Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis I
Abbildungsverzeichnis III
Abkürzungsverzeichnis IV
1. Einleitung 1
2. Abgrenzung verschiedener Begriffe der Lebensqualität 4
2.1. Erklärung und Einordnung der Begriffe Wohlfahrt Wohlstand
und Lebensqualität 4
2.2. Erklärung und Einordnung der Begriffe BIP Wachstum und
soziale Sicherung 6
2.3. Erklärung und Einordnung der Begriffe externe Effekte
öffentliche Güter Free rider 8
3. Ökonomische Grundlagen zu verteilungspolitischen Maßnahmen
und Konzepte der vergleichenden Wohlfahrtsstaatenforschung 11
Einkommenstransfers 12
3.1.1. Allgemeines 12
3.1.2. Einkommenspolitik 13
3.1.3. Sicherungspolitik 24
3.1.4. Fazit der wirtschaftstheoretischen Sichtweise 32
3.2. Die Einteilung der Wohlfahrtsstaaten nach Esping-Andersen und
die BSLQ 34
3.3. Konzept der NSLQ nach Adema 37
3.4. Modell zur Bekämpfung der Kriminalität durch Sozialtransfers41
3.4.1. Genauere Beschreibung des Modells 42
3.4.2. Kriminelle Aktivität 43
3.4.3. Die Entscheidung über die Aktivität 44
4. Vorstellung der Vergleichsländer 48
5. Darstellung der Indikatoren im Zeitverlauf für die ausgewählten
Länder 52
5.1. BIP Wachstum und EL-Quote (Erfolg der Vergleichsländer) 53
I
5.1.1. Darstellung der Verläufe des BIP in den ausgewählten
Ländern 53
5.1.2. Darstellung des Wirtschaftswachstums im Zeitverlauf 55
5.1.3. Darstellung des Verlaufs der Erwerbslosenquote 57
5.2. Verlauf der BSLQ 58
5.3. Substitution der staatlichen sozialen Sicherung in private
Gesundheits und Versicherungsausgaben 61
5.4. Risikobereitschaft durch soziale Sicherung 62
5.5. Entwicklung der Einkommensungleichheit und der Kriminalität
64
5.6. Gefahr der geringeren Krankheitsvorsorge durch Reduktion der
sozialen Sicherung 68
5.7. Fazit aus der Analyse aller Indikatoren der drei Länder im
Zeitverlauf 70
6. Zusammenfassung und Ausblick 73
Literaturverzeichnis 75
Anhang 80
II
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Sparquote der Haushalte nach Einkommenshöhe 17
Abbildung 2: Entscheidungsprozess eines Typ 0 Individuums 44
Abbildung 3: Verlauf des BIP pro Kopf in PPS 54
Abbildung 4: Verlauf der Wachstumsraten 56
Abbildung 5: Erwerbslosenquote 57
Abbildung 6: BSLQ 59
Abbildung 7: Anteil der privaten Konsumausgaben für Gesundheit 61
Abbildung 8: Anteil der privaten Konsumausgaben für Versicherung 62
Abbildung 9: Risikokapital Anschubphase im Verhältnis zum BIP 63
Abbildung 10: Einkommensungleichheit 65
Abbildung 11: Kriminalität 67
Abbildung 12: Todesfälle durch Krebs pro 100 000 Personen 69
Abbildung 13: Todesfälle durch Herzerkrankungen pro 100 000 70
III
Abkürzungsverzeichnis
BIP Bruttoinlandsprodukt
BSLQ Bruttosozialleistungsquote
NSLQ Nettosozialleistungsquote
WHO World Health Organisation
EL-Quote Erwerbslosenquote
IV
1. Einleitung
Ist Deutschland noch zu retten, fragt Hans Werner Sinn in seinem aktuellen Buch und ist davon überzeugt, dass einschneidende Reformen erforderlich sind, um das Land wieder auf den Erfolgspfad zu bringen. Seine Meinung deckt sich in weiten Zügen mit der anderer Experten, und allein die Durchsetzbarkeit gegen Lobbyisten scheint das Problem zu sein. Verkrustete Strukturen und unflexible Systeme machen Deutschland zu einem unbeweglichen, langsamen und vor allem international nicht konkurrenzfähigen Land. Es ist die Rede vom kranken Mann Europas, der beim Wachstum Schlusslicht ist. 1
