Inhaltsverzeichnis
Einleitung : Goethes Faust - Bild der Welt. 1
I. Das moderne System der „schönen Künste“ 8
1. Medienästhetische Ansätze:
Du Bos - Batteux - Diderot 10
2. Mediendifferenz zwischen Dichtung und darstellender Kunst:
Lessings : Laokoon 14
3. Goethes dynamische Kunstanschauung. 18
II. Goethe, die bildende Kunst und „Faust I“ 23
1. Goethe und die bildende Kunst: Begegnung. 23
Exkurs : Metamorphose der Kunst 35
Exkurs : Bildbeschreibung 40
2. Die bildende Kunst und „Faust I“ 44
Natur gesehen durch Kunst, Kunst gesehen durch „Faust I“ 48
„Das schönste Bild von einem Weibe“ 59
Phantastische „Bilder“welt. 68
III. „Faust I“ und seine Bilder 76
1. Illustrationen. 76
2. Theater 80
3. Film 83
Nachwort : Dichtung als Bild. 85
Literaturverzeichnis 88
Abbildungsverzeichnis 94
Abbildungen 98
2. Dezember 2000, eine Menschenansammlung und jemand ruft, »Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage, und manche liebe Schatten steigen auf; [...]« 4 ; ich befinde mich im Vorraum der Arena 5 und diese Tatsache zusammen mit dem Wissen, soeben ein Theaterticket mit dem Aufdruck: Peter Stein inszeniert ‚Faust’ von Johann Wolfgang Goethe eingelöst zu haben, machen mir bewusst, mich in einem Theaterstück zu befinden. Verdränge ich den geschilderten Kontext, bin ich Teil dieser ‚Welt’ und fühle mich direkt angesprochen, denn neben der Widmungsqualität, die Goethes Zueignung innewohnt, wird hier auch die theatralische Illusion aufgehoben indem erst das Folgende als dichterische Hervorbringung, als Spiel poetischer Imagination deklariert wird. 6 Diese Intention Goethes setzt Stein dramaturgisch brillant um; nach der Zueignung bittet ‚er’ ins Theater. So betrete ich erst jetzt das ‚Theaterhaus’ und habe noch Zeit, mir über meine mitgebrachten Bilder Gedanken zu machen. Einst - an der Polytechnischen Oberschule 7 - hatte ich Goethes Schlussmonolog in Faust II 8 zu meiner Abschlussprüfung rezitieren und interpretieren müssen; eine der Aufgabenstellungen lautete: ‚Ordnen Sie Goethes Faust in das sozialistische Kulturerbe der DDR ein!’. Ziemlich fassungslos, weil sich die ‚Welt’ des Goetheschen Faust für mich nicht mit jenem sozialistischen Kulturerbe in Einklang bringen ließ, gelang es mir doch, jene Vision Fausts: Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn 9 , entsprechend der sozialistisch-nationalen Lesart zu kommentieren. Jenes verzerrte Bild einer positiven tatkräftigen Faust-Figur als einer nationalen Vorreiterfigur des
1
Wachsmuth, Andreas: Nachwort. In: Goethe: Über die Natur. Aus seinen Aufsätzen. Hrsg. von Andreas
Wachsmuth, Wiesbaden: Insel-Verlag, 1955, S. 66.
2
Wenn ich im Folgenden vom Faust spreche oder vielmehr schreibe, meine ich damit die Faust-Dichtung
Johann Wolfgang Goethes. SAF Bd. I. (Siglen, siehe Literaturverzeichnis: Verwendete Goethe-Ausgaben.)
3
Mit v. Müller und Eckermann, 17. Dezember 1824. WA V/5, S. 120.
4
Zueignung, V. 9f. SAF Bd. I, S. 11.
5
Theater- und Konzertspielstätte in Berlin-Treptow am Spreeufer.
6
Vgl.: Schöne: SAF Bd. II, S. 151.
7
Zehnklassige Regelschule der DDR.
8
V. 11559ff. SAF Bd. I, S. 445f.
9
V. 11579. SAF Bd. I, S. 446.
2
Sozialismus wurde mir damals eingeimpft, und eben jenes Bild kam mir nun ob seiner Paradoxie wieder in den Sinn.
Und dies jenem Goethe, der sich Tore und Straßen nach allen Enden der Welt 10 wünschte und auf eine allgemeine Weltliteratur hoffte, die einen allgemeineuropäischen bzw. gar weltweiten Wechseltausch des Nehmens und Gebens bedeuteten sollte. Dabei ist gerade die Faust-Dichtung beispielgebend für solchen Wechseltausch, der Goethe im Faust wichtiger scheint als eine innere Stringenz. »Da kommen sie und fragen, welche Idee ich in meinem 'Faust' zu verkörpern gesucht. Als ob ich das selber wüßte und aussprechen könnte! Vom Himmel durch die Welt zur Hölle, das wäre zur Noth etwas; aber das ist keine Idee, sondern Gang der Handlung. [...] und daß ein aus schweren Verirrungen immerfort zum Bessern aufstrebender Mensch zu erlösen sei, das ist zwar ein wirksamer, manches erklärender guter Gedanke, aber es ist keine Idee, die dem Ganzen und jeder einzelnen Scene im besondern zu Grunde liege.« 11 Schon in dieser Äußerung Goethes wird deutlich, das es ihm keinesfalls um die Idee des Faust als Übermenschen geht, zu der die Figur Faust lange Zeit national stilisiert wurde.
Auf Grund der Vielzahl von Bezügen, die der Faust-Dichtung immanent sind, und derer sich Goethe bedient hat, um sie mittels seiner Dichtung ‚einzutauschen’, bezeichnet Schöne sie als das Einzelwerk der Weltliteratur, aus welchem man die Poesie, ginge sie der Welt verloren, wieder herstellen könne. So wie es einst Goethe von Calderóns Schauspiel El príncipe constante behauptet hatte. 12 Für die unglaubliche Fülle Goethes Faust spricht allein die lange Zeit der Reifung; schon als Kind war Goethe von dem Puppenspiel des Doktor Faustus eingenommen; die letzten Bearbeitungen am Faust II nahm er in seinem Todesjahr 1832, also über siebzig Jahre später, vor. Der Faust ist Goethes Lebenswerk. »Es sprechen und singen in diesem polyphonen Werk die Stimmen des jungen Leipziger Studenten, des Straßburger und Frankfurter Stürmer und Drängers, des Weimarer Klassikers, des alten Mannes im Haus am Frauenplan. [...] Sie [die Dichtung] erinnert an das Spiel im Puppentheater wie an das auf der Wanderbühne, zitiert mit dem Prolog im Himmel die großen Mysterienspiele oder holt in die Nacht-Szene das mittelalterliche Osterspiel herein,
10
Vgl.: Mit Eckermann, 15. September 1823. WA V/4, S. 263.
11
Gespräch mit [nicht aufgeführt], 6. Mai 1827. WA V/6, S. 135.
12
Vgl.: Schöne: SAF Bd. II, S. 11.
