Inhaltsübersicht
1. Einleitung
1.1. Erwartung
1.2. Erster Eindruck
2. Beobachtung der Ausbildungsschule
2.1. Die Ausbildungsschule
2.1.1. Das Kollegium
2.1.2. Der Schulort
2.1.3. Das Schulgebäude, die Pausenplätze
und die medialen Möglichkeiten
2.2. Die Schulform
2.2.1. Besonderheiten und Probleme
2.2.2. Aufbau, Wahlmöglichkeiten und Differenzierungsformen
2.2.3. Versetzungsbestimmungen
3. Beobachtung und Dokumentation von Unterricht
3.1. Gesamterfassung von Unterricht
3.2. Unterricht in derselben Klasse
unter dem Aspekt des Führungsstils
6. Schlussreflexion
Anhang
Literatur- und Internetseitenverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Erwartung
Nach beinahe vier Jahren Studium und bloß recht wenigen Praktika ging ich mit der gespannten Erwartung an die Ausbildungsschule, mir jetzt einmal selbst ein Bild von meinem zukünftigen „Klientel“ machen zu können. Für die erste Phase meines Aufenthaltes an der Schule, der reinen Hospitatio nsphase, wollte ich v. a. folgenden Fragen nachgehenden: Zum einen der Frage, wie akut sich an der Hauptschule der allgemein in der öffentlichen Diskussion beklagte Erziehungsnotstand bemerkbar machen würde. Dafür wollte ich der im Seminar aufgeworfenen Frage nachgehen, inwiefern sich die Jugendlichen heute von denen meiner eigenen Generation unterschieden. Mir durchaus bewusst, dass man es heute in vielfacher Hinsicht mit einer „veränderten Kindheit“ zu tun hatte, wollte ich dennoch kritisch prüfen, inwiefern es sich dabei auch um eine sich zum Schlimmeren entwickelnden Tendenz handelte. In Gesprächen mit „altgedienten“ Lehrern und in eigenen Beobachtungen wollte ich der Frage nachgehen, ob es um die „heutige Jugend“ wirklich derart schlimm bestellt war, wie man es oft zu hören bekam, und wann der angenommene Mißstand denn begonnen haben sollte.
Zwar davon überzeugt, dass die geschichtliche Entwicklung keine aszendente ist und dass es durchaus legitim ist, von einer moralischen Dekadenz zu sprechen, sah ich doch die Gefahr, dass das Verfallstheorem stark ausgeweitet wird und man auf diese Weise leicht auf die ausgetretenen Pfade eines Kulturpessimismus und irrationalen Krisenbewusstseins gelangt, das zuletzt in der Weimarer Republik recht fatale Auswirkungen gezeitigt hatte; dort hatten die Rechtsparteien dieses Krisenbewusstein geschürt, das dann viel zerstörerischer wirkte als die Krise selbst. 1 Ich wollte mich in meinen Beobachtungen der kommenden 14 Tage daher von der Devise des Predigers leiten lassen, die folgendermaßen lautet (Kap. 7, 10): „Sprich nicht: Wie ist es, dass die früheren Tage besser waren als diese? Denn nicht aus Weisheit fragst Du danach.“
1 Vgl. Andreas Hillgruber, Unter dem Schatten von Versailles. Die außenpolitische Belastung der Weimarer Republik. Realität und Perzeption bei den Deutschen, in: Karl Dietrich Erdmann u. a. (Hrsg.), Weimar. Selbstpreisgabe einer Demokratie. Eine Bilanz heute (Düsseldorf: 1984), S. 51-67.
Zum anderen wollte ich mir die Frage stellen, ob das Lehramtsstudium wirklich so ungeeignet ist, „gute“ Lehrer hervorzubringen, wie es oft zu hören ist, und ob es sozusagen als Eintrittskarte nur notwendiges Übel ist, demnach also ein Selbstläufer geworden ist. Ich nahm mir daher vor, das Verhältnis von wissenschaftlicher Ausbildung und dem Praxisbezug in der Hospitationsphase besonders zu überdenken. In einem meiner studienbegleitenden Praktika hatte ich gleich am ersten Tag im Lehrerzimmer von meinem Tischnachbarn zu hören bekommen, dass man mit der wissenschaftlichen Ausbildung nichts anfangen könne. So einfach wollte ich mich schon damals nicht geschlagen geben, und auch jetzt nahm ich mir vor zu reflektieren, wo mir meine bisherige wissenschaftliche Ausbildung zu Hilfe kommen würde.
