Foucault, aber auch mit Bergson und Sartre in einem Atemzug genannt werden muss.
Wenn wir von der Übersetzung des Begriffs „Philosoph“ ausgehen, und im Philoso- phen den „Freund oder Liebhaber der Weisheit“ sehen, dann hilft uns dies nur be- dingt weiter. „Denn ist der Philosoph nicht deshalb Freund oder Liebhaber der Weisheit, weil er Anspruch auf sie erhebt, weil er sich eher potentiell um sie be- müht, als daß er sie tatsächlich besitzt?“ 2 Mit dieser Frage stellt Deleuze den Zu- sammenhang mit der antiken griechischen Philosophie her. Er bezieht sich auf das sokratische „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ und bleibt an dem Punkt, dass die letzte Weisheit nicht erfassbar ist hängen, der uns mit diesem Satz vermittelt wird. Dies reicht ihm jedoch nicht, er möchte die Philosophie anders definiert wissen. „Die Philosophie ist die Kunst der Bildung, Erfindung, Herstellung von Begriffen.“ 3 Auch diese Ansicht ist nicht neu und wenn wir diese beiden Kriterien als richtig anwenden, können wir nur zu dem Schluss kommen, dass die Frage ob es afrikani- sche Philosophie gibt nur bejaht werden kann, denn weder kann ernsthaft bestritten werden, dass es auch auf dem afrikanischen Kontinent Menschen gibt, die sich als Freunde der Weisheit sehen und versuchen das Leben und die Welt der Erscheinun- gen zu hinterfragen und zu begreifen, noch kann bestritten werden, dass auch in Af- rika Begriffe im philosophischen Sinne hergestellt wurden und werden. In Afrika findet man hauptsächlich eine Art der Philosophie, die sich zwar von der traditionellen europäischen Form unterscheidet, die dennoch als Philosophie anzu- sehen ist: Weisheitslehren der Alten und Ahnen, meist mündlich und häufig in Form von Sprichwörtern und Volk ssagen überliefert. Der aus Mali stammende, dem Volk der Fulbe angehörende, Schriftsteller Amadou Hampâté Bâ prägte in diesem Zu- sammenhang den Ausspruch „Wenn in Afrika ein Greis stirbt, verbrennt eine Bib- liothek“. Prägnanter lässt sich die Bedeutung der mündlichen Überlieferung für Af- rika kaum erläutern. Dieses kulturelle Erbe als nicht wertvoll ansehen zu wollen zeugt von einer Arroganz und Ignoranz, die in unserem Kulturkreis leider häufig vorkommt, wenn es darum geht Kulturen außerhalb der Grenzen Westeuropas anzu- erkennen.
Gerade die fehlende Schriftlichkeit wird oftmals als Beleg dafür angeführt, dass Af- rika angeblich keine Philosophie hat. Doch eben die Frage nach dem Wert der Schrift für eine Kultur ruft große Diskussionen he rvor. So lässt der Beniner Paulin J.
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Hountondji ausschließlich geschriebene Texte als philosophisch relevant gelten. 4 Doch er muss sich dann fragen lassen, ob er Sokrates absprechen möchte, ein Philo- soph gewesen zu sein, denn der große Grieche hat nie ein Wort selbst niederge- schrieben, alles was wir he ute in schriftlicher Form von ihm vo rliegen haben, ist von seinen Schülern niedergeschrieben worden. Wenn diese keines seiner Worte nieder- geschrieben hätten, wenn wir keinen Beleg von Sokrates hätten, wäre er dann etwa kein Philosoph gewesen? Auch ohne die Niederschriften seiner Schüler war Sokra- tes ein Mensch, der mit seinen Mitbürgern philosophische Gespräche geführt hat, der öffentlich diskutiert und disputiert hat und somit unbestreitbar ein Philosoph. Die Schrift war ihm nicht wichtig, sondern das gesprochene Wort.