Bei der aktuellen öffentlichen Diskussion über die Sozialsysteme und ihre Bedeutung für Wachstum geht es in erster Linie darum, dass Deutschland ein geringeres Wachstum aufweist, als seine europäischen Nachbarn. Es wird insbesondere um den Abbau von Sozialleistungen zugunsten der Senkung der Lohnnebenkosten gestritten. 2 Alle Maßnahmen, die ergriffen werden sollen, zielen tendenziell in die Richtung, den Sozialstaat abzubauen und die Marktkräfte mehr zu nutzen, um Deutschland international wettbewerbsfähiger zu machen. Dies bedeutet, dass der Standort Deutschland für Unternehmen bessere Investitionsbedingungen schafft. Dadurch sollen die Investitionen steigen, damit das Wachstum vergrößert und Arbeitslosigkeit abgebaut wird. Diese Annahme kann in sich kaum bezweifelt werden. Was allerdings kritisiert werden kann, ist, dass der Preis, der für dieses Wachstum gezahlt werden soll, in Relation zum Nutzen stehen sollte. Es ist denkbar, dass durch zum Beispiel höhere Kriminalität infolge größerer Einkommensungleichheit der Gewinn des BIP wieder aufgezehrt wird, da der Anstieg durch höhere Aufwendungen für Strafverfolgung ausgeglichen werden muss. Denn Wachstum ist kein Selbstzweck,
1 Vgl. hierzu: Sinn (2003), S.12
2 Vgl. hierzu: Wagner (2003), S.322
1
sondern dient in der Regel zur Aufhebung von Verteilungsproblemen. 3 Jedoch bedeutet Wachstum nicht immer eine Verbesserung, da auch Wirkungen denkbar sind, in denen das BIP steigt, obwohl der Gütezustand der Volkswirtschaft bzw. der Individuen innerhalb der Volkswirtschaft sinkt.
Das Inlandsprodukt ist kein geeigneter Maßstab, um qualitative Aspekte des Wirtschaftswachstums, die eher mit dem Begriff Lebensqualität verknüpft sind, entsprechend widerzuspiegeln. Viele produktive (positive) Aktivitäten werden im Inlandsprodukt nicht erfasst (Hausarbeit, Gartenpflege etc.), andere (negative) werden entweder als wertsteigernd gewertet (Krankheitskosten, Reparatur von Unfallschäden, Behebung von Umweltschäden), obgleich sie allenfalls werterhaltend sind, oder bleiben unberücksichtigt, obgleich sie sich negativ auswirken (sog. externe Kosten, die zu lasten Dritter gehen). Es gibt daher eine Vielzahl von Vorschlägen für die Ermittlung sozialer Indikatoren, welche die qualitative Dimension des Wachstums (besser) berücksichtigen. 4
Neben diesen nicht erfassten qualitativen Aspekten des Wachstums entsteht bei der Freisetzung der Marktkräfte gerade auf dem Arbeitsmarkt eine möglicherweise unerwünschte Fehlwirkung. Da der Arbeitsmarkt offensichtlich nicht im optimalen Gleichgewicht ist, wirkt sich die Senkung bestimmter Absicherungen z.B. des Kündigungsschutzes direkt in eine Senkung der Arbeitslosigkeit aus. Die Absicherungen haben aber andere Gründe, die im sozialwissenschaftlichen Bereich liegen.
„Insbesondere wird Sozialpolitik notwendig, um die Folgen von Marktversagen in Gestalt unvollkommenen Wettbewerbs, unvollkommener Information, vor allem auf dem Arbeits- und Versicherungsmärkten, und negative externe Effekte sehr niedrigen
3 Vgl. hierzu: Streit (2000), S.153
4 Vgl. hierzu: Altmann (2000) , S.48
2
Einkommens zu vermeiden oder abzumildern, positive externe Effekte der vor allem in Familien erfolgenden Humanvermögensbildung durch Transfers an die Familien partiell zu kompensieren, ein ausreichendes Angebot an meritorischen Gütern zu sichern und die Konsequenzen fehlender oder nur mit starker zeitlicher Verzögerung oder mit hohen sozialen Kosten wie Kapitalvernichtung und Arbeitslosigkeit zustande kommender Marktgleichgewichte zu vermeiden oder abzumildern.“ 5
Es ist also die Situation denkbar, dass durch die Reduktion sozialer Leistungen des Staates, und zwar vor allem der Leistungen zum Ausgleich ungewünschter externer Effekte auf unvollkommenen Märkten, eine Verschlechterung der Situation aller entsteht, obwohl sich die statistischen Kenngrößen wie Arbeitslosenquote und wirtschaftliches Wachstum verbessern.