3
stellt in den Margareten-Szenen des Ersten Teils ein neuzeitlich Bürgerliches Trauerspiel vor und bildet im Helena-Akt des Zweiten Teils die antike Tragödie nach, nimmt das dionysische Satyrspiel in sich auf, die Zauberposse, das Rüpelspiel, das geistliche Spiel und die Moralität, ebenso die ‚Textsorten’ der Revue, der Maskerade, des Umzugsspiels oder des höfischen und des kultischen Festes.« 13 Ja selbst als Kompositionsvorlage einer Oper lässt sich der Faust-Text lesen, obwohl Goethe deren Umsetzung für unmöglich hielt. Ich denke, indem Goethe auf der einen Seite die Welt durch seine Anschauung im Faust eingefangen hat und auf der anderen Seitebetrachtet man die Vielzahl der Rezeptionsvarianten - mit seinem Werk neue Sichtweisen auf die Welt eröffnet hat, kann man hier von einem Gesamtkunstwerk sprechen. Goethes Fazit über die Kunst lautet: »Bilde, Künstler! Rede nicht! / Nur ein Hauch sei dein Gedicht.« 14 ; bezogen auf die Faust-Dichtung ist, meiner Meinung nach, in dem was Goethe gebildet hat, der ‚Atem der Welt’ zu spüren. Als Beleg mögen Goethes eigene Worte gelten: »Was hatte ich aber, wenn wir ehrlich sein wollten, das eigentlich mein war, als die Fähigkeit und Neigung, zu sehen und zu hören, zu unterscheiden und zu wählen, und das Gesehene und Gehörte mit einigem Geist zu beleben und mit einiger Geschicklichkeit wiederzugeben. Ich verdanke meine Werke keineswegs meiner eigenen Weisheit allein, sondern Tausenden von Dingen und Personen außer mir, die mir dazu das Material boten. Es kamen Narren und Weise, helle Köpfe und bornirte, Kindheit und Jugend wie das reife Alter: alle sagten mir, wie es ihnen zu Sinne sei, was sie dachten, wie sie lebten und wirkten und welche Erfahrungen sie sich gesammelt, und ich hatte weiter nichts zu thun, als zuzugreifen und das zu ernten, was andere für mich gesäet hatten. 15 Mein Werk ist das eines Kollektivwesens, und es trägt den Namen Goethe. 16 «
Unter all dem, was Goethe seinem Kollektivwesen subsumiert, spielt die bildende Kunst eine außerordentliche Rolle. Zwei wesentliche Aspekte hierfür bilden seine frühe bildkünstlerische Prägung und damit sein bildhaftes Anschauen und Erkennen der Welt; auf diese werde ich an anderer Stelle näher eingehen. Nicht zu vernachlässigen ist die Entwicklung im Laufe des 18. Jahrhunderts hin zu einem neuen
13
a.a.O., S.11/18.
14
Kunst (Gedichte, Ausgabe letzter Hand. 1827). In: Goethe: Werke. (=Digitale Bibliothek), S. 868.
15
Mit Soret, 17. Februar 1832. WA V/8, S. 133.
16
Mit Soret, 17. Februar 1832. WA V/8, S. 133.
4
allgemeinen Kunstbegriff in Theorie und Praxis des literarisch-ästhetischen Lebens. »Wer sich nun als Kenner und Liebhaber mit den Künsten beschäftigt, der wird sich im allgemeinen nicht nur einer einzigen Kunst, nur Literatur, Kunst oder Musik widmen, ja er wird sich darüber hinaus auch nach seinen Möglichkeiten an der Diskussion allgemeiner ästhetischer Fragen beteiligen. Goethe ist darin keineswegs eine Ausnahme, vielmehr typisch für seine Zeit und Schicht.« 17 Auch hier wird die Vielschichtigkeit, die in den Goetheschen Faust einfließen konnte, sinnfällig. Trotzdem oder gerade deshalb, weil die Künste näher zusammenrücken, wird eine Differenzierung hinsichtlich ihrer medialen Möglichkeiten und Wirkungen notwendig. Paradigmatisch dafür ist der Lessingsche Laokoon 18 , der auch auf Goethe beeinflussend wirkte. Ich halte es daher für notwendig, den Aspekt der Mediendifferenz skizzierend anzureißen, um zu verdeutlichen, dass die bildende Kunst für Goethe und im Speziellen für Faust I zwar einen facettenreichen Fundus darstellt, aber Goethe um die differenten medialen Möglichkeiten von bildender Kunst und Dichtung weiß. »Alles Literarische weist auf zeitliche Bewegung und Übergänge, es demonstriert und verdeutlicht den Prozeß der Reflexion, in dem sich geistige wie sinnliche, natürliche wie historische Verhältnisse klären sollen. In den Werken der bildenden Kunst dagegen wird das Verhältnis des Menschen zur Welt durch Zeichen objektiviert, limitiert und in äußerster Konzentration und Fixierung als modellhafter Gegenstand einer sinnfällig gemachten Ordnung erfahren.« 19 Goethe folgt Hamann in seiner Ablehnung einer regelpoetischen Nachahmungsforderung und seinem Diktum nach der Wiederherstellung der Lesbarkeit der Welt. Die Wirklichkeit wird primär und ursprünglich nur bildlich erfahren; ähnlich wie Hamann schaut Goethe die Bilder als das gesamte Kapital menschlicher Erkenntnis und Glückseligkeit. Goethes ‚Weltbild’ beruht auf der Anschauung. »Nicht durch die Konstruktionen der Vernunft werden Natur und Wirklichkeit erkannt, sondern im lebendigen Blick erfährt sich das Subjekt
17
Willems, Gottfried: Anschaulichkeit. Zu Theorie und Geschichte der Wort-Bild-Beziehungen und des
literarischen Darstellungsstils. Tübingen: Niemeyer, 1989. (=Studien zur deutschen Literatur; Bd. 103), S.
132.
18
Laokoon: oder über die Grenzen der Malerei und Poesie, Gotthold Ephraim Lessing: Werke, hrsg. v. Herbert
G. Göpfert, Bd.6: Kunsttheoretische und kunsthistorische Schriften. München 1974, Bearbeiter: Albert von
Schirnding. Lizenzausgabe für die WBG. Darmstadt 1996, S. 7-187. Die Primärtexte Lessings werden im
Folgenden immer nach dieser Werkausgabe zitiert.
19
Lange: Bilder - Ideen - Begriffe, S. 81f.
5
in seiner ursprünglichen Organisiertheit für die Natur und damit als Teil von ihr.« 20 In Bezug auf Natur und bildende Kunst hat für Goethe nur das Sichtbare Existenzberechtigung. »Wir wissen von keiner Welt als im Bezug auf den Menschen; wir wollen keine Kunst, als die ein Abdruck dieses Bezugs ist.« 21 Die Humanisierung der Natur tritt als fundamentales Postulat der Goetheschen Ästhetik zutage. Kunst und Natur bleiben auf den Menschen bezogen. Während die bildende Kunst laut Goethe Objektivität im Sinne naturgemäßer Organisiertheit anstrebt, strukturiert die Phantasie die literarische Leistung. »Der Geist des Schriftstellers, die Intensität seiner kombinatorischen Veranlagung, nicht das Auge des bildenden Künstlers ist das schöpferische Instrument des Dichters.« 22 So muss Goethe auch, als Luden ihm die Widersprüchlichkeit seines Faust darlegt, entsprechend reagieren: »In der Poesie giebt es keine Widersprüche. Diese sind nur in der wirklichen Welt, nicht in der Welt der Poesie. Was der Dichter schafft, das muß genommen werden, wie er es geschaffen hat. So wie er seine Welt gemacht hat, so ist sie. Was der poetische Geist erzeugt, muß von einem poetischen Gemüth empfangen werden. Ein kaltes Analysiren zerstört die Poesie und bringt keine Wirklichkeit hervor.« 23 Goethe nennt sein Werk Faust. Eine Tragödie., doch schon in Der Tragödie Ersten Teil setzt er die Aristotelische Tragödienkonzeption mit ihrer Einheit von Ort und Zeit außer Kraft. Der Handlungszusammenhang stellt sich vielmehr als eine Bilderreihe, eine Stationenfolge dar. Wenn Goethe 1771 sagt, »Schäkespears Theater ist ein schöner Raritätenkasten, in dem die Geschichte der Welt vor unsern Augen an dem unsichtbaren Faden der Zeit vorbeiwallt.« 24 , so könnte man meinen, hier das Konzept des Goetheschen Faust entdeckt zu haben. Diese Einsicht bildet für mich den Zugang zu Johann Wolfgang Goethes Faust, auch um Goethes Ironie zu entgehen, die er denen entgegenbringt, die fortwährend nach einer alles verbindenden Idee suchen; »Es hätte auch in der That ein schönes Ding werden müssen, wenn ich ein so reiches, buntes und so höchst
20
Apel, Friedmar: Der lebendige Blick. Goethes Kunstanschauung. In: Schulze, Sabine (Hrsg.): Goethe und die
Kunst. Ausstellungskatalog. Schirn Kunsthalle Frankfurt, 21. Mai 1994 - 7. August 1994. Kunstsammlungen
zu Weimar; Stiftung Weimarer Klassik, 1. September - 30. Oktober 1994. Ostfildern: Hatje, 1994, S. 571.
21
Maximen und Reflexionen. Goethe: Werke. (=Digitale Bibliothek), S. 8000.
22
Lange, Viktor: Bilder - Ideen - Begriffe: Goethe-Studien. Würzburg: Königshausen und Neumann, 1991, S. 77.
23
Mit Heinrich Luden, 19. August 1806. WA V/2, S. 71f.
24
Zum Schäkespears Tag. In: Goethe: Werke. (=Digitale Bibliothek), S. 8080f.
