Anne-Katrin Thierschmidt Faktoren des Wohlbefindens im Alter
1 Einleitung
„Seit 1855 hat sich die Lebenserwartung der Deutschen von 37 Jahren auf 77 Jahre mehr als verdoppelt“ (Opaschowski 1999, S.91). Opaschowski legt als Neuerung für die ältere Generation im 20. Jahrhundert unter anderem dar, dass aus dem Erwerbsleben ausscheiden muss, wer die dazu bestimmte Altersgrenze erreicht hat. Somit mündet die „Erwerbsphase“ nahtlos in die „Nacherwerbsphase“ (Opaschowski 1999, S.91).
Wer nun mit 65 Jahren oder noch früher aus dem Erwerbsleben austritt, hat noch viele Jahre vor sich, die es zu gestalten gilt, denn: „Gewonnene Jahre sind nicht automatisch erfüllte Jahre“ (Opascho wski 1999, S.92).
Was aber sind „erfüllte Jahre“ im Zusammenhang mit Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden und welche Faktoren spielen möglicherweise eine Rolle?
In der vorliegenden Arbeit möchte ich einige Faktoren des Wohlbefindens und der „Erfüllung“ im Alter herausstellen und näher beleuchten. Dabei ist zunächst einmal von Interesse, was die Begriffe Alter und Altern sowie Wohlbefinden meinen können. Darüber hinaus wird kurz dargestellt, welche Entwicklungsherausforderungen sich im hohen Lebensalter stellen.
Der Hauptteil der Arbeit beschäftigt sich nur mit einigen Faktoren, die Wohlbefinden und Lebensqualität im Alter beeinflussen. Es wurden Aspekte wie Gesundheit und physisches Wohlbefinden, die Rolle von Persönlichkeitsmerkmalen, soziale Netzwerke, Wohnsituation, Mobilität und Freizeit ausgewählt, um deren Bedeutung im Ansatz darzustellen.
Die Darstellung erfolgt wissend, dass es noch eine Reihe mehr einflussnehmender Größen gibt. Aufgrund der Komplexität des Themas ist hier nur ein Teil der Faktoren angeführt, die ich für nachhaltig auf das Wohlbefinden älterer Menschen einflussnehmend erachte.
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Anne-Katrin Thierschmidt Faktoren des Wohlbefindens im Alter
2 Begriffe
2.1 Altern und Alter
Soll von “Alter“ gesprochen werden, kann der Prozess des Alterns nicht ganz außer Acht gelassen werden. Ich spreche dabei von einem zunächst einmal primär biologischen Prozess, beginnend mit der Geburt. Gesellschaftlich bedingt wird dieser Prozess durch verschiedenste Entwicklungsaufgaben, Erwartungen und Zwänge und nicht zuletzt beeinflussen auch wirtschaftliche Rahmenbedingungen individuelle Entwicklungsbedingungen im Lebenslauf und somit auch Ressourcen und Einschränkungen.
Der Alterungsprozess wird demnach durch eine Vielzahl verschiedener Faktoren beeinflusst mit denen die Menschen unterschiedlich umgehen. Durch das subjektive Erleben eines jeden Einzelnen laufen Alterungsprozesse individuell und verschieden ab. Daher ist für mich zunächst einmal klarzustellen, dass Altern meiner Auffassung nach nicht unbedingt gleichbedeutend ist mit dem Nachlassen geistiger und sozialer Fähigkeiten.
Eine Definition für das “Alter“ ist in der neueren Literatur darüber hinaus nur schwer zu finden. Das mag darin begründet liegen, dass auch das Alter eine Lebensphase voller Vielfalt ist, was die Notwendigkeit einer Differenzierung mit sich bringt. So gibt es nicht nur „die Alten“, sondern im Alter von 60 bis 70 Jahren die „jungen Alten“ und von 70 bis 80 Jahren die „mittleren Alten“ (vgl. Staudinger, U. M.; Schindler, I 2002, S. 69). Personen, die das durchschnittliche Lebensalter überschritten haben, gelten als „Hochaltrige“. Dies sind zur Zeit die über 80jährigen, da Frauen im Durchschnitt 79 Jahre und Männer 73 Jahre alt werden (vgl. Opaschowski 1999, S.92).
Darüber hinaus wird chronologisches und biologisches Alter unterschieden. Unter chronologischem Alter versteht sich demnach, wie vorhergehend beschriebene bisherige Lebensdauer. Biologisches Alter bezeichnet dagegen vielmehr die individuelle Leistungsfähigkeit eines
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Menschen. Beide Alterungsprozesse müssen hierbei nicht deckungsgleich verlaufen, da gerade das biologische Alter und die Leistungsfähigkeit bedingt wird durch verschiedene Faktoren (vgl. Cohen, A. 2002, S. 293) – eine Wechselwirkung, die auch im Folgenden an mehreren Stellen deutlich wird.
In der folgenden Auseinandersetzung werde i ch jedoch keine Differenzierung vornehmen und von „älteren“ oder „betagten“ Menschen und „Senioren“ als den Personen reden, die das 60. Lebensjahr erreicht haben und aus dem Erwerbsleben bereits ausgeschieden sind. Gerechtfertigt sehe ich dies durch die „ [...] Tendenz zum frühen Ruhestand schon ab 60 Jahren [...]“ (vgl.: Staudinger, U. M.; Schindler, I 2002, S. 69) und früher, auch wenn das Rentenalter derzeit bei 65 liegt.
2.2 Wohlbefinden
Bei dem Versuch, “Wohlbefinden“ zu definieren, fällt bei genauerer Betrachtung auf, dass viele Ansätze sich an „Defizit-Paradigmen“ orientieren. Die meisten Definitionen gehen beispielsweise von einem Nichtvorhanden sein von Gebrechen und Beschwerden aus. Des weiteren scheint fraglich, ob Wohlbefinden gleichzeitig auch psychische Gesundheit meint, sowie Glück, Zufriedenheit und Lebensqualität (vgl. Höpflinger, F.; Stuckelberger, A. 1999, S. 207).
Es ist eine Frage der Sichtweise: Ich meine, die Begriffe überschneiden sich inhaltlich, können aber nicht genau das gleiche meinen. Wohlbefinden erscheint mir abhängig von verschiedenen Faktorensowohl von objektiven Lebensbedingungen wie von subjektiven Bewertungen. So ist Wohlbefinden auch von unterschiedlichen entwicklungsbedingten Beurteilungen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft abhängig.
Multiperspektivisch lassen sich zur Begriffsklärung soziologische, psychologische und medizinische Sichtweisen zusammenfassen. Aus soziologischer Perspektive meint soziales Wohlbefinden etwa das
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Vorhandensein von Autonomie und die Möglichkeit zu Partizipation. Auch materielle ‚objektive’ Kriterien wie Wohnsituation, Gesundheitsversorgung, soziale und familiäre Aktivitäten und finanzielle Lage sind in diesem Zusammenhang zu nennen.
Psychisches Wohlbefinden umfasst darüber hinaus eher subjektive Kriterien wie positive oder negative Gefühlerlebnisse und die individuelle Bewertung des eigenen Lebens – Lebenszufriedenheit und Lebenssinn. Das Fehlen von Krankheit und Gebrechen, körperliche Zufriedenheit und Beschwerdefreiheit bedienen schließlich die medizinische Sichtweise des Begriffs sowie physisches Wohlbefinden selbst (vgl. online in Internet. URL: www.dza.de/download/11Gutes_Altern.pdf+alter+wohlbefinden&hl=de; 24.06.04).
3 Entwicklungsaufgaben im Alter
Um verschiedene Faktoren des Wohlbefindens im Alter deutlicher herausstellen zu können, ist zunächst auf einige allgemeine Entwicklungsbedingungen und -aufgaben des Alters einzugehen.
Während der letzten Jahrzehnte erfolgte in den hochentwickelten Ländern eine deutliche Reduktion der Lebensarbeitszeit. Zusammen mit der höheren Lebenserwartung ergab sich daraus eine erhebliche Ausdehnung der nachberuflichen Lebensphase. Der "Ruhestand" wurde vom kurzen Lebensabend zur Entwicklungsaufgaben und -prozessen.
Erik H. Erikson nannte zwei wesentliche Entwicklungsaufgaben im Alter: Zum einen sah er eine Herausforderung darin, neben der Erzeugung der nächsten Generation auch an deren Erziehung beteiligt anstatt nur mit sich selbst beschäftigt zu sein. Eine weitere wichtige Aufgabe sah er darin, dass sich der ältere Mensch mit seinem gelebten Leben auseinander zu setzen hat ebenso wie mit dem, was er nicht gelebt hat – beides „[...] im Angesicht der Endlichkeit seiner Existenz [...]“ (Staudinger, U.; Schindler, I. 2002, S. 66).
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Eine ausführlichere Differenzierung nahm der Psychologe Robert Peck vor, indem er drei relevante Entwicklungsaufgaben für das höhere Lebensalter herausstellt. Folglich stehen ältere Menschen vor dem Problem, eine übermäßige Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper zu überwinden und darüber hinaus andere Beschäftigungs- und Erfahrungsbereiche zu erschließen. Insbesondere aufgrund des Austritts aus dem Erwerbsleben ergeben sich verschiedenste Veränderungen sowohl im Tagesablauf als auch bezüglich sozialer Kontakte und Rollen. Folglich stellt sich die Frage, wie das Leben nach der Erwerbstätigkeit sinnerfüllt gestaltet werden kann und es müssen unterschiedlichste Interessen und gesellschaftliche Rollen neu entwickelt werden. Darüber hinaus sieht Peck als schwierigste Aufgabe betagter Menschen, „[…] von sich abzusehen und über sich selbst hinaus zu denken“ (Staudinger, U.; Schindler, I. 2002, S. 66).
Die Bewältigung diverser Entwicklungsaufgaben und der Verlauf von Entwicklungsprozessen tragen in nicht unwesentlichem Maß zu Lebensqualität und Wohlbefinden im Alter bei, sind aber stark abhängig von den eigenen Ressourcen und Einschränkungen wie von denen der umgebenden Lebensumwelt.
4 Faktoren zum Wohlbefinden älterer Menschen
4.1 Gesundheit und Wohlbefinden
Mit dem Alter nehmen auch gesundheitliche Beschwerden zu; die häufigsten betreffen Schlafstörungen und allgemeine Schwäche sowie Müdigkeit; „[...] das Risiko für starke körperliche Beschwerden (ist allerdings) erst für die über 85-jährigen Menschen signifikant mit dem Alter an sich verhängt [...]“ (vgl. Höpflinger, F.; Stuckelberger, A. 1999, S. 254).
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Anne-Katrin Thierschmidt, 2004, Faktoren des Wohlbefindens im Alter, Munich, GRIN Publishing GmbH
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