Deshalb soll in dieser Studienarbeit die Entwicklung verschiedener, sozialer Indikatoren und der klassischen Wohlfahrtsindikatoren in Deutschland und weiteren ausgewählten EU-Ländern verglichen werden. Diese Länder nehmen eine Art Vorbildfunktion ein, da sie bereits erfolgreich die Erwerbslosenzahlen reduzieren konnten. Es wird zunächst in Kapitel 2 auf die verschiedenen Begriffe, die im Rahmen der Analyse wichtig sind, eingegangen. Im 3. Kapitel werden dann die theoretischen, ökonomischen Grundlagen erläutert und auf mögliche Kritikpunkte an der Bewertung durch das BIP und anderen klassischen Erfolgsindikatoren eingegangen. Alle, also die klassischen und ausgewählte soziale Indikatoren werden im 5. Kapitel in ihrem Verlauf dargestellt und analysiert, ob die Bedenken gegen eine Wirtschaftspolitik, wie sie in den Vergleichsländern getätigt wurde, berechtigt sind oder nicht. Im letzten Kapitel werden die Ergebnisse zusammengefasst und ein Ausblick auf mögliche Folgearbeiten gegeben.
5 Vgl. hierzu: Lampert, Althammer (2001), S.134
3
2. Abgrenzung verschiedener
Lebensqualität
Da sich die vorliegende Arbeit mit der Analyse verschiedener Wirkungen beschäftigt, die am BIP nicht zu erkennen sind, da sie als Externalitäten nicht in die Berechnung mit eingehen werden in diesem Kapitel verschiedene Begriffe erläutert und abgegrenzt. Es geht vor allem darum, die Begriffsverwirrungen von Wohlstand, Wohlfahrt und Lebensqualität aufzulösen. Außerdem wird hier die Einordnung der sozialen Sicherung in den Gesamtkontext vorgenommen und ihre Bedeutung für Wohlstand, Wohlfahrt und Lebensqualität erläutert.
2.1. Erklärung und Einordnung der Begriffe Wohlfahrt,
Wohlstand und Lebensqualität
Der Begriff Wohlfahrt ist ein ökonomischer Begriff, auf dessen Basis ein gesellschaftliches Wohlfahrtsoptimum hergeleitet wird. 6 Bei der Verwendung des Wohlfahrtsbegriffs zur Bestimmung des Optimums muss geklärt sein, aus welchen Elementen sich die Wohlfahrt zusammensetzt. Zur exakten Quantifizierung ist ein einheitlicher Bewertungsmaßstab notwendig. Es ist der Wohlfahrtsökonomik bis heute nicht gelungen, ein einheitliches, allgemein verwendetes Maß für die Wohlfahrt zu entwickeln. Die Wohlfahrt repräsentiert also ein Optimum aus ökonomischer Sicht. Werden, sofern das möglich wäre, alle externen Effekte berücksichtigt, so wäre das Wohlfahrtsoptimum mit optimalem Wohlstand und optimaler Lebensqualität gleichzusetzen. 7
Im Vergleich zum Begriff der Wohlfahrt ist der Begriff Wohlstand ein Überbegriff, der nicht nur ökonomischen, sondern auch nicht
6 Vgl. hierzu und zu Folgendem: Gabler Wirtschaftslexikon (1997)
7 Vgl. hierzu: Teichmann (2001), S.104 ff
4
ökonomischen Wohlstand beschreiben soll. Es geht hierbei vor allem um Verbesserungen im Gütezustand der in einer Volkswirtschaft lebenden Individuen, die nicht vom Inlandsprodukt dieser Volkswirtschaft erfasst werden. Die Wohlfahrt kann in diesem Sinne als der ökonomische Teil(nutzen) des Wohlstandes gesehen werden. Da Wohlstand jedoch ebenfalls stark von ökonomischer Literatur beeinflusst, 8 und somit nicht nur sprachlich sehr nahe an Wohlfahrt ist, soll in der vorliegenden Arbeit der Begriff der Lebensqualität alternativ zur Wohlfahrt benutzt werden, während der Begriff des Wohlstandes vermieden wird.