6
mannigfaltiges Leben, wie ich es im 'Faust' zur Anschauung gebracht, auf die magere Schnur einer einzigen durchgehenden Idee hätte reihen wollen!« 25 . Deshalb kann und will diese Arbeit auch keine durchgehende Interpretation liefern; der Grund dafür liegt schon darin, dass ich mich auf Der Tragödie Ersten Teil beschränken werde. Die Ursache hierfür bildet zum einen die Warnung Herrn Prof. Schöttkers, ob der Fülle der Bearbeitung des gesamten Faust, wofür ich mich ihm in Dankbarkeit verpflichtet fühle, und zum anderen die Tatsache, dass der Einfluss der bildenden Kunst in Bezug auf Der Tragödie Zweiter Teil schon hinreichend untersucht wurde. 26 Goethe fragt, »Und was ist denn überhaupt Gutes an uns, wenn es nicht die Kraft und Neigung ist, die Mittel der äußern Welt an uns heranzuziehen und unsern höhern Zwecken dienstbar zu machen?« 27 . Hier wird einmal mehr der Glauben Goethes an die Bildungskraft im Menschen deutlich; ebenso wie er in seiner Metamorphose der Pflanzen nachweist, dass die Pflanze sich je nach den spezifischen Umweltbedingungen bildet und umbildet 28 , so wird der Mensch sich immer Neues aneignen und dies mittels seiner schöpferischen Bildungskraft höheren Zwecken dienstbar machen. Für uns ist es heute eine Selbstverständlichkeit, das Kunst auf Vorgaben der Kunst beruht. So verstehen wir heute lediglich noch die Bibel als Primärtext. Würde man jedoch die bildende Kunst bzw. die Bildlichkeit zu ihrer Interpretation heranziehen, so würde auch sie ihre grundlegende Ursprünglichkeit verlieren.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, nachzuweisen, inwiefern die bildende Kunst Goethes Bild der Welt geprägt hat und wie sich dies im Faust I niederschlägt. Dabei werde ich den Betrachtungen zur Mediendifferenz eine umfangreiche Auseinandersetzung zum Verhältnis Goethes zur bildenden Kunst anschließen, da die Intensität dieser Begegnung erst verstehen lässt, wie einflussreich die Werke der bildenden Kunst auf die Faust-Dichtung seien konnten. Im direkten Anschluss folgt dann Faust I, gesehen durch die bildende Kunst.
25
Gespräch mit [nicht aufgeführt], 6. Mai 1827. WA V/6, S. 135.
26
Vgl. z.B.: Schlaffer, Heinz: Faust Zweiter Teil. Die Allegorie des 19. Jahrhunderts. Stuttgart: Metzler, 1989.
(=Sonderausgabe)
27
Mit Soret, 17. Februar 1832. Zit. nach: Schöne: SAF Bd. II, S. 27.
28
Siehe Fußnote 159.
7
Und da, entsprechend Goethes Auffassung zur Weltliteratur, Goethe nicht nur Bilder nehmen, sondern auch geben will, werde ich in einem Schlussteil kurz darauf eingehen, inwieweit Goethes Faust bildgebend für Illustration, Theater und Film ist. Ich befinde mich nun mit meinem Bild der Welt, nein der Faust-Dichtung, im Theater in der Arena und harre neben den anderen Zuschauern mit ihren Bildern dem Schauspiel, doch zunächst das Vorspiel auf dem Theater mit der Aufforderung des Direktors an den Dichter:
29
V. 239ff. SAF Bd. I, S. 21.
Im Zusammenspiel von wirtschaftlichen Veränderungen, dem Autoritäts- und Machtverlust der Kirche und der Verselbständigung der Wissenschaften auf der einen Seite und den Künsten auf der anderen Seite vollzieht sich im Deutschland des 18. Jahrhunderts die Durchsetzung aufklärerischen Gedankenguts. Dabei ist die Grundüberzeugung von der Autonomie der Vernunft Ausgangspunkt der Emanzipationsbestrebungen des Bürgertums und führt zu deren Durchbruch als kulturtragender Schicht.
Die Verselbständigung der Künste wird getragen durch den Aufschwung der Malerei und der Musik. Auf Grund der Ablehnung von Autoritätsdenken und Konventionen in gesellschaftlicher und künstlerischer Hinsicht muss die Kunst einen neuen Standpunkt beziehen. »Die Protagonisten dieses kontinuierlich fortschreitenden Prozesses waren Philosophen und Dichter, bildende Künstler und Musiker. Ihnen allen gemeinsam war die Überzeugung, dass Kunst nicht mehr nur das Dasein von Standespersonen verschönen, sondern zur Bildung aller Menschen beitragen und gleichzeitig Mittel zur Selbstfindung und Selbstverwirklichung des „freischaffenden“ Künstlers werden sollte.« 30 Im Pathos der Geniezeit, die die Aufklärung überflügelte, sagt Goethe in seinem Aufsatz Von deutscher Baukunst 31 , »Die Kunst ist lange bildend, eh sie schön ist, [...]« 32 und prägt damit die Begrifflichkeit der bildenden Kunst 33 . Während Goethe 1786 nach Italien aufbrach, um sich selbst zu finden, führte Mozart in Wien sein Klavierkonzert Nr. 24 in c-Moll auf, welches einen Befreiungsschlag für die zeitgenössische Musik bedeutete.
Im Zuge dieser emanzipatorischen Bewegung kristallisierte sich eine ansteigende Beliebtheit der Kunst- und Literaturkritik und der Typus des Kunstliebhabers und -kenners heraus. »Ein bis dahin nicht gekanntes Engagement der Deutschen für alle Kunstgattungen war die Folge und beförderte bei den Bürgern die Neigung, die
30
Forssman, Eric: Goethezeit: Über die Entstehung des bürgerlichen Kunstverständnisses. München; Berlin:
Deutscher Kunstverlag, 1999, S. 8.
31
BA 19, 29-38.
32
BA 19, S. 35.
33
Während Lessing in seinem Laokoon das „bildend“ der bildenden Künste noch im Sinne von abbildend
verwendet, benutzt Goethe „bildend“ im Sinne des Produktiven, wie es heute noch benutzt wird; so werde ich
den Begriff der bildenden Kunst im Folgenden im Goethischen, wie allgemein gängigen Sinne von Malerei,
Graphik und Plastik, verwenden.
9
Künste als Dilettanten auch selbst auszuüben, zu musizieren, zu zeichnen, Verse zu schreiben, Theater zu spielen.« 34 Auf verschiedenen Niveauebenen entwickelte sich daraus ein reger kultureller Austausch, an dem auch die Aristokratie Anteil nahm. Als Beispiel sei hier der Sachsen-weimarerische Musenhof der Herzogin Anna Amalia genannt, der neben dem adligen Gefolge auch bürgerliche Geistesgrößen wie Wieland, Herder, Schiller und Goethe integrierte. Neben dem Vortragen und Genießen von Kunst gewinnen nun der Schaffensprozess, die Rezeption und Reflexion über Kunst einen neuen und essentiellen Stellenwert.
Dieses geistige Klima ist der Ausgangspunkt für das moderne System der schönen Künste. »Die Frage nach dem Wesen der Kunst, die die Kunst begleitet hatte, seit sie in der Renaissance zum Bewusstsein ihrer Autonomie fand, wird im 18. Jahrhundert zur Frage nach der ästhetischen Erfahrung, ihren Erscheinungsweisen und ihren Voraussetzungen.« 35 Dabei rücken die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Künste in den Blickpunkt der kunstphilosophischen Beschäftigung. Der Lehrsatz des Horaz ut pictura poesis, der im Sinne einer maßgeblichen Analogie von Dichtung und Malerei verstanden wurde, wird von G. E. Lessing abgelehnt; er vertritt in seinem Laokoon die prinzipielle Verschiedenheit der Künste auf Grund der Beschaffenheit ihrer jeweiligen Medien. Die Wurzeln für die »Frage nach der Differenz der ästhetischen Medien« sind »in der am Ende des 17. Jahrhunderts in Frankreich aufgebrochenen „Querelle des Anciens et des Modernes“« zu finden. 36 Diese beiden Stränge, die medienästhetischen Anstöße in Frankreich und Lessings Medienkonzeption zu Dichtung und Malerei, bilden die Ausgangsbasis für meine Überlegungen zu Goethes kunsttheoretischer Auffassung und sollen Gegenstand dieses Abschnitts sein. Abschließend werde ich einen ersten Ausblick auf Goethes ästhetische Reflexionen geben.
