in Deutsch-
land überhaupt. 44 Im Wintersemester 1866/67 löste sie sich auf. 45 Das Jahr 1866 bildet au- ßerdem aus zwei weiteren Gründen den Schlusspunkt dieser Arbeit. Zum einen bahnte sich in diesem Jahr durch den zweiten Einigungskrieg endgültig die kleindeutsche Lösung und somit ein künftiger deutscher Staat mit protestantischer Bevölkerungsmehrheit an. Und auf studentischer Seite kam es zur Bildung zweier unterschiedlicher katholischer Studentenver- bände. Dazwischen liegen 22 wechselhafte Jahre, die verschiedene Zusammenschlüsse ka- tholischer Studenten in Bonn und anderswo sahen. Die Union ist einer davon. Mit dieser Entwicklung beschäftigt sich diese Magisterarbeit. Ihr Hauptteil ist in zwei Schwerpunkte unterteilt.
Zum einen soll die innere Entwicklung der Bavaria und der anderen katholischen Studen- tenvereinigungen in Bonn untersucht werden. Zunächst die Gründung und frühen Jahre der Bavaria, dann die Entstehung der Union, ihre weitere Entwicklung und die ihrer Mitglieds- korporationen. Wo lagen die konkreten Gründe für ihre Entstehung? Was sollte der Zusam- menschluss bewirken und wie sollte dies erreicht werden? Wie sah das Leben in ihren Verei- nigungen konkret aus? Es soll untersucht werden, worin die Vorstellungen der Unionsmit- glieder über ihre Vereinigung übereinstimmten, wie sie sich unterschieden und welche ver- schiedenen Wege die Studenten daher einschlugen. Ihr Verhältnis zu den Kommilitonen ist ebenso Thema wie die Interaktion mit der Universität und der Stadt. Von wem und warum wurde der katholische Studentenzusammenschluss akzeptiert oder abgelehnt? Welche Stel- lung nahmen Kirche, Konvikt und katholisch-theologische Fakultät in dieser Sache ein? Welche Auswirkungen hatte dies?
Sowohl für Rückschlüsse auf die Stellung der Unionsstudenten innerhalb der Bonner Stu- dentenschaft als auch im Hinblick auf ihre politische Einstellung soll das Jahr 1848 in einem Kapitel gesondert untersucht werden. Welche Rolle spielte die junge Vereinigung der katho- lischen Studenten im Revolutionsjahr? Das Verhalten der Unionisten bezüglich des Studen- tenkongresses in Eisenach wird ebenso thematisiert wie ihre Rolle in der studentischen Re- formbewegung in Bonn. Welcher (hochschul-) politischen Richtung lassen sich die katholi- schen Korporierten zuordnen?
Diese Fragen sollen anhand von Statuten, Presseberichten, Erlassen, Protokollen, Briefen, Erinnerungen und Reden bearbeitet werden. Da sich aufgrund der Quellenlage ein eklekti- zistisches Vorgehen nicht vermeiden lässt, ergibt sich für diese Arbeit ein multiperspektivi- scher Ansatz, der sowohl Elemente der Sozial-, als auch der Religions-, Konfessions-, Ge- sellschafts- und Kulturgeschichte umfasst. Zu sehr überschneiden sich im Themenbereich
44 In der Schweiz war bereits 1841 mit dem „Schweizerischen Studentenverein“ ein erster katholischer Studentenzusammen-
schluss entstanden. Er stand jedoch in keinem Zusammenhang mit der Entwicklung in Deutschland. Vgl. das umfassende
Werk unter der Leitung von Urs Andermach: „Den Riesenkampf mit dieser Zeit zu wagen...“ Schweizerischer Studenten-
verein 1841-1991. Luzern, 1993.
45 1873 wurde sie wieder gegründet. Seither existiert sie als „Katholische deutsche Studentenverbindung“ (KDStV) mit Aus-
nahme einer zwangsweisen Auflösung in der NS-Zeit ununterbrochen.
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konfessioneller Studentenvereinigungen die Diskurse, als dass sich das historiologische Vor- gehen auf eine Forschungsform minimieren ließe.
Im zweiten Hauptteil der Arbeit soll für die 1860er Jahre untersucht werden, in welcher Beziehung die Bonner zu anderen Studentenzusammenschlüssen ähnlicher Art in Deutsch- land standen. Welche gab es überhaupt und wie schlossen sich die Bonner mit ihnen zusam- men? Welche Probleme entstanden dabei? Die Betrachtung dieser äußeren Beziehungen ist entscheidend, denn im von dieser Magisterarbeit betrachteten Zeitraum liegen die Anfänge der drei großen katholischen Studentenverbände, die bis heute existieren: CV, KV und UV. Es wird gezeigt, dass sie alle in unmittelbarem Zusammenhang mit der Bonner Union stehen, teilweise sogar ihren Ursprung dort haben.
Zusammengefasst ist das Ziel dieser Magisterarbeit, die Frühzeit katholischer Studenten- zusammenschlüsse in Deutschland am Beispiel ihrer Bonner Spielarten in möglichst vielen Aspekten neu und umfassend zu beleuchten. Aufgrund dieser Untersuchung soll schlussend- lich überprüft werden, ob die bisherigen Ansichten zur Relevanz katholischer Studentenzu- sammenschlüsse in der Geschichte des 19. Jahrhunderts revidieren werden müssen oder bes- tätigt werden können. Somit soll eine zeitgemäße Stellung in der Hochschulhistoriographie bezogen werden – zum besonderen Phänomen katholischer Studentenvereinigungen in Deutschland.
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1. Von der Nation zum Corps:
Ein Überblick über die Geschichte studentischer Zusammenschlüsse
von Reformation bis Vormärz
Studentische Korporationen können als eine genuine Erscheinung der deutschen Kul-
turwelt bezeichnet werden. 46 Kein anderes Land kennt ähnliche Zusammenschlüsse. 47 Die
Gründe liegen in der spezifischen deutschen Universitätsentwicklung. Und die ursächlichen
Weichenstellungen finden sich bereits in der frühen Neuzeit.
Die mittelalterliche Universität kannte keine eigenständigen studentischen Zusammen-
schlüsse. Auch wenn immer wieder die nationes als „Vorbild aller späteren Studentenver-
bindungen“ 48 angesehen werden, sind weder diese Zusammenschlüsse 49 noch das Bursen-
wesen 50 direkten Vorläufer moderner Studentenkorporationen. Vielmehr ist davon auszu-
gehen, dass gerade das Ende dieser Einrichtungen eine Entwicklung einleitete, die zum stu-
dentischen Verbindungs- und Vereinswesen des 19. Jahrhunderts führte. Reformation und
Humanismus spielten dabei eine entscheidende Rolle. Die humanistische Abwendung von
der Scholastik und ihren auctoritates veränderte das akademische Leben grundlegend ver-
änderte. Unmittelbarere Auswirkungen auf die studentische Lebenswelt hatte die durch Re-
formation und Gegenreformation geschaffene konfessionelle Spaltung und Partikularisie-
rung des deutschen Reichs und somit der deutschen Hochschullandschaft. Die Entstehung
konfessionell bestimmter kleinräumiger Territorialstaaten verhalf dem neuen Typus der
Landesuniversität im evangelischen wie im katholischen Bereich zum Durchbruch. Die kle-
rikale Aufsicht der Magister über ihre Scholaren spielte an den selbständig finanzierten
fürstlichen Stiftungsuniversitäten keine Rolle mehr. „Der Exodus aus den Kollegien und
Bursen beendete das studentische Zusammenleben in quasi-klösterlichen Gemeinschaf-
ten“. 51 Durch die neugewonnene „Burschenfreiheit“ 52 entstand ein erzieherischer Freiraum,
46 Siehe Brandt: Modernisierung und Antimodernismus, S. 122.
47 Die Ursprünge studentischer Korporationen in den Beneluxstaaten, Osteuropa und der Schweiz sind unverkennbar von der Entwicklung in Deutschland und Österreich beeinflusst. Erscheinungen wie die amerikanischen Fraternities oder spanische Tunas haben völlig andere Ursprünge. Ihr Erscheinungsbild und ihre Traditionen unterscheiden sich erheblich von denen deutscher Korporationen. Ein Zusammenhang kann nicht nachgewiesen werden.
