1. Einführung
Gerhard Schulze beschreibt in seiner umfassenden Studie „Die Erlebnisgesellschaft – Kultursoziologie der Gegenwart“ die neue Gesellschaft deren kollektive Basismotivation die Erlebnisorientierung ist. Insbesondere versucht Schulze Gemeinsamkeiten von Milieus und Szenen herauszuarbeiten und empirisch zu belegen.
Wichtige und interessante Ele mente von Schulzes These sind ein neues Milieuverständnis sowie ein Handeln der Individuen, welches nur noch auf das kurzfristige Erleben und eine erfolgreiche Ästhetisierung ausgerichtet sind und sich unter dem Einfluss innenorientierter Lebensauffassungen entwickeln 1 . ,,Die Suche nach dem schönen Erlebnis ist zu einem wichtigen Bestandteil des Alltags geworden." 2 Dieses Handeln führt auch zu einer Veränderung der sozialen Wahrnehmung.
,,Früher waren Milieus vor allem regional und ökonomisch definiert, es gab kaum einen individuellen Spielraum jenseits des Existenzminimums, in einer Warenwelt geringer Diversifizierung, eingeschränkt durch Konvention und kontrolliert durch Sanktionen. In einer Welt eines diversifizierenden Warenangebots, der schrankenlosen Kommunikation, der Aufhebung von Konventionen wird die Konstitution des Milieus immer stärker zu einem aktiven Akt der Menschen." 3 Neu treten dabei ,,altersspezifische Milieus als gegeneinander abgegrenzte Kontaktfelder mit eigenen Mentalitäten" 4 bzw. ,,kohortenspezifische Erlebnismilieus" 5 auf.
Die Zunahme der Bedeutung differenzierbarer Lebensstile zeigt sich in der heute schon für viele selbstverständlich erscheinenden, ,,zunächst kaum merklichen Veränderung der sozialen Unterscheidungspraxis." 6 Die Menschen sind dazu übergegangen, sich selbst und andere nach Lebensstilkriterien zu beurteilen und Kommunikations- sowie Kontaktchancen davon abhängig zu machen. Im Prinzip sekundäre Geschmacksfragen werden dadurch zu Stilfragen und -urteilen erhoben, um zu definieren, ,,zu welchen Szenen wir uns zuordnen, zu
2. Milieus in der Erlebnisgesellschaft nach Schulze
Gerhard Schulze versteht unter sozialen Milieus ,,große Personengruppen mit ähnlichen subjektiven und situativen Merkmalen, die sich von einander durch erhöhte Binnenkommunikation abheben" 7 und die typische Existenzformen aufweisen. Binnenkommunikation wiederum ,,manifestiert sich in erhöhter Wahrscheinlichkeit persönlicher Kontakte von Angehörigen derselben Gruppe, insbesondere in Partner-
1
vgl. SCHULZE 1992, S. 54
2
MICHAILOW 1996, S. 89
3
vgl. ebd., S. 182
4
ebd., S. 188
5
ebd., S. 189
6
ebd., S. 80
7
SCHULZE 1992, S. 23
3
und Freundschaftsbeziehungen, im Bekanntenkreis, in Vereinen, in Szenen". 8 Sie bewirkt Stabilisierung, sorgt für ähnliche Verarbeitung von Erlebnissen und erzeugt Gruppenbewusstsein.
Laut Schulze lässt sich die Entstehung sozialer Milieus nicht durch ein zeitloses Modell beschreiben. 9 Die Milieubildung läuft heute nach einem anderen Muster als früher ab: ,,Beziehungswahl ist an die Stelle von Beziehungsvorgabe getreten". 10
2.1. Milieubildende und -anzeigende Zeichen
Die Binnenkommunikation sozialer Milieus erfolgt über die wechselseitige Dekodierung sozialer Stile. ,,Die Wahrnehmung erfolgt über milieuinduzierende Zeichen, die schnell und einfach dekodierbar sei müssen. Als wesentliche Eigenschaften gelten Evidenz und Signifikanz." 11 Unter Evidenz ist leichte Wahrnehmbarkeit und unter Signifikanz relative Zuverlässigkeit zu verstehen. Daher sind für Gerhard Schulze drei Zeichen von besonderer Bedeutung: Stiltyp, Alter und Bildung. 12
2.1.1. Alltagsästhetischer Stil als Zeichen
Der Kaufpreis einer Ware an sich sagt kaum noch etwas über die soziale Lage seines Besitzers aus. Denn durch den hohen Lebensstandard ist es im Prinzip jedem möglich, sich mit jeder Ware (und damit mit dem zugehörigen Status, bezogen auf die ,,alte" soziale Hierarchie mit ihren Zeichen Berufsposition und Vermögen) "auszustatten". Deshalb ist es wichtig, mit der Ware nicht nur einen Gebrauchs-, sondern auch einen Erlebniswert zu erwerben.