34
Forssman: Goethezeit, S. 8.
35
Stierle, Karlheinz: Ästhetische Rationalität: Kunstwerk und Werkbegriff. München: Fink, 1996, S. 104.
36
Vgl.: Stierle: Ästhetische Rationalität, S. 106.
Karlheinz Stierle führt Du Bos’ Réflexions critiques sur la poésie et sur la peinture (1719) als »erste konsequente Medienästhetik« 38 des 18. Jahrhunderts an, die als paradigmatisch für nachfolgende Entwicklungen angesehen werden kann. Jean-Baptiste Du Bos’ Essay beruht auf der vergleichenden Betrachtung von Dichtung und Malerei und ist das Werk eines gelehrten Kunstliebhabers, der den Versuch unternimmt, »die Kunsttheorie auf dem neuen Prinzip der Wahrnehmung, der Sinneserfahrung zu gründen« 39 . Für ihn reflektiert das Gefühl (»sentiment«) oder der »sechste Sinn« die Qualität der Imagination 40 ; dabei ist für ihn nicht die Nachahmungs- sondern die Wirkungsperspektive zentral. In diesem Zusammenhang thematisiert er »das Medium als technische Bedingung der Wirkung« 41 . Er unterscheidet zwischen »signes naturell« und »signes artificiels« und gelangt damit zu der Einsicht, dass sich die Differenz der Medien aus den unterschiedlichen Methoden des Zeichengebrauchs ergibt. Auf Grund der visuellen Parallelität bezeichnet er die Zeichen der Malerei als natürlich und die Zeichen der Dichtung auf Grund ihrer Arbitrarität als künstlich. Schon Du Bos erkennt, dass die Stärke der Malerei in der Augenblicklichkeit der Darstellung liegt, während für die Medienwirkung der Dichtung die Sukzessivität ausschlaggebend ist. Diese Erkenntnis wird bei Lessing der zentralen These der Mediendifferenz zu Grunde liegen.
»Da aber für Du Bos ein spezifisch malerisches Interesse noch nicht denkbar ist, Malerei ebenso wie Dichtung im Sinne des Aristoteles darauf angelegt scheint, menschliche Handlung nachzuahmen [...], muß die Malerei trotz ihrer größeren Modulations- Diversifikationsvielfalt letztlich sich der Dichtung als unterlegen
37
Stierle: Ästhetische Rationalität, S. 105. Grundlegend für diesen Abschnitt sind die Ausführungen Stierles zu
Werk und Medium in genannter Publikation, S. 101-233.
38
a.a.O., S. 109.
39
Monier, Béatrice: Jean-Baptiste Du Bos. In: Nida-Rümelin, Julius und Monika Betzler (Hrsg.): Ästhetik und
Kunstphilosophie. Von der Antike bis zur Gegenwart in Einzeldarstellungen. Stuttgart: Kröner, 1998. S. 243.
40
Imagination entspricht bei Du Bos der aristotelischen Mimesis.
41
Stierle: Ästhetische Rationalität, S. 109.
11
erweisen.« 42 Auf Grund ihrer Ausdehnung in der Zeit ist die Dichtung dafür prädestiniert, die Emotionen zum Höhepunkt zu führen, während dies der Malerei auf Grund der Augenblicklichkeit des Sichtbaren verwehrt bleibt. An diesem Punkt stoßen die Betrachtungen Du Bos an ihre Grenze, da sie in der Abhängigkeit der klassischen Sujetvorgaben verbleiben und nur dort ihre Medienspezifik suchen. Doch gerade jener Punkt, dass Dichtung und Malerei spezifische medienbedingte Möglichkeiten und Einschränkung vorweisen, ist wegweisend für den Fortgang der Wirkungsästhetik von Medien.
Charles Batteux’ Hauptwerke Les Beaux Arts und Cours de belles-lettres, die er 1774 unter dem Titel Principes de la littérature zusammenfasste, sind zwar noch Poetiken Aristotelischen Geistes, gehen aber darüber hinaus, so dass von einer Erweiterung der Poetik als Ästhetik gesprochen werden kann. 43
Batteux versucht jedoch entgegen Du Bos, die Nachahmungsästhetik wieder in den Vordergrund zu rücken und unternimmt den Versuch einer »Wiedervereinigung« der Künste. Für ihn gilt der Grundsatz der Nachahmung der schönen Natur als einheitliche Maxime der schönen Künste. Sein ästhetischer Ansatz sei hier nur der Vollständigkeit halber genannt und ist insofern interessant, als er medienästhetischen Konzeptionen als Demarkationspunkt dient. »Gerade indem Batteux gegen die Ansätze einer Medienästhetik, wie sie sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts anzeigen, die Einheit der Künste behauptet, schafft er einen Bezugspunkt für die Medienästhetiken, die sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ausbilden, und zwar positiv in Fortführung und Differenzierung der seit Du Bos erarbeiteten Ansätze, negativ in Absetzung gegen die unzeitmäßige und rückwärts gewandte normative Nachahmungsästhetik von Batteux.« 44
Denis Diderot reagiert mit seinem Lettres sur le sourds et muets unmittelbar auf Batteux’ Kunstdoktrin und setzt sich von diesen ab, indem er seine eigenen medienästhetischen Betrachtungen darlegt. 45 An Hand des konkreten Gegenstands der sprachlichen Inversion fragt er nach der Ordnung der Zeichen und nicht nach ihrem Wesen, wie Du Bos es tat. Für Diderot liegt das Wesen der Sprache in ihrer Syntax
42
a.a.O., S. 110.
43
Vgl.: Wolfzettel, Friedrich: Charles Batteux. In: Nida-Rümelin, Julius und Monika Betzler (Hrsg.): Ästhetik
und Kunstphilosophie. S. 60.
44
Stierle: Ästhetische Rationalität, S. 113.
45
Vgl.: a.a.O., S. 113f.
12
begründet. Die Syntax schafft situationsunabhängige Sinngebilde und muss auf ihr Verhältnis zur Erfahrung bzw. auf das »Bedürfnis diese kommunikativ zu erfassen« befragt werden. Ausgehend vom Gebrauch der Inversion des Französischen erstrecken sich Diderots Untersuchungen auch auf die ‚Sprache’ von Pantomime und Gestik 46 . Er stellt neben der emotionalen, unkontrollierten Gestik auch eine kommunikative, bewusst eingesetzte Gestik als Verfahren der Mitteilung fest. Im Folgenden erweitert Diderot die Komplexität seiner Problemstellung um Überlegungen zu den Stadien der Herausbildung der Sprache und zum Vergleich des »Französischen mit den alten Sprachen und den gegenwärtigen Nachbarsprachen« 47 . Dabei trifft er die Feststellung, dass sich das Französische auf Grund seiner inneren Ordnung als nützlich im Sinne der Kommunikation erweist.
Mir ist bewusst, dass meine Ausführungen zu Diderots Herleitung nur fragmentarisch sind; darauf näher einzugehen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Seine Position ist jedoch in der wirkungsästhetischen Entwicklung bedeutend. Diderots Ausführungen münden in der Lehre der Hieroglyphen, welche ein sekundäres Prinzip meint, das der Dichtung immanent ist. Stierle fasst dieses wie folgt zusammen: »Die Sprache wird dann Hieroglyphe, und das heißt zugleich poetische Sprache, wenn sie nicht nur bezeichnet, sondern repräsentiert. In der Hieroglyphe wird das Medium zweifach ausgenutzt, und zwar so, daß beide Verwendungen sich zu einer wechselseitigen Verstärkung im Sinne einer Ausdruckssteigerung verbinden. Man könnte sagen, daß die Hieroglyphe das Medium Sprache zugleich semantisch und semiotisch ausnutzt, einmal im Sinne einer direkten Medienfunktion, einmal im Sinne einer darauf aufbauenden mittelbaren konnotativen Medienfunktion, die auf allen Ebenen der Sprache die konkreten Gegebenheiten der Kommunikation einer sekundären und zugleich elementaren Gestualität verfügbar macht.« 48 Die Gesamtbedeutung poetischer Wirksamkeit liegt also im Zusammenspiel der denotativen und konnotativen Ebene von Sprache. Diderot betrachtet zusätzlich die Klangqualität einer Sprache im Unterschied zur sprachlichen Harmonie. Hier wird deutlich, dass sich keine allgemeinen Regeln für Sprache an und für sich aufstellen lassen; Diderot belegt dies mit Texten von Dichtern wie Virgil und Homer und stellt
46
in Bezug auf Taubstumme
47
a.a.O., S. 116.
