Masse, Markt und Alltäglichkeit sind Begriffe, die dem Konzept der amerikanischen Popular Art gerecht werden können. Roy Lichtenstein und Andy Warhol, als zwei ihrer prominentesten Vertreter, holten durch Provokation mit dem Trivialen die darstellende Kunst von ihrem Sockel der „Hohenkünste“ in die Welt des Alltags einer demokratisierten westlichen Welt. Ihr Kunstkonzept, bevor es als fetischisierte corporate identity den Markt eroberte, basierte auf der bewussten Provokation mit alltäglichen Inhalten oder auf der Veralltäglichung vormaliger gehobener Sinnzusammenhänge.
Eine inhaltliche Profanisierung der Malerei, die an die Stelle von Heiligen oder Herrschern den privaten Alltag durchschnittlicher Menschen stellt, bestimmt das Werk Lichtensteins. Portraits von Männern und Frauen, die in Sprechblasen einen kurzen Einblick in ihre privatistische Beziehungswelt geben, sind im als trivial geltenden Comic-Stil aufbereitet. Der Stil stellt die Antithese zur Werksästhetik bürgerlicher Kunst dar, verweist er doch auf die Anonymität unbekannter Zeichner und die technische Reproduzierbarkeit billiger Hefte. Als Beispiel für die Veralltäglichung gehobener Sinnzusammenhänge können die in knalligen Farben aufbereiteten Drucke Warhols gelten, die Mao Tse-tung in eine Reihe mit Marilyn Monroe stellen. Warhols und Lichtensteins Produktionen gelten gerade auch deshalb als Kunst, weil sie die High-Art radikal und plakativ in Frage stellten und diese mit den Mitteln der Low-Art bis in den Kitsch transszendierten. Natürlich wurden sie für ihre Entweihungen der hohen Kunst entlohnt: Die auf Grund ihrer trivialen Inhalte voraussetzungslose individuelle Zugänglichkeit machten sie zum künstlerischen Standartgut der modernen Weltgesellschaft und trieben die Preise ihrer Bilder und die Anzahl ihrer wie auch immer gearteten Reproduktionen in schwindelerregende Höhen. Ergibt sich der künstlerische Wert Warhols und Lichtensteins eher aus ihrem Platz innerhalb eines Diskurses der Kunst über ihre Grenzen, so ist ihr marktlicher Wert der Perfektionierung eines Prinzips zu verdanken, dessen Funktionsprinzipien bei Alexis de Tocqueville und Theodor W. Adorno grundsätzlich untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Masse, Markt, Alltäglichkeit
A. Kunst- und Kultursoziologie bei Alexis de Tocqueville und Theodor W. Adorno
I. Alexis de Tocqueville
1. Kontextualisierung von Tocquevilles Kultursoziologie in Über die Demokratie in Amerika
2. Die deduzierte Gleichheit: Zur Methodologie Tocquevilles
3. Tocquevilles Kunstsoziologie
1. die Architektur
2. das Handwerk
3. die schönen Künste
4. die Literatur
5. das Theater
II. Theodor W. Adorno
1. Ureigenstes und gesellschaftliches Ganzes: Die Methodologie Adornos
2. Kontextualisierung der Dialektik der Aufklärung
1. Kernaussage
2. Struktur und Aufbau
3. Geschichtlicher Kontext
4. Die Ideologiekritik der Ideologiekritik
5. Die Wirkungsmacht der Dialektik der Aufklärung
3. Die Kontextualisierung der Kulturindustrie innerhalb der Dialektik der Aufklärung
4. Bestimmung des Kulturindustriebegriffs: Definition und Merkmale
5. Kunstbegriff Adornos
1. Ökonomische Vermittlung ästhetischer Phänomene
2. Versöhnung von Mensch und Natur
3. Funktionslosigkeit als Aufgabe der Kunst
4. Beschaffenheit der Kunst
5. Ästhetischer Schein
6. Gesellschaftskritik vs. Vergesellschaftung
7. Zusammenfassung
6. Theorie der Kulturindustrie
1. Charakteristika kulturindustrieller Produkte
2. Ideologien der Kulturindustrie
3. Schließungsmechanismen der Kulturindustrie
4. Innere und äußere Herrschaft der Kulturindustrie
5. Kulturindustrie als Bewusstseinsindustrie
6. Manipulation und rückwirkendes Bedürfnis
7. Folgen
B. Vergleich
I. Übereinstimmungen in der Sache
II. Zwei Perspektiven auf Kultur
1. Tocquevilles Blick auf demokratische Massenkultur
1. Gleichheit als Vorsehung: Tocquevilles geschichtsphilosophische Prämisse
2. Ideologie aristokratischer Kultur und Politik: Tocquevilles persönliche Perspektive