Unter Lebensqualität wird im Allgemeinen ebenfalls ein Überbegriff zu Wohlstand oder Wohlfahrt verstanden. 9 Da sich vor allem in der sozialwissenschaftlichen Literatur der Begriff der Lebensqualität als Alternative zum ökonomisch geprägten Wohlfahrtsbegriff etabliert hat, wird in der vorliegenden Arbeit der Begriff Lebensqualität als dasjenige Gütemaß betrachtet, welches durch soziale Indikatoren, oder ökonomische, oder in der Kombination beider ausgedrückt wird. Soziale Indikatoren sind in diesem Zusammenhang Kennzahlen, die zum Ziel haben, den Zustand der Gesellschaft als Ganzes zu erfassen und schließlich in einem Indikator für die Lebensqualität der Gesellschaft abzubilden. Sie ergänzen die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und das Konzept des BIP.
Soziale Indikatoren haben drei Eigenschaften:
• Sie erfassen marktliche und außermarktliche Bereiche. Über das Preissystem wird hinausgegangen und auf eine monetäre Bewertung der verschiedenen Aspekte wird verzichtet
• Sie versuchen möglichst viel von dem einzubeziehen, was für das Wohlbefinden der Bevölkerung wichtig ist.
8 Vgl. hierzu: Luckenbach (2000), S.18 ff
9 Vgl. hierzu: Mehlkop (2002), S.9 ff
5
• Sie streben danach, das Ergebnis und nicht den Aufwand zu messen. Zum Beispiel wird nicht die Zahl der Krankenhäuser und die Zahl der dort beschäftigten Ärzte, sondern (soweit dies möglich ist) der Gesundheitszustand der Bevölkerung erfasst. 10
In der vorliegenden Arbeit wird nicht auf komplexe, zusammengesetzte soziale Indikatoren, sondern auf einzelne Teilkritiken an der Messung des Gütezustandes einer Volkswirtschaft durch entsprechende Indikatoren eingegangen. Die Kritikpunkte werden in Kapitel 3 vorgetragen und die entsprechenden Indikatoren und ihr Verlauf in Kapitel 5 dargestellt.
2.2. Erklärung und Einordnung der Begriffe BIP,
Wachstum und soziale Sicherung
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist ein Maß für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes. 11 Dabei kann zwischen dem Bruttosozial- und dem Bruttoinlandsprodukt unterschieden werden. Das Bruttosozialprodukt wird nach dem so genannten Inländerprinzip, das Bruttoinlandsprodukt nach dem Inlandsprinzip ermittelt. Die Unterscheidung ergibt sich aus der Berücksichtigung der von Ausländern im Inland erbrachten Leistungen und von im Ausland von Inländern erbrachten Leistungen. Da die genaue Unterscheidung für diese Arbeit eine untergeordnete Rolle spielt, wird hier nicht näher darauf eingegangen. Das BIP erfasst alle Produktionswerte, die im Inland entstehen, also die Summe der von inländischen Wirtschaftseinheiten bzw. Wirtschaftsbereichen produzierten Waren und Dienstleistungen abzüglich der von anderen Wirtschaftseinheiten bzw. von anderen
10 Vgl. hierzu: Frey (2002), S.428
11 Vgl. hierzu und zu Folgendem: Altmann (2000), S.39 f
6
Wirtschaftsbereichen bezogenen Vorleistungen (z.B. Rohstoffe, Vorprodukte). 12
Wachstum bedeutet in wirtschaftlicher Sichtweise die Steigerung des BIP. Üblicherweise werden die jährlichen Steigerungsraten als Wirtschaftswachstum bezeichnet. Das BIP im Jahre n subtrahiert vom BIP im Jahre n+1 und das Ergebnis dividiert durch das BIP im Jahre n, ergibt das Wachstum für das Jahr n+1. 13 Dabei ist eine wichtige Unterscheidung zwischen BIP und dem pro Kopf BIP zu treffen. Bei wachsender Bevölkerung kann der Lebensstandard nur aufrechterhalten werden, wenn auch das BIP steigt. Ansonsten würde das pro Kopf BIP als Quotient BIP/Bevölkerung sinken, was einen aus wirtschaftstheoretischer Sichtweise gesunkenen Lebensstandard bedeutet. 14
