Inhaltsverzeichnis:
Seite :
1. Einleitung 4
2. Sprachbetrachtung 5
2.1 Typologie von Sprachen 5
2.2 Diachronie / Synchronie 8
3. Die Entwicklung der Subjektpronomen 8
3.1 Das Lateinische 9
3.2 Das Altfranzösische 10
3.3 Das moderne Französisch 12
3.4 Betonte und unbetonte Subjektpronomen 12
4. Klassifizierung der Subjektpronomen 14
4.1 Die traditionelle Grammatik 14
4.2 Die moderne Grammatik 14
5. Die Theorie von Lehmann 16
5.1 Die Grammatikalisierungsskala 16
5.2 Parameter der Grammatikalisierung 17
5.3 Einschränkungen 19
6. Fazit 21
7. Bibliographie 22
3
1. Einleitung
„Die einzelnen Sprachen sind nicht als Gattungen, sondern als Individuen verschieden, ihr Charakter ist kein Gattungscharakter, sondern ein individueller. Das Individuum, als solches genommen, füllt aber allemal eine Classe für sich.“ 1
Dieser Aussage des deutschen Universalgelehrten Wilhelm von Humboldts (1767-1835) zufolge ist es nicht unproblematisch, Sprachen zu vergleichen und sie nach bestimmten Merkmalen in Gattungen oder Klassen zu kategorisieren. Es gilt dabei die Individualität einer Sprache, ihre Besonderheit zu berücksichtigen. Der Begriff des Individuums impliziert aber zugleich eine Zugehörigkeit zu einer Familie.
Demnach bietet es sich an, beispielsweise mit Blick auf die Subjektpronomen, verschiedene Sprachen wie das Lateinische, das Altfranzösische und das moderne Französisch vergleichend nebeneinander zu stellen, auf die „genetische Zusammengehörigkeit“ 2 dieser drei hinzuweisen und damit der sprachgeschichtlichen Entwicklung Rechnung zu tragen. Dabei stellt sich die Frage, warum im modernen Französisch die Subjektpronomen, anders als im Latein und im Altfranzösisch und anders auch als in anderen romanischen Sprachen, obligatorisch sind. Jedes Wort, und das gilt auch für die einzelnen Pronomen, hat seine ‚Individualgeschichte’, seine „histoire lexico-sémantique“ 3 . Diese Erkenntnis verhindert jedoch nicht, dass in der Linguistik nach Gesetzmäßigkeiten gesucht wird, denen der „Entwicklungsgang vo m republikanischen Latein zum heutigen Romanisch“ 4 , in diesem Fall zum heutigen Französisch und darüber hinaus zu einer denkbaren zukünftigen französischen Sprache unterliegen könnten.
Im Folgenden wird es darum gehen, nach einem kurzen Blick auf die Typologie von Sprachen, die einzelnen historischen Stufen, die Entwicklungslinie der Subjektpronomen darzustellen und im Anschluss, mithilfe der Grammatikalisierungstheorie von Lehmann sowohl diese als auch eine mögliche zukünftige Entwicklung zu beschreiben.
1 Humboldt, 1829 / 1963, S. 189.
2 Albrecht in Albrecht/ Lüdtke/Thun, 1988, S. XXVIII.
3 Lüdtke in Raible, 1987, S. 4.
4 Ebd.
4
2. Sprachbetrachtung
Ein Interesse an der besonderen Fähigkeit des Menschen zu sprechen hat es sicher zu allen Zeiten gegeben. Der wissenschaftliche Blick auf Sprache, wie er heute in der Linguistik üblich ist, entwickelte sich allerdings erst seit der Romantik, in der mit einer „subjektiven, dynamischen und historischen Erfassung“ 5 von Sprachen die „Epoche der historischvergleichenden Methode“ 6 einsetzte. In diese Phase der Sprachbetrachtung, in der jede Sprache als Individuum, als „Organismus“ 7 verstanden wurde, der, ähnlich „unsre(r) Erdkugel, (die) grosse Umwälzungen durchgegangen ist“ 8 „einer ständigen Evolution unterworfen“ 9 ist, lässt sich neben dem eingangs zitierten Wilhelm von Humboldt auch August Wilhelm von Schlegel (1767-1845) einordnen, von dem noch die Rede sein wird. Für die moderne Sprachwissenschaft gilt Ferdinand de Saussure (1857-1913) als maßgeblicher Gründervater. Er postulierte nicht nur das Arbeitsziel der Linguistik als „wertfreie [...] Beschreibung der Sprache“ 10 , sondern prägte auch die Begriffe parole, langue und language zur Unterscheidung zwischen dem individuellen Sprechakt, dem überindividuellen, konventionellen Sprachsystem und der allgemeinmenschlichen Sprachfähigkeit. 11 Besonders das formale System der Sprache, die langue, wird von ihm zum Gegenstand der Wissenschaft erklärt.
2.1 Typologie von Sprachen
In der Linguistik wurde und wird versucht, die Elemente der langues zu analysieren und damit das System der jeweiligen Einzelsprache, ihr Funktionieren, die ihr eigene Entwicklungen zu beschreiben und zu erklären. Vergleicht man nun die Systeme verschiedener Sprachen, ergeben sich auf unterschiedlichen Ebenen Gemeinsamkeiten oder Unterschiede, die immer wieder Wissenschaftler dazu herausgefordert haben, Einzelsprachen zu klassifizieren, sie nach Typen zu ordnen.