48
a.a.O.
13
fest, »dass es unmöglich sei einen Dichter in einer anderen Sprache vollkommen auszudrücken« 49 . Er hat sich des Konstrukts der Hieroglyphe bedient, um die Wirkung als zentrale Qualität einer konkreten Sprache nachzuweisen. »Mit dem Begriff der Hieroglyphe wird die Ausdrucksqualität zur höchsten Qualität des ästhetischen Werks, auch wenn dessen Gebundenheit an die durch das Medium vermittelte Nachahmung nicht in Frage gestellt wird.« 50
An Hand der speziellen Problematik der differenten Wirkung einzelner Sprachen spannt Diderot den Bogen zu einer allgemeinen Medienästhetik, die seiner Meinung nach obligat ist, indem er feststellt, dass jede Kunst der Nachahmung ihre Hieroglyphen habe. Dies ist sein Ansatzpunkt für seine Kritik an der Batteuxschen Ästhetik; Diderot bedient sich dabei der rhetorischen Frage, was denn die belle nature sei, die es Batteux’ Ansicht nach durch die schönen Künste nachzuahmen gelte. Damit enttarnt Diderot Batteux’ Diktum, dass sich jede Nachahmung der Natur auf eine bestimmte Bedeutung zurückführen lasse. Das Schöne ist nicht existent und nimmt erst durch die Wahrnehmung des Rezipienten Gestalt an, wobei die Wahrnehmung einen Denkvorgang darstellt, der auf unbewusster Erinnerung von ästhetischer Erfahrung beruht. Das Kunstwerk lebt von seiner Wirkung, wobei die ästhetischen Erfahrungen an das jeweilige Medium gebunden sind.
Während Du Bos die Differenz der Medien zwar erkennt, aber nur in Bezug auf die »Maximierung der Emotionen« herausarbeitet und sich Batteux’ Verdrängung der Mediendifferenz zugunsten des Verharrens in der Nachahmungsästhetik als Illusion erweist, reicht »Diderots Perspektive sehr viel weiter ins Grundsätzliche«. 51 Mit Diderot wird deutlich, dass das Werk sich in Abhängigkeit von seinem Medium befindet und verweist auf die Notwendigkeit, die Bedingtheit von Werk und Medium zu erkennen.
Für Lessing bilden Diderots Darlegungen einen ersten Impuls für seine medienästhetischen Auseinandersetzungen, die sich vor allem im Laokoon niederschlagen, der auch im Zentrum des folgenden Abschnitts stehen wird. Hier wird es in Vorbereitung auf Goethes Kunstanschauung vordergründig um die Mediendifferenz von Malerei und Dichtung gehen.
49
Monat Junius 1751, Gotthold Ephraim Lessing: Werke, Bd.3: Frühe kritische Schriften. Bearbeiter: Karl S.
Guthke. München 1972, S. 119.
50
Stierle: Ästhetische Rationalität, S. 117.
51
Vgl.: Stierle: Ästhetische Rationalität, S. 117f.
14
2. Mediendifferenz zwischen Dichtung und darstellender Kunst: Lessings: Laokoon
Auf der Grundlage einer allgemeinen Semiotik und Wirkungsästhetik verdeutlicht Lessing die Verschiedenheit der Künste auf Grund ihrer medienspezifischen Unterschiede. Schon früh greift er Diderots Antwort auf die starr auf die Nachahmung der schönen Natur ausgerichtete Ästhetik Batteux’ auf und referiert diese zustimmend in seiner Monatsschrift Das Neueste aus dem Reich des Witzes 53 im Juni 1751. Schon Du Bos hatte die Unterscheidung von natürlichen und künstlichen Zeichen in Bezug auf Malerei und Dichtung vorgenommen, um Wesensunterschiede festzustellen, während Diderot sich der Hieroglyphen bediente, um die Ordnung der Zeichen als wesentliches Moment der Differenziertheit herzuleiten. Die zeichentheoretische Debatte der Wirkungsweise der Künste gewinnt in Lessings Laokoon eine zentrale Bedeutung. Da seine Position in regem Austausch mit seinen Freunden Nicolai und Mendelssohn, der vor allem mit seiner Abhandlung Über die Hauptsätze der schönen Künste und Wissenschaften beeinflussend auf Lessing wirkte, entstand 54 , möchte ich kurz auf Mendelssohn eingehen. Auch er nahm die Begrifflichkeit „natürliche“ und „künstliche“ Zeichen auf.
Mendelssohn fasst die sinnliche Vollkommenheit als Substanz eines Kunstwerks auf; um die Idee der Vollkommenheit zu verwirklichen, darf sich der Künstler von der Natur entfernen. »Auf diese Weise wird die Kunst zur Entdeckerin der im Menschen schlummernden Seelenkräfte. Aus den inneren Erfordernissen der Kunst ergibt sich die Notwendigkeit, die Natur zu überschreiten.« 55 Das Entfernen von der Natur stellt sich fast als Notwendigkeit dar, um der Ganzheit im Kunstwerk, innerhalb des Mediums,
52
Laokoon, Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Bd. VI, S. 102f.
53
Monat Junius 1751, Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Bd. III, S. 113-123.
54
Vgl.: Stierle: Ästhetische Rationalität, S. 118.
55
a.a.O.
15
gerecht zu werden. Daraus ergibt sich wiederum die Affinität zur Natur innerhalb des vorgegebenen ‚Rahmens’ des Mediums. Das natürliche Zeichen, wie es die Malerei verwendet, wirkt auf Grund seiner direkten Abbildhaftigkeit im Verhältnis zum Bezeichneten. Dem künstlichen Zeichen der Sprache steht jedoch ein fast unbegrenzter Fundus an ästhetischen Möglichkeiten zur Verfügung. In Anlehnung an die Hieroglyphentheorie Diderots liegt für Mendelssohn das Sinnliche des sprachlichen Zeichens in der semantischen Mehrbedeutung. »Das Mittel, eine Rede sinnlich zu machen, besteht in der Wahl solcher Ausdrücke, die eine Menge von Merkmalen auf einmal ins Gedächtniß zurück bringen, um uns das Bezeichnete lebhafter empfinden zu lassen als das Zeichen. Hierin wird unsere Erkenntniß anschauend.« 56 Die Sinnlichkeit der natürlichen Zeichen, der sich die darstellenden Künste bedienen, manifestiert sich laut Mendelssohn in ihrer werkimmanenten Ordnung. Damit ist die Schönheit eines Werkes also nicht mehr an die Nachahmung gebunden, sondern emanzipiert sich von dieser. Die Schönheit eines Werkes liegt im Werk selbst begründet. Indem Mendelssohn dies als »Prinzip aller Kunst« postuliert, erhält die werkimmanente Ästhetik ihre Bedeutung. 57
Die Reflexionen Mendelssohns fließen wie oben erwähnt in die ästhetische Konzeption Lessings ein, der im Laokoon die Mediendifferenz von Malerei und Dichtung herausarbeitet. Lessings Anspruch ist der einer normativen Ästhetik, die die Aufgabenbereiche von Dichtung und Malerei neu definieren soll. Mit seinem Anspruch an Normativität und seinem Dasein als Aristoteliker gleicht er Batteux; »wenn aber Batteux das Prinzip der Nachahmung der schönen Natur unter Hintanstellung aller Mediendifferenzen zur Richtschnur des Ästhetischen macht, so stellt Lessing, der sich die Diderotsche Kritik an Batteux zu eigen macht, entschlossen auf den Boden der neuen Medienästhetik, ja er radikalisiert ihre Positionen in bisher ungekanntem Maß […]« 58
Zwar liegt in Lessings ausdrücklichem Zurückweisen der Grenzüberschreitungen von darstellender Kunst und Dichtung 59 eine Kurzsichtigkeit gegenüber neuen literarischen
56
Moses Mendelssohns philosophische Schriften, S. 102. Zit. nach: Stierle: Ästhetische Rationalität, S. 119.
57
Vgl.: Stierle: Ästhetische Rationalität, S. 119.
