Inhaltsverzeichnis I
Inhaltsverzeichnis
GEORG-SIMON OHM FACHHOCHSCHULE NÜRNBERG I
Fachbereich Sozialwesen I
DAS PHÄNOMEN DER „EKKLESIOGENEN NEUROSEN“ I
EINE KRITISCHE ANALYSE RELIGIÖS BEDINGTER LEBENSKONFLIKTE I
UND IHRE INTERVENTIONSMÖGLICHKEITEN I
Diplomarbeit eingereicht von I
Melanie Santa Vita I
Im März 2002 I
Prüferin I
Frau Ulrike Schmidt, Diplom Sozialpädagogin (FH) I
INHALTSVERZEICHNIS I
ABBILDUNGSVERZEICHNIS VI
1 EINLEITUNG 1
1.1 HINFÜHRUNG ZUM THEMA 1
1.2 FRAGESTELLUNG UND AUFBAU DIESER ARBEIT 4
2 HINTERGRÜNDE UND ZUSAMMENHÄNGE DES BEGRIFFES DER
„EKKLESIOGENEN NEUROSE“ 6
2.1 PROLOG 6
Inhaltsverzeichnis II
2.2 ZUR KORRELATION VON RELIGIOSITÄT UND PSYCHISCHER GESUNDHEIT 7
2.2.1 ETYMOLOGISCHE BESTIMMUNG DER RELIGIOSITÄT 7
2.2.1.1 Bipolare Erfassung der Religiosität 8
2.2.1.2 Extrinsische und intrinsische religiöse Orientierung 9
2.2.2 CHARAKTERISTISCHE MERKMALE PSYCHISCHER GESUNDHEIT 11
2.2.3 ERGEBNISSE EMPIRISCHER UNTERSUCHUNGEN ZUR KORRELATION VON RELIGIOSITÄT UND
PSYCHISCHER GESUNDHEIT 14
2.3 ZUR NEUROSENLEHRE IM ALLGEMEINEN 17
2.3.1 CHARAKTERISTISCHE MERKMALE EINER NEUROSE 17
2.3.2 SYMPTOME 18
2.3.3 SYNDROME 20
2.3.4 URSACHEN DER NEUROSENENTSTEHUNG 21
2.4 ZUM BEGRIFF DER „EKKLESIOGENEN NEUROSE“ 22
2.4.1 DIE ENTSTEHUNG DES BEGRIFFES 23
2.4.2 FALLBEISPIELE 25
2.4.3 EXKURS: SEXUAL- UND LEIBFEINDLICHE EINSTELLUNG DER KIRCHE 27
2.4.3.1 Geschichtliche Hintergründe 27
2.4.3.2 Ihre Bedeutung für die heutige Zeit 28
2.4.4 ZUSAMMENFASSUNG 29
2.5 KRITIK AM BEGRIFF DER „EKKLESIOGENEN NEUROSE“ 30
2.6 FAZIT 32
3 ENTSTEHUNGSURSACHEN RELIGIÖS BEDINGTER LEBENSKONFLIKTE 33
3.1 WESENTLICHE MERKMALE EINES NEUROTISCHEN KONFLIKTES 33
3.2 KONFLIKTBEREICHE IM SPANNUNGSFELD VON NEUROSE UND RELIGIOSITÄT 34
3.2.1 FAMILIÄRE PRÄGUNG VERSUS SELBSTVERANTWORTUNG UND FREIE
PERSÖNLICHKEITSENTFALTUNG 36
3.2.1.1 Zur Bedeutung der Familie 36
3.2.1.2 Defizitäre Erziehungsstrategien 37
3.2.1.2.1 Überakzentuierung einer vorbildlichen Moralentwicklung 38
3.2.1.2.2 Ein strafender Gott als Erziehungsmittel 40
3.2.1.2.3 Mangelnde Authentizität und Transparenz 41
3.2.1.2.4 Erlernte Hilflosigkeit 42
3.2.1.2.5 Ablösungsproblematik bei Jugendlichen aus christlichen Familien 43
3.2.1.3 Konsequenzen 45
3.2.2 KIRCHLICHE MORALLEHRE VERSUS PERSÖNLICHER CHRISTLICHER FREIHEIT 46
Inhaltsverzeichnis III
3.2.2.1 Zur Bedeutung der kirchlichen Lehre 46
3.2.2.1.1 Gesetzlichkeit und Leistungsorientierung 47
3.2.2.1.2 Das Leugnen des freien Willens 48
3.2.2.1.3 Vergeistlichung ideologischer Denkansätze 49
3.2.2.2 Exkurs „geistlicher Missbrauch“ 51
3.2.2.2.1 Erläuterung des Begriffes 51
3.2.2.2.2 Die Folgen geistlichen Missbrauchs 53
3.2.2.2.3 Die Gefahr einer vorschnellen Stigmatisierung 54
3.2.2.3 Zusammenfassung 54
3.2.3 GENERELLE NEUROTISCHE KONFLIKTHAFTIGKEIT 55
3.2.3.1 Zur Bedeutung der individuellen Persönlichkeitsstruktur 55
3.2.3.2 Defizitäre Persönlichkeitsstrukturen 56
3.2.3.2.1 Die zwanghafte Persönlichkeitsstruktur 57
3.2.3.2.2 Die schizoide Persönlichkeitsstruktur 59
3.2.3.2.3 Die depressive Persönlichkeitsstruktur 60
3.2.3.2.4 Die hysterische Persönlichkeitsstruktur 62
3.2.3.3 Zusammenfassung 64
3.3 FAZIT 65
4 INTERVENTIONSMÖGLICHKEITEN 66
4.1 ZUR SITUATION DER BETROFFENEN 66
4.2 ELEMENTARE ZIELE FÜR EINE WIEDERHERSTELLUNG DER PSYCHISCHEN GESUNDHEIT
68
4.2.1 BEZIEHUNGSFÄHIGKEIT 68
4.2.2 VERÄNDERUNGSFÄHIGKEIT 69
4.2.3 KONFLIKTFÄHIGKEIT 70
4.2.4 PERSÖNLICHKEITSENTFALTUNG 71
4.3 MÖGLICHKEITEN DER ZIELERREICHUNG 73
4.3.1 ZUR FRAGE DES UMGANGS MIT DEM RELIGIÖSEN THEMENKOMPLEX IN BERATUNG UND
THERAPIE 74
4.3.1.1 Ausgangssituation 74
4.3.1.2 Die Rolle der religiösen Passung von Therapeut und Klient 76
4.3.2 INTEGRATION VON RELIGIOSITÄT IN BERATUNG UND THERAPIE 81
4.3.2.1 Allgemeines 81
4.3.2.2 Formen spiritueller Interventionen 82
4.3.2.2.1 Das Gebet 83
Inhaltsverzeichnis IV
4.3.2.2.2 Meditation 84
4.3.2.2.3 Vergebung 85
4.3.2.2.4 Das Lesen der Bibel 87
4.3.2.3 Zur Anwendung spiritueller Interventionen 88
4.3.3 DAS KONZEPT DER DE'IGNIS - FACHKLINIK FÜR CHRISTLICHE PSYCHIATRIE UND
PSYCHOSOMATIK ALS MODELL FÜR DIE INTEGRATION VON RELIGIOSITÄT IN DIE THERAPEUTISCHE
BEHANDLUNG 89
4.3.3.1 Allgemeines 90
4.3.3.2 Indikationen 90
4.3.3.3 Klientel 91
4.3.3.4 Die Behandlung 92
4.3.3.5 Behandlungsverfahren 92
4.3.3.6 Qualitätssicherung 95
4.3.3.7 Schlussfolgerung 99
4.3.4 FAZIT 100
4.4 RESSOURCENERSCHLIEßUNG 101
4.4.1 DIE KIRCHENGEMEINDE ALS RESSOURCE 102
4.4.1.1 Voraussetzungen 102
4.4.1.1.1 Multipolarität statt Unipolarität 102
4.4.1.1.2 Konstruktiver Umgang mit leidvollen Erfahrungen 103
4.4.1.1.3 Abkehr vom Perfektionismus 103
4.4.1.2 Präventionsmöglichkeiten 104
4.4.1.2.1 Primäre Prävention 104
4.4.1.2.2 Sekundäre Prävention 105
4.4.1.2.3 Tertiäre Prävention 105
4.4.2 EXKURS: DIE SEELSORGE 106
4.4.3 GRENZEN KIRCHLICHER HILFE 109
4.5 INTERDISZIPLINÄRE ZUSAMMENARBEIT VON KIRCHENGEMEINDEN UND
PSYCHOSOZIALEN EINRICHTUNGEN ZUM WOHL PSYCHISCH KRANKER 110
4.5.1 AUSGANGSSITUATION 110
4.5.2 PRAKTISCHE UMSETZUNG EINER ZUSAMMENARBEIT 111
4.5.3 FAZIT 112
5 ZUSAMMENFASSUNG 113
5.1 AUSWERTUNG 113
5.2 ABSCHLIEßENDES RESÜMEE 116
Inhaltsverzeichnis V
6 ANHANG 119
6.1 ZUM ENTWICKLUNGSVERLAUF EINER RELIGIÖSEN SOZIALISATION 119
6.1.1 DAS STUFENMODELL DER GLAUBENSENTWICKLUNG NACH FOWLER 120
6.1.1.1 Vorstufe 120
6.1.1.2 Stufe des intuitiv-projektiven Glaubens 121
6.1.1.3 Stufe des mythisch-wörtlichen Glaubens 122