3. Die demokratische höfische Gesellschaft: Demokratie und individuelles Bewusstsein
2. Adornos Blick auf Kulturindustrie
1. Die Masse als Träger sozialen Fortschritts
2. Scheitern der Masse als revolutionären Subjekt
3. Kunst als Widerstand gegen universelle Vermittlung
4. Entsubjektivierung und Manipulation durch Kulturindustrie
5. Die Reaktion auf den Verlust progressiver Dialektik: Negative Geschichtsphilosophie
6. Kritik 1: Zweiseitige Kausalzurechnung
7. Kritik 2: Pessimismus gegenüber den kommunikativen Formen der Rationalität
8. Die ästhetische Betrachtungsweise der Moderne
9. Adorno als Vertreter der bürgerlichen Werkskunst
10. Zusammenfassung
III. Die Integriertheit der demokratisch-„höfischen Gesellschaft“: Adaptive Elemente von Tocquevilles Kunstdiagnose bei Adorno
C. Kritik (Fortsetzung) und Ausblick
I. Affirmative Zeitdiagnose: Die Bestätigung Adornos
II. Kritik 3: Die kulturkonservative Verengung Adornos
III. Kritik 4: Selbstkorrektur Adornos
1. Medienspezifische Vermittlungsformen
2. Betrug und Selbstbetrug: das doppeltes Bewusstsein der Rezipienten
3. Veränderung kulturindustrieller Inhalte
4. Erziehung der Rezipienten
IV. Kritik 5: Die Differenzierung des Rezipientenverhaltens in den Cultural Studies
V. Kritik 6: Kritik an der postmodernen Kritik
1. Täuschung und Wiederkehr des Verdrängten
2. Künstler in den Kontrollturm
Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht komparatistisch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Kunstsoziologien von Alexis de Tocqueville und Theodor W. Adorno, um die These einer „integrativen Adaption“ von Tocquevilles empirischen Befunden durch Adorno zu stützen. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie die „Tyrannei der Mehrheit“ bei Tocqueville und die „Kulturindustrie“ bei Adorno als Mechanismen der soziokulturellen Vergesellschaftung wirken und das Individuum in seinem Denken hemmen.
- Vergleich der Kunstsoziologien von Tocqueville und Adorno in modernen Gesellschaften.
- Analyse der Begriffe „Masse“ (Adorno) und „Mehrheit“ (Tocqueville) als Hauptbezugspunkte.
- Untersuchung der „integrativen Adaption“ Tocquevilles durch Adorno unter Berücksichtigung methodischer Unterschiede.
- Kritik an Adornos Kunstverständnis und dessen Verengung durch kulturkonservative Prämissen.
- Differenzierung des Rezipientenverhaltens unter Einbeziehung von Cultural Studies und postmodernen Ansätzen.
Auszug aus dem Buch
3.1 Architektur
Plastischen Eindruck macht Tocquevilles Schilderung der vermeintlichen Marmorpaläste vor New York, die sich bei genauerem Hinsehen als Backsteinhäuser mit Säulen aus bemaltem Holz entpuppen (DA II: 78f). Der äußere Eindruck erzeugt einen vorgestellten Schein, der bei genauerem hinsehen der Wirklichkeit nicht standhält. Die vorgestellte Materialität der Fassade entspricht nicht der realen. Die damit verfolgte Abwehr der Uniformität durch die ahistorische Verfügbarkeit von Stilen widerspricht der Erwartung, dass „eine Gesellschaft, die ein Idolatrie der Gleichheit betreibt, in Uniformität erstarren müsste“ (Dolif 2003: 6). Im Gegenteil: Sie hat einen grenzenlosen Bedarf an Verschiedenheit, …
… „damit die Gleichheit nicht als augenfällige Unterdrückung von Individualität und Freiheit erscheint. Tocqueville war bei seiner Ankunft in New York am East River auf ein drastisches Beispiel demokratischer Hypokrisie gestoßen, der scheinbaren Bevorzugung des Alten und Traditionsverbundenen vor dem Neuen, in Wahrheit aber des Unechten vor dem Echten. Die immer neue Hervorbringung des Neuen ist auf der Basis von herkömmlicher Echtheit, also Materialechtheit gar nicht möglich. Das Neue bedient sich der Täuschung im Material als eines wichtigen Wirkungsmittels“ (Dolif 2003: 6).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Masse, Markt, Alltäglichkeit: Die Einleitung definiert das Interesse an der Popular Art und führt die theoretischen Grundpfeiler (Tocqueville und Adorno) als zentrale Analyseraster für moderne Massenkunst ein.