48 Klose, Werner: Freiheit schreibt auf eure Fahnen. 800 Jahre deutsche Studenten. Oldenburg/Hamburg, 1967, S. 17. 49 Unter nationes ist das hochmittelalterliche universitäre Gliederungsprinzip der Studenten nach ihrer geographischen und sprachlichen Herkunft zu verstehen – als gildeförmige, durchaus den Zünften vergleichbare Sozietäten. Ausgehend von Bo- logna übertrug sich die Einrichtung über Paris auch an den deutschen Hochschulen. Siehe: Müller, Rainer A.: Landsmann- schaften und studentische Orden an deutschen Universitäten des 17. und 18. Jahrhunderts. In: Brandt: Der Burschen Herr- lichkeit. S. 123-34. Gegenüber Müller und Klose sieht Krause in den nationes eine offiziöse Einrichtung mit behördlicher „Zwangsmitgliedschaft“. Vgl. Krause: Burschenherrlichkeit, S. 20f. Angesichts zunehmender Regionalisierung und Konfes- sionalisierung im Laufe des 16. Jahrhunderts verlor dieses archaische System an Bedeutung. Seine Überbleibsel finden sich aber beispielsweise noch im Leipzig und Wien des 19. Jahrhunderts. Vgl. Steindl, Astred: Die Akademischen Nationen an der Universität Wien. In: Mühlberger, Kurt und Maisel, Thomas (Hrsg.): Aspekte der Bildungs- und Universitätsgeschichte. 16.-19. Jahrhundert (= Schriftenreihe des Universitätsarchivs Universität Wien 7). S. 15-39.
50 Als eine Art Gemeinschaftswohnheim der Studenten mit einem Magister waren die Bursen kennzeichnend für das studen- tische Leben des Mittelalters. Dabei handelte es sich teilweise um kostspielige Unterkünfte, teilweise um stipendiäre Ein- richtungen. Gekennzeichnet waren sie durch strenge Vorschriften, die ihnen einen „fast klösterlichen“ Charakter verliehen. Die Reformation setzte ihnen zunächst auf protestantischem Gebiet ein Ende. Siehe Paschke, Robert: Studentenhistorisches Lexikon. St. Augustin, 1999, S. 61. Ausläufer im katholischen Bereich lassen sich noch in den Konvikten des 19. Jahrhun- derts finden.
51 Brandt, Harm-Hinrich: Universität und Studenten in Deutschland zwischen alteuropäischer und moderner Welt. In: Wider Zopf und Philisterey. Deutsche Studenten zwischen Reformzeit und Revolution (1800-1850) (= Kleine Drucke der Universi- tätsbibliothek Würzburg. Bd. 4). Würzburg, 1985 (Katalog zur gleichnamigen Ausstellung). S. 20-55. Hier S. 22.
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der für das deutsche Hochschulleben im Gegensatz zu französischen Akademien und engli-
schen Colleges charakteristisch war und es bis heute ist. In diesen Freiraum stieß das neu
entstehende studentische Verbindungswesen mit seinem „heimliche[n] Lehrplan der korpo-
rativen Charaktererziehung“. 53
Sein erster Träger waren die so genannten „Landsmannschaften“, Zusammenschlüsse
von Studenten derselben Heimatregion. Der eklatante Unterschied zu den alten nationes be-
stand darin, dass es sich nun um selbständige, zunächst freiwillige und viel regionalere Zu-
sammenschlüsse ohne behördliche Anerkennung handelte. Bereits im 16. Jahrhundert lässt
sich deren Auftreten erstmals nachweisen. 54 Deutlich tritt das Phänomen aber erst im 17.
Jahrhundert auf. Die eigentliche Grundidee der Landsmannschaften war die gegenseitige
Unterstützung und Fürsorge der Studenten untereinander. Sie führten eigene Kassen, aus
denen die erhaltenen Mitgliedsbeiträge als Darlehen für minderbemittelte Landsleute ge-
währt wurden, unterhielten eigene Begräbnisstätten und Chöre in der Kirche, schlichteten
Streitigkeiten in demokratischer Abstimmung „vor dem ganzen Collegium“ und wählten
Vorsitzende (Senior) und Kassenwarte (Fiscal). 55 Darüber hinaus führten diese Lands-
mannschaften eigene Matrikellisten, hatten regelmäßige Zusammenkünfte und korrespon-
dierten mit den Korporationen anderer Universitäten.
Diese Form studentischer Zusammenschlüsse ist allerdings differenzierter zu betrachten.
Brandt sieht sie „Mustern der Rottenbildung mit jugendspezifischen Gruppenriten und Eh-
renkodices“ folgen, die durch „ein hohes Maß an Aggressivität“ gekennzeichnet waren. 56
Festzumachen ist dies an der Erscheinung des so genannten „Pennalismus“ im 17. Jahrhun-
dert, eine Form der zeitweiligen (Gewalt-) Herrschaft der älteren Studenten über die Neu-
linge. 57 Sie wird von einem Großteil der Forschung im Zusammenhang mit den Lands-
mannschaften gesehen. 58 Zweifelsohne sind hier die Ursprünge des späteren „Fuchsensta-
tus“ von Erstsemestern und Neumitgliedern in studentischen Korporationen des 19. Jahr-
52 = Freiheit vom Leben in der Burse. Es herrscht etymologischer Konsens darüber, dass sich das deutsche Wort Bursch, später gleichbedeutend mit Student, vom lateinischen bursa, der Gemeinschaftskasse der mittelalterlichen Wohnheime (als pars pro toto namensgebend für die gesamte Einrichtung) entwickelte. Siehe Paschke: Lexikon, S. 58.
53 Jarausch: Deutsche Studenten, S. 9.
54 Siehe Keil, Richard und Robert: Geschichte des Jenaischen Studentenlebens von der Gründung der Universität bis zur Gegenwart (1548-1858). Leipzig, 1858, S. 63; Ssymank: Deutsches Studententum, S. 86; Brügmann, A.: Zucht und Leben der deutschen Studenten 1648-1848. Berlin, 1941. S. 14.
55 Dies belegen die Statuten zweier Rostocker Landsmannschaften, der Mark Brandenburger und der Westfalen, die einen Einblick in die innere Organisation und die Prinzipien dieser Zusammenschlüsse geben. In: Brügmann: Zucht und Leben, S. 58f. und S. 97ff.
56 Brandt: Universität und Studenten, S. 23.
57 Der Begriff leitet sich von der Schreibfeder (lat. Penna) ab, die die Neulinge meist mit sich führten. Für ausführliche Schilderungen mit zahlreichen anschaulichen Quellen siehe u.a. Tholuck, A.: Das akademische Leben des siebzehnten Jahr- hunderts (= Vorgeschichte des Rationalismus 1), Halle, 1853; Bruchmüller, Wilhelm: Das deutsche Studententum von sei- nen Anfängen bis zur Gegenwart (= Aus Natur und Geisteswelt, Bd. 477), S. 32-56; Ssymank: Studententum, S. 95-107.
58 So klassifiziert Klose die Landsmannschaften als „Terrororganisationen der Studentenschaft“. Siehe Klose: Freiheit, S.
73. Zahllose behördliche Edikte gegen Pennalismus und Landsmannschaften im 17. Jh. unterstützen diese These. Sogar der
Reichstag beschäftigte sich mit dem Phänomen und verbot die „National-Conventicul“. Siehe: Beschluß des Corpus Evan- gelicorum gegen den Pennalismus auf dem Regensburger Reichstag 1654. Appell an die Obrigkeit. Strafen. In: Brügmann: Zucht und Leben, S. 62-66. Ein unmittelbarer Zusammenhang ist allerdings nur bedingt nachzuweisen. Die Tatsache, dass pennalistische Phänomene nicht überall dort verbreitet waren, wo es Landsmannschaften gab, macht ebenso eine differen- ziertere Betrachtung nötig, wie die Tatsache, dass diese auch nach dem Ende des Pennalismus weiter bestanden. Das ganze pennalistische System ist eher im Zusammenhang mit den generellen grobianistischen Zügen der Epoche des Dreißigjähri- gen Krieges zu sehen, der durch seine ungeahnte Brutalität und Dauer zu einer Verrohung der gesamten Gesellschaft führte und massive Auswirkungen auf die Studentenschaft hatte, die ihre Affinität zur Soldateska deutlich durch ihre Kleidung „mit Degen, Federhut, Stiefeln und Sporen“ zeigte (Meyfart, J. M.: Christliche Erinnerung. Zitiert nach Keil: Jenaisches Studentenleben, S. 98).