6.1.1.4 Stufe des synthetisch-konventionellen Glaubens 123
6.1.1.5 Stufe des individualisierend - reflektierenden Glaubens 124
6.1.1.6 Stufe des verbindenden Glaubens 125
6.1.1.7 Stufe des universellen Glaubens 126
6.1.2 KONSEQUENZEN 127
6.2 JANA-HERZBERG GRAFIKEN - ZEICHNUNGEN ZUM THEMA 128
6.3 FRAGEBOGEN ZUM THEMA „EKKLESIOGENE NEUROSEN“ IHRE HINTERGRÜNDE,
URSACHEN UND INTERVENTIONSMÖGLICHKEITEN 131
FRAGEN ZUM KRANKHEITSBILD DER „EKKLESIOGENEN NEUROSE“ 131
INTERVENTION 132
FRAGEN ZU IHRER EINRICHTUNG 133
FRAGEN ZUR ZUSAMMENARBEIT MIT KIRCHENGEMEINDEN ODER ANDEREN
EINRICHTUNGEN 133
7 LITERATURVERZEICHNIS 134
BÜCHERQUELLEN 134
ZEITSCHRIFTEN 138
INTERNETSEITEN 142
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1 : Spannungsfelder des religiös-neurotischen Konfliktes
Abbildung 2 : Spannungsfeld zwischen Familie und Individuum
Abbildung 3 :Spannungsfeld zwischen Kirche und Individuum
Abbildung 4 : Spannungsfeld zwischen Persönlichkeitsstruktur und religiösen Idealen
Abbildung 5 : Faktorengefüge zur religiösen Passung
Abbildung 6 : Therapiebausteine der De’Ignis-Klinik
Abbildung 7 : Zufriedenheit mit dem Therapieerfolg
Abbildung 8 : Veränderung des allgemeinen seelischen Wohlbefindens
Abbildung 9 : Veränderung der psychischen Befindensstörung
Abbildung 10 : Veränderung des religiösen Erlebens
Abbildung 11 : Mutter-Kind Symbiose
Abbildung 12 : Das Gebot des „Eltern-Ehrens“
Abbildung 13 : Vermeintliche Leistungsanforderungen an einen Christen
Abbildung 14 : Heilung der Gottesbeziehung
Abbildung 15 : Frei zur persönlichen Entfaltung
Einleitung 1
1 Einleitung
1.1 Hinführung zum Thema
Lieber Gott, ich möchte mit einem Fluch beginnen, oder mit einer Beschimpfung, die mir bald Erleichterung brächte. Eine Art innere Explosion müßte es werden, die dich zerfetzte. (...) Du warst einst so fürchterlich real, neben Vater und Mutter die wichtigste Figur in meinem Kinderleben. (...) Du bist in mich eingezogen wie eine schwer heilbare Krankheit, als mein Körper und meine Seele klein waren. (...) Ich habe unter niemandem so gelitten in meinem Leben wie unter deiner mir aufgezwungenen Existenz. Indem ich dir zeige, wie du als Krankheit in mich eingezogen bist (...) hoffe ich, mich ein Stück weit von dir heilen zu können. 1
Diese Schilderung Mosers, entnommen aus dessen autobiographischer Aufzeichnung „Gottesvergiftung“ 2 stimmt sehr nachdenklich. Was ist das für ein Gott, der Kinderherzen auf diese Weise erschreckt? Was ist das für eine Religion, die eine derartige Lebensverneinung fördert? Was für ein Gottesbild fördert eine solche Angst zutage? Orientiert man sich an dem Text Mosers, so liegt die Vermutung nahe, dass es sich um das weitverbreitete Bild eines Gottes handeln muss, der nach streng moralischen Prinzipien ahndet, was seinem Willen widerspricht. Ein derartiges Gottesbild scheint eine persönliche Entfaltung zu behindern und lebensverneinende Wirkung zu haben. Es wird sogar davon gesprochen, dass dieser Glaube krank machen kann. Eine vage Behauptung? Moser jedenfalls spricht von einer krankmachenden Religiosität, welche er verantwortlich macht für ein Leben voller Schuldgefühle und Ängste. Er klagt Gott an und bringt ohne Umschweife zur Sprache, welche Auswirkungen die Existenz eines Gottes haben kann, der als omnipotent, allwissend und allgegenwärtig dargestellt wird.
Das Buch „Gottesvergiftung“ ist eine Lektüre, die sowohl unter Christen als auch Nichtchristen sehr für Furore gesorgt hat. Dabei reichen die Reaktionen der Leser von Zustimmung bis zur erbitterten Ablehnung, ja sogar bis zur Überzeugung, Moser sei reiner Blasphemist.
1 MOSER (1980), S. 9 FF.
2 MOSER (1980)
Einleitung 2
Aus christlicher Sicht mag das Buch einerseits erschrecken, weil Moser auf unverblümte Art und Weise das Bild des christlichen Gottes stark kritisiert und aufgrund dessen gotteslästerlich wirkt. Dabei wird sehr schnell übersehen, dass es zu allen Zeiten religiöse Menschen gab, die ihren Gott anklagten. Bekanntestes Beispiel hierfür ist der israelitische König David, der in seinen Liedern und Dichtungen immer wieder Ängste, Enttäuschungen, Anklage und Kritik an Gott richtet. Diese Offenheit und Ehrlichkeit schafft eine Befreiung aus innerer Unruhe und löst die Bitterkeit über uneingestandene Enttäuschungen Gott gegenüber. Auf dieser Basis ist es möglich, Heilung und Veränderung zu schaffen. Alles „so tun als ob“ bindet dagegen das Misstrauen und lässt die Emotionen unbemerkt schwelen, psychische Krankheiten sind dadurch vorprogrammiert. Viele Christen haben diese Authentizität nie gelernt, um so mehr schreckt natürlich ein derartiges Buch ab.
Auf der anderen Seite schafft Mosers Darstellung aber auch Luft für diejenigen, die in ihrem Innersten tiefe Zweifel Gott gegenüber haben und diese nie äußern konnten, wollten oder vielleicht auch nicht durften. In diesem Fall bewirkt das Lesen ein zustimmendes Bejahen des Inhaltes, weil es Themen aufgreift, die unterschwellig vorhanden sind, der Mut aber nie ausgereicht hat, um Zweifel und Kritik ganz konkret zum Ausdruck zu bringen.
Was aber hat es mit dem Mythos der krankmachenden Religiosität auf sich? Kann es sein, dass das Evangelium - wörtlich „die gute Nachricht“ - negative Auswirkungen auf die Psyche eines Menschen hat? Kann der christliche Glaube tatsächlich krank machen? Sind Christen mehr als Nichtchristen psychischen Störungen ausgesetzt?