58
Stierle: Ästhetische Rationalität, S. 121f.
59
»Völlig aber, als ob sich gar keine solche Verschiedenheit fände, haben viele der neuesten Kunstrichter aus
jener Übereinstimmung der Malerei und Poesie die krudesten Dinge von der Welt geschlossen. Bald zwingen
sie die Poesie in die engen Schranken der Malerei; bald lassen sie die Malerei die ganze Sphäre der Poesie
füllen. Alles was der einen Recht ist, soll auch der andern vergönnt sein; alles was in der einen gefällt oder
mißfällt, soll notwendig auch in der anderen gefallen oder mißfallen […]. Diesem falschen Geschmacke, und
jenen ungegründeten Urteilen entgegen zu arbeiten, ist die vornehmste Absicht folgender Aufsätze.«,
Laokoon, S. 10f.
16
Tendenzen vor, doch lotet er die grundsätzlichen Möglichkeiten der jeweiligen Künste aus, indem er sich idealtypischer Entwürfe und Modelle bedient. Das Erkennen der medienbedingten Wesensunterschiede ist dabei zentraler Ausgangspunkt. »Eben weil Kunst ihrem Wesen nach von dem Medium bestimmt ist, in dem sie zur Erscheinung kommt, muß sie so verschieden sein, daß sie zu ihrem Verständnis einer je eigenen Ästhetik bedarf.« 60 Bezugnehmend auf Winkelmann, der die antike Plastik der Laokoon-Gruppe hinsichtlich der mangelnden Heftigkeit der Schmerzdarstellung gegenüber Virgils poetischer Fassung kritisiert 61 , entwickelt Lessing seine Anschauungen zur Mediendifferenz. Da die Malerei 62 der Kategorie der Körperlichkeit unter-worfen ist, muss sie dem Diktum der Schönheit entsprechen; d.h. der Künstler des Laokoon darf den absoluten Moment des Schreiens nicht wählen, da er ihn sonst der Hässlichkeit preisgibt. Zudem wäre ein immerwährender fixierter Schrei unglaubwürdig 63 . Die Dichtung dagegen bedient sich der Kategorie der Handlung und hat die Möglichkeit diese umfassend darzustellen und den Höhepunkt des Schreiens als höchsten Ausdruck des Schmerzes einzubeziehen 64 , da sie nicht auf abbildhafte Wohlgestalt angewiesen ist. Aus dieser Beobachtung heraus verweist Lessing auf das Erfordernis des werkimmanenten bequemen Verhältnisses 65 und der Ganzheitlichkeit eines Werks im jeweiligen Medium. Das Verhältnis, welches Lessing als bequem postuliert, ist das Verhältnis des Mediums zu seinem Gegenstand. In ihm liegt für Lessing das Ästhetische begründet. Hier scheiden sich darstellende Kunst und Dichtung. Zurückblickend auf das einführende Zitat wird deutlich, dass Lessing den »neben einander geordneten Zeichen« und den »auf einander folgenden Zeichen« die jeweils entsprechenden Gegenstände zugeordnet hat. Da nun Körper der Ausdruck nebeneinander existierender Gegenstände ist, so »sind Körper mit ihren sichtbaren Eigenschaften, die eigentlichen Gegenstände der Malerei« 66 . Handlungen dagegen entsprechen aufeinander folgenden Gegenständen und »sind der eigentlich Gegenstand
60
Stierle: Ästhetische Rationalität, S. 122.
61
Laokoon, S. 12f.
62
Lessing subsumiert die Plastik der Malerei.
63
»Wann also auch der geduldigste Mann schreiet, so schreiet er doch nicht unabläßlich. Und nur dieses
scheinbare Unabläßliche in der materiellen Nachahmung der Kunst ist es was sein Schreien zu weibischem
Unvermögen, zu kindischer Unleidlichkeit machen würde.«, Laokoon, S. 26.
64
»Virgils Laokoon schreiet, aber dieser schreiende Laokoon ist eben derjenige, den wir bereits als den
vorsichtigsten Vater kennen und lieben. Wir beziehen sein Schreien nicht auf seinen Charakter, sondern
lediglich auf sein unerträgliches Leiden. Dieses allein hören wir in seinem Schreien; und der Dichter konnte
es uns durch dieses Schreien sinnlich machen.«, Laokoon, S. 29.
65
Siehe Eingangszitat.
66
Laokoon, S. 103.
17
der Poesie« 67 . Dabei schließt er nicht aus, dass jeder Gegenstand sowohl in der Malerei als auch in der Dichtung darstellbar ist. Jedoch lassen sich in der Malerei nur Handlungen durch Körper darstellen und in der Poesie Körper durch Handlungen andeuten. 68 Dies muss ihren Ausdruck in der Wahl eines bestimmten Augenblicks bzw. einer besonderen Eigenschaft finden. Die Malerei muss den prägnantesten Augenblick, der Vorgängiges und Nachfolgendes assoziieren lässt, wählen; während die Poesie die Eigenschaft nutzen muss, die das sinnlichste Bild des Körpers in der jeweiligen Situation hervorbringt. Damit sei das medienspezifische bequeme Verhältnis von Malerei und Dichtung umrissen. Doch erst in der Theorie der medienspezifischen ästhetischen Ganzheit gewinnen die je nach Medium differierenden Maxime in Bezug auf das Werk ihre volle Bedeutung. »Nicht nur daß das Dargestellte in einem bequemen Verhältnis zum Medium der Darstellung steht, macht das Ästhetische dieser Beziehung aus, sondern daß dieses selbst ein im Werk realisiertes Ganzes ist, an dessen innerem Aufbau alle Ebenen, Medium, Werk und ästhetische Erscheinung, teilhaben. Erst dadurch, daß die Nachahmung das Nachgeahmte zu einem Ganzen zusammenschließt und es als Ganzes sinnfällig macht, wird sie zur ästhetischen Nachahmung.« 69
67
a.a.O.
68
Vgl.: a.a.O.
69
Stierle: Ästhetische Rationalität, S. 128.
Diese Worte Goethes im achten Buch von Dichtung und Wahrheit sind symptomatisch für das Bestreben des Loslösungsprozesses von der regelbehafteten Kunst und somit für das moderne System der schönen Künste. Goethe bemängelt in seiner Leipziger Zeit in der Auseinandersetzung mit Kunst im Kreise Oesers: »Da war keine Vorliebe weder für geistliche noch für weltliche Gegenstände, für ländliche oder städtische, lebendige oder leblose; die Frage war immer nach dem Kunstgemäßen.« 71 Die theoretische Kunstliteratur legte ihr Augenmerk vor allem auf das Technische der Kunst. Lessings Laokoon bedeutete einen weiteren Schritt in der Verselbständigung der ästhetischen Sphäre. Er wies den medienbedingten und grundlegenden Unterschied zwischen bildlich darstellender Kunst und Dichtung nach. Dabei lehnte er die malende Poesie ab und machte mit Homer deutlich, dass Beschreibung in Handlung umzusetzen und das Schöne in seiner Genesis und Wirkung wiederzugeben sei. »Was Lessing in seinem Laokoon behauptete, war nicht etwa nur der Unterschied in räumlicher und zeitlicher Hinsicht zwischen Formen deskriptiver Lyrik und Bildwerken, sondern die Verschiedenheit ihrer expressiven Möglichkeiten, der überlegenen Potenz der Wortkunst, das Empfinden zu mobilisieren und zu bewegen.« 72 In diesem Punkt ist Goethes ästhetischer Ansatz von dem Lessings verschieden. Goethe begrüßt die Lessingschen Argumente der Mediendifferenz; doch bleibt für ihn die Priorität der bildenden Kunst selbstverständlich. Obwohl Dichter hielt er an der Überlegenheit der bildenden Kunst fest, da sie für ihn theoretisch eindeutiger bestimmbar war. 73 Bei ihr suchte er die Gesetze und Regeln, die er in der Dichtkunst
70 Goethe, Johann Wolfgang: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, Achtes Buch. In: Johann Wolfgang
Goethe, Werke. (CD-ROM) Ausgewählt von Matthias Bertram. (= Digitale Bibliothek; Band 4) Berlin:
DIRECTMEDIA, 1999, S. 10437f.
71
a.a.O., S. 10436.
72
Lange, Viktor: Bilder - Ideen - Begriffe, S. 48.
73
a.a.O., S. 73.