Da Konsum in der Bundesrepublik kaum noch Notwendigkeitskonsum, sonder immer mehr Wunschkonsum ist, weisen angeeignete Dinge, die am anderen zu erkennen sind, nicht auf dessen Lebensbedürfnisse, sondern auf die ,,Erlebensbedürfnisse" hin. Die Ware zeigt nicht soziale Ungleichheit, sondern Subjektivität an: 13 ,,Je mehr ich auf das, was ich habe, verzichten kann, desto mehr zeige ich, auf was ich nicht verzichten will." 14
2.1.2. Alter als Zeichen
Das Lebensalter des Gegenübers ist ein sehr schnell erkennbares und einstufbares Zeichen. Verwertbar wird dieses Zeichen durch die generationenspezifische Ausprägung des Geschmacks. Als direkt aufeinandertreffende Merkmale dieser Ausprägung führt Gerhard Schulze das mit zunehmendem Alter
8
ebd. S. 174
9
vgl. ebd., S. 175
10
ebd., S. 88
11
KLOCKE 1993, S. 91
12
vgl. SCHULZE 1992, S. 184 ff
13
vgl. SCHULZE 1990, S. 415
14
ebd., S. 415
4
zunehmende Bedürfnis nach Ordnung, Ruhe, Harmonie und Tradition einerseits und den jugendspezifischen Hunger nach Unruhe, Erfahrung und Abwechslung andererseits an. 15
2.1.3. Bildung als Zeichen
Der Bildungsgrad ist dem Alter an Evidenz und Signifikanz vergleichbar. Evident ist er, weil es zur ungefähren Bestimmung des Bildungsniveaus des anderen nur ein Gespräch bedarf. ,,Sie zählt zu den Standardinformationen, die beinahe unvermeidlich am Anfang jeder Bekanntschaft ausgetauscht werden (...)." 16 Die Signifikanz ergibt sich - ähnlich dem Alter - durch die Zuordnung Bildung - Milieuzugehörigkeit. ,,Mit einer groben Einteilung des Bildungsgrades [...] ziehen wir gewissermaßen Fächer in den Rahmen ein [...]" 17 , den das Alter vorgibt.
2.2. Die 5 Milieus nach Schulze
Da nicht mehr das Überleben, sondern das Erleben in den Mittelpunkt des Lebens getreten ist, wurden alte Statussymbole (die lediglich auf den Besitz von Gütern basieren) abgelöst von einer Betrachtungsweise, ,,die alle Ereignisse auf ihren Erlebniswert hin untersucht." 18 Laut Schulze werden alle Milieus seines Modells von einer erlebnisorientierten Grundhaltung geprägt (deshalb auch ,,Erlebnismilieus").
Nach Schulte bilden sich in der Erlebnisgesellschaft soziale Milieus durch Beziehungswahl 19 , d.h. durch das subjektive Urteil des Einzelnen, welchem Milieu er zugehört und vor allem der Einordnung der Menschen mit denen er potentiell in Kontakt treten möchte. Die Identifizierung derselben geschieht über die signifikanten und evidenten milieuanzeigenden Zeichen alltagsästhetischer Stil, Alter und Bildung. So stellt Schulze in seiner Untersuchung fest, dass sich die fünf Milieus die sich nach Schulte in der deutschen Gesellschaft identifizieren lassen nach genau diesen Zeichen unterscheiden und strukturieren lassen. 20
15
vgl. ebd., S. 418
16
ebd., S. 191
17
ebd., S. 191
18
MÜLLER 1993, S. 778 19 In einer Situation mit geringer Mobilität, eingeschränktem Möglichkeitenraum, Ressourcenknappheit, Vorherrschen ortgebundener Kommunikation bilden sich soziale Milieus durch Beziehungsvorgabe. In Situationen, wie wir sie zunehmend heute vorfinden, hingegen in denen hohe regionale Mobilität, weitem Möglichkeitenspielraum, Überfluss und Verfügbarkeit überörtlicher Kommunikationsmöglichkeiten überwiegen, bilden sich soziale Milieus eher durch Beziehungswahl. vgl. SCHULZE, GERHARD 1992, S. 734
20
vgl. SCHULZE 1992, S. 278 f
5
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Cynthia Dittmar, 2004, Milieus in der Erlebnisgesellschaft nach Schulze, Munich, GRIN Publishing GmbH
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