Die Frage des Einflusses von Religiosität - gemeint ist die christliche Religiosität - auf die psychische Gesundheit eines Menschen löst sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Die einen sehen den christlichen Glauben als Hindernis für Eigenbestimmung und freie Entfaltung und erachten ihn somit als nachteilig für das persönliche Wohlbefinden. Andere dagegen sehen Zufriedenheit und Wohlergehen an Geist, Seele und Leib als unabdingbar verbunden mit dem Glauben an einen liebenden, fürsorgenden Gott. Auch in psychologischen Fachkreisen divergieren die Meinungen bezüglich dieses Themas sehr stark. So wertet der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud und viele seiner Anhänger die Religion als „universelle Zwangsneurose“, Jung, Fromm und Frankl sehen im christlichen Glauben dagegen einen stabilisierenden Faktor für die individuelle
Einleitung 3
Lebensbewältigung. Während die eine Gruppe also Religion als Entstehungsursache von psychischen Krankheiten wie z.B. den Neurosen sieht, vertritt die andere Gruppe die Meinung, eine Neurose könne vielmehr durch Religiosität verhindert werden. 3
Woher kommen diese unterschiedlichen Stellungnahmen? Welche Faktoren haben eine prägende Wirkung in Bezug auf die Meinungsbildung? Anzunehmen ist, dass Lebensumfeld, Lebensentwicklung und individuelle Erfahrungen mit Religiosität entscheidend für die Entwicklung einer persönlichen Einstellung zu diesem Thema sind. Sprich je nach Prägung nimmt die religiöse Entwicklung ihren Lauf in eine bestimmte Richtung. Aus diesem Blickwinkel heraus lassen sich die divergierenden Meinungen zu dieser Thematik besser verstehen.
Wird von den individuellen Meinungen abgesehen und nach einem objektiven Sachverhalt gesucht, so stellt sich die Frage: Erhöht Religiosität das Risiko einer Entstehung von psychischen Krankheiten? Viele Christen verschließen bei diesen Worten bereits ihre Ohren. Sie fühlen sich angegriffen, missverstanden und unsicher. Der Anlass für eine derartige Verunsicherung liegt nicht selten in der Angst begründet, bei solchen Fragen die Grundmauern des eigenen Glaubens erschüttert zu sehen. Was, wenn der persönliche Glaube solchen Anschuldigungen nicht Stand hält?
Eine starke Abwehr gegenüber kritischen, an die Substanz gehenden Fragen kann aber auch eine Reaktion sein auf heftige, teils undifferenzierte Kritik im Sinne der Ketzerei. Kritiker schlagen nicht selten einen sehr harten Ton an, wenn es um die Verhöhnung des Glaubens geht. Ihnen geht es nicht um eine objektive Untersuchung der Auswirkungen des Glaubens auf die psychische Gesundheit, sondern vielmehr darum, ihre negativen Erfahrungen in einen wissenschaftlichen Kontext einzubetten. Diese subjektiven Darstellungen haben ihren Ursprung oftmals in persönlichen Erfahrungen, Verletzungen und Missverständnissen mit der Kirche.
Inwieweit eine Kritik nun subjektiv ist oder nicht sei zunächst dahin gestellt. Unabhängig davon ist es wichtig, diesen Sachverhalt genauer zu untersuchen und sich mit der Thematik des Einflusses der Religiosität auf die psychische Gesundheit auseinander zu setzen. Nur so kann jenen Menschen geholfen werden, welche in psychische Schwierigkeiten stecken, die unmittelbar oder aber auch im weitesten Sinn mit ihrem Glauben in Verbindung stehen.
3 VGL. Dörr (1987), S.1
Einleitung 4
1.2 Fragestellung und Aufbau dieser Arbeit
Gibt es so etwas wie eine krankmachende Religiosität? Inwiefern beeinflusst Religiosität die psychische Gesundheit? Welche Funktionen und Konsequenzen hat der Glaube in Bezug auf die Entwicklung eines Individuums? Kann es sein, dass Christen einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, psychisch krank zu werden? Dies alles sind Fragen, die es Wert sind, näher untersucht zu werden.
Im ersten Teil dieser Arbeit werde ich eingehen auf die Hintergründe und Zusammenhänge der „ekklesiogenen Neurose“, also der durch die Kirche bzw. kirchlichen Gemeinschaften verursachten psychischen Störungen. Es werden die Begrifflichkeiten „Religiosität“ und „psychische Gesundheit“ geklärt, empirische Untersuchungen zum Verhältnis von Glauben und psychischem Wohlbefinden erörtert und die Entstehung des Terminus „ekklesiogene Neurose“ samt ihrer Bedeutung für unsere heutige Gesellschaft und ihrer Kritikpunkte dargelegt.
Im darauffolgenden Abschnitt soll es um die Frage gehen wodurch religiös bedingte Lebenskonflikte ausgelöst bzw. verursacht werden können. Es werden einzelne Konfliktbereiche und einflussnehmende Faktoren erörtert sowie ihre defizitäre Wirkung für die Entstehung neurotischer Störungen dargelegt. Eine gezielte Analyse möglicher Ursachen, die für ein mangelndes psychisches Wohlbefinden unter Christen verantwortlich sein könnten, ermöglichen es, daraufhin adäquate Interventionen und Wege zur Prävention entwickeln zu können.
Dieser Themenkomplex wird schließlich im dritten Teil behandelt. Es wird ausgeführt, auf welche Weise Menschen mit Konflikten im religiösen Bereich geholfen werden kann. Geklärt werden soll auch, welche Rolle der Religiosität in der Beratungstätigkeit zukommt und inwieweit ein christlich geprägtes Konzept für eine effektive Intervention hilfreich sein kann.
Im Vorfeld halte ich es für wichtig zu betonen, dass es mir nicht darum geht, die Kirche bzw. den Glauben zu entwerten oder generell als pathologisierend zu etikettieren, „sondern darum, transparent und offen über ein Thema zu sprechen, das bisher (...) nicht angemessen beachtet worden ist“ 4 .
4 DIETERICH (1991), S. 9
Einleitung 5
Ebenso möchte ich erwähnen, dass ich in meiner Arbeit stärker die „ungesunden“ Aspekte des christlichen Glaubens betrachten werde (was nicht zu der Schlussfolgerung führen sollte, es seien keine positiven Seiten vorhanden). Dies nicht zuletzt mit dem Anliegen, eine aufrichtige Diskussion in Gang zu setzen und durch kritisches Hinterfragen der gegebenen Strukturen einen Anstoß für Veränderungen zu geben und dadurch „gesunde“ Strukturen begünstigt zu können.
Wenn im Folgenden von christlichen Kirchen, Kirchengemeinden, Gemeinden und Glaubensgemeinschaften die Rede ist, so sind damit diejenigen Kirchen damit gemeint, die dem Christentum zuzuordnen sind und in Deutschland als Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR) anerkannt sind. Eine genauere Differenzierung der einzelnen Denominationen im Hinblick auf ihre Konstruktivität oder Destruktivität wäre sicherlich sehr interessant, würde aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Aufgrund dessen werden die Kirchen hier im Gesamten genannt, wohl wissend, dass es unter Umständen enorme Diskrepanzen zwischen den einzelnen Lehren, Glaubenshaltungen und Glaubenspraktiken gibt.
Eine Bemerkung noch zur Verwendung geschlechtsspezifischer Schreibweise: In der gesamten Arbeit werde ich aus schreib- und lesetechnischen Gründen die männliche Form bei der Nennung von Personengruppen benutzen, dabei sind die Frauen selbstverständlich mit einbezogen.
Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ 6
2 Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der
„ekklesiogenen Neurose“
2.1 Prolog
Religiosität und ihre Auswirkung auf das psychische Wohlbefinden ist ein Thema, das im psychosozialen Bereich oftmals ausgespart wird und wenig Beachtung findet. Eine erstaunliche Tatsache, denkt man daran, dass viele Arbeitsplätze von kirchlichen Trägern gestellt werden, so z.B. Beratungsstellen der Diakonie oder Charitas etc.. Aufgrund dessen ist eigentlich davon auszugehen, dass Sozialpädagogen, Psychologen, und Therapeuten in ihrer beruflichen Praxis unweigerlich mit religiösen Themenbereichen konfrontiert sind. Sei es aufgrund dessen, weil Ratsuchende sich in schweren Lebenskonflikten befinden, welche in irgendeiner Art und Weise mit der Form ihres religiösen Lebens in Bezug stehen, oder aber weil sie sich erhoffen durch die Integration religiöser Möglichkeiten Hilfe zu bekommen. Wie auch immer die Sachlage stehen mag: Es wird ersichtlich, dass es für Fachkräfte im psychosozialen Bereich sehr wichtig ist, Kenntnisse über den Zusammenhang von Religiosität und psychischem Wohlbefinden zu haben um darauf in einer Beratung zurückgreifen zu können. Dabei kann sich eine Problembearbeitung, die in Verbindung mit religiösen Fragen steht sehr schwierig gestalten. Dies hängt damit zusammen, dass gute Grundsätze wie sie das Christentum aufweist unbemerkt ins Negative verkehrt werden können und eine Unterscheidung zwischen produktiver bzw. destruktiver Glaubenspraxis erst bei genauer Analyse möglich ist. So kann es vorkommen, dass sich zwanghaft ehrliche Personen für „wahrhaftig“ halten, sexuell Gehemmte glauben, sie seien „keusch“, und Ängstliche der Überzeugung sind, in der „Furcht des Herrn“ zu leben etc.. Der Glaube kann also - bewusst oder unbewusst - zum Aufbau neurotischer Symptome missbraucht werden. Glaubensvollzug kann ein Kaschieren von Infantilismus, Projektionen, Ängsten und Schuldkomplexen sein. Es gibt fast kein neurotisches Symptom, das sich nicht in irgendeiner Weise unter den vielfältigen Formen christlicher Glaubenspraxis tarnen und verbergen könnte. Die entstandenen Symptome lassen sich jedoch auf Dauer nicht kognitiv entschärfen, sondern haben die Tendenz zu eskalieren. Aus anfänglichen Nebensächlichkeiten entpuppen sich nach und nach schwere Störungen.
Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ 7
Um eine effektive Beratungsarbeit zu leisten ist es unerlässlich, die soziokulturellen Gegebenheiten des Klienten näher zu durchleuchten. Faktoren wie Umwelt, Tradition, Erziehung, subjektive Verfassung, Persönlichkeitsreife und vieles mehr gehört mit berücksichtigt, um eine verlässliche und treffende Beurteilung der Glaubenspraxis und ihrer Auswirkung auf die Lebensqualität treffen zu können. 5
In dieser Arbeit sollen wesentliche Faktoren näher beleuchtet werden, um eine effizientere Einschätzung der Einflussgrößen religiös relevanter Bereiche zu erreichen und einen pathologischen Glauben besser ausfindig machen zu können.
2.2 Zur Korrelation von Religiosität und psychischer Gesundheit
Nun gilt es zunächst zu klären, ob unter empirischer Betrachtung der Ausgangssituation tatsächlich eine Berechtigung vorhanden ist, von einer Korrelation zwischen Religiosität und psychischer Gesundheit zu sprechen. Hierzu werden Untersuchungsergebnisse von namhaften Autoren präsentiert, die eine Aufklärung darüber geben, inwieweit ein Zusammenhang zwischen Religiosität und Gesundheit besteht. Zunächst soll aber eine genaue Klärung des Begriffes der Religiosität bzw. des damit zusammenhängenden Glaubens sowie der psychischen Gesundheit vorgenommen werden.
2.2.1 Etymologische Bestimmung der Religiosität
Wie kann Religiosität eingegrenzt und definiert werden bzw. welche Möglichkeiten gibt es, um das Glaubensleben eines Individuums erfassen zu können? Folgt man der ursprünglichen Bedeutung des Begriffes von „Religiosität“ so ergibt sich folgende Definition:
Die ursprüngliche Bedeutung der Wurzel des lateinischen Wortes „religio“ bedeutet tragen, halten, stützen. Religiosität bedeutet im weitesten Sinne den Ausdruck der Verbindung zwischen Gott und Mensch, zwischen dem überweltlichen, transzendenten Heiligen und dem unvollkommenen, sündigen und leidenden Menschen. Ja, man könnte noch einen Schritt weitergehen: Religiosität ist der Versuch des Menschen, in Kontakt mit Gott zu kommen, sich diesen Gott günstig zu stimmen, unter seinem Schutz zu leben und diesem Gott zu dienen. 6
5 VGL. SCHOLL (1980), S. 8
6 PFEIFER (1999), S. 85
Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ 8
Der ursprüngliche Sinngehalt des Begriffes lässt sich also sehr leicht erfassen. Schwierig wird es allerdings, wenn man versucht, die unterschiedlichen Formen christlicher Glaubenspraxis einheitlich darzustellen. Hiermit haben Wissenschaftler große Mühe. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass der christliche Glaube sehr viele Facetten hat und auf sehr vielfältige Weise erlebt und gelebt werden kann. So charakterisieren die einen den Glauben als Rettungsanker in schwierigen Zeiten, andere sehen ihn als eine Art Ritual zur Stärkung gewisser Traditionen. Manche verstehen unter „gläubig sein“ den allgemeinen Glauben an eine übersinnliche Welt, andere wiederum interpretieren ein „gläubig sein“ als aktiven Lebensbereich, der sich z.B. in täglichem Bibel lesen und Gebet äußert. Erkennbar wird die unterschiedliche Art des Glaubenslebens auch an der Vielzahl der existierenden Denominationen innerhalb des Christentums und ihrer zum Teil sehr stark differierenden Glaubenspraxen. Allport äußert hierzu:
The subjective religious attitude of every individual is, in both its essential and non-essential features, unlike that of any other individual. The roots of religion are so numerous, the weight of their influence in individual lives so varied, and the forms of rational interpretation so endless, that uniformity of product is impossible. 7
Und genau hier entsteht die Schwierigkeit für Wissenschaftler, welche für ihre Untersuchungen eine präzise Bestimmung der individuellen Glaubenspraxis benötigen. Religiosität umfasst, abgesehen von der ursprünglichen Bedeutung des Begriffes, eine weite Bandbreite an unterschiedlichen Einstellungen, die von einer tiefen Überzeugung bis hin zu der rein strukturgebenden, traditionsbewahrenden Nutzung der Religiosität reichen. 8 Hier wird bereits ersichtlich, dass es im Bezug auf das Ausleben der Religiosität zwei Gegenpole gibt, die im Folgenden näher erörtert werden.
2.2.1.1 Bipolare Erfassung der Religiosität
Bipolarität hat im Christentum eine lange Tradition. Religiosität wurde schon in ihrer frühen Geschichte unterteilt. Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament lassen sich Personengruppen finden, die ihren Glauben einerseits aus Überzeugung vertraten und danach lebten oder aber solchen, die aufgrund unterschiedlicher Motive mit einer religiösen Lebensweise eine äußere Form zu wahren beabsichtigten. Diese zwei Gegenpole
7 ALLPORT (1950), S. 26
8 VGL. PFEIFER (1999), S. 86
Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ 9
wurden zur damaligen Zeit und zum Teil bis heute einer Wertung unterzogen. So ermahnten Propheten zur Zeit des Alten Testamentes das Volk Israel immer wieder, den oberflächlichen, formellen Glauben abzulegen und statt dessen sein Leben ganz nach Gottes Willen auszurichten. Im Neuen Testament wird dieses Thema von Jesus aufgegriffen, der aufgesetzte, heuchlerische Frömmigkeit verurteilt.
Auch in der aktuellen christlichen Theologie etabliert sich eine bipolare Erfassung der Religiosität. So differenziert Kierkegaard zwischen „offiziellem Christentum“ und „radikalem Christentum“, Dietrich Bonhoeffer prägte den Begriff des „religionslosen Christentums“ und in vielen christlichen Kirchen wird heute eine Unterscheidung getroffen zwischen „Glauben haben bzw. gläubig sein“ und „religiös sein“ oder mit anderen Worten umschrieben „entschiedener/überzeugter Christ“ und „Sonntagschrist“ sein. 9
Nun ist eine Einteilung religiöser Menschen in die bisher genannten Kategorien theoretisch sehr gut nachvollziehbar, für empirische Zwecke allerdings ungeeignet, weil unklar bleibt, welche Maßstäbe entscheiden, welcher Kategorie eine Person zugeordnet werden kann. Was ist z.B. mit einem Menschen, der sich nicht an eine Kirche binden möchte, sich aber dennoch sehr intensiv mit dem christlichen Glauben beschäftigt? Diese Person lässt sich schwerlich als Sonntagschrist oder entschiedener Christ einstufen. Eine eindeutige Kategorisierung ist also letztlich nicht unbedingt möglich.
2.2.1.2 Extrinsische und intrinsische religiöse Orientierung
Auch der amerikanische Psychologe G. W. Allport sah sich in seinen Forschungen vor die Schwierigkeit gestellt, wie die religiöse Orientierung einer Person für empirische Zwecke messbar gemacht werden kann. Um für seine Untersuchungen klar abgegrenzte Definitionen zur Hand zu haben, entwickelte er ein in der Religionspsychologie sehr populäres Konzept: „extrinsic and intrinsic religion“. Allport nimmt darin eine Differenzierung zwischen den facettenreichen Glaubensorientierungen vor, mit Hilfe derer er eine genauere Abgrenzung unterschiedlicher Glaubensformen wahrnehmen kann.