Der Begriff soziale Sicherung umschreibt die Herstellung von Chancengleichheit und die Vorsorge und Absicherung von Menschen gegenüber Risiken und Ungewissheit. Die Absicherung gegen bestimmte Risikotatbestände, wie Einkommensausfälle im Alter, bei Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Unfall und Arbeitslosigkeit, kann sowohl bei funktionierenden Versicherungs- und Kapitalmärkten als auch in staatlich organisierten Sicherungssystemen durch eine intrapersonelle und intertemporale Umverteilung von Einkommen erfolgen. 15 Im Idealfall soll also durch einen Vor- oder Rückgriff auf individuelles Einkommen in Zeiten risikobedingter Einkommensausfälle das Existenzminimum oder sogar der Erhalt des Lebensstandards gewährleistet werden. 16 Ist es bestimmten Individuen nicht möglich, sich ausreichend gegen die genannten Risiken abzusichern, kann eine interpersonelle Umverteilung der Einkommen hilfreich sein. Die Sozialhilfe in Deutschland ist ein Beispiel für eine letzte Absicherung falls
12 Vgl. hierzu: Clement (1998), S.62
13 Vgl. hierzu Gabisch (1999), S.379 f 14 Vgl. hierzu und zu Folgendem: Altmann (2000), S.39 15 Vgl. hierzu und zu Folgendem: Lampert (2001), S.291 ff 16 Vgl. hierzu und zu Folgendem: Grömling (2001), S.14 ff
7
vorgelagerte Sicherungssysteme keine ausreichende Sicherung bieten. Das Existenzminimum wird jedem Bürger garantiert. Die wesentlichen Risiken sind allerdings in Deutschland schon durch Sozialversicherungssysteme abgedeckt. Treten in diesen Systemen Lücken auf, dann ist zunächst eine ursachenadäquate Lösung angebracht. Interpersonelle Umverteilungsmaßnahmen können Folgeprobleme nach sich ziehen und sind immer nur ein Kurieren der Symptome. Das Kernproblem kann hierüber oft nicht bekämpft werden.
2.3. Erklärung und Einordnung der Begriffe externe
Effekte, öffentliche Güter, Free rider
Unter externen Effekten versteht man alle Handlungsfolgen in Form von Vorteilen oder Nachteilen, die der Handelnde selbst nicht zu spüren bekommt. 17 Dabei können diese auch als Externalitäten bezeichneten Effekte sowohl bei der Produktion, als auch beim Konsum auftreten. Ein Bespiel für negative Externalitäten ist das Spielen von lauter Musik um drei Uhr morgens. Ein positiver externer Effekt kann hingegen der Anblick des Blumengartens meines Nachbarn sein. 18 Bei gewissen Arten externer Effekte ist es nicht schwierig, die Ineffizienzen, die auf den betroffenen Märkten entstehen, zu eliminieren. Dies funktioniert beispielsweise über die Spezifikation von bestimmten Eigentumsrechten. Manche externen Effekte sind hingegen nicht so leicht aufzulösen. Für die vorliegende Arbeit sind externe Effekte insofern von Belang, dass sie die unzureichenden Verteilungswirkungen auf Märkten erklären und somit auch Märkte nicht bar jeder Kritik sind. Es kann zum Beispiel ein externer Effekt einer reduzierten staatlichen sozialen Sicherung sein, dass einkommensschwächere Bürger sich nur unzureichend absichern, da sie die Folgen nicht einschätzen können.
17 Vgl. hierzu: Peters (2000), S.189
18 Vgl. hierzu und zu Folgendem: Varian (1995), S.531
8
Öffentliche Güter sind ein Beispiel einer speziellen Art von externen Effekten im Konsum. Sie werden anhand von zwei bestimmten Merkmalen identifiziert. Hierbei handelt es sich um die so genannte Nichtausschließbarkeit und die Nichtrivalität. Nichtrivalität meint in diesem Zusammenhang die Unabhängigkeit von Nutzen und Anzahl der Nutzer. Die Nichtausschließbarkeit bedeutet, dass ein Nutzer nicht von der Nutzung des relevanten Gutes ausgeschlossen werden kann. Dieses free rider Problem führt dazu, dass keiner der Nutzer bereit ist, für die Nutzung des Gutes zu zahlen. 19 Typische Beispiele eines solchen Gutes ist die Polizei oder die Armee. In einem Vorsorgestaat werden allerdings auch große Teile der sozialen Sicherung zu einem öffentlichen Gut mit allen negativen Effekten.