Auch der bereits erwähnte Amadou Hampâté Bâ gesteht dem gesprochenen Wort eine größere Bedeutung zu als der Schrift: „Daß es keine Schrift gab, hat Afrika niemals seiner Vergangenheit, seiner Geschichte beraubt. (…) Die Schrift ist eine Sache und das Wissen eine andere. Die Schrift ist die Fotografie des Wissens, aber nicht das Wissen selbst. Das Wissen ist ein Licht, das sich im Menschen befindet. Es ist das Erbe von allem, was die Vorfahren erkennen konnten und uns im Keim übermittelt haben, (…)“. 5 Abgesehen davon besteht die Möglichkeit, dass sich die Schriftsprache unter be- stimmten Lebensumständen als nicht vorteilhaft erweist. So gibt es zum Beispiel die Theorie, dass einige westafrikanische Völker sehr wohl recht früh eine Schriftform zum Aufzeichnen von Gesagtem besaßen, diese jedoch aufgegeben wurde, weil sie keine Rolle in der alltäglichen Kommunikation der Menschen spielte. 6 Somit scheint auch die Schrift kein allein relevantes Kriterium für die Beurteilung von Philosophie zu sein.
Gängige Definitionen von Philosophie gehen in die Richtung, Philosophie als Stre- ben nach den Anfangsgründen und den letzten Zielen der Menschheit zu bezeich- nen. Es geht darum, Erkenntnis zu gewinnen und dies in allen Bereichen des menschlichen Lebens und Zusammenlebens. Philosophie bedeutet, dass Menschen nachdenken, über die Stellung des Menschen zu seiner eigenen Spezies, über den
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Hountondji, P. J.: African Philosophy. Myth and reality, London 1983, S. 55
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Hampâté Bâ, Amadou: Jäger des Wortes. Eine Kindheit in Westafrika, Wuppertal 1993, S. 211. Der Autor stammt aus Mali und gehört dem Volk der Fulbe an. Obwohl es sich bei dem zitierten Werk um einen autobiographischen Roman und nicht um Fachliteratur handelt, sehe ich es in Bezug auf afrikani- sche Traditionen als zitierfähig an, da der Autor nicht nur ein Schriftsteller und Dichter war, sondern auch Ethnologe, Historiker und Religionswissenschaftler. Ich gehe darum davon aus, dass seine Aussagen über afrikanische Tradit ionen in dem zitierten Werk keine Fiktion sind, sondern der Wahrheit entsprechen.
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Wiredu, K. : Philosophy and an African culture, Cambridge 1980, S. 40, Fußnote
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Sinn und Unsinn dieses Lebens und über alle relevanten Punkte, die dieses Leben tangieren. In diesem Sinne sind Kinder die großartigsten Philosophen, denn sie sind von jeder Erscheinung zunächst fasziniert, sie nehmen nichts als einfach gegeben hin, sondern hinterfragen alles. Sie streben somit nach gesicherter Erkenntnis und dies ist die Hauptarbeit des Philosophen. Kinder zeigen auf, dass eine gewisse Nai- vität bei der Untersuchung komplexer Probleme nicht unbedingt ein Hindernis sein muss, sondern im Gege nteil unter bestimmten Umständen auch hilfreich sein kann. Diese Naivität kann sich auch dahingehend äußern, dass eine Personen- oder Kul- turgruppe keine Notwendigkeit darin sieht für ihre Gedanken ein geschlossenes Sys- tem zu entwickeln. All jenen, die meinen, „richtiges“ Philosophieren kann sich nur in den starren Grenzen eines Systems entfalten, kann entgegengehalten werden, dass gerade jene Grenzen das Denken, den freien, ungezwungenen Fluss der Gedanken behindern. Mit welchem Recht kann behauptet werden, dass sich das Denken nur in dem Vorgang These – Antithese – Synthese richtig entwickeln kann? Der freie Ge- dankenfluss von Kindern und philosophisch ungeschulten Personen bringt oft genug verblüffende Gedanken hervor, die teilweise tiefere Einblicke in die Geheimnisse der Phänomene gewähren, als dies das beste System zu leisten imstande ist. Es gibt also keinen Grund, die orale Tradition der Afrikaner, ihre von Generation zu Gene- ration überlieferten Weisheitslehren als minderwertig gegenüber den Systemen der europäischen Philosophie anzusehen.