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hunderts zu sehen. 59 Unter konfessionellen Gesichtspunkten ist dabei zu beachten, dass Landsmannschaften und Pennalismus Phänomene waren, die fast ausschließlich evangeli-
sche Universitäten betrafen. 60 Wichtiger an diesem „Zeitalter des Pennalismus“ 61 ist die Ausbildung von Riten, die im
19. Jahrhundert dann studentisches Allgemeingut waren. Diese Ritenbildung steht auch im
Zusammenhang mit der veränderten sozialen Zusammensetzung der Studentenschaft. Das Ideal einer societas academicam war einer studentischen Klassengesellschaft gewichen. Deren Oberschicht bildeten privilegiert in Professorenhäusern wohnende, meist Jura studie-
rende adelige Söhne 62 sowie vermögendes Bürgertum, die auf die ärmlichen, in Konvikten lebenden Theologiestipendiaten herabblickten. Diese Attitüde war auch im 19. Jahrhundert noch weit verbreitet. Die Ansprüche adeliger Studenten, ihr selbstverständliches Waffen- tragen und das damit verbundene Duellwesen, sowie ihre Art, sich zu kleiden, übertrugen sich in einer ganz eigentümlichen Mischung auf die gesamte Studentenschaft. Feudale Ehr- begriffe verschmolzen mit jugendlichem Raufbedürfnis. In den Freiräumen studentischer Selbsterziehung bildeten sich akademische Sitten „die als gesunkenes feudales Kulturgut
der Studentenkultur dauerhafter Strukturelemente eingrub[en]“. 63 Neben dem Duellwesen, studentischem Liedgut und studentischer Standessprache, traten ritualisierte Trink- und Feierformen und erstmals deutlich sichtbar getragene Farben als landsmannschaftliche Ab-
zeichen auf. 64 Das ist das Entscheidende dieser Epoche für die Geschichte der deutschen Studenten. Im ausgehenden 17. Jahrhundert bildeten sich formalisierte studentische Um- gangsformen und Rituale friedlicher und gewaltsamer Konfliktregulierung. Es sind die ers-
ten Ansätze zu einem studentischen „Comment“. 65 Und die Landsmannschaften bean- spruchten für sich als Repräsentanten der Gesamtheit der Studenten einer Universität, die- sen zu überwachen.
Im 18. Jahrhundert änderte sich dies nicht grundlegend, doch die Umwelt der Studenten wandelte sich erheblich. Zum einen blühten Akademien und gelehrte Gesellschaften auf. Sie wurden zum eigentlichen Heimatort aufklärerischen Gedankenguts, das die Universität als praxisfernes mittelalterliches Überbleibsel betrachtete. Die vom französischen Hof beein- flussten neuen Ideale bevorzugten adelige Tugenden. Die Kavalierstour setzte sich anstelle eines regulären Studiums durch. Auch die Frequenzzahlen sanken erheblich. Die Forschung
59 Die bis heute im Korporationswesen für die Neumitglieder gebräuchliche Bezeichnung „Fuchs“ taucht neben zahllosen anderen diffamierenden Bezeichnungen (Quasimodogeniti, Innocentes, Säuglinge, Spülwürmer etc.), die die Unreife der Erstsemester verdeutlichen sollten, erstmals auf. Der Begriff leitet sich wohl vom lateinischen faex für Bodensatz her. Die Herkunft ist aber umstritten. Vgl. Paschke: Lexikon, S. 113f und Böcher, Otto: Kleines Lexikon des studentischen Brauch- tums (= Schriftenreihe aus dem Wingolf 4). Zweite überarbeitete und vermehrte Auflage, Hannover, 2001. S.101-104.
60 Für die katholischen Hochschulen finden sich so gut wie keine Belege über pennalistisches Treiben, ebenso wenig für die Entstehung von Landsmannschaften. Die stärkere Aufsicht in den oftmals jesuitischen Lehranstalten mag dafür eine Erklä- rung sein.
61 Steinmetz, Max u.a.: Geschichte der Universität Jena 1548/58-1958. Festgabe zum vierhundertjährigen Universitätsjubi- läum. Band I: Darstellung. Jena, 1958, S. 147.
62 Vgl. zum vermehrten Auftreten adeliger Studenten: Müller, Rainer A.: Aristokratisierung des Studiums? Bemerkungen zur Adelsfrequenz an süddeutschen Universitäten im 17. Jahrhundert. In: Geschichte und Gesellschaft 10 (1983), S. 31-46.
63 Brandt: Modernisierung und Antimodernismus, S. 125.
64 Als Schleife am Degen, Quaste oder Feder am Hut oder Scherpe über der Brust. Die im 19. Jahrhundert übliche Form far- biger Brustbänder trat noch nicht auf. Zum Farbentragen vgl. Fußnote 217.
65 Von “Comment faire et comment vivre“. Die erste, eher ironisch gemeinte, niedergeschriebene (aber noch nicht gedruck- te) Form eines solchen Comments, der sich vor allem mit Trinkritualen beschäftigte, erschien 1616 unter dem vielsagenden Pseudonym des “Blasius Vielsauf“. Vgl. Golücke, Friedhelm: Studentenwörterbuch. Das akademische Leben von A bis Z. Graz/Wien/Köln, 1987, S. 97.
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spricht daher vor allem für die zweite Jahrhunderthälfte von einer „Universitätskrise“. 66 Zum anderen sind auch ganz deutliche Neuansätze zu erkennen. Bereit 1694 hatte die preußische Universitätsgründung von Halle mit der Einführung des Deutschen als Unterrichtssprache, stärkerer Praxisorientierung und rationalerem Wissenschaftsverständnis neue Impulse gege- ben. Im Besonderen setzte die 1737 gegründete Universität Göttingen neue Akzente. Mit dem Fokus auf den juristischen Studien und einer Aufwertung der philosophischen Fakultät studierten hier vor allem leistungswillige adelige Söhne und wohlhabendes Bürgertum – ü- berkonfessionell. Durch die Auflösung des Jesuitenordens wandelten sich nach 1773 auch die katholischen Universitäten und modernisierten unter dem Einfluss aufklärerischer Ideen ihre Fakultäten.
Die landsmannschaftlichen Zusammenschlüsse hingegen hielten sich an den Hochschulen. Nach einer Verbotsperiode in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts traten sie seit den 50er Jahren öffentlich auf, verfestigten ihre Struktur und gaben sich Statuten, die gegenseiti- ge Freundschaft, karitative Hilfe, Geselligkeit, demokratisches Mehrheitsprinzip und immer
wieder die angemessene Reaktion auf Beleidigungen thematisierten. 67 Das Duell grub sich als festes Charakteristikum in die Studentenschaft. Auch der studentische Comment wurde kodifiziert. Er definierte den Ehrbegriff und regelte als studentische Standesordnung Duell-
und Trinksitten. 68 Gegen diesen kodifizierten „Rauf- und Saufkomment“ 69 wandten sich nun neue Formen studentischer Zusammenschlüsse. Beeinflusst von den Idealen der Französischen Revolution
und in Anlehnung an freimaurerische Formen entstanden studentische „Orden“. 70 Im Unter- schied zu den Landsmannschaften waren diese Orden angesichts behördlicher Verfolgung geheim und rekrutierten ihre Mitglieder sehr selektiv. Selbstverantwortung, Individualisie- rung und Affektbewältigung waren ebenso ihre Ideale wie eine stärkere Berufsvorbereitung. Im Gegensatz zu ihren Kommilitonen suchten „Amicisten“, Harmonisten“, „Unitisten“ oder „Constantinisten“ den Kontakt zur nichtstudentischen Außenwelt und hielten diesen auch nach der Studienzeit aufrecht. Das war in Studentenkreisen ebenso neu wie die Übernahme
freimaurerischer Rituale, die sich dauerhaft etablieren konnten. 71 Daneben entstanden seit den 1750er Jahren weitere studentische Reformgruppen, die sich von den Landsmannschaften absonderten und in literarischen oder religiösen Zirkeln dem flotten Burschenleben den Rücken kehrten. Auch diese Studenten lehnten das Duell ab und
66 Jarausch: Deutsche Studenten, S. 14.
67 Siehe die Statuten einer Jenenser Landsmannschaft nach Friedrich Christian Laukhards Lebenserinnerungen bei Krause: Burschenherrlichkeit, S. 41f. Ähnliches bei Jarausch: Deutsche Studenten, S. 17f.
68 Seit 1770 setzte sich der Begriff Comment durch. Das älteste gedruckte Werk stammt aus dem Jahr 1778 und wurde von C. Gleiss unter dem Pseudonym „Martialis Schluck Raufenfeldensis“ als „dissertatio de norma actionum studiosorum seu von dem Burschencomment“ in Erlangen publiziert. Siehe Paschke: Lexikon, S. 68. Dieser Comment erfuhr bis zum Ende
des 19. Jahrhunderts zahlreiche Auflagen, ist aber angesichts des Verfasserpseudonyms und des Titels möglicherweise we- niger ernsthaft zu verstehen als der 1792 als Verständigung zwischen Landsmannschaften und Orden in Jena entstandene
Comment. Siehe Krause: Burschenherrlichkeit, S. 64.
69 Brandt: Modernisierung und Antimodernismus, S. 125.
70 Vgl. hierzu ausführlich: Hardtwig, Wolfgang: Studentenschaft und Aufklärung. Landsmannschaften und Studentenorden in Deutschland im 18. Jahrhundert. In: Franςois, Etienne (Hrsg.): Socialité et société bourgeoise en France, en Allemagne et en Suisse, 1750-1850. Paris, 1986, S. 239-260. Weiterführend: Bauer, Joachim und Riederer, Jens (Hrsg.): Zwischen Ge- heimnis und Öffentlichkeit. Jenaer Freimaurer und studentische Geheimgesellschaften. Jena/Erlangen, 1991.