19
nicht fand. Ich würde sogar sagen, dass es ihm auf Grund seines geniehaften 74 Verhältnisses und seiner inneren Profession 75 zur Dichtung nicht möglich und erstrebenswert war, Reglement und Gesetzmäßigkeit der Dichtung zu abstrahieren. Folgendes Zitat belegt dies eindrucksvoll: »Da mir aber sowohl in Absicht auf die Konzeption eines würdigen Gegenstandes als auf die Komposition und Ausbildung der einzelnen Teile, sowie was die Technik des rhythmischen und prosaischen Stils betraf, nichts Brauchbares, weder von den Lehrstühlen noch aus den Büchern entgegenkam, indem ich manches Falsche zwar zu verabscheuen, das Rechte aber nicht zu erkennen wußte und deshalb selbst wieder auf falsche Wege geriet, so suchte ich mir außerhalb der Dichtkunst eine Stelle, auf welcher ich zu irgendeiner Vergleichung gelangen und dasjenige, was mich in der Nähe verwirrte, aus einer gewissen Entfernung übersehen und beurteilen könnte.« 76 .
Im Eingangszitat spricht Goethe von den ähnlichen Basen der bildenden und Dichtkunst; diese entsprechen einander im 18. Jahrhundert im Sinne der mimetischen Bezüglichkeit von Wirklichkeit und Medium. Dies war als prinzipielles Konzept von Malern, Bildhauern und Dichtern verinnerlicht, auch wenn zu dieser Zeit schon weitgehender Konsens darüber herrschte, »daß vielmehr im künstlerischen Prozeß eine Klärung, eine Erhellung der Wirklichkeit erzielt werden müsse, daß im Kunstwerk das Gegenbild nicht einer objektiven, sondern einer virtuellen Realität entstehen solle« 77 . Dies gilt auch für Goethe; seine Modifikationen dieser Prämisse der Kunst beziehen sich auf die Differenzierung zwischen einer visuellen und einer sprachlichen Vermittlung der Wirklichkeit. Gegenüber der Dichtung blieb für ihn jedoch die bildende Kunst »das wahrhaft adelnde Medium der ästhetischen Erfahrung« 78 . Die Gründe hierfür liegen gewiss auch in der Erziehung Johann Wolfgang Goethes, wie auch die bildende Kunst generell zum edukativen Kanon von gebildeten Schriftstellern und Bildungsbürgertum dieser Zeit gehörte. Goethes Werdegang ist
74
»Vielleicht wird man mir einwenden: Man hält die Poesie für Kunst, und doch ist sie nicht mechanisch. Aber
ich leugne, daß sie eine Kunst sei; auch ist sie keine Wissenschaft. Künste und Wissenschaften erreicht man
durch Denken, Poesie nicht; denn diese ist Eingebung: sie war in der Seele empfangen, als sie sich zuerst
regte. Man sollte sie weder Kunst noch Wissenschaft nennen, sondern Genius.«, Maximen und Reflexionen.
In: Goethe: Werke. (=Digitale Bibliothek), S. 7945.
75
»Täglich wird mir's deutlicher, daß ich eigentlich zur Dichtkunst geboren bin, [...]«, Italienische Reise. Rom,
22. Feb. 1788. In: Goethe: Werke. (=Digitale Bibliothek), S. 12018.
76
Materialien zur Geschichte der Farbenlehre. Konfession des Verfassers. In: Goethe: Werke. (=Digitale
Bibliothek), S. 9897.
77
Lange: Bilder - Ideen - Begriffe, S. 47.
78
a.a.O., S 49.
20
schon durch die väterliche Sammelleidenschaft - nicht nur von Gemälden - im besonderen Maße von der bildenden Kunst durchdrungen. Aus diesem Grund werde ich die biographischen Aspekte Goethes hinsichtlich der bildkünstlerischen Prägung näher beleuchten. Sie bilden den Ausgangspunkt für die weiteren Überlegungen zum Goetheschen Verhältnis zur bildenden Kunst.
Der Unterschied zwischen der sprachlichen und der visuellen Vermittlung der Wirklichkeit, der Unterschied zwischen Poesie und bildender Kunst, liegt laut Goethe in ihrem unterschiedlichen Realitätsgrad. Während die Poesie immer etwas Subjektives auszeichnet, so ist die bildende Kunst »rein objectiver Natur« 79 . Goethe empfand die bildende Kunst als Realität und gesteht damit die Macht des Bildlich-Gegenständlichen ein. Das Widrige stieß ihn ab, von dem Schönen war er beglückt. Um einer Überwältigung durch die bildende Kunst zu entgehen, setzte er auf die Suche nach ihren Gesetzmäßigkeiten und den objektiven Maßstäben für ihre Beurteilung. Dies lässt sich in besonderem Maße an seiner Auseinandersetzung mit dem Problem der Legitimität und Zuverlässigkeit von Bildbeschreibungen, welches ihn vor allem seit den römischen Jahren intensiv beschäftigte, ablesen. 80 Lange stellt gegenüber, dass Goethe Wort und Bild als Korrelate auffasst, die sich immerfort suchen, aber »daß [für
Goethe] die labile, vieldeutige und indirekte Natur der Sprache die Integrität der gegenständlichen Geschlossenheit des schönen Kunstwerkes in Frage stellen muß« 81 . Die primäre Erkenntnisweise lag für Goethe in der Anschauung; für ihn war diese vor allem in Bezug auf Malerei und Graphik 82 die in vollem Maße entsprechende Rezeptionsweise. Somit erklärt sich, warum es für Goethe keine adäquate sprachliche Umsetzung von bildender Kunst, von dem Schönen, geben konnte. »Von allem Literarischen, ja selbst von dem Höchsten, was sich mit Wort und Sprache beschäftigt, von Poesie und Rhetorik, zu den bildenden Künsten überzugehen, ist schwer, ja fast unmöglich; denn es liegt eine ungeheure Kluft dazwischen, über welche uns nur ein besonders geeignetes Naturell hinüberhebt.« 83 Dies gilt auch für die Bildbeschreibungen, die mit ihrer Gebundenheit an »Wort und Sprache die optische
79
Mit Eckermann u.a., 5. Juli 1827, WA V/6, S. 149.
80
Vgl.: Lange: Bilder - Ideen - Begriffe, S. 80.
81
a.a.O., S 81.
82
Die Plastik nimmt in diesem Punkt eine Sonderrolle ein. Dem muss in dieser Arbeit nicht nachgegangen
werden.
83
BA 19, 491.
21
Einmaligkeit, Simultanität und innere Vielfalt von Werken der bildenden Kunst nicht erreichen« 84 konnte. Ein objektives sprachliches Abbild eines Bildes ist nicht möglich, da der Betrachter als Medium zwischen Bild und Schrift steht. Infolgedessen spiegelt die Bildbeschreibung die gedankliche Verarbeitung des Angeschauten wieder. In der Weiterführung dieses Gedankens wird deutlich, dass sich an Hand der Anschauung und der daraus resultierenden sprachlichen Bildbetrachtung die Kunstauffassung und ästhetischen Maxime des Rezipienten ableiten lassen. Ernst Osterkamp hat dies in seinem Buchstabenbilde 85 in eindrücklicher Weise in Bezug auf die Goetheschen Bildbeschreibungen dargelegt. Dies bildet den Ausgangspunkt für einen Exkurs, der sich mit den Erkenntnissen Osterkamps aus jenen Bildbeschreibungen beschäftigen wird.
Wenn Goethe in seinem Vermächtnis 86 äußert: »Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen! Das Ew’ge regt sich fort in allen«, so meint dies seine Anschauung des dynamischen Prinzips der Natur von Evolution, Expansion und Kontraktion. Aus seiner naturwissenschaftlichen Beschäftigung heraus verinnerlicht Goethe dieses Prinzip als allgemeingültige Formel, welche auch für die Kunst in abgewandelter Form relevant ist. Als er sich in Rom »mit der Kunst der Griechen [beschäftigt] und zu erforschen [sucht], wie jene unvergleichlichen Künstler verfuhren, um aus der menschlichen Gestalt den Kreis göttlicher Bildung zu entwickeln«, mutmaßt er, »daß sie nach eben den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur verfährt«. 87 Auch wenn Goethe die Metamorphose der Kunst nicht geschrieben hat, so hat er ihr doch mit seiner naturwissenschaftlichen Metamorphosenlehre eine Basis geschaffen. Die Affinität von Natur und Kunst beruht auf deren metamorphischen Erscheinungsweisen, die mittels Anschauung erfahrbar sind. »Er [Goethe] hält es für möglich, „durch das Anschauen einer immer schaffenden Natur zur geistigen Teilnahme an ihren Produktionen“ fähig zu werden.« 88 Somit muss - laut Goethe - der Künstler, wenn er den höchsten Grad der Kunst erreichen will, das innere Bildungsgesetz der Natur erfasst haben, um das Kunstwerk als »eine zweite Natur, aber eine gefühlte, eine
84
Osterkamp, Ernst: Im Buchstabenbilde: Studien zum Verfahren Goethescher Bildbeschreibungen. Stuttgart:
Metzler, 1991, S. 1.