1.2. Erster Eindruck
Als ich zum ersten Mal das Lehrerzimmer betrat, stellte ich einen bemerkenswerten Unterschied zum Eindruck fest, den ich beim ersten Schulpraktikum an meiner früheren Schule gewonnen hatte. Damals noch waren alte Erinnerungen an dieses „sagenumwobene“ Zimmer wach gerufen worden. Die Angst, wenn ein Klassenkamerad wegen schlechten Benehmens in dieses oder das Rektorzimmer gerufen worden war, hatte ich noch spüren können. Respektvoll hatte ich Abstand vor dem Mikrofon für Durchsagen gehalten, denn ich hatte noch vor Augen gehabt, wie eine Lehrerin den zusammengeschrieen hatte, der es gewagt hatte, hier auf eigene Faust eine Durchsage zu machen. Das Lehrerzimmer hatte ich die ganze Zeit des Praktikums nicht betreten und die Pausen auf dem Schulhof verbracht. Der enorme Respekt vor dem Lehrerzimmer hatte zehn Jahre überdauert. Das jetzige Lehrerzimmer war von solch episodischem Wissen unbelastet, und so überschritt ich recht unbeschwert die Schwelle zum Lehrerzimmer.
Eine besondere Erfahrung war die freundliche Begrüßung durch die zukünftigen Kollegen und Kolleginnen. Ich war sehr erstaunt über die freundschaftliche Aufnahme und auch die Akzeptanz eines jungen Lehramtsanwärters bei den „altgedienten“ Lehrern. Ich spürte etwas von dem Prinzip der Kollegialität, von dem ich bisher nur aus Vorlesungen über die preußische Geschichte gehört hatte, das sich hier in der Schule aber noch unbeschadet erhalten hatte.
2. Beobachtung der Ausbildungsschule
2.1. Die Ausbildungsschule
2.1.1. Das Kollegium
Das Kollegium der Hauptschule setzt sich zusammen aus 14 Kolleginnen und 8 Kollegen. Das Durchschnittsalter liegt bei 48 Jahren. Frau A. 2 ist die älteste Kollegin und wird im Sommer voraussichtlich in Pension gehen, Frau B. ist die jüngste Kollegin und hat den Vorbereitungsdienst vor einem Jahr beendet. Die Mehrheit der Kollegen kommt aus der unmittelbaren Umgebung, sechs aus K. selbst. Zwei Kollegen reisen allerdings täglich aus Essen und Ratingen an. Das Kollegium ist auf zwei Lehrerzimmer verteilt, ein Raucher- und ein Nichtraucherlehrerzimmer.
Die Schulleitung liegt in der Hand von Frau C., und Herr D. unterstützt sie darin als Konrektor. Beratungslehrerin ist Frau E., SV- Lehrerin ist Frau F. Die Beratungslehrerin wird in ihren Aufgaben von einem externen Psychologen, Herrn G., unterstützt, der an zwei Tagen in der Woche an der Schule ist. Wie schwierig sich dessen Aufgabe gestaltet, davon bekam ich gleich in der ersten Woche einen plastischen Eindruck, als er von einem Schüler zurate gezogen wurde und zugleich von einer Lehrerin gesagt bekam: „F. will sich bei Ihnen über mich beschweren. Er sagt ja immer, er könne nicht anders, weil er in seiner Traumwelt gefangen sei. Das muss ihm sein Psychotherapeut [gemeint war nicht Herr G selbst] gesagt haben.“
Gleich am ersten Tag wurde ich mit meinen künftigen Ansprechpartnern bekannt gemacht, zunächst mit Frau H., die meine Ausbildungskoordinatorin sein wird, dann mit Frau I., Herrn J. und Herrn K., drei vorläufigen Mentoren. Die Vorsitzenden der Fachkonferenzen für „meine“ Fächer sind Herr L. (Geschichte) und Frau I. (Deutsch).
2 Sämtliche Namen sind hier anonymisiert worden.
2.1.2. Der Schulort
Die Hauptschule in einem Wohngebiet. In Lehrer-Kreisen wird es auch „Lehrer-Ghetto“ genannt, weil hier eine recht hohe Zahl von Lehrern wohnhaft ist.
K., das zum Kreis Wesel gehört, hat derzeit ca. 40.000 Einwohner auf 63,12 km 2 , die Bevölkerungsdichte liegt demnach b ei 634 Einwohnern pro km 2 . Die Bevölkerungsdichte gibt noch heute Kunde von der jüngeren strukturellen Entwicklung der Stadt. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war die Stadt agrarisch geprägt, aber mit der Erschließung der hiesigen Kohlevorkommen, v. a. der Gründung der Zeche Friedrich Heinrich, setzte ein enormer Strukturwandel ein. Der Bergbau lockte viele Menschen in die Stadt und führte zu einem starken Bevölkerungszuwachs, der den Bau großer Werkssiedlungen erforderlich machte, die noch heute dem Neuankömmling sogleich ins Auge springen. Das Stadtwappen mit Schlägel und Hammer sowie der Zisterzienserabtei ist insofern noch bis heute repräsentativ für die Stadt, als der größte Arbeitgeber bis heute die Deutsche Steinkohle AG ist. Ungefähr noch 3600 Menschen arbeiten hier im Jahr 2004. Dass auch die Väter der Schüler meiner Hospitationsklassen im Bergbau arbeiten, zeigte sich mir sinnfällig in einer Erdkunde-Hospitationsstunde bei Herrn M. Es ging um Stadtviertel, und bisher fehlten unter den von den Schülern genannten Vierteln völlig die Industriegebiete. Herr M. fragte, wo denn die Eltern der Schüler ihr Geld herbekämen. Nach der anfänglichen Antwort: „Von der Sparkasse“, nannten einige Schüler Berufe wie „Verkäufer/in“, „Putzfrau“ u. a., mindestens drei gaben an, ihre Väter arbeiteten bei der Zeche.