Da sich Philosophie also wie aufgezeigt nicht nur anhand von Schriftlichkeit oder dem Erschaffen von Systemen bestimmen lässt, sondern daran ob eine Kultur sich mit der Welt, dem Leben und den sich daraus ergebenden Fragen beschäftigt, wird hier nicht die Frage untersucht, ob es afrikanische Philosophie gibt, dieses wird vielmehr vorausgesetzt.
Die vorliegende Arbeit möchte den Leser mit einigen Grundzügen des afrikanischen Denkens bekannt machen. Natürlich kann dies nur sehr begrenzt geschehen, denn so wie es nicht „die“ europäische Philosophie gibt, gibt es auch nicht „die“ afrikani- sche Philosophie. Unterschiedliche Völker haben andere Gedankengebäude entwi- ckelt als andere. In der vorliegenden Arbeit wird das Augenmerk auf einige We- sensmerkmale der Philosophie Westafrikas gerichtet. Die Schwerpunkte der Unter- suchung bilden hierbei die Gedankenwelt der Bewohner Malis und die Philosophie der Akan, einer Ethnie in Ghana. Den Hauptgegenstand bildet die Herausarbeitung der Bedeutung der oralen Tradition für das Alltagsleben der Bevölkerung in der be-
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nannten Region. Da die vorliegende Arbeit nicht in die tiefsten Geheimnisse afrika- nischen Denkens eindringen kann (hierfür wären einige Monographien nötig), ist sie als eine kleine Einführung in die Gedankenwelt Afrikas zu sehen, die den Leser ho f- fentlich ermutigt, selbst tiefer in diese spannende(n) Kultur(en) einzudringen.
2 Die Philosophie Afrikas
2.1. Die Macht des gesprochenen Wortes
Die Philosophie der Afrikaner besteht zu einem Großteil aus alten Überlieferungen, die jahrhundertelang mündlich weitergegeben wurden. Als Darstellungsformen werden Sprichwörter, Mythen, Geschichten und Märchen genutzt und auch Lieder und Stegreifdichtungen spielen eine wichtige Rolle. Diese Überlieferungen haben einen enormen Einfluss auf die Lebensführung der Menschen des afrikanischen Kontinents. Sie sind die Handlungsanleitungen des Lebens. Zu jeder Lebenssituati- on scheint es das passende Sprichwort zu geben. Diese Sprichwörter sind, je nach dem Zusammenhang in dem sie herangezogen werden, Lehre, Warnung oder Hand- lungsanle itung.
Diese traditionelle „Schule des Wortes“ war in Afrika zu allen Zeiten für die Volks- erziehung zuständig. 7 Die „Meister der Worte“, also diejenigen, die das traditionelle Wissen weitergeben, sind diejenigen Personengruppen, die durch ihre gesellschaft- lich Stellung immer wieder mit der Bevölkerung in Kontakt kommen und die die Autorität besitzen als Ratgeber anerkannt zu werden, so z. B. der silatigui, „eine Art kultischer Priester, und als solcher Oberhaupt seines ganzen Volkes. (…) Als Seher, Wahrsager und Heiler verstand er sich darauf, die Menschen zu beurteilen und die Zeiche nsprache des Busches zu deuten.“ 8 Der Griot, bzw. die Griotin sind an eine bestimmte Familie von edler Herkunft ge- bunden. Die Heldentaten und Tragödien dieser Familie im Laufe von Generationen werden von ihnen der Umwelt mitgeteilt und zwar in gesungener Form. Nur Ihnen ist es erlaubt Gutes über eine bestimmte Person oder einen Clan zu sagen, da die Tradition im westlichen Afrika es verbietet, dass sich eine Familie selbst belobigt. Nur wenn ein Krieg bevor steht, darf ein Individuum die eigenen Heldentaten und 7 Hampâté Bâ, S. 211 8 ebnd., S. 14. Der Autor weist auch darauf hin, dass der silatigui auch ein Meister der Initiationsriten der Fulbe ist. Dieser Umstand ist ein häufig wieder kehrendes Element: Alle in der Autobiographie auftreten- den Personen, die mit den Initiationsriten ihres Volkes vertraut waren, waren auch auf den Gebieten des traditionellen Gedächtnisses herausragend.
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M. A. Markus Renner, 2001, Einführung in die Philosophie Afrikas. Die Tradition der mündlichen Überlieferung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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