Inhalt:
I. Geistige Strömungen
II. Gesellschaftspolitische Entwicklung der Epoche
III. Wegbereiter für die Entstehung der Wissenschaft Volkskunde
1. Der Volksgeist
2. Der „Bienenvater“
3. Zwischen Historie und Mythologie: Die Brüder Grimm
a) Werke und Bedeutung
b) Volksgeist als Gabe Gottes und Kontinuitätstheorie
c) Quellenangaben
d) Auseinandersetzung zwischen Arnim und J. Grimm
e) Die „Kinder- und Hausmärchen“
f) Der „Märchenton“
g) Märchen als pädagogisches Mittel mit Zielpublikum Kind
h) Gründe der Popularität wider Erwarten
4. Volkskunde und Politik
5. Der erste Fragebogen
IV. Entwicklung der Institutionen
1. Das Germanische Nationalmuseum
2. Sprachrohr für die Wissenschaft
3. Volkskunde und Medizin
V. Selbstverständnis der Volkskunde
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Die Grundlagen der Fachgeschichte I:
Entstehung und Etablierung der Volkskunde
I. Geistige Strömungen
Auch wenn man von der Entstehung einer Wissenschaft „Volkskunde“ erst gegen Ende des 19. Jh. bzw. am Anfang des 20. Jh. sprechen kann, ist schon einige Zeit vorher eine intensive Auseinandersetzung mit volkskundlichen Fragestellungen zu beobachten. Der geistige Antrieb dazu stammt aus zwei völlig unterschiedlichen Motivationsrichtungen: einerseits wird er schon seit dem 18. Jahrhundert von den rationalistischen und nationalistischen Zielen der Aufklärung genährt, welche aus der Parole der Französischen Revolution „liberté, égalité, fraternité“ hervorgehen, die Gleichheit aller Menschen. Auf der anderen Seite wird durch die idealisierenden romantischen Vorstellungen einer heilen Vergangenheit und die Volksgeistlehre zur Beschäftigung mit der Geschichte des eigenen Volkes angespornt. Die Einflüsse der Romantik sollen im folgenden vertieft werden. Die Entwicklung der Volkskunde zum Universitätsfach verläuft in engem Zusammenhang mit der Sprachwissenschaft. Der wohl bedeutendste Wegbereiter sowohl für die volkskundliche Wissenschaft als auch für die historisch germanische Sprachforschung ist Jacob Grimm, bei welchem deshalb der Schwerpunkt dieser Arbeit liegen soll.
Das realistische Denken des Empirismus’ wurde verdrängt durch die gefühlsbetonte Roma ntik. Im Vordergrund stand nun das Unbewusste, Unbegriffene, Urtümliche, das im Dunkel der Vergangenheit liegt. Es wuchs ein starker Wunsch nach Zusammengehörigkeit, eine Sehnsucht nach einem heilen Vorbild, welches man in der germanischen Frühzeit oder im Mittelalter anzusiedeln versuchte. Bei der Vorliebe für die pittoreske Darstellung des Mittelalters kann man regelrecht von einer „Renaissance“ sprechen. Auch spielt hier das Wiederaufleben einer allumfassenden Frömmigkeit und die leidenschaftliche Verehr ung alles göttlichen und schöpferischen eine große Rolle. Diese geistige Strömung findet sich in allen Formen der Kunst wieder, ob in der Malerei bei Caspar David Friedrich, in der Literatur vertreten durch die Brüder Grimm oder in der Musik durch F. Schumann oder F. Chopin.
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II. Gesellschaftspolitische Entwicklung der Epoche
Deutschland war im 19. Jahrhundert wie Frankreich ein absolutistischer Ständestaat, zerpflückt in viele kleine, autonome Territorien wie Herzogtümer, Königreiche und Bistümer. Die Politik war durchzogen von diversen Reformen, welche noch weit von ihrer Umsetzung in die Realität entfernt waren. Eine davon war die Bewegung der Ba uernbefreiung, welche viele blutige Schlachten und Rückschläge mit sich brachte, eine weitere die Gewerbefreiheit oder die städtische Selbstverwaltung. Viele Bemühungen des Bürgertums, endlich politisches Mitspracherecht zu erlangen, schlugen dabei fehl. Parallel dazu setzte die Industrialisierung ein, welche eine Landflucht und Verstädterung auslöste. Die bis dahin noch weitgehend im Agrarbereich tätige Bevölkerung stand einem unausweichlichen Umschwung gegenüber, welcher Ungewissheit und Skepsis auslöste. Verschlimmert wurde die Situation durch Ausläufer der Französischen Revolution in Form von Krieg auf deutschem Boden. Vor allem die Eroberung durch napoleonische Truppen und der damit verbundene Verlust weiter Teile des Deutschen Reiches an Frankreich verursachten ein Gefühl nationaler Erniedrigung.