I. Alexis de Tocqueville: Dieses Kapitel erläutert die Methodik und die kunstsoziologischen Diagnosen von Tocqueville im Kontext seiner Amerikareise und seiner Beobachtungen zur sozialen Gleichheit.
II. Theodor W. Adorno: Hier wird Adornos Methodologie sowie sein Kulturindustriebegriff im Rahmen der Dialektik der Aufklärung systematisch bestimmt und kritisch eingeordnet.
B. Vergleich: Dieser Hauptteil arbeitet die inhaltlichen Übereinstimmungen und grundlegenden theoretischen Unterschiede in den Betrachtungsweisen von Tocqueville und Adorno detailliert heraus.
C. Kritik (Fortsetzung) und Ausblick: Der abschließende Teil reflektiert Adornos Zeitdiagnose kritisch und diskutiert alternative Ansätze wie die Cultural Studies und die Kritik von Norbert Bolz.
Schlüsselwörter
Kulturindustrie, Alexis de Tocqueville, Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Kunstsoziologie, Demokratie, soziale Gleichheit, Massenkultur, Verdinglichung, Tyrannei der Mehrheit, Ideologiekritik, Rezipientenverhalten, Werksästhetik, Kulturkritik, Selbstzensur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit führt einen theoretischen Vergleich zwischen den Kunstsoziologien von Alexis de Tocqueville und Theodor W. Adorno durch, um die Parallelen in ihren Analysen zur Massenkultur aufzuzeigen.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Felder sind die Auswirkungen von sozialer Gleichheit auf die Kunst, der Warencharakter kultureller Güter sowie die Mechanismen der Manipulation und Verdinglichung in demokratischen Gesellschaften.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Adorno Tocquevilles empirische Befunde in einer „integrativen Adaption“ genutzt hat, um seine eigene Theorie der Kulturindustrie zu stützen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Es handelt sich primär um eine komparatistische und ideengeschichtliche Untersuchung, die sowohl auf Primärliteratur als auch auf eine Aufarbeitung relevanter Sekundärquellen zur Kritischen Theorie stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Kunstdiagnosen beider Autoren, vergleicht ihre Perspektiven auf die „Masse“ und beleuchtet die methodologischen Unterschiede zwischen Tocquevilles Mikro- und Adornos Makroanalyse.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben der Kulturindustrie und der Tyrannei der Mehrheit sind die Begriffe Verdinglichung, Ideologie, Autonomie der Kunst und das doppelte Bewusstsein der Rezipienten von zentraler Bedeutung.
Wie unterscheidet sich Adornos Verständnis von Kunst von dem Tocquevilles?
Während Tocqueville die Kunst primär als Funktion der politischen Verfassung sieht, begreift Adorno sie als einen (wenn auch bedrohten) Gegenpol zur Kulturindustrie, der Autonomie bewahren muss.
Welche Rolle spielt das „doppelte Bewusstsein“ bei Adorno?
Das doppelte Bewusstsein beschreibt das unbewusste Wissen der Konsumenten um den betrügerischen Charakter der Kulturindustrie, welches einen Rest an kritischer Differenz zur positivistischen Scheinwelt ermöglicht.
- Quote paper
- Dominik Sommer (Author), 2004, Adornos integrative Adaption von Alexis de Tocquevilles Merkmalen marktvermittelter Massenkunst in demokratischen Gesellschaften, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27130