Bevor sich die Begriffe „extrinsic“ und „intrinsic“ in der Fachwelt etablierten, führte Allport die Bezeichnung „immature and mature religion“, also „reife versus unreife Religiosität“ ein. Unter „reifer Religiosität“ verstand Allport im Gegensatz zur „unreifen
9 VGL. BATSON ET AL. (1993), S. 156
Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ 10
Religiosität“ einen kritisch reflektierten Glauben. Gemeint war, dass sich Christen mit dieser Glaubenshaltung mit allen wichtigen Lebensfragen auf eine offene und ehrliche Weise auseinandergesetzt und letztlich den Glauben für sich persönlich angenommen haben. Allport versuchte nun gemeinsam mit Studenten einen Fragebogen zur Erfassung der religiösen Einstellung zu entwickeln. Bei der Umsetzung der Konstrukte in eine Religiositätsskala (Religious Orientation Scale - ROS) entstanden die weitaus bekannteren Bezeichnungen „extrinsic“ und „intrinsic“. Diese Formulierung wurde seither beibehalten. 10
Die intrinsische Orientierung meint dabei, dass der Glaube das zentrale Motiv im Leben einer Person ist, „dem alle anderen Bedürfnisse untergeordnet werden. Glaubensüberzeugungen werden verinnerlicht und wirken sich auf alle Lebensbezüge aus.“ 11 . Der Glaube hat also höchste Priorität im Leben, er ist verinnerlicht und entspricht einer tiefen Überzeugung. Der extrinsische Glaube ist dagegen gekennzeichnet durch die Wahrung von Äußerlichkeiten bzw. Formen. Allport versteht darunter eine oberflächliche Religiosität, welche überwiegend genutzt wird zur Wahrung von Sozialprestige, gesellschaftlichen Beziehungen, Sicherheit und Trost. Religion ist also zweckbestimmt und wird „als Mittel zur Erreichung von Zielen gebraucht (z.B. Sicherheit, Trost, Gemeinschaft, gesellschaftlicher oder religiöser Status oder Selbstrechtfertigung). Der extrinsisch Gläubige wendet sich Gott zu, ohne sich dabei vom eigenen Selbst abzuwenden.“ 12 Glaube hat also eine finale Funktion und wird für eigene Zwecke und zur Erfüllung egoistischer Ziele genutzt und entspricht einer äußerlichen Anpassung an den Glauben ohne innerer Überzeugung. Kurz zusammengefasst:
The extrinsically motivated individual uses his religion, whereas the intrinsic motivated lives his religion. 13
Obwohl in der Zwischenzeit einige andere Konzepte entstanden sind, hat sich die Nutzung des Konzeptes „intrinsic and extrinsic religion“ durchgesetzt (zum Teil in modifizierter Form) und wurde bereits in einer Reihe von empirischen Untersuchungen innerhalb der religionspsychologischen Forschung eingesetzt.
10 ALLPORT (1950), S. 72
11 UHDER (1996), S. 88
12 UHDER (1996), S. 88
13 ALLPORT & ROSS (1967), S. 434
Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ 11
Kritikpunkt bleibt allerdings nach wie vor, dass die Kategorisierung in intrinsisch und extrinsisch letztlich auch nur eine sehr globale Glaubenseinschätzung ermöglicht und Aspekte wie Werteverständnis, Art der religiösen Sozialisation (vgl. Anhang 6.1), etc. nicht die angemessene Beachtung finden.
Zieht man aus dem Bisherigen ein Resümee, so kann noch einmal erwähnt werden: Bei der Bestimmung und Erfassung von Religiosität lässt sich leicht erkennen, dass zwar die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes geklärt werden kann, unterschiedliche Ausprägungen und Formen der christlichen Glaubenspraxis allerdings schwer einheitlich erfassbar sind. Verständlich, dass die psychologische Forschung in diesem Bereich Mühe mit der Erfassung und Operationalisierung der Religiosität eines Menschen als einheitlich messbares Persönlichkeitsmerkmal hat. Letztlich ist es jedem Wissenschaftler selbst überlassen, wie er den Begriff der Religiosität definiert. Allports Konzept bietet hier eine mögliche Lösung. Auch wenn eine Kategorisierung der religiösen Orientierung einer Person durch dieses Konzept nicht immer eindeutig zu treffen ist, so lassen sich trotz allem Tendenzen feststellen, die für ein weiteres Vorgehen in einer Beratungs- oder Therapiearbeit sehr nützlich sein können.
In dieser Arbeit wird der Begriff der „Religiosität“ letztlich als Überbegriff für den christlichen Glauben verwendet, unabhängig von der Art der Glaubenspraxis. Wenn im Abschnitt der Interventionsmöglichkeiten von „spirituellen Interventionen“ (und nicht „religiösen Interventionen“) die Rede ist, dann geschieht dies in Anlehnung an die übliche Bezeichnung christlicher Fachkräfte für Hilfsmaßnahmen, welche sich auf den geistlichen Bereich konzentrieren.
2.2.2 Charakteristische Merkmale psychischer Gesundheit
Nachdem im vorherigen Kapitel eine Begriffsbestimmung und nähere Erläuterung der Religiosität vorgenommen wurde, soll nun näher auf den Begriff der psychischen Gesundheit eingegangen werden. Gesundheit im Allgemeinen ist ein Ausdruck, der sehr viele verschiedene Facetten hat. In der Regel wird unterschieden zwischen psychischer und körperlicher Gesundheit. Im Folgenden soll der Fokus auf die Merkmale psychischer Gesundheit gelegt werden. Was genau wird unter diesem Begriff verstanden?
Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ 12
Dazu eine Definition der Weltgesundheitsorganisation (kurz: WHO):
Geistige Gesundheit setzt beim Individuum die Gewohnheit voraus, harmonische Beziehungen mit anderen zu knüpfen und teilzunehmen an oder beizutragen zu den Veränderungen des sozialen oder physischen Milieus. Sie schließt in gleicher Weise auch die harmonische und ausgeglichene Lösung der Konflikte in der Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen eigenen Triebtendenzen mit ein. Sie erwartet außerdem vom Individuum, den Charakter in der Art zu entwickeln, daß seine Persönlichkeit entfaltet, indem es sich seinen Trieben öffnet, die Konflikte auslösen können, und ihnen ein harmonisches Ausdrucksfeld in der vollständigen Realisierung seiner Möglichkeiten schafft. 14
Wie hier bereits ersichtlich wird, ist das ursprüngliche Meinungsbild, Gesundheit sei erkenntlich durch die Abwesenheit von Krankheit überholt. Statt dessen ist psychische Gesundheit viel mehr als die Abwesenheit von Symptomen und Störungen im Sinne der DSM III R (Diagnostic and Statistical Manual of the American Psychiatric Association) bzw. der ICD 10 (International Classification of disseases). Orientiert man sich an der Definition der WHO bedeutet psychische bzw. seelische Gesundheit vielmehr, dass es einem Menschen gelingt seine Möglichkeiten und Fähigkeiten voll entfalten und zu entwickeln, sowie seine Interessen zu verwirklichen. Psychische Gesundheit beinhaltet ebenso die Fähigkeit Krisen, Probleme und Konflikte als Herausforderung annehmen zu können, aktiv nach Lösungen zu suchen und sich mit gleichgesinnten und vertrauten Menschen auszutauschen und eine Beziehung mit ihnen einzugehen.
Psychische Gesundheit ist wie bereits erwähnt ein wesentlicher Teilaspekt der Gesundheit als Ganzes. So schreibt die WHO: Gesundheit ist ein „Zustand vollkommenen, körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens, nicht nur definiert durch die Abwesenheit von Krankheit und Behinderung“ 15 . Sieht man von der Kritik, dass diese Definition zu unrealistisch ist, ab beinhaltet sie einen sehr konstruktiven Ansatz. So weist sie deutlich darauf hin, dass Gesundheit sowohl biologische als auch psychosoziale Aspekte umfasst und die Bereiche Körper, Psyche und Soziales letztlich nicht zu trennen sind. Am Beispiel psychosomatischer Erkrankungen lässt sich sehr gut nachvollziehen, dass Psyche und Körper untrennbar zusammengehören und Erkrankungen multifaktoriell bedingt sind.
14 WHO. IN: SCHOLL (1980), S. 173
15 WHO. IN: MEYERS GROßES TASCHENLEXIKON (1990), S. 171
Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ 13
Um die Trennung von Körper und Psyche zu umgehen, gebraucht Dieterich in seinen Ausführungen den Begriff des „ganzheitlich gesunden Menschen“. Ganzheitlich aus dem Grund, weil bei dem Versuch einer Definition von Gesundheit alle menschlichen Teilbereiche elementar sind. Während die WHO von den körperlichen, seelischen und sozialen Bereichen spricht, sieht Dieterich Körper, Psyche und Geist als die drei elementaren Bereiche des Menschen an. Er nimmt also die geistliche/religiöse Komponente mit auf. Sprich für den Menschen ist ein positiv entfalteter Glaube ebenso wichtig wie das Wohlbefinden und Funktionieren des Körpers und der Psyche. Auch den sozialen Aspekt lässt Dieterich nicht außer acht, wenn er beschreibt, dass kennzeichnend für einen ganzheitlich gesunden Menschen das Vorhandensein geordneter Beziehungen ist, bezogen auf sich selbst, seine Umwelt und Gott. 16
Anhand der bisherigen Eingrenzungen bzw. Definitionen des Begriffes Gesundheit lassen sich Eigenschaften herausarbeiten, welche für einen ganzheitlich gesunden Menschen kennzeichnend sind. 17
♦ Die Fähigkeit physisch, intellektuell und emotional mit voller Leistungsfähigkeit zu handeln, ohne durch Ängste in seiner Handlungskompetenz eingeschränkt zu sein
♦ Die Fähigkeit sich wechselnden Situationen mit Selbstkontrolle und Disziplin anpassen zu können bzw. adäquat auf Veränderungen reagieren zu können
♦ Das Vorhandensein einer vertrauensvollen Lebenseinstellung, welche Sicherheit und Halt in Krisenzeiten bietet
♦ Das Vorhandensein eines klaren Lebenszieles zur Orientierung und Stabilität in weitreichenden Entscheidungen
♦ Das Vorhandensein ausgewogener Beziehungen zu unterschiedlichsten Menschen, (Balance von Nähe und Distanz) sowie die Fähigkeit zur Intimität
♦ Die Akzeptanz der eigenen Geschlechterrolle und Zufriedenheit im Bereich der Sexualität
Sicherlich lassen sich noch etliche Komponenten eines gesunden Menschen eruieren, diese Punkte sollen an dieser Stelle genügen.
16 VGL. DIETERICH (1994), S. 122 F.
Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ 14
2.2.3 Ergebnisse empirischer Untersuchungen zur Korrelation von Religiosität und psychischer Gesundheit
Nachdem geklärt wurde, was unter Religiosität und psychischer Gesundheit zu verstehen ist, nun zu den Untersuchungen, welche bisher zu diesem Themenkomplex durchgeführt wurden. In der Vergangenheit versuchten eine Reihe von Forschern den Zusammenhang zwischen Religiosität und psychischer Gesundheit empirisch zu ermitteln. Dabei führten die Untersuchungen zu divergierenden Ergebnissen. Eine bedeutende Ursache hierfür liegt in der bereits erwähnten Definitionsproblematik: Die Autoren definieren Religiosität und auch psychische Gesundheit in ihren Nachforschungen sehr unterschiedlich und messen
mit differierenden Kriterien. 18 Aus diesem Grund lassen sich sehr schwer einheitliche Ergebnisse präsentieren.
Einer der deutschsprachigen Forscher im Bereich dieser Thematik ist Theologe und Psychotherapeut Helmut Hark. Durch langjährige praktische Erfahrungen im Umgang mit seinen Klienten kam er zu der Vermutung, dass die Bereiche Religiosität und Gesundheit eng miteinander verwoben sein müssen. Um dies wissenschaftlich zu belegen führte er mit
139 Patienten eine Untersuchung durch. 19 Die Ergebnisse führten dabei zu folgendem Resultat:
Es ließ sich statistisch belegen: Je ausgeprägter die psychische Problematik ist, desto geringer
ist das Ausmaß der religiösen Orientierung und Frömmigkeit. Im umgekehrten Fall ließ sich
ermitteln, daß eine ausgewogene religiöse Orientierung die psychischen Schwierigkeiten
vermindert. Unsere Untersuchung bestätigt damit die im Einzelfall gemachte Erfahrung, daß
die Neurose das Glaubensleben beeinträchtigt und stört, während eine positive Frömmigkeit
zur Heilung der Störung beiträgt. 20
Harks Untersuchungsergebnisse weisen also auf einen positiven Zusammenhang zwischen Religiosität und psychischer Gesundheit sowie einen negativen Zusammenhang zwischen der individuellen Intensität religiöser Orientierung und dem Grad individueller psychischer Problematik hin.
17 VGL. DIETERICH (1994), S. 124 FF.
18 VGL. PFEIFER & WAELTY (1999), S. 37
19 VGL. HARK (1984), S. 119
20 HARK (1984), S. 12
Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ 15
Sprich, je stärker die religiöse Orientierung eines Individuums ist, desto geringer die Neigung zu neurotischem Verhalten und umgekehrt: Mit einer ablehnenden religiösen Orientierung erhöht sich zunehmend die Möglichkeit einer psychischen Problematik. Mit anderen Worten:
Es konnte ermittelt werden, daß das Glaubensleben durch die psychoneurotischen Schwierigkeiten stark beeinträchtigt wird. Umgekehrt verhindern oder vermindern ein ganzheitlicher Glaube und eine ausgewogene religiöse Orientierung die Neurose. 21
Damit bestätigte sich Harks Eingangshypothese: Bereits vorhandene Neurosen beeinträchtigen das Glaubensleben wesentlich, umgekehrt trägt ein gesundes Glaubensleben zur Heilung von Störungen bei. 22
Auch der Arzt Samuel Pfeifer führte Untersuchungen durch, um den Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und Religiosität zu klären. Dabei wollte er ermitteln, ob Religiosität psychische Störungen verursachen kann. In einer Untersuchung von 44 Patienten einer psychiatrischen Klinik kommt er zu dem Ergebnis, dass keine Korrelation zwischen Religiosität und einer neurotischen Symptomatik vorhanden ist. 23 Die tendenzielle Meinung mancher Fachkräfte, Glaube habe einen negativen Einfluss auf die Gesundheit, kann er damit nicht bestätigen. Dies soll seiner Meinung nach aber nicht ausschließen, dass Einzelne tatsächlich auf Probleme stoßen, da sie Religiosität in einem negativen Zusammenhang kennengelernt haben.
Ein weiterer, sehr bekannter Forscher ist der bereits erwähnte Amerikaner Allport. Er beschäftigte sich in seinen Untersuchungen hauptsächlich damit, welche Form der Religiosität destruktive Auswirkungen haben kann. Dabei verwendete er die in Kapitel 2.2.1.2 bereits erläuterte bipolare Unterscheidung einer extrinsischen und intrinsischen religiösen Orientierung. Allports Ausgangshypothese besagte, dass die Art der Religiosität eines Individuums massgeblich beteiligt ist an der Entwicklung hin zu psychischer Gesundheit oder Krankheit. Seine Untersuchungsergebnisse erbrachten das Resultat, dass eine extrinsisch orientierte Religiosität negative Wirkung auf die psychische Gesundheit hat, da sie - bedingt durch ihre Oberflächlichkeit - Krisenzeiten nicht stand hält.
21 HARK (1984), S. 9
22 VGL. HARK (1984), S. 13
23 VGL. PFEIFER & WAELTY (1999), S. 35
Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ 16
Ebenso sind die Vorstellungen von Gott weniger von Liebe und Gnade, sondern von unbiblischen oder falsch verstandenen Forderungen geprägt, die letztlich kein Mensch erfüllen kann. Einengendes Christsein ist die Folge, bei der Freiheit und Lebensfreude vernachlässigt und statt dessen Ängste und Depressionen hervorgerufen werden. Die intrinsische Orientierung dagegen hat seinen Untersuchungen nach schützenden und persönlichkeitsfördernden Charakter. Hier gibt der Glaube Sinn und Ziel, Motivation und inneren Frieden. Religiosität wird in alle Lebensbereiche integriert, sie gibt der Person Stabilität und hat somit eine dienliche Funktion für das psychische Wohlbefinden. Religiosität kann also je nach Art der religiösen Orientierung ein wichtiger Faktor für den Erhalt psychischer Gesundheit sein oder aber pathologisches Verhalten verstärken. 24
Batson et al. greifen in ihren Untersuchungen auf Allports Unterscheidung zwischen intrinsischer und extrinsischer religiöser Orientierung zurück. Sie gehen davon aus, dass eine intrinsische Orientierung „ein positives Sozialverhalten (aufgrund der moralischen Verpflichtung), weniger Angst und Schuldgefühle durch den festen Glauben, Erhöhung der eigenen Kompetenz durch das Gefühl des göttlichen Beistands sowie ein festes Selbstbild“ 25 mit sich bringt. In einer Metaanalyse vergleichen sie Untersuchungen unterschiedlichster Autoren miteinander. In der Summe stellen sie fest, dass ein negativer Zusammenhang zwischen Religiosität und psychischer Gesundheit gegeben ist.