5 Gaudino Fallegger, 1998, S. 8.
6 Ebd.
7 Humboldt, 1820, S. 11.
8 Ebd. S. 7.
9 Gaudino Falleger, 1998, S. 8.
10 Ebd, S. 11.
11 Vgl. Ebd. S. 11f.
5
Schlegel unterschied beispielsweise in seinen 1818 erschienen „Observations sur la langue et la littérature provençales“ zwischen Sprachen ohne grammatische Struktur („langues sans aucune structure grammaticale“ 12 ), genauer: Sprachen, die keine Affixe kennen und deren Worte keine erkennbare innere Grammatik aufweisen wie beispielsweise das Chinesische, sowie Sprachen mit Affixgebrauch („langues qui emploient des affixes“ 13 ), bei denen die Beziehung zwischen lexikalischer Form und grammatischer Bedeutung innerhalb eines Wortes nur vage festgelegt ist wie im Türkischen und flektierenden Sprachen („langues à inflexion“ 14 ) wie dem Lateinischen.
In ähnlicher Weise, nur mit anderer Terminologie unterscheidet Humboldt in der Einleitung zu seinem Werk „Über die Kawi-Sprache auf der Insel Java“ (1836-39) isolierende Sprachen, deren Wörter meist unveränderbar sind (wie das Chinesische), agglutinierende Sprachen, bei denen zwar Affixe an den Wortstamm angehängt werden können, die Grenzen zwischen den Morphemen aber sehr klar sind (wie im Türkischen) und flektierende Sprachen, bei denen Wörter ihre Form je nach grammatischer Form ändern können und der Wortstamm (anders als bei agglutinierenden Sprachen) nicht ohne Affix gebrauc ht werden kann. Innerhalb der Kategorie der flektierenden Sprachen wurde schon von Schlegel Unterscheidungen getroffen, deren Bezeichnungen bis in die moderne Typologie gebräuchlich blieben. Das Gegensatzpaar „synthetisch / analytisch“ 15 differenziert zwischen Sprachen, bei denen lexikalische und grammatikalische Informationen in getrennten Wörtern repräsentiert werden (Analyse) und Sprachen, in denen ein Wort sowohl lexikalische als auch grammatikalische Komponenten in sich vereint (Synthese). Nach Schle gel finden sich bei analytischen Sprachen beispielsweise Artikel vor den Substantiven, Personalpronomen vor den Verben und Hilfsverben bei der Konjugation der Verben, 16 während synthetische Sprachen diese Strukturen nicht zeigen, wobei es keine strikte Trennung zwischen beiden Sprachtypen gibt („la ligne de division entre les deux genres n’est pas tranchée“ 17 ). Eine als analytisch klassifizierte Sprache kann also durchaus auch synthetische Elemente aufweisen. Für Schlegel war das Sanskrit ein Paradebeispiel für synthetische Sprachen, und auch das Griechische und Lateinische gehören in diese Klasse, während die „langues dérivées du latin“ 18 , also auch das Französische für ihn eine „völlig analytische(...) Grammatik“ 19
12 Vgl. Geckeler in Raible, 1989, S. 164.
13 Ebd.
14 Ebd.
15 Vgl. Geckeler in Raible, 1989, S. 164.
16 Vgl. Zitat von Schlegel bei Geckeler in Raible, 1989, S. 165.
17 Ebd.
18 Schlegel ebd.
6
aufweisen. Für die germanischen Sprachen stellte Schlegel dagegen fest, dass sie zwar ursprünglich synthetisch gewesen seien und sich davon Spuren finden lassen, sich jedoch zu analytischen Sprachen entwickelten. 20
Diese Frage nach der Entwicklung der Sprachen beschäftigt die Sprachwissenschaft bis heute. Im Allgemeinen nimmt man heute eine zyklische Entwicklung von der Analyse über Synthese und anschließender Analyse wieder zur Synthese an und stützt diese Annahme auf die Feststellung, dass die Formen des modernen Französisch analytischer sind, als die des Lateinischen.
Die Dichotomie ‚Analyse / Synthese’ wurde in neuerer Zeit kritisch hinterfragt. Harald Weinrich regte 1962 den Gebrauch der Unterscheidung zwischen „Prädetermination“ und „Postdetermination“ 21 an. Seine Kritik zielt darauf festzustellen, dass gerade in Sprachen wie dem Latein, von dem naturgemäß keine Aufnahmen der gesprochenen Sprache existieren, nur nach der Orthographie entschieden wird.
Es stellt sich also die Frage „Woher weiß man nun eigentlich, dass lat. canto, cantas, cantaris je ein Wort sind, frz. je chante, tu chates hingegen aus zwei, on te chante sogar aus drei Wörtern besteht?“ 22 Sein Vorschlag der Unterscheidung richtet sich also nicht mehr nach Abgrenzung oder Bindung zwischen lexikalischer und grammatischer Morpheme, sondern nach der Positionierung der grammatikalischen Informationsträger in oder neben einem Wort. Weinrichs (1962) und später auch Baldingers (1968) Ansicht kann man mit folgendem Schema verdeutlichen:
Nach dieser Unterscheidung geht man davon aus, dass die Entwicklung der französischen, aber auch anderer Sprachen, zur Prädetermination tendiert.
19 Geckeler, ebd.
20 Vgl. Geckeler in Raible, 1989, S. 165.
21 Vgl. Ebd. S. 176.
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Arbeit zitieren:
Sandra Schmidt, 2004, Entwicklung der Subjektpronomen vom Lateinischen über das Altfranzösische zum Neufranzösischen, München, GRIN Verlag GmbH
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