Der zweitwichtigste Arbeitgeber ist die Siemens AG mit 2100 Arbeitsplätzen, die an ihrem Standort in K. v. a. Handys entwickelt und produziert, nach Angaben der städtischen Homepage bis zu 20 Mio pro Jahr; im Nachhinein wundert es mich, dass mir während der Hospitationszeit keine Querelen wegen unerlaubter Handy-Benutzung aufgefallen sind, wird man einem Schüler, dessen Vater damit sein Brot verdient, doch nur schwerlich überreden können, Handys seien nicht immer am Platze. Als in der Presse von dem geplanten Arbeitsplatzabbau bei Siemens zu lesen war, war dieses Thema auch Gesprächsgegenstand der Schüler, und einige bekundeten ihre Befürchtung, dort nun kein Praktikum mehr absolvieren zu können.
Die Sozialstruktur und damit indirekt die Schülerschaft ist des weiteren geprägt durch einen großen Anteil an Berufspendlern, die in dem Ballungsraum des Ruhrgebiets arbeiten, aber den linken Niederrhein zum Wohnen zu schätzen wissen. Begünstigt wird
diese Tendenz durch das ausgebaute Verkehrsnetz um K.; K. hat zwei Autobahnanschlüsse (A57/A42).
Die Hauptschule ist eine von zwei Hauptschulen der Stadt. Mit 312 Schülern und 13 Klassen - alle Klassen sind zweizügig, nur die Klasse 10 ist dreizügig - ist sie die kleinere der beiden Hauptschulen. Die andere Hauptschule besuchen 450 Schüler, sie besteht aus 20 Klassen, die von 32 Lehrern unterrichtet werden. Frau H. sagte mir, dass die andere Hauptschule die problematischere Schülerschaft habe, v. a. sei der Ausländeranteil hier höher.
Zu dem schulischen Angebot der Stadt gehören außer diesen beiden Hauptschulen sieben Grundschulen, eine Realschule, ein Gymnasium, eine Gesamtschule, eine Schule für Lernbehinderte und drei berufsbildende Schulen. Die Gesamtschule, das Gymnasium sowie eine der berufsbildenden Schulen sind im Schulzentrum in der Moerser Straße untergebracht. Eine Volkshochschule wird in Kooperation mit den Städten Moers und Neukichen-Vluyn unterhalten.
Die Stadt bietet außerdem wichtige außerschulische Lernorte. Dazu zählt v. a. das Geologische Museum, das wertvolle Funde der Zeche Friedrich Heinrich zeigt und dokumentiert. Im Museum der Abtei K. kann sich der Besucher mit der Geschichte des Zisterzienserordens vertraut machen und mit der Geschichte des Ordens auch einen wichtigen Teil der Stadtgeschichte K.s in Erfahrung bringen. Überdies stellen die verschiedenen Theater-Veranstaltungen gerade für den Deutschunterricht wichtige potentielle außerschulische Lernorte dar, und zwar die Veranstaltungen in der Stadthalle, die Freilichtveranstaltungen auf dem Gelände des Klosters K. sowie die Vorführungen der Amateurtheatergruppe „Bühne 69“. Die Stadtbücherei versteht sich bewusst auch als außerschulischer Lernort und bietet deswegen eine auf Schüler zugeschnittene und als „Schatzsuche“ deklarierte Einführung in die Büchereibenutzung an. Ergänzt wird dieses Angebot durch Lese-AGs und durch Lesungen oder Bilderbuchnachmittage. Dass die Bücherei aber auch wichtige Dienste für dem regulären Unterrichtet anbietet, erfuhr ich schon in der ersten Hospitationswoche. Im Deutschunterricht der Klassen 5 stand in dieser Zeit das Thema „Märchen“ an, und die Kinder hatten verschiedene Stationen selbständig zu bearbeiten. Die Märchenbücher hatte ihnen dabei die Bücherei in Form sog. Medienkisten zur Verfügung gestellt. Diese
Arbeit zitieren:
Marcel Haldenwang, 2004, Die Schulform der Hauptschule - Hoffnungsträger oder Auslaufmodell?, München, GRIN Verlag GmbH
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