71 Die Aufnahmerituale der Orden wurden vom Gros der späteren Verbindungstypen ebenso übernommen, wie Geheimzei- chen und die so genannten „Zirkel“ als verschlungene Abkürzungen der Verbindungsnamen oder deren Wahlspruches. Sie-
he Krause: Burschenherrlichkeit, S. 44-48. Vgl. Abbildung 10 im Anhang.
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erreichten beispielsweise in der Jenaer „Schokoladisten“-Bewegung größere studentische
Kreise. 72 In der Form so genannter „Kränzchen“ kulminierten gegen Ende des Jahrhunderts schließlich die Übernahme traditioneller korporativer Formen (Organisation, Liedgut, For-
meln, Rituale) einerseits und Reformansätze (Ablehnung von Duell, Trinkzwang und lands-
mannschaftlichem Prinzip) andererseits. So gilt für die Studentenschaft ebenso wie für die
gesamte Bildungslandschaft des 18. Jahrhunderts: Stagnationserscheinungen und Reformim-
pulse hielten sich die Waage. 73 Seit der Reformzeit zog sich also eine Reihe von Kontinuitätslinien durch den Charakter
der deutschen Studentenschaft. Als die deutsche Bildungswelt in den ersten Jahrzehnten des
19. Jahrhunderts durch die Humboldtschen Reformen einen Wandel durchlebte, beeinflusste
dies zwar auch die Studenten, von einem Bruch in der Entwicklung des studentischen Verei-
nigungswesens kann jedoch nicht die Rede sein. Die neuhumanistischen Reformer hatten in
ihrem Einsatz für freie Forschung und Lehre, sowie in ihrer Betonung der selbständigen geis-
tigen und sittlichen Entwicklung der Studenten auf eine Reform der universitären Strukturen
und des Studentenlebens keinen Wert gelegt. Da letztendlich niemand für die propagierte all-
gemeine Menschenbildung zuständig war, blieb das Erziehungsvakuum weiter bestehen, das
die deutschen Universitäten schon die Jahrhunderte zuvor gekennzeichnet hatte. Die idealis-
tische Ablehnung des reinen Brotstudiums wurde für viele Studenten in ihrem Alltag zum
handfesten Problem. Mit den Ideen der geistigen Väter der neuen Universität, mit Schleier-
machers Utopie „alles aus dem Gesichtspunkt der Wissenschaft zu betrachten (...) in bestän-
diger Beziehung auf die Einheit und Allheit der Erkenntnis“ 74 hatte die studentische Lebens- welt nicht viel zu tun. Fichtes Glauben an die Macht des Geistes und den „Gelehrten als Er-
zieher der Menschheit“ 75 war für viele der Studenten ebenso schwer in der Praxis nachvoll- ziehbar wie Humboldts Vorstellungen der Notwendigkeit von der „Einsamkeit und Frei-
heit“. 76 Die neuhumanistische Universitätsreform blieb „weit entfernt von den idealen Zielen
der Reformer“. 77 Und ihr fehlte die wichtige Dimension der studentischen Erziehung. 78 Es entstand eine Kluft zwischen der beanspruchten ‚inneren‘ Motivation, dem Interesse an der Wis-
senschaft und der Realität der Berufsvorbereitung, der ‚Einsamkeit‘ und dem Bedürfnis nach gemein-
samem Leben; die Begegnung mit der Wissenschaft reichte als Erziehungsmacht nicht oder jedenfalls
nicht für alle hin. Diesen freien Raum füllten die studentischen Verbindungen. 79
Diese Verbindungen stellten sich alles andere als homogen dar. Abgesehen von den nicht or-
ganisierten Studenten, die von den Korporierten abschätzend als „Finken“, „Wilde“ oder
„Kamele“ tituliert wurden, waren bis in die 1840er Jahre im Wesentlichen zwei Richtungen
studentischer Gruppierungen ausschlaggebend: Corps und Burschenschaft(en).
72 Statt beim Duell wollten die „Schokoladisten“ Streitigkeiten bei einer Tasse Schokolade, dem damaligen studentischen
Modegetränk, schlichten. Bis zu 300 Anhänger hatte laut Krause diese Anti-Duell-Bewegung in den 1790er Jahren in Jena.
Siehe Krause: Burschenherrlichkeit, S. 43.
73 Brandt: Universität und Studenten, S. 28.
74 Schleiermacher, Friedrich: Gelegentliche Gedanken über Universitäten im deutschen Sinn. Berlin, 1808, S. 33. Zitiert
nach Steiger: Magister, S. 79.
75 Fichte, Johann Gottlieb: Über die Bestimmung des Gelehrten. Jena, 1794. Zitiert nach ebenda, S. 74f.
76 Siehe Humboldt, Wilhelm von: Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Ber-
lin. Berlin, 1810. In: Ders.: Schriften zur Politik und Bildungswesen (= Werke in fünf Bänden, Bd. 4). 6. Auflage, Darm-
stadt, 2002 (1964), S. 255-266.
77 Klose: Freiheit, S. 134.
78 Siehe Rassem, M.: Die problematische Stellung der Studenten im sogenannten Humboldtschen System. In: Studien und
Berichte der katholischen Akademie in Bayern 44 (1968), S. 15-33.
79 Nipperdey: Deutsche Geschichte, S. 475.
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Die Corps hatten sich seit der Jahrhundertwende als Repräsentanten der gesamten Stu-
dentenschaft verstanden. Als Nachfolger der Landsmannschaften, und teilweise in Tradition
der Orden, sahen sie in ihren örtlichen Seniorenconventen 80 (S.C.) die einzige Instanz für alle studentischen Belange und besonders für die Überwachung des Comments. Sie entschieden
mit dem gefürchteten Mittel des „Verruf“ oder „Verschiss“ 81 über Ansehen, Wohl und Wehe
nicht nur von Studenten, sondern auch von Professoren und Philistern 82 . Doch ihre unpoliti- sche Haltung und der zunehmende Hang zum Duellieren und rituellen Trinken kollidierte
nicht nur mit den neuen Bildungsidealen an den Universitäten Humboldtscher Prägung, son-
dern auch mit der veränderten gesellschaftspolitischen Situation.
Aus der nationalen Begeisterung und Erfahrung der anti-napoleonischen Befreiungskriege
wuchs mit der Burschenschaft spätestens seit 1815 83 eine neue studentische Institution, deren
Ansätze über den Kreis einer Universität und damit über die Welt der Corps hinausging. 84 Am 12. Juni 1815 lösten sich die Landsmannschaften der Universität Jena auf und begründe-
ten unter dem Gesang von Ernst Moritz Arnds Lied „Was ist des Deutschen Vaterland“ die
erste Burschenschaft. Weit über 100 Studenten traten ihr sofort bei. Das Besondere dieser
Burschenschaft war die Verbindung national-liberaler politischer Vorstellungen mit geist-
lich-sittlichen Reformideen für das akademische Leben. Ihre Führer betonten den Gedanken
an ein gemeinsames Vaterland ebenso wie sie die landsmannschaftliche Zersplitterung der
Studentenschaft ablehnten. In der Erneuerung der Universitäten erstrebten die Burschen-
schafter einen deutschlandweiten „Studentenstaat“, 85 der modellhaft für die ganze Nation stehen sollte. Die nationale Erfahrung des Krieges, der Dienst in Lützows Freikorps, wel-
ches eben im Gegensatz zu den anderen Armee-Teilen eine „aus ganz Deutschland gesam-
melte Truppe“ 86 darstellte, hat die Väter der Urburschenschaft im nationalen Sinne beein- flusst. Ihr Programm war zunächst jedoch nicht primär national-politisch gedacht, sondern
verstand sich als Reformansatz für das studentische Leben. Falsch verstandenen Ehrbegrif-
fen, die sich im Duellwesen äußerten, sollte ebenso Contra gegeben werden wie den Aus-
wüchsen falsch verstandener akademischer Freiheit: Bummelstudententum, Trunksucht,
Zechprellerei und mangelnde Sexualmoral. Von Aufklärung und Neuhumanismus beeinflusst
sahen sich die frühen Burschenschafter mit ihrem „nationale[n] Selbsterziehungspro-
gramm“ 87 anders als die Corps im Bezug zum Bürgertum und ihrer künftigen gesellschaftli-
80 Unter Convent ist eine Mitgliederversammlung einer oder mehrerer Studentenkorporationen unter der Leitung eines gewählten Vorsitzenden mit demokratischem Abstimmungsprinzip zu verstehen.