Wie aus diesen exemplarisch dargestellten Untersuchungsergebnissen festzustellen ist, lassen sich letztlich keine eindeutigen Schlüsse darüber ziehen, ob Religiosität nun generell destruktive oder produktive Elemente im Hinblick auf psychisches Wohlbefinden enthält. Dafür differieren die praktischen Ausdrucksweisen und Formen der Religiosität viel zu stark und sind zudem auch abhängig von Merkmalen wie z.B. der Persönlichkeit des Einzelnen. Dies macht eine eindeutige Kategorisierung der Religiosität in „gut“ und „schlecht“ unmöglich. Sowohl eine pauschale Pathologisierung als auch eine pauschale therapeutische Wirkung von Religiosität würde der Komplexität dieser Thematik letztlich nicht gerecht. Dagegen ist eine auf den einzelnen Menschen abgestimmte, differenzierte Betrachtungsweise nötig, um letztlich individuelle Befunde erstellen zu können.
24 VGL. DÖRR (1987), S. 5
25 DÖRR (1987), S. 6
Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ 17
Auch wenn also genügend Autoren den in der Gesellschaft gängigen Standpunkt vertreten, Religiosität sei verantwortlich für eine Vielzahl an psychischen Erkrankungen, können empirische Untersuchungen diese These letztlich nicht stützen. Statt dessen sind leichte Tendenzen in der Richtung ersichtlich, dass Religiosität eine positive, gesundheitsfördernde Wirkung hat. 26
2.3 Zur Neurosenlehre im Allgemeinen
Um in der Annäherung zum Thema „ekklesiogene Neurosen“ fortzuschreiten sollen nun in diesem Kapitel die wichtigsten Grundlagen der Neurosenlehre dargelegt werden.
2.3.1 Charakteristische Merkmale einer Neurose
Die Bezeichnung „Neurose“ ist ein viel verwendeter Begriff für eine psychische Störung, von der ca. 10% unserer Bevölkerung betroffen ist. Der Frauenanteil ist dabei doppelt so hoch wie der Männeranteil. Sie beruht auf einer gestörten Persönlichkeitsentwicklung, die in Ursache und Erkennungsmerkmal so vielseitig sein kann, dass eine Kategorisierung vergleichbar den somatischen Erkrankungen kaum möglich ist. Aus diesem Grund gibt es auch keine universale Definition für eine Neurose. Eine Begriffsbestimmung aus der neueren Literatur lautet:
Als Neurose bezeichnet man eine Gruppe von seelisch bedingten Krankheiten chronischen Verlaufs, die sich in bestimmten Symptomen - Angst, Zwang, traurige Verstimmung, hysterische Zeichen - oder in bestimmten Eigenschaften - Hemmung, Selbstunsicherheit, emotionale Labilität, innere Konflikthaftigkeit - äußern. 27
Eine Neurose kann demnach als psychische Störung im Sinne einer und Verhaltensstörung verstanden werden, welche aufgrund von krankmachenden, innerpsychischen Konflikten, sowie einer unangemessenen Verarbeitung von anhaltenden Konflikt- und Frustrationssituationen auftritt. Demnach sind Neurosen psychische Störungen, die nichts mit der organischen Struktur und Verfassung der Nerven des Menschen im anatomischen und physiologischen Sinne zu tun haben, was durch den Namen oftmals assoziiert wird.
26 VGL. PFEIFER & WAELTY (1999), S. 36
27 BRÄUTIGAM. IN: MESTER & TÖLLE (1981), S. 2
Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ 18
Auch spielen hirnorganische Faktoren bei der Entstehung einer Neurose keine entscheidende Rolle, obwohl sie wiederum mittelbaren Einfluss ausüben können: Ein Mensch, der bei der Geburt eine leichte Schädigung seines Großhirns davongetragen hat, wird seine Lebenskonflikte möglicherweise schlechter bewältigen als ein gesunder Mensch und dadurch auch neuroseanfälliger sein. 28
Der Neurotiker wird gequält von Wünschen, die er weder aufgeben noch erfüllen kann und die er aufgrund dessen verleugnen muss. Nicht selten liegt die Wurzel für die Entstehung einer Neurose in der frühen Kindheit. Konflikte mit den Eltern oder anderen Bezugspersonen werden in das Unterbewusstsein verlagert und bleiben dort unverarbeitet. Erst nach Jahren können diese Konflikte wieder ins Bewusstsein treten bei Anlässen, die vordergründig nichts mit der ursprünglichen Thematik zu tun haben. Ersichtlich wird die Störung dann durch die von Bräutigam geäußerten Symptome. 29
Wie eben bereits erwähnt wird vielfach angenommen, dass eine Neurose im Laufe der Kindheitsentwicklung entsteht. Doch auch hier ist kein allgemein gültiger Konsens unter Fachleuten vorhanden. So geht Dührssen davon aus, dass neurotisch prägende Einflüsse auch noch in der Schul- und Jugendzeit, sowie dem Erwachsenenalter wirksam werden können. 30 Diese Ansicht weicht allerdings von dem klassischen Neuroseverständnis ab, nach dem vor allem die Erfahrungen und Bedingungen der ersten sechs Lebensjahre für die Entwicklung einer Neurose ausschlaggebend sind.
2.3.2 Symptome
Wie bereits eingangs beschrieben, zeigt sich eine Neurose in den unterschiedlichsten Varianten und reicht von schweren bis hin zu leichten Störungen, welche von normalen Reaktionen in Belastungssituationen kaum zu unterscheiden sind. Obwohl jeder Schweregrad seine spezielle Ausprägung hat, sind dennoch Gemeinsamkeiten ersichtlich, zu denen folgende Merkmale gehören 31 :
28 VGL. WOLFSLEHNER (1990), S. 66
29 VGL. PFEIFER (1999), S. 60
30 VGL. DÜHRSSEN (1992), S. 79
31 VGL. PFEIFER (1999), S. 61 FF.
Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ 19
• Unsicherheit, innere Konflikthaftigkeit
Personen mit einer neurotischen Störung fühlen sich in vielen Situationen unsicher und sind geplagt von innerpsychischen Konflikten. Selbst alltägliche Aufgaben, banale Situationen und einfache Wünsche und Bedürfnisse werden endlos hinterfragt und können diese Personen in ein Spannungsfeld manövrieren, das unter anderem Unschlüssigkeit, Ängstlichkeit zur Folge haben kann.
• Hemmungen
Die eben beschriebene Unsicherheit kann auch zu Hemmungen führen im Umgang mit sich selbst und anderen Menschen. Die Hemmungen neurotisch erkrankter Personen übersteigen dabei weit das natürliche Maß an Scham und gesellschaftlichem Anstand. Banalste Situationen werden zu einem unüberwindbaren Hindernis.
• Kontaktstörung
Ein weiteres Merkmal neurotisch belasteter Personen ist eine auffallende Kontaktstörung. Neurotiker haben große Mühe damit, auf andere zuzugehen und tiefere Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Oftmals finden sie nicht das richtige Maß, den richtigen Ton, die richtige Einfühlung.
• Gefühlsverstimmungen, Kränkbarkeit
Neurotische Personen sind oftmals beeinträchtigt durch häufige Gefühlsschwankungen und leichte Kränkbarkeit. Kleinste Hinweise, die auf Kritik deuten oder ein nicht wohlgesonnener Tonfall kann sie aus dem emotionalen Gleichgewicht bringen.
• Verminderte Leistungsfähigkeit
Aufgrund der starken Ängste und der Unsicherheit lässt die Leistungsfähigkeit und das Konzentrationsvermögen sehr nach. Die ständige innere Anspannung wird zu unterdrücken versucht durch emotionale Kontrolle, dem ständigen Absichern gegen Versagen und Ablehnung, dem kontinuierlichen Aufarbeiten innerer Konflikte und der angestrengten Abgleichung zwischen den eigenen Wünschen und den Forderungen anderer. All dies nimmt neurotischen Menschen die Kraft zum Leben. Die Arbeit wird zur permanenter Überforderung.
• Vegetative Beschwerden
Als letztes Symptom zählt eine Fülle von vegetativen Beschwerden, die auch als psychosomatische Symptome bezeichnet werden.
Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ 20
2.3.3 Syndrome
Wie bereits erwähnt kann die Stärke der Neurosen und damit der Beeinträchtigung im Lebenswandel sehr unterschiedlich sein und reicht von leichten bis hin zu schweren Störungen. Neurosen zeigen sich in einer Vielzahl von verschiedenen Syndromen. Einen Überblick über die unterschiedlichsten neurotischen Syndrome gibt Pfeifer in seinem Buch „Wenn der Glaube zum Problem wird“ 32 :
a) Neurotische Depression (Dysthymie)
Ein Syndrom mit unverhältnismäßig starker Verstimmung, die meist auf eine traumatische Erfahrung folgt. Der Betroffene beschäftigt sich viel mit Fragen um Verlust, Ablehnung, Versagen und ist gegenüber neuerlichen Belastungen sehr sensibel. Dauer: Langwierig, mindestens zwei Jahre. Übergang zu endogenen Depressionen fließend. Meist spielen endogene und reaktive Faktoren mit.
b) Angstsyndrome
Verschiedene Kombinationen psychischer und körperlicher Angsstymptome, die keiner realen Gefahr zugeordnet werden können. Auftreten als plötzlicher Angstzustand (Panikattacken) oder als dauernde Angst (generalisiertes Angstsyndrom). Phobien sind Störungen mit Furcht vor bestimmten Objekten oder Situationen, die normalerweise solche Gefühle nicht hervorrufen würden.
c) Neurasthenie
Ein Syndrom mit allgemeiner Schwäche, Reizbarkeit, Kopfweh, Depression, Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten und Mangel der Fähigkeit, Freude zu empfinden. Es kann einer Infektionskrankheit oder einer Erschöpfung folgen oder sie begleiten oder aus einer anhaltenden Belastungssituation hervorgehen.
d) Hypochondrisches Syndrom
Übermäßige Beschäftigung mit der eigenen Gesundheit im allgemeinen oder einzelnen Körperfunktionen, verbunden mit Angst und Depression.
32 PFEIFER (1998), S. 79 F.
Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ 21
e) Hysterische Syndrome (Somatisierungssyndrom)
Ausgeprägte körperliche Symptome (Lähmung, Zittern, Blindheit, Taubheit, Anfälle u.ä.) oder starke Einengung des Bewußtseins ohne organischen Befund, oft stark wechselhaft.
f) Zwangssyndrom
Denkinhalte oder Handlungsimpulse drängen sich dem Kranken auf, obwohl er sie als unsinnig erkennt. Gibt er den Impulsen nicht nach, so entwickelt sich eine unerträgliche Spannung und Angst.
g) Andere Neuroseformen
Dazu zählen verschiedene seltene Syndrome und v.a. unklare Mischbilder. Neben der speziellen Problematik (z.B. Sexualstörungen, Eßstörungen) zeigen diese Menschen die erwähnten gemeinsamen neurotischen Grundsymptome.
2.3.4 Ursachen der Neurosenentstehung
Psychologen sind sich einig darüber, dass Neurosen durch einen innerpsychischen Konflikt entstehen. Je nach psychologischer Schule werden allerdings differierende Ursachen für eine Neurosenentwicklung verantwortlich gemacht. So legt jede psychologische Schule den Schwerpunkt des Konfliktes auf einen anderen Bereich. Freud sieht den entscheidenden Konflikt zwischen Trieb und Triebabwehr und geht somit von einer kausalen Betrachtungsweise aus. Adler legt dagegen den Fokus auf den Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft und betont somit eine finale Betrachtungsweise. Jung wiederum beschreibt den Konflikt als eine Spannung zwischen dem Individuum und den das Individuum transzendierenden Kräften. Er weist also, wie auch Frankl, vor allem auf die geistige Dimension des innerpsychischen Konfliktes. Eine solche Betrachtungsweise bezeichnet Wolfslehner als axiologisch; eine Betrachtungsweise, die nicht nach dem „Warum?“ oder „Wohin?“, sondern nach dem „Wozu?“ fragt. 33
Da im Kapitel 3 genauer auf die Entstehung von Neurosen eingegangen wird, hier nur ein kurzer Überblick über die unterschiedlichen Schulen samt ihren Anschauungsweisen zur Ursachenentstehung von Neurosen. 34
33 VGL. WOLFSLEHNER (1990), S. 65
34 VGL. WOLFSLEHNER (1990), S. 65
Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ 22
Dieser kurze Überblick über Neurosemerkmale und ihre Ursachen sollen genügen, um den Gesamtzusammenhang zu erläutern, um welchen es bei der ekklesiogenen Neurose geht. Auf die Ursachenentstehung ekklesiogener - im Gegenzug zur allgemeinen - Neurosewird im nächsten Abschnitt unter Kapitel 3 eingegangen.
2.4 Zum Begriff der „ekklesiogenen Neurose“
Nachdem geklärt wurde, dass zwischen Religiosität und psychischer Gesundheit eine Wechselwirkungen besteht und wie sich eine Neurose im Allgemeinen zeigt, nun zu dem Begriff der „ekklesiogenen Neurose“.
Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“ 23
2.4.1 Die Entstehung des Begriffes
Im Jahre 1955 veröffentlichte der Berliner Gynäkologe Schaetzing in der Zeitschrift „Wege zum Menschen“ einen Aufsatz mit dem Titel „Die ekklesiogenen Neurosen“. 35 „Ekklesiogene Neurose“ im Sinne des Verfassers meint „durch kirchlichen (ekklesia = die Kirche) Dogmatismus verursachte Neurosen“ 36 . Anlass für das Verfassen dieses Artikels war die Tatsache, dass Schaetzing sich in seiner gynäkologischen Praxis unerwartet häufig mit Frauen konfrontiert sah, die unter Sexualstörungen litten und zeitgleich eine strenge Religiosität erkennen ließen. Aufgrund dessen stellte er die Hypothese auf, dass es einen Zusammenhang geben muss zwischen kirchlichem Dogmatismus 37 und dem Auftreten von sexuellen Störungen. Davon betroffene Menschen sah er in ein Spannungsfeld manövriert. Einem Spannungsfeld bestehend aus dem kirchlichen Anspruch einer sittenstrengen Sexualität und den ihr widersprechenden Bedürfnissen nach körperlicher Liebe. Wird der Zwiespalt nicht gelöst, so kann dies laut Schaetzing zu schweren Konflikten führen, die unter anderem in neurotischen Störungen ersichtlich werden.
Als klassisches Beispiel „dogmatischer Engstirnigkeit“ sieht Schaetzing die kirchliche Überzeugung Geschlechtsverkehr vor der Ehe sei verwerflich. So schreibt er:
Am Tage der Hochzeit wird dann die gesamte negative Suggestion in das Gegenteil ver-kehrt. Was gestern verwerfliche Sünde war, gilt heute als heilige Pflicht. ... Die vorher als unanständig verfemten Geschlechtsteile sollen auf einmal als die Organe der Liebe empfunden werden. 38
Die Folgen sind für Schaetzing eindeutig: Empfindsame Frauen bezahlen diesen „Vorstellungsknick“ meistens mit einem bleibenden Vorurteil gegenüber der körperlichen Liebe und füllen als sogenannte „Frigide“ die Sprechzimmer der Gynäkologen. Infolgedessen kommt Schaetzing zu der Schlussfolgerung, dass das völlige Versagen im Liebesleben, bei der Frau „Frigidität“ und beim Mann „Impotenz“ genannt, als ekklesiogenes Krankheitsbild jedem Psychotherapeuten in erschreckender Anzahl geläufig ist und in Einzelfällen von Selbstmordversuchen bis hin zum erfolgten Suizid geführt hat. 39
35 SCHAETZING (1955)
36 SCHAETZING (1955), S. 97
37 UNTER DOGMATISMUS WIRD EIN AN DER REALITÄT DES LEBENS VORBEIGEHENDES, ZUM „SELBSTZWECK AUFGEBLÄHTES UND ENTSTELLTES“ KIRCHLICHES VERHALTEN BEZEICHNET (WOLFSLEHNER (1990), S. 77)
38 SCHAETZING (1955), S. 101
39 VGL. SCHAETZING (1955), S. 101
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Melanie Vita, 2002, Das Phänomen der "ekklesiogenen Neurosen" - eine kritische Analyse religiös bedingter Lebenskonflikte und ihre Interventionsmöglichkeiten, Munich, GRIN Publishing GmbH
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