85
Osterkamp: Im Buchstabenbilde.
86 Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827). In: Goethe: Werke. (=Digitale Bibliothek), S. 1058.
87
Italienische Reise: Rom. In: Goethe: Werke. (=Digitale Bibliothek), S. 11442f.
88
Stelzer, Otto: Goethe und die bildende Kunst. Braunschweig: Vieweg, 1949, S. 169.
22
gedachte, eine menschlich vollendete« 89 zu schaffen. Dieses symbiotische Verhältnis der Kunst zur Natur ist wesentlicher Bestandteil der Goetheschen Kunstanschauung und wird ebenso als Exkurs auf Die bildende Kunst und „Faust I“ vorbereiten.
89
GA 13, S. 210.
»Schließlich war er davon überzeugt, in der bildenden Kunst, die nicht seiner genuinen Begabung
entsprach, ein adäquates Medium zur Reflexion des schöpferischen Prozesses gefunden zu haben, da er
hier objektiver und distanzierter zu urteilen glaubte als in der intuitiv beherrschten Dichtkunst. Zu sehen
wie ‚Poesie und bildende Kunst wechselseitig aufeinander einwirken könnten’, bedeutete ihm
90 Erkenntnisgewinn und Freude zugleich; beidem fühlte er sich innerlich zugehörig.«
Ein wichtiger Aspekt in Bezug auf Goethes symbiotisches Verhältnis zur bildenden Kunst ist, neben dem engen Aufwachsen mit dieser, seine hochentwickelte Fähigkeit bildhaften Sehens, die er noch über das abstrakt-begriffliche Denken stellt; »Denken ist interessanter als Wissen, aber nicht als Anschauen« 92 . »’Lebendige Anschauung’ und ‚anschauende Kenntnis’ sind von jeher die Kriterien, die seine Denkweise bestimmen und das Auge zum wichtigsten Bindeglied zwischen Innenwelt und Außenwelt machen.« 93 Auf der italienischen Reise wird sich Goethe dieser Prägung bewusst: »Es ist offenbar, daß sich das Auge nach den Gegenständen bildet, die es von Jugend auf erblickt« 94 ; während seines Italienaufenthaltes wird diese Prägung durch die tiefen Impressionen intensiviert und durch vielfältige Erfahrungen und Eindrücke angereichert.
90
Maisak, Petra: Natur - Gefühl - Genie. In: Schulze, Sabine (Hrsg.): Goethe und die Kunst
(Ausstellungskatalog). Ostfildern 1994, S. 220.
91
Italienische Reise. In: Goethe: Werke. (=Digitale Bibliothek), S. 11740.
92
Maximen und Reflexionen: Über Natur und Naturwissenschaft, In: Goethe: Werke. (=Digitale Bibliothek), S.
8015.
93
Maisak: Natur - Gefühl - Genie, S. 220.
94
Italienische Reise. In: Goethe: Werke. (=Digitale Bibliothek), S. 11312.
24
Petra Maisak konzentriert Goethes frühe Kunstbegegnung auf die drei Schlüsselbegriffe Natur, Gefühl und Genie: »‚Natur’ bleibt der ständige Bezugspunkt für ihn, ‚Gefühl’ ist der Faktor der Wahrnehmung und Aneignung, ‚Genie’ der teleologische Richtwert, der in der Ästhetik des Sturm und Drang seine höchste Steigerung erfährt.« 95 An ersten Natur‚erfahrungen’ versucht er sich mittels Naturerfassung per Zeichenstift; die eigene kreative Tätigkeit wird zu einem der entscheidenden Einflussfaktoren, sich der bildenden Kunst zu nähern und sich in diese hineindenken zu können. Die bildende Kunst wird ihm adäquates Medium zur Reflexion des schöpferischen Prozesses; sie kann Goethe objektiver und distanzierter beurteilen, als die intuitiv beherrschte Dichtkunst.
Frankfurt, die Geburtsstadt Goethes, hatte sich ihren mittelalterlichen Charakter bewahrt; Kunst und Kultur wurden von der Stadt nicht gefördert. Somit gehörte es zum guten Ton, sich private Sammlungen in Anlehnung an die Niederländer anzulegen. Goethes frühe und lebenslange Neigung für die niederländische Kunst vor allem des 17. Jahrhunderts hat hier ihren Ursprung. Er bewunderte die ursprüngliche Natürlichkeit von Landschaftsdarstellungen und Genrekunst der Niederländer. Neben den privaten Sammlungen war Frankfurt mit seinen Auktionen und Messen ein wichtiger Umschlagplatz für Kunstwerke; hier erweiterte Goethe seine Kunstkenntnisse. 96
Goethes Vater, Johann Caspar Goethe, konnte sich auf Grund finanzieller Unabhängigkeit seinen Liebhabereien und privaten Studien in künstlerischer Hinsicht widmen; dies schlug sich unmittelbar in Goethes Bildung nieder, da der Vater die Erziehung selbst leitete und auch einen Zeichenlehrer engagierte. Über die Gemäldesammlung des Vaters kam Goethe mit zeitgenössischer Kunst vor allem Frankfurter Provenienz in Berührung; damit wurden Werke von Johann Conrad Seekatz 97 , Johann Heinrich Tischbein d.Ä., Johann Georg Trautmann 98 , Christian Georg Schütz d.Ä., Wilhelm Friedrich Hirt 99 - um nur einige zu nennen -, dem jungen Goethe vertraut. Auch bei diesen Künstlern überwogen Porträts, Genrestücke, Stillleben und Landschaften, an denen der deutliche Einfluss der niederländischen Malerei des
95
Maisak: Natur - Gefühl - Genie, S. 220.
96
Vgl.: a.a.O., S. 221.
97
Ab b . I , S . a 1 . S i e h e Ab b i l d u n gs a n h a n g S . 9 8 .
98
Ab b . I I , S . a 2 .
99
Ab b . I I I , S . a 3 .
25
17. Jahrhunderts abzulesen war. Entsprechend der zivilisationskritischen Gedankenwelt Rousseaus, mit der Goethe vertraut war, schätzte er die gefühlsbetonte Natürlichkeit in Form der einfachen Nachahmung des Alltäglichen und ihrer Umsetzung in liebenswürdige Genrestücke. In Bezug auf dieses Sujet hielt es Goethe für unabdingbar, dass der Bildgegenstand klar und deutlich zu Tage trete. In seinem Aufsatz Über die Gegenstände der bildenden Kunst 100 wird er dies als prinzipielle Forderung erheben: »Von der bildenden Kunst verlangt man deutliche, klare, bestimmte Darstellungen. [...] Die vorteilhaftesten Gegenstände sind die, welche sich durch ihr sinnliches Dasein selbst bestimmen.« 101 Solche Bilder drängen sich unwillkürlich auf, wenn man sich mit Faust auf den Osterspaziergang 102 begibt und beispielsweise an den »guten Herrn« und »schönen Frauen, so wohlgeputzt und backenrot« 103 vorbeischlendert.
Auf Grund der Tatsache, dass Goethes Elternhaus ein offenes und gastfreundliches Haus für Künstler darstellte, wurde es Goethe frühzeitig zur Gewohnheit, Künstler bei ihrem Schaffensprozess zu begleiten und engen Kontakt mit ihnen zu pflegen. 104 Dies wird in Leipzig, seiner Studienstadt, sowie sein ganzes Leben über für ihn prägend sein. In Leipzig 105 trifft Goethe auf Friedrich Adam Oeser, den Direktor der dort neugegründeten Kunstakademie. Zwar nimmt Goethe bei ihm auch Zeichenunterