Kaum ein Problembereich ist so eng mit der ostdeutschen Nachkriegsgeschichte nach 1945 verknüpft wie die Bodenreform. Sie bildete den ersten Eingriff der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) und der KPD in die bestehende Besitzstruktur der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Die SMAD schrieb der Bodenreform eine wichtige Aufgabe zu. Die Verfügung über die Ressource Boden hatte in der Zeit nach dem Krieg nicht nur eine zentrale Bedeutung für die Sicherung der Ernährung, sondern für die KPD, später dann die SED, auch ein legitimes Mittel zur Herrschaftssicherung.
Die Enteignung von Gutsbesitzern beseitigte die traditionelle Vorherrschaft der Großgrundbesitzer auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone. Aus der Bodenreform ging eine neue soziale Gruppierung, die Neubauern, hervor, die ökonomisch gefestigt und in die ländliche Gesellschaft integriert werden musste. Eine Gruppe der Neubauern stellten die Vertriebenen dar, die im folgenden als Zielgruppe der Bodenreform näher untersucht werden sollen.
In der Arbeit „Die Bodenreform und die Vertriebenen in der SBZ/DDR“ soll ermittelt werden, in welchem Ausmaße die Vertriebenen in der SBZ in den Jahren 1945 bis 1950 bei der Landverteilung benachteiligt wurden, wie die Interessen der Vertriebenen Berücksichtigung fanden und wie sich die wirtschaftliche Situation der Vertriebenen-Neubauern darstellte.
Ausgangspunkt der Betrachtung ist die Rolle der Bodenreform als Integrationsmoment.
Die Literaturlage zu diesem Thema ist breit gefächert. Zu diesem Zweck werden hauptsächlich Darstellungen von Arnd Bauerkämper , Wolfgang Meinicke und Manfred Wille herangezogen, weil sie sich maßgeblich an der wissenschaftlichen Diskussion zu diesem Thema beteiligen. Ergänzend dazu werden Darstellungen über die Länder Sachsen (Stefan Donth ), Sachsen-Anhalt (Torsten Mehlhase ), Thüringen (Steffi Kaltenborn ), Mecklenburg-Vorpommern (Michael Rusche ) und Brandenburg (Arnd Bauerkämper) verwendet. Als Vertreter der verwendeten DDR-Darstellungen ist die Monographie von Horst Barthel zu nennen. Sie gewährt Einblicke in diverse Statistiken, die für das Bearbeiten des Themas unabdinglich sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vorbemerkungen
2.1. Begriffsbestimmung
2.2. Die Ausgangssituation in der SBZ
3. Die Bodenreform und die Vertriebenen in der SBZ/DDR
3.1. Der Beginn der Bodenreform in der SBZ/DDR
3.2. Die Beteiligung der Vertriebenen an den Bodenreform-kommissionen
3.3. Die wirtschaftliche Notsituation der Vertriebenen-Neubauern
3.3.1. Der Mangel an Neubauern-Wirtschaften
3.3.2. Der Mangel an lebendem und totem Inventar
4. Fazit
5. Quellennachweis
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Bodenreform als Integrationsmoment für Vertriebene in der sowjetischen Besatzungszone zwischen 1945 und 1950. Ziel ist es, das Ausmaß der Benachteiligung bei der Landverteilung sowie die wirtschaftliche Situation der entstandenen Vertriebenen-Neubauern zu ermitteln.
- Integration von Vertriebenen in die Landwirtschaft
- Strukturwandel durch die Bodenreform
- Wirtschaftliche Notsituation und Mangelverwaltung
- Rolle der Bodenreformkommissionen und der VdgB
Auszug aus dem Buch
3.3.1. Der Mangel an Neubauern-Wirtschaften
Zum Verständnis sei der Begriff Neubauern-Wirtschaft näher erläutert. Eine Neubauern-Wirtschaft bestand aus dem zu bewirtschafteten Land, aus einem Gehöft (Wohnhaus, Viehstall, Scheune), tierischem und technischem Inventar. In der SBZ wurden 56.676 solcher Neubauern-Wirtschaften (Stand 1. Januar 1946) an Vertriebene vergeben. Der Anteil der Vertriebenen an diesen Neubauernstellen schwankte in der SBZ erheblich. In Mecklenburg-Vorpommern lag dieser Anteil (Januar 1946) mit 39 % am höchsten, gefolgt von Sachsen mit 38 % und Brandenburg mit 37 % und fiel in Thüringen und Sachsen-Anhalt mit 28 bzw. 25 % am niedrigsten aus.
Weiterhin unterschied sich die Hofgröße je nach der Bodenbeschaffenheit und dem Bodenfonds erheblich. Die Vertriebenen-Neubauern erhielten bis Februar 1946 im Durchschnitt folgende Hektarzahlen an Land zugeteilt: in Mecklenburg 8,5 ha, in Brandenburg 7,1 ha, in Thüringen 6,5 ha, in Sachsen-Anhalt 6,8 ha und in Sachsen 7 ha. Im Vergleich zu den einheimischen Neubauern erhielten die Vertriebenen-Neubauern in der SBZ mehr Hektar an Land. Als Beweis sollen die Hektarzahlen der Vertriebenen-Neubauern mit denen der landlosen und landarmen Bauern in Brandenburg gegenübergestellt werden. So wurde an die Vertriebenen im März 1946 durchschnittlich 7,1 ha vergeben – dagegen erhielten landlose Bauern 6,6 ha und landarme Bauern 3,8 ha.
Der erste Abschnitt der Bodenreform fand mit der Landzuteilung sein Ende. Und damit sollten für die Masse der Neubauern die größten Schwierigkeiten und Probleme erst beginnen. Die Behörden der SBZ hatten die Hofgröße auf 10 Hektar begrenzt, was bei ausgezeichneter Bodengüte ausreichte, um eine Familie zu ernähren und einen dauerhaften wirtschaftlichen Erfolg zu erringen. Natürlich waren sich die Behörden im klaren, daß größere Höfe rentabler arbeiten, aber man erwartete in der nächsten Zeit weitere Vertriebene, die Land erhalten sollten. Somit waren die Behörden gezwungen, kleinere Höfe zu schaffen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung der Bodenreform als Instrument der KPD/SED zur Herrschaftssicherung und zur Integration der Vertriebenen nach 1945 ein.
2. Vorbemerkungen: Hier werden die unterschiedlichen Begrifflichkeiten wie Umsiedler und Vertriebene diskutiert sowie die schwierige demografische und wirtschaftliche Ausgangssituation in der SBZ skizziert.
3. Die Bodenreform und die Vertriebenen in der SBZ/DDR: Das Hauptkapitel analysiert die Umsetzung der Bodenreform, die Beteiligung der Vertriebenen an den Kommissionen sowie die weitreichenden ökonomischen Probleme beim Aufbau der Neubauern-Wirtschaften.
4. Fazit: Das Fazit resümiert, dass die Bodenreform für die Vertriebenen zwar eine Existenzgrundlage bot, aber aufgrund von Benachteiligungen und materiellem Mangel die erhoffte Konsolidierung bis weit in die fünfziger Jahre ausblieb.
5. Quellennachweis: Dieses Kapitel listet die verwendeten Archivdokumente auf.
6. Literaturverzeichnis: Hier werden die wissenschaftlichen Monografien und Aufsätze aufgeführt, die der Arbeit als Grundlage dienten.
Schlüsselwörter
Bodenreform, SBZ, DDR, Vertriebene, Neubauern, Integration, Landverteilung, SMAD, KPD, SED, Neubauern-Wirtschaft, Mangelverwaltung, Agrarpolitik, Landwirtschaft, Nachkriegsgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Bodenreform in der SBZ und DDR und untersucht speziell die Situation der Vertriebenen, die als Neubauern in die neue Gesellschaftsstruktur integriert werden sollten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die Landverteilung, die politische Einbindung der Vertriebenen in Bodenreformkommissionen sowie die materiellen und ökonomischen Bedingungen beim Aufbau der Neubauern-Wirtschaften.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Ermittlung des Ausmaßes, in dem Vertriebene bei der Landverteilung benachteiligt wurden und wie erfolgreich ihre wirtschaftliche Integration in den Jahren 1945 bis 1950 verlief.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine historische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse sowie der Auswertung zeitgenössischer Statistiken und Dokumente basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Beginn der Bodenreform, die institutionelle Beteiligung der Vertriebenen, die gravierenden Probleme bei der Bereitstellung von Neubauern-Wirtschaften sowie den chronischen Mangel an lebendem und technischem Inventar.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wesentlichen Begriffe umfassen Bodenreform, Vertriebene, Neubauern, SBZ, Integration, Agrarpolitik und wirtschaftliche Existenzsicherung.
Welche Rolle spielten die Bodenreformkommissionen für die Vertriebenen?
Die Kommissionen waren für die Zuteilung von Land zuständig, boten jedoch oft keine faire Repräsentation für Vertriebene, da diese häufig von alteingesessenen Einwohnern benachteiligt wurden.
Warum blieben viele der geschaffenen Neubauern-Wirtschaften unrentabel?
Die unzureichende Größe der Höfe, fehlendes Kapital, mangelnde Unterstützung durch die VdgB und ein massiver Mangel an Maschinen sowie Viehbestand führten dazu, dass viele Neubauern am Existenzminimum arbeiteten.
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- Magister Artium Patrick Fengler (Author), 2002, Flüchtlinge und Vertriebene in der SBZ/DDR 1945 bis 1950, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26841