81 Unter Verschiss verstanden die Studenten die Ächtung eines Kommilitonen, Professoren oder Bürger, der sich eines Comment-Vergehens schuldig gemacht hatte. Besonders für Handwerker, Schneider, Wirtsleute oder Schwertfeger in klei- neren Städten konnte dies existenzbedrohende wirtschaftliche Folgen haben. Vgl. Paschke: Lexikon, S. 285.
82 Unter diesem Begriff titulierten nicht nur Korporationsstudenten die nicht zur Universität gehörigen Bürger ihrer Stadt. 83 Der deutschtümelnde „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn, ein Feind der Corps und bereits Ende des 17. Jahrhunderts „U- nitist“, legte bereits 1811 dem Berliner Rektor Fichte den „Statutenentwurf für eine Burschenschaft“ vor, in der er vor allem die Liebe für ein deutsches Vaterland als höchste Pflicht des Studenten bezeichnete. Siehe Krause: Burschenherrlichkeit, S. 81. Fichte, der jegliche Form studentischer Zusammenschlüsse verurteilte, lehnte ab. 1814 gründeten in Halle rückkehrende Kriegsfreiwillige eine „Teutonia“ mit dem Wahlspruch „Ehre, Freiheit, Vaterland“.
84 Einen guten knappen Überblick bietet hierzu: Hardtwig, Wolfgang: Vormärz. Der monarchische Staat und das Bürgertum. Vierte, aktualisierte Auflage, München, 1998 (1985), S. 9-20.
85 Nipperdey: Deutsche Geschichte, S. 280.
86 Klose: Freiheit, S. 136.
87 Jarausch: Deutsche Studenten, S. 36.
14
chen Rolle. 88 Dabei scheuten sie sich nicht Personal, Organisationsformen und Riten von den
Studentenkorporationen herkömmlicher Art zu übernehmen. 89
Öffentliches Aufsehen erregte die burschenschaftliche Bewegung durch das Wartburgfest
im Oktober 1817. Die Jenaer Burschenschaft hatte in einem Schreiben an die deutschen Uni-
versitäten den Wunsch geäußert „mit allen braven deutschen Burschen (...) am 18ten Oct.
1817 (...) auf der Wartburg bei Eisenach zu feiern“. Es sollte ein Fest werden „in drei schö-
nen Beziehungen, nämlich der Reformation, des Sieges bei Leipzig und der ersten freudigen
und freundschaftlichen Zusammenkunft deutscher Burschen von den meisten vaterländischen
Hochschulen“. 90
Gemeint war diese Zusammenkunft in einer Mischung aus nationalem und protestanti-
schem Bewusstsein als Erinnerungsfeier an die doppelte Befreiung Deutschlands: der durch
die Reformation erreichten geistlichen Befreiung von römisch-päpstlicher Vormundschaft
und der politischen Befreiung vom „Franzosenjoch“. Ebenso galt es aber auch in gemeinsa-
men Beratungen die akademischen Reformideen der Burschenschaft in die Tat umzusetzen.
Was aus dieser Idee der Jenaer Burschenschafter aber wurde, war nicht weniger als eine bis
dato in Deutschland noch nie da gewesene öffentliche politische Demonstration. Es war „die
erste Manifestation des nationaldemokratischen Prinzips in Deutschland“. 91 Diese Feier
brach erstmals das herrschaftliche Festmonopol. In den Aussprüchen der Festredner manifes-
tierte sich der Wunsch nach politischen Reformen. Die Enttäuschung über die Ergebnisse des
Wiener Kongress’, brach sich mit romantischem Bezug auf die Geschichte Bahn: Die Ver-
gangenheit sollte vergegenwärtigt werden, um „Kraft zu schöpfen für die lebendige That in
der Gegenwart“. 92 Deutlich trat der Gedanke „zum einigen Deutschen Vaterland“ vor, für
dessen Realisierung der evangelische Theologiestudent Riemann „Kraft (...) zu jedem Kamp-
fe“ 93 erbat. Den Höhepunkt erreichte diese oppositionelle Haltung im kleinen Teilnehmer-
kreis des (im Veranstaltungsplan offiziell nicht vorgesehenen) Autodafés auf dem Warten-
berg. 94 In dieser „symbolischen Kriegserklärung an den konservativen Geist“ 95 , die als einen
88 Wie bereits angedeutet, ist diese Bewegung nicht als gänzlich neu zu werten. Auf Kontinuitätslinien zwischen Burschen- schaft und älteren studentischen Reformideen hat besonders Wolfgang Hardtwig hingewiesen. Vgl. Hardtwig, Wolfgang: Zivilisierung und Politisierung. Die studentische Reformbewegung 1750 - 1818. In: Malletke: 175 Jahre Wartburgfest, S. 31-60. Ähnlich ders.: Krise.
89 Die meisten Gründer kamen aus der Jenaer Landsmannschaft „Vandalia“. Von ihr übernahm die Urburschenschaft nicht nur einen Großteil der Statuten, sondern auch die Farben: Schwarz, Rot und Gold. Der Historiker (und Burschenschafter) Treitschke wies den unmittelbaren Zusammenhang der Entstehung der ersten Burschenschaftsfahne mit der Vandalia nach. Die romantische Erklärung, diese Farben seien auf die Uniform der Lützower Jäger zurückzuführen, ist zwar nachvollzieh- bar, aber nicht belegt. Siehe Paschke: Lexikon, S. 59. Es ist zu vermuten, dass die Übereinstimmung der Vandalen-Farben mit denen der Lützowschen die Burschenschafter bestärkt hat, sie als die ihren zu akzeptieren. Darüber hinaus will Klose wissen, dass sich die Führer der Urburschenschaft für ihre Rolle in Duellen qualifizieren mussten, was „Böses ahnen“ lässt. Vgl. Klose: Freiheit, S. 142.
90 Einladungsschreiben der Jenaischen Burschenschaft an die protestantischen Universitäten Deutschlands. Jena, 1. August, 1817. In: Kühn, Hugo: Das Wartburgfest am 18. Oktober 1917. Zeitgenössische Darstellungen, archivalische Akten und Urkunden. Weimar, 1913, S. 11-13. Hier S. 11.
91 Huber, Ernst Rudolf: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789. Bd. 1: Reform und Restauration 1789 bis 1830. Stuttgart u.a., 1967, S. 718.
92 Riemann, [ohne Vorname]: Rede im Minnesängersaale der Wartburg. Eisenach, 18. Oktober 1817. In: Kühn, Hugo: Das Wartburgfest am 18. Oktober 1917. Zeitgenössische Darstellungen, archivalische Akten und Urkunden. Weimar, 1913. S. 56-63. Hier S. 57.
93 Ebenda, S. 62. Klaus Malletke weist im Widerspruch zu Steiger und anderen darauf hin, dass der grundsätzliche Tenor der Wartburg-Reden allerdings keineswegs revolutionär gewesen sei und „die große Mehrheit der Burschenschafter auf Refor- men, auf eine Politik der Vereinbarungen“ setzte. Siehe Malletke, Klaus: Zur politischen Bedeutung des Wartburgfestes im Frühliberalismus. In: Ders. (Hrsg): 175 Jahre Wartburgfest, S. 09-30. Hier S. 19ff.
94 Im Anschluss an die offizielle Feier verbrannte eine Gruppe radikaler Studenten unter Schmährufen Faksimiles konserva- tiver literarischer Werke ihrer vermeidlichen Gegner sowie des Code Napoleon und als Symbole der verhassten restaurati-
15
geistiger „Akt des Terrors“ 96 oder zumindest als „Akt bedenklicher Geistesverachtung“ 97 be- zeichnet wird, lagen bereits die Ansätze zu einer Radikalisierung der Burschenschaft und der
Anfang vom Ende dieser ursprünglich allseitigen studentischen Reformbewegung. Die Re-
formanregungen des Wartburgfestes, gingen im negativen Echo auf die Verbrennungsaktion
unter. Selbst auf bisherige Befürworter der Burschenschaft wirkte die Aktion „wie ein
Schock“ und sie wandten sich von den Studenten ab. 98 Dass auch innerhalb der Burschenschaft die Vorstellungen von den Zielen und deren Rea-
lisation unterschiedlich waren, zeigte sich am radikalen Weg, den eine Minderheit, die so ge-
nannten Giessener „Schwarzen“ oder „Unbedingten“ unter Führung des Jura-Dozenten Karl
Follen, einschlug. Unter dem Postulat der direkten Aktion wurde die Auffassung propagiert,
dass gegebenenfalls auch Gewalt und Tyrannenmord zur Durchsetzung burschenschaftlicher
Ziele nötig seien. Der Einzelgänger und Theologiestudent Karl Ludwig Sand, ein „wirre[r]
Schwärmer“ 99 , setzte die Idee mit der Ermordung des konservativen Schriftstellers und russi-
schen Informanten August von Kotzebue am 23. März 1819 in die Tat um. 100 Für Fürst Met- ternich war das der willkommene Anlass gegen die missliebigen Burschenschaften vorzuge-
hen. „In einem mehr als fragwürdigen Eilverfahren“ 101 setzte der österreichische Minister am
20. September 1819 die berühmten „Karlsbader Beschlüsse“ durch. 102 Die Burschenschaft
hatte letztendlich selbst die endgültige reaktionäre Wende hervorgerufen.
Was folgte, war eine Entpolitisierung der Studentenschaft. Ohnehin gehörten der bur-
schenschaftlichen Bewegung nur ein Fünftel bis ein Viertel der deutschen Studenten an, 103
auch wenn Nipperdey diese als „eigentlicher Träger der politischen Jugendbewegung“ 104 be- zeichnet. Der Großteil der Studenten schreckte sowohl vor dem politischen Radikalismus als
auch vor den lebensreformerischen Ansätzen der Burschenschafter zurück. Insbesondere die
Corps sahen ihre Alleinvertretungsansprüche gefährdet und widersetzten sich. Die nun ein-
setzende Verfolgung der Burschenschaften schaffte die Voraussetzungen für ein Aufblühen
der weitgehend unpolitischen Verbindungen traditionellen Typs. „In der Friedhofsstille der
Restauration“ wurden sie „als geringeres Übel von den Behörden geduldet, weil Saufen und
Duellieren weniger gefährlich als politische Subversion erschienen“. 105 In der Forschung ist mehrfach darauf hingewiesen worden, dass die burschenschaftliche
Oppositionsbewegung nie ganz zum Erliegen kam und sich der Erfolg der Karlsbader Be-
ven Geister der Heiligen Allianz einen preußischen Ulanenschnürleib, einen österreichischen Korporalstock und einen kur- hessischen Militärzopf. Angeblich ging die Aktion auf Jahns Anregung zurück, der aber selbst nicht am Fest teilnahm. Vgl. Malletke: Politische Bedeutung, S. 23.
95 Jarausch: Deutsche Studenten, S. 37.
96 Malletke: Politische Bedeutung, S. 24.
97 Brandt: Universität und Studenten, S. 45.
98 Siehe Malletke, Klaus: Das Wartburgfest in den Berichten französischer und britischer Diplomaten. In: Ders.: 175 Jahre, S. 153-168.
99 Klose: Freiheit, S. 147.
100 Jarausch sieht in der Tat trotz ihrer gewissen „Lächerlichkeit“, den „Anfang des modernen politischen Terrorismus in Deutschland“. Siehe Jarausch: Deutsche Studenten, S. 40.
101 Nipperdey: Deutsche Geschichte, S. 283.
102 Im wesentlichen bestanden die Beschlüsse aus drei Gesetzen: Mit einem Universitätsgesetz wurde die Burschenschaft verboten, missliebiges Lehrpersonal entfernt und die Universitäten mittels eines außerordentlichen Bevollmächtigten strikt überwacht. Das Pressegesetz führte eine scharfe Vor- und Nachzensur ein und das Untersuchungsgesetz schaffte mit der Einrichtung einer Zentral-Untersuchungskommision die Grundlage für eine bundesunabhängige „Demagogenverfolgung“.
103 Hardtwig: Vormärz, S. 18.
104 Nipperdey: Deutsche Geschichte, S. 279.
105 Jarausch: Deutsche Studenten, S. 40.
16
schlüsse in Grenzen hielt. 106 Das zeigt sich angesichts der Weiterexistenz burschenschaftli-
cher Verbindungen, die sich auf geheimen Burschentagen außerhalb von Universitätsstädten
trafen und „die Erregung einer Revolution, um durch diese die Freiheit und Einheit Deutsch-
lands zu erreichen“ 107 propagierten. 108 Auch der letzte vormärzliche Höhepunkt studenti-
schen Aufbegehrens, der Frankfurter Wachensturm 1833, weist ebenso auf ein politisches
Bewusstsein der Studenten hin, wie deren Beteiligung am Hambacher Fest 1832 oder die
studentische Affinität zum griechischen und polnischen Freiheitskampf. Die deutschen Uni-
versitäten blieben ein politisches Zentrum des Liberalismus 109 im Vormärz. Für ihre Profes-
sorenschaft ist dies beinahe sprichwörtlich geworden. Rotteck und Welcker sind mit ihrem
„Staatslexikon“ 110 dafür genauso ein Beispiel wie die berühmten Göttinger Sieben. Für die
deutschen Studenten und ihre Vereinigungen lässt sich dies nur sehr eingeschränkt behaup-
ten. Studentischer Liberalismus stand eher im Gleichklang mit der bürgerlichen Bewegung,
ging mit ihr zusammen (Beispiel Hambach), als fortwährend an der Spitze zu stehen. Die
Burschenschaft hatte ihren Allgemeinheitsanspruch, der ohnehin in der Realität nie durchge-
setzt werden konnte, aufgeben müssen und sich schon 1826/27 in zwei Richtungen („Armi-
nen“ und „Germanen“) geteilt, deren eine sich zunehmend dem traditionellen Verbindungs-
treiben annäherte. Letztendlich scheiterte sie sowohl an der Einigung und Befreiung
Deutschlands als auch an der Reform des Studentenlebens. 111 Der Großteil der Studenten im
Vormärz war nicht radikal. „Die studentische Aktivität bei Einzelaktionen [darf] nicht dar-
über hinwegtäuschen, daß der Normalstudent sich um seine Studien kümmerte oder um das,
was seit Generationen unter fröhlicher ‚Burschenfreiheit‛ verstanden wurde“. 112 Die wesent-
lichen Elemente der spezifisch deutschen studentischen Kultur verfestigten sich nun. Organi-
satorischer Anlaufpunkt für dieses traditionelle burschikose Studentenleben, das sich, stan-
desbewusst von der nicht-akademischen Welt isoliert, wieder Alkohol, Duellwesen und Ta-
bak zuwandte, waren die Corps. Sie lösten endgültig die Landsmannschaften ab und verwar-
fen deren regionales Rekrutierungsprinzip. In einer Vielzahl blühten sie an fast allen Univer-
106 Vgl. Steiger: Magister, S. 93. Ähnlich Nipperdey: Deutsche Geschichte, S. 479; sowie Jeismann, Karl-Ernst und Lundgreen, Peter (Hrsg.): Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Bd III. 1800-1870. Von der Neuordnung Deutsch- lands bis zur Gründung des Deutschen Reiches. München, 1987. S. 237.
107 Beschlüsse des Stuttgarter Burschentages von 1832. Zitiert nach Griewank: Deutsche Studenten, S. 13.
108 Siehe auch Brandt, Peter: Von der Urburschenschaft bis zum Progreß. In: Brandt: „Der Burschen Herrlichkeit“. S. 35-61. 109 Die Begriffe „Liberalismus“ und „liberal“ umfassen ein weites Feld teilweise divergierender und vor allem nicht nur po- litischer, sondern auch allgemein intellektueller, sozialer und moralischer Denk- und Verhaltensweisen. Eine Definition für einen eindeutigen Gebrauch in dieser Arbeit fällt schwer, da das Verständnis von „liberal“ im betrachteten Zeitraum einem erheblichen Wandel unterliegt. Im Prinzip sind in dieser Arbeit drei Gebrauchsweisen zu unterscheiden, die sich je nach Kontext erschließen: Zunächst meint „liberal“ in noch heute gebräuchlicher Verwendung eine allgemein freiheitliche und vorurteilslose Gedankenhaltung. Im politischen Diskurs meint „Liberalismus“ in dieser Arbeit eine auf neuhumanistischen Einfluss zurückgreifende Bewegung, die individuelle persönliche Freiheit für den Einzelnen im Gemeinschafts-, also Staatswesen, durchsetzen will und dabei konstitutionelle bis demokratische oder gar radikale Vorstellungen zunehmend vermischt und überlieferte Autoritäten nur teilweise akzeptiert. Diese Bewegung überschneidet sich zudem geistig mit dem Nationalitätsgedanken, sowie dem Humboldtschen Bildungsideal. In einer dritten Interpretation verstehen vor allem die in dieser Arbeit zitierten katholischen Quellen „liberal“ als beinahe ausschließlich protestantische Geisteshaltung, die Säkulari- sation und Irreligiosität fördert und letztlich in radikalem Systemumsturz und Massendespotie endet. „Liberal“ und „katho- lisch“ stehen sich somit teilweise ausschließend gegenüber, wobei sich im Umfeld von Görres und des Münchner Kreises die Grenzen überschneiden. Siehe Walther, Rudolf: Liberalismus. In: Brunner, Otto u.a. (Hrsg.): Geschichtliche Grundbeg- riffe, Bd. 3. H-M. Stuttgart, 1982, S. 741-815.