Zu unterscheiden von diesen spezifischen öffentlichen Gütern sind die meritorischen öffentlichen Güter, für die es einen privaten Markt mit funktionierendem Ausschlussprinzip gäbe. Aus bestimmten, meist sozialpolitischen Gründen werden diese Güter jedoch nicht zu kostendeckenden Preisen angeboten. Der Staat erwirkt sich durch diese Nutzenstiftung ein Verdienst (Merit). Als Beispiele seien Schule oder Theater genannt. 20
Es kann nun die Frage gestellt werden, ob es sich bei dem Gut der sozialen Sicherung um eine Art meritorisches Gut handelt und daher ein nur ungenügender Schutz des einzelnen resultiert, wenn man die soziale Sicherung dem freien Markt überlässt. Der Merit des Staates läge in den geringeren Kosten der Krankheitsbehandlung, wenn durch die Vorsorge entsprechend weniger krank würden.
Ein weiteres Problem bei der Bereitstellung von Gesundheitsleistungen durch den Staat ist das so genannte moral hazard, welches beschreibt, dass die Nachfrage im Vergleich zu den verursachten Kosten zu hoch ist,
19 Vgl. hierzu und zu Folgendem: Altmann (2000), S.290 f
20 Vgl. hierzu: Schumann (1999), S.39
9
da das staatliche Gesundheitsangebot in der Regel unentgeltlich benutzt
werden kann. 21
21 Vgl. hierzu: Frey (2002), S.276
10
3. Ökonomische Grundlagen zu verteilungspolitischen
Maßnahmen und Konzepte der vergleichenden
Wohlfahrtsstaatenforschung
Nachdem die für diese Arbeit wichtigsten Begriffe erläutert wurden, soll im Folgenden gezeigt werden, wie Wohlfahrt aus ökonomischer Sicht maximiert wird. Hierzu werden alle Einkommenstransfers, aus ökonomischer Sichtweise gegliedert, dargestellt und anschließend beurteilt. Die wirtschaftstheoretische Sichtweise geht dabei sehr stark auf den Wohlfahrtsbegriff ein, der durch die Marktkräfte durch Auflösen von Marktunvollkommenheiten maximiert werden soll. Dieses Modell steht Pate für die klaren Zusammenhänge von Steigerung des BIP durch Abbau von Sozialleistungen und Verteilungsmaßnahmen. Während der Erläuterungen werden etwaige Kritikpunkte angesprochen. Im letzten Abschnitt wird ein Modell zur Bekämpfung der Kriminalität durch Einkommensumverteilung vorgestellt. Zu diesem Modell und den vorher angesprochenen Kritikpunkten werden im 5. Kapitel entsprechende Indikatoren dargestellt und interpretiert.
Im den anschließenden Kapiteln werden die Konzepte zur Bruttosozialleistungsquote (BSLQ) und Nettosozialleistungsquote (NSQL) vorgestellt. Diese Konzepte helfen, Sozialstaaten einzuordnen und so die Beurteilung mit Hilfe der später vorgestellten sozialen Indikatoren in Verbindung mit dem BIP in diesem Kontext darzustellen.
11
3.1. Wirtschaftstheoretische Sichtweise der Wohlfahrt
und Einkommenstransfers
Die wirtschaftstheoretische Sichtweise und daraus resultierende Handlungsempfehlungen basieren auf der Wohlfahrtsanalyse. 22 Ziel dieser ist es, die Wohlfahrt der Wirtschaftssubjekte eines Landes wirtschaftstheoretisch zu erklären und anzugeben, unter welchen Umständen sie vergrößert oder maximiert werden kann. 23 Dabei ist die Vorstellung vorherrschend, dass es eine Wohlfahrtsfunktion gibt, die es zu optimieren gilt. Es werden zwei unterschiedliche Wohlfahrtsfunktionen unterschieden.
3.1.1. Allgemeines
Bei Wohlfahrtsfunktionen vom Typ 1 wird dabei auf die Effizienz einer Volkswirtschaft abgestellt. Das Wohlfahrtsmaximum ist erreicht, wenn die Effizienz maximal ist. Bei Wohlfahrtsfunktionen vom Typ 2 hingegen kommt der Verteilungsaspekt hinzu und ein Wohlfahrtsmaximum ist dann erreicht, wenn die Effizienz maximal und die Verteilung optimal ist.
Bei der Bestimmung der jeweiligen Wohlfahrtsmaxima treten Probleme grundsätzlicher Art auf. So lässt sich das Verteilungsoptimum nur bestimmen, wenn die gesellschaftliche Präferenzstruktur bekannt ist. Eine befriedigende Ableitung gesellschaftlicher Präferenzstrukturen ist jedoch bisher nicht bekannt. Diese als Arrow-Theorem bezeichnete Aussage geht auf bestimmte Verletzungen von Axiomen zurück und zeigt, dass man ein Verteilungsoptimum im Rahmen wohlfahrtstheoretischer Überlegungen nicht ableiten kann. 24
22 Vgl. hierzu und zu Folgendem: Varian (1994), S.223 ff. 23 Vgl. hierzu und zu Folgendem: Luckenbach (2000), S.17 ff. 24 Vgl. hierzu und zu Folgendem: Luckenbach (2000), S.86 ff
12
Nicht nur durch effizienzbedingte, sondern auch durch verteilungsbedingte mikropolitische Maßnahmen des Staates wird in der Realität die Grundform der Marktwirtschaft verändert. Die Verteilungseingriffe des Staates werden dabei von Verteilungsmängeln gerechtfertigt, die als Gründe für die Marktablehnung (Distributionsfunktion) genannt werden. 25 Ziel der verteilungsbedingten Mikropolitik ist die Realisierung einer Verteilungssituation, in der die Verteilungsmängel beseitigt sind. Die Überwindung dieser Marktunzulänglichkeiten drückt sich in dem Konzept der sozialen Marktwirtschaft aus. 26 Die Grundlage der Verteilungsmängel bildet die Gefährdung der gegenwärtigen (Einkommensdefizite) und der zukünftigen (Sicherungsdefizite) Lebensgrundlagen von Wirtschaftssubjekten.
Im Folgenden wird im wirtschaftstheoretischen Sinne auf die Einkommenspolitik (interpersonale Verteilung) eingegangen. Danach wird auch die Sicherungspolitik aus dieser Sichtweise dargestellt (intertemporale Verteilung). Bei beiden handelt es sich um das Thema der Distributionspolitik.
3.1.2. Einkommenspolitik
Zum Problem der Einkommensdefizite soll nun zunächst auf die Begründung von verteilungspolitischen Maßnahmen näher eingegangen werden. Im Anschluss werden dann die einkommenspolitischen Instrumente aus wirtschaftstheoretischer Sicht beschrieben und bewertet.
25 Vgl. hierzu und zu Folgendem: Felderer, Homburg (1994), S 158 ff 26 Vgl. hierzu und zu Folgendem: Schumann (1999), S.10 ff
13
Quote paper:
Christian Haupricht, 2004, Wohlfahrt und Lebensqualität in Deutschland - Vergleichende Analyse verschiedener Indikatoren im Zeitverlauf in ausgewählten EU-Staaten, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Ordoliberalismus und Soziale Marktwirtschaft
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 25 Pages
Alfred Müller-Armack und Ludwig Erhard: Das Konzept der Sozialen Markt...
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 22 Pages
Sozialstaat und Arbeitsmarktpolitik - Geschichtlicher Rückblick und ne...
Termpaper, 18 Pages
Die Agenda 2010 - Arbeitsmarkt, Analyse unter ökonomischen Aspekten
Economics - Macro-economics, general
Scholary Paper (Seminar), 29 Pages
Christian Haupricht's text Wohlfahrt und Lebensqualität in Deutschland - Vergleichende Analyse verschiedener Indikatoren im Zeitverlauf in ausgewählten EU-Staaten is now available as a printed book
Christian Haupricht has published the text Wohlfahrt und Lebensqualität in Deutschland - Vergleichende Analyse verschiedener Indikatoren im Zeitverlauf in ausgewählten EU-Staaten
Christian Haupricht has uploaded a new text
STÄRKEN AUSBAUEN ¿ EXISTENZGRÜNDUNG VON MIGRANTEN AUS NICHT-EU-STAATE...
Länderbericht Deutschland im R...
Dagmar Hayen, Michael Unterberg, Brit Tiedemann
Transparenz und Nachhaltigkeit der Haushaltspolitik in den neuen EU-St...
Friedrich Heinemann, Michael Knogler, Dan Stegarescu, Volkhart Vincentz, Sebastian Hauptmeier
Risikomanagement der Banken: Vergleichende Analyse der Deutschen Bank,...
Christian Gottswinter
Vergleichende Analysen von Forschungsleistungen
Forschungsgruppen im Spiegel b...
Christoph Neuhaus
0 comments