III. Wegbereiter für die Entstehung der Wissenschaft Volkskunde
1. Der Volksgeist
Johann Gottfried Herder (1744-1803), Theologe und Schriftsteller, Zeitgenosse Goethes in Weimar, beschäftigte sich mit volkskundlichen Themen aus einem völlig neuen Blickwinkel heraus. Der Begriff „Volk“ bezeichnete für Herder nicht eine soziale Unterschicht, wie es der Ständelehre entsprach, sondern die Menschheit als kollektives geistiges Medium, welches noch eine Verbindung zum Ursprung und damit zum Göttlichen, Schöpferischen besitzt. Er schrieb dem Volk eine Art Allgemeingeist, eine Seele mit eigenständiger Kreativität zu, die er als Volksgeist bezeichnete. Folglich hatte für Herder jedes Volk, und damit jede Nation, eine eigene unveränderliche Identität. Seine Volksgeistlehre glaubte er in der Volksdichtung bestätigt. Für ihn artikulierte sich die Stimme des Volkes in Märchen, Sage n, im Glauben und den damit verbundenen Bräuchen, im besonderen aber in Liedern. Herder sammelte deutsches Liedgut und veröffentlichte Ende des 18. Jahrhunderts sein Werk „Stimmen der Völker in Liedern“. Bei seiner Bestandsaufnahme war nicht von Bedeutung, ob ihm das jeweilige Lied von einem Bauern oder einem Gelehrten zugetragen wurde. Von Herder stammt auch der
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Begriff „Volkslied“, wozu er also gleichermaßen ein Werk von Goethe wie ein mündlich tradiertes Lied eines anonymen Verfassers zählte. Seine eigene Epoche sah Herder als eine Zeit des Abstiegs „im kalten Licht des Abends“ 1 und in der Bewahrung der Volksdichtung glaubte er ein Mittel gefunden zu haben, diese Entwicklung aufzuhalten. Die von ihm aufgebrachte neue, romantische Betrachtungsweise löste einen regen Sammeleifer nach „Dokumenten“ des Volksgeistes aus. Hierbei war die Frage nach Verfasser, dessen sozialer Herkunft oder präziser Quellenangabe nur von nachrangiger Bedeutung.
2. Der „Bienenvater“
Von den beiden Dichtern Ludwig Achim von Arnim (1781-1831) und Clemens Brentano (1778-1842) wurde 1808 die Volksliedersammlung „ Des Knaben Wunderhorn“ veröffentlicht. Sie umfasst drei Bände und beinhaltet die verschiedensten Volkslieder aus dem Rhein-Main-Gebiet. Die Quelltexte wurden stark verändert und den romantischen Idealen durch Ausschmückung, Archaisierung und
Sentimentalisierung angepasst. Auch Arnim und Brentano erschien die Herkunft der Lieder oder die Identität ihrer Verfasser unwichtig, daher na nnten sie ihre Quellen nur unvollständig. In erster Linie setzten sie sich zum Ziel, das Volk als schöpferische Einheit zu erfassen und ihm alles zurückzugeben, was aus ihm hervorgegangen war. Diese Haltung beschreibt A rnim selbst in seinem Aufsatz „Von Vo lksliedern“ folgendermaßen: „Wir wollen allen alles wiedergeben, was im vieljährigen Fortrollen seine Demantfestigkeit bewährt“ 2 . In einer Nachschrift zum Wunderhorn bezeichnet sich Arnim als der „Bienenvater“, der zusammen mit Brentano den „letzten Bienenstock“ der „eben wegschwärmen wollte mit Mühe gesammelt“ 3 habe. Eine derart umfassende Wiedergabe der Volkslieder, wie sie sich Arnim und Brentano vorgenommen hatten, birgt die Gefahr einer undifferenzierten Aneinanderreihung der gesammelten Texte. In jedem Fall ist das Werk Arnims und Brentanos für die heutige Forschung ein reichhaltiger Schatz an Zeitdokumenten. Der dritte Band der Sammlung enthält einige Kinderlieder, eine in dieser Zeit völlig neue Erscheinung, denn Kinder wurden erstmals in der Romanik als eigene Zielgruppe entdeckt.
1 Hermann Bausinger „Volkskunde. Von der Altertumsforschung zur Kulturanalyse“, Darmstadt 1971, S.
31, nach Johann Gottfried Herder.
2 Ludwig Achim von Arnim „Von Volksliedern“, 1805.
3 Hermann Bausinger „Volkskunde. Von der Altertumsforschung zur Kulturanalyse“, Darmstadt 1971S.
34, nach Ludwig Achim von Arnim.
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Arbeit zitieren:
Margit Maier, 2003, Entstehung und Etablierung der Volkskunde, München, GRIN Verlag GmbH
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