110 Staatslexikon, Enzyklopädie der Staatswissenschaften. Das 1834 erstmals erschienene Werk gilt als „umfassendste theo- retische Leistung dieses professoralen deutschen bürgerlichen Liberalismus“ und „passive Form der Opposition“. Siehe Stei- ger: Magister, S. 98.
111 Siehe Jarausch: Deutsche Studenten, S. 44.
112 Klose: Freiheit, S. 159.
17
sitäten auf, propagierten weiterhin feudal-akademische Ehrbegriffe, verfestigten ihre Struktu-
ren und Comments und wurden auch von den Nichtkorporierten so weit anerkannt, dass sich
diese häufig als „Renoncen“ in „eine Art Klientel- oder Schutzverhältnis“ 113 zu ihnen bega- ben. Dabei waren sie dezidiert unpolitisch.
Der Charakter der deutschen Studentenschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
stellt sich somit als ambivalent dar. Fortschritt verknüpfte sich mit romantischer Schwärme-
rei. Gemäßigten Reformansätzen stand der Terror einer Minderheit gegenüber. Traditionelle
Formen und Riten hielten sich ebenso, wie sich neue Ansätze bemerkbar machten. Einige
Gruppen tradierten ständische, vorbürgerliche Konventionen, andere propagierten liberal-
nationales Gedankengut – und manches überschnitt sich in einer eigentümlichen Mischung.
Entscheidend für das Thema dieser Arbeit ist, dass in diesem Wechselspiel die katholischen
Studenten keine aktive Rolle einnahmen. Die burschenschaftliche Bewegung war eine pro-
testantische. Schon die Einladung zum Wartburgfest war ausschließlich an die gemischt kon-
fessionellen oder protestantischen Universitäten ergangen. Die Feier an sich hatte in ihrer
Konzeption einen so ausgesprochen protestantischen Charakter (inkl. evangelischer Messfei-
er), dass die Teilnahme katholischer Studenten als äußerst unwahrscheinlich erscheint. Im
Sinne der nationalen Idee heißt es zwar in den Grundsätzen der Burschenschaft: „Wenn viele
Deutsche sich zur katholischen Kirche bekennen und viele Deutsche den protestantischen
Grundsätzen anhängen, so sind sie darum nicht minder sämtlich Deutsche und eins durch das
Vaterland“. 114 Doch im Gegensatz zu den protestantischen Kommilitonen waren die Katholi- ken durch ihre Konfession noch auf ein übernationales Weltbild, festgelegt, dass sich an an-
deren Instanzen orientierte als an der neuen Idee der Nation. Dieser Begriff berührte ihre Le-
benswelt noch wenig. Die Probleme die sie beschäftigten waren ganz anderer Art. Denn die
Umwälzungen in Gesellschaft, Kirche und Bildungswelt betrafen die katholischen Studenten
zu nachhaltig, als dass sie aktiv an der burschenschaftlichen Reformbewegung hätten teil-
nehmen könnten. Ihr Studium und ihr Alltag standen unter anderen Vorzeichen.
113 Brandt: Universität und Studenten, S. 49. „Renonce“ bedeutete bei den Corps aber seit den 1820er Jahren ebenfalls die
Vorstufe zur Vollmitgliedschaft als Corpsbursche, mit Verleihung (Renoncierung) eines speziellen Bandes. Wie bei anderen
Verbindungen wurden die Renoncen aber seit Mitte des Jahrhunderts zunehmend als „Füchse“ tituliert. Siehe Paschke: Le-
xikon, S. 222f.
114 Zitiert nach Hoeber: Religion, Wissenschaft, Freundschaft, S. 21.
18
2. Humboldt und die Folgen:
Die Hochschulwelt des Vormärz unter konfessionellen Gesichtspunkten
Wohl kaum eine andere Institution hat die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts so
beeinflusst wie die Universität. Auch wenn Wehler zurecht kritisiert, der Humboldtsche Uni-
versitätsmythos sei durch spätere Generationen „maßlos übertrieben“ 115 worden, ist nicht zu bestreiten, dass dieser „vorindustrielle[n] Philosophengründung“ ausgerechnet im Zeitalter
fortschreitender Modernisierung, Industrialisierung und Demokratisierung ein erheblicher
Stellenwert in der Lebensorientierung der Bevölkerung zukam. 116 Sie wurde gar zur zentra- len Instanz. Die Gelehrten und an ihrer Spitze die Professoren als neue soziale, sowie politi-
sche Elite, erfuhren eine beispiellose Aufwertung. Das Beamten- und Bildungsbürgertum
war im vorwilhelminischen Deutschland sozial wie politisch die bewegende Klasse, wenn
nicht sogar „die einflußreichste Gruppe in der deutschen Gesellschaft“. 117 Und diese Gruppe rekrutierte sich beinahe ausschließlich aus Akademikern. Dass die späteren Entscheidungs-
träger der Gesellschaft die Humboldtschen Ideale der neuen Wissenschaftlichkeit verinner-
licht hatten, prägte auch im Hinblick auf die Religion ein Weltbild. Nach der Zerschlagung
des katholischen Bildungswesens durch die Säkularisation hatte sich die neue Universität auf
ihrem Weg zu einer „Veranstaltung des Staates“ 118 aus dem Geflecht von Kirche, Kommune und konfessionellen Fürstentümern gelöst. Die neue Auffassung von der wissenschaftlichen
„Allheit der Erkenntnis“ (Schleiermacher) hatte spätestens jetzt starre religiöse und scholasti-
sche Dogmen als hinfällig klassifiziert. An ihrer Stelle trat das Paradigma des Fortschritts,
der Herausforderung etablierter Autoritäten. Der Glaube an die Macht der Wissenschaft er-
setzte zunehmend, besonders angesichts des Aufstiegs der Naturwissenschaften, traditionelle
Glaubensideale. Enthusiastisch sprachen Gelehrte nun vom „Naturforscher als Priester“ und
vom „Tempel der Wissenschaft“. 119 Der katholische Teil der Bevölkerung tat sich mit dieser
„quasireligiöse[n] Wissenschaftsgläubigkeit“ 120 schwer.
Ein Blick auf die konfessionelle und soziale Zusammensetzung der Studenten- und Pro-
fessorenschaft, sowie die der einzelnen Fakultäten, fügt dem besonderen Charakter der deut-
schen Bildungslandschaft des 19. Jahrhunderts ein paar Fakten hinzu. Generell blieben die
deutschen Hochschulen im 19. Jahrhunderts trotz gewisser Aufstiegsmöglichkeiten weitge-
hend selbstrekrutierend und Elite bildend. Darüber herrscht in der Forschung Einigkeit. Der
überwiegende Anteil der Studenten stammte aus Beamtenfamilien, war bürgerlich-
akademischer Herkunft, und er war evangelisch. Der Anteil der Protestanten an der Gesamt-
115 Wehler: Gesellschaftsgeschichte, S. 505.
116 Nipperdey: Deutsche Geschichte, S. 470-482. Inzwischen gilt es in der Forschung als communis opinio, dass Realität und Humboldtsche Idealvorstellungen im 19. Jh. weit auseinander lagen. Die durch die ältere Wissenschaftshistoriographie be- triebene Mythologisierung der Humboldtschen Universität war vornehmlich bedingt durch eine auf Preußen fokussierte Sicht, die Restdeutschland ausblendete und darüber hinaus mehr von der Humboldt-Idee als ihrer Umsetzung im kulturellen und sozialen Kontext ausging. Siehe als Einführung hierzu das Vorwort in Schubring, Gert (Hrsg.): ‚Einsamkeit und Frei- heit’ neu besichtigt. Universitätsreformen und Disziplinenbildung in Preußen als Model für Wissenschaftspolitik im Europa des 19. Jahrhunderts (= Boethius. Texte und Abhandlungen zur Geschichte der Mathematik und der Naturwissenschaften. Band XXIV). Stuttgart, 1991. Einen Überblick zu diesem Diskurs leistet ebenda Turner, Steven R.: German Science, Ger- man Universities. Historiographical Perspectives from the 1980s. S. 24-36.
117 Vierhaus, Rudolf: Umrisse einer Sozialgeschichte der Gebildeten in Deutschland. In: Quellen und Forschungen aus ita- lienischen Archiven und Bibliotheken 60 (1980), S. 395-419. Hier S. 405.
118 Prahl: Sozialgeschichte, S. 233ff.
119 Zitiert nach Nipperdey: Deutsche Geschichte, S. 496f.
120 Wehler: Gesellschaftsgeschichte, S. 507.
19
zahl der deutschen Studenten machte bis zur Jahrhundertmitte rund 70 Prozent aus. Sieben
bis zehn Prozent der Studenten waren jüdischen Glaubens und nur etwa 20 Prozent katho-
lisch. 121 Angesichts eines katholischen Bevölkerungsanteils von circa 35 Prozent war das ein
klares katholisches Bildungsdefizit. 122 In der Verteilung auf die Fakultäten lassen sich weitere soziale und konfessionelle Diffe-
renzen feststellen. Adelige Studenten besuchten fast ausschließlich die juristischen Fakultä-
ten. Grund hierfür war die lange Dauer des kostenintensiven Jura-Studium, das nur für gut
begüterte Studenten – eben Adelige oder wohlhabende Bürgerliche – finanzierbar war. Der
bürgerliche Mittelstand hingegen verteilte sich auf die philosophischen und theologischen
Fakultäten. Letztere verloren allerdings ihre Rolle als Führungskraft an die philosophischen
Fakultäten. 123 Diese wurden vermehrt frequentiert und nun zu einer Schleuse sozialen Auf- stiegs, denn das Lehrerstudium war günstiger und kürzer als das juristische, und verhieß e-
benso eine recht sichere staatliche Arbeitsstelle. 124 Traditionelle Plattformen sozialen Auf- stiegs waren und blieben aber die theologischen Fakultäten. Die katholischen Theologiestu-
denten stammten dabei weitaus stärker als die evangelischen Theologen aus weniger gebilde-
ten Schichten, aus Handerwerker- und Bauernfamilien. 125 Ihre protestantischen Kommilito- nen rekrutierten sich zum Großteil aus Pastorenfamilien. Für die katholischen Unterschichten
machte die Aussicht auf eine sichere Stelle als Pfarrer und ein mögliches kirchliches Stipen-
dium oder die günstige Unterkunft im Konvikt das Theologiestudium attraktiv.
Vereinfacht ausgedrückt: Wohlhabendere, protestantische Studenten aus Akademiker-
Familien wandten sich eher dem Jura-Studium zu, ärmere katholische Studenten dem Theo-
logiestudium und Mittel- bis Unterschichten beider Konfessionen dem Lehrerberuf.
Aus der sozialen Rekrutierung der Fakultäten, aber vor allem aus den oben genannten
geistigen Voraussetzungen resultierte, dass das konfessionelles Verhältnis der Professoren-
schaft weitaus einseitiger war. Noch gegen Ende des Jahrhunderts waren rund 85 Prozent der
Lehrstühle in Deutschland von Protestanten besetzt, 126 auch in Gebieten mit katholischer Be- völkerungsmehrheit Gebiet und ganz besonders im rheinisch-preußischen Bonn. Dabei war
diese Uni bewusst als paritätische Anstalt gegründet worden.
121 Zahlen nach Jarausch: Deutsche Studenten, S. 28. Ebenso bei Wehler: Gesellschaftsgeschichte, S. 517. 122 Die Gründe mögen in der geographischen Verteilung der Konfessionen liegen: Katholiken wohnten eher in kleinen und mittelgroßen Gemeinden auf dem Land, während die evangelische Bevölkerung in urbaneren Regionen lebte. Das hatte Konsequenzen für den Zugang zu höherer Bildung.
123 Siehe Jeismann: Handbuch, S. 230.
124 Siehe Prahl: Sozialgeschichte, S. 279.
125 Siehe ebenda S. 286f. Ebenso Jarausch: Deutsche Studenten, S. 31, sowie Jeismann: Handbuch, S. 240. Mergel bestätigt diese Zahlen auch dezidiert für den Raum der Kölner Erzdiözese. Siehe Mergel, Thomas: Zwischen Klasse und Konfession. Katholisches Bürgertum im Rheinland 1794-1914 (= Bürgertum. Beiträge zur europäischen Gesellschaftsgeschichte. Bd. 9). Göttingen, 1994, S. 252.
126 Siehe Boogmann: Wissen und Widerstand, S. 219.
20
3. Zwischen Säkularisierung, Ultramontanismus und Annäherung:
Katholische Rheinlande und protestantisches Preußen im Spannungsverhältnis
3. 1. Die „paritätische“ Bonner Friedrich-Wilhelms-Universität:
Eine Chronik konfessionell bedingter Konflikte
Am 18. Oktober 1818, dem Jahrestag der Leipziger Völkerschlacht, stiftete König Fried-
rich Wilhelm III. die Universität Bonn – „unter Zittern und Zagen“, wie Joseph Görres die
Umstände um die keineswegs unumstrittene Gründung beschrieb. 127 Ein langes Tauziehen zwischen Befürwortern einer Wiedereröffnung der 1794 durch die napoleonischen Besatzer
geschlossenen Kölner Universität und den Anhängern einer Neugründung in Bonn war der
Entscheidung vorausgegangen. In zahlreichen Denkschriften hatten sich etwa Kreisdirektor
Philipp Joseph von Rehfues 128 , Freiherr vom Stein, Staatskanzler Hardenberg oder Ernst Mo- ritz Arndt in die Diskussion eingebracht. Die ältere Tradition der Kölner Hochschule, ihre
katholische Vergangenheit und die Charakterisierung der Stadt als „Brennpunkt der deut-
schen Obskuranz“ 129 gaben schließlich den Ausschlag für Bonn. Bereits vor der Stiftung hat- te damit das konfessionelle und kirchenpolitische Element eine Rolle gespielt – obwohl, oder
gerade weil sich der preußische König eine paritätisch evangelisch-katholische Hochschule
nach Breslauer Vorbild gewünscht hatte. 130 Die Befürchtung der katholischen Bevölkerung, „die Universität zu einem Bollwerk von Tendenzen zu machen, die dem rheinischen Geist
nicht entsprachen“ 131 erwiesen sich als nicht unbegründet. Bereits die Ablehnung von Görres als Lehrkraft zeigte, dass auch in Bonn ein Favorisieren evangelischer Dozenten, wenn nicht
bewusst geplant so doch zumindest auch nicht bewusst verhindert wurde, und die neue Uni-
versität analog zur Entwicklung in ganz Deutschland einen zunehmend protestantischen Cha-
rakter erhielt. Dennoch hatte die seit 1828 „Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität“ ge-
nannte Bonner Hochschule 132 nach einigen Anfangsschwierigkeiten und einer unrühmlichen
Rolle in der Demagogenverfolgung 133 dank der Verpflichtung wissenschaftlicher Größen wie August Wilhelm von Schlegel, Friedrich Gottlieb Welcker, Barthold Georg Niebuhr oder
Georg Hermes in den 1820er Jahren einen guten Ruf in der deutschen Hochschulland-
schaft. 134 Sie wurde zum „Symbol preußischen Kulturstrebens im Westen“. 135 Auch in der anfangs skeptischen Bonner Bevölkerung fasst sie nicht zuletzt dank ihrer wirtschaftlichen
127 Zitiert nach Ennen, Edit und Höroldt, Dietrich: Vom Römerkastell zur Bundeshauptstadt. Kleine Geschichte der Stadt Bonn. Dritte, neubearbeitete und erweiterte Auflage, Bonn, 1977 (1967), S. 202.
128 Vgl. Rehfues, Philipp Joseph von: Die Ansprüche und Hoffnungen der Stadt Bonn vor dem Thron ihres künftigen Herr- schers niedergelegt. Bonn, 1814. Rehfues wurde erster Kurator der Universität.
129 Rehfues: Ebenda. Zitiert nach Moulin Eckart, Richard Graf du: Geschichte der deutschen Universitäten. Stuttgart, 1929, S. 402.
130 Siehe Ennen: Römerkastell, S. 200.
131 Braubach, Max: Kleine Geschichte der Universität Bonn (= Alma Mater. Beiträge zur Geschichte der Universität Bonn, Bd. 1). S.10. Eine verbesserte und erweitert Neuauflage erschien 1968 in Bonn, bietet aber im Prinzip nur für die Zeit nach 1914 neues.
132 Zuvor hatte sie lediglich „Rhein-Universität“ geheißen. Siehe Dyroff, Adolf: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. In: Doeberl, Michael u.a. (Hrsg.): Das akademische Deutschland, Bd.1. Berlin, 1930, S. 83-96. Hier S. 83.
133 Nach den Karlsbader Beschlüssen wurden die Häuser von Ernst Moritz Arndt und der Gebrüder Welcker durchsucht, Papiere beschlagnahmt und Arndt über 20 Jahre ohne Verfahren von seinem Lehramt suspendiert. Es kam zu „eine[r] gewal- tige[n] Erregung“ unter den Studenten, deren burschenschaftliche „Allgemeinheit“ bald auch verboten wurde. Siehe Ennen: Römerkastell, S. 202ff.
134 Für eine ausführliche Übersicht über die Lehrkräfte in Bonn vgl. Dyroff: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität. 135 Jeismann: Handbuch, S. 223.
21
Quote paper:
Daniel Koschera, 2004, 'Hat sich jüngst ein neuer Verein von katholischen Studenten gebildet' - Bavaria und die Bonner Union 1844 - 1867 : Ein Beitrag zur Frühzeit katholischer Studentenvereinigungen in Deutschland, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 15 Pages
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
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Elaboration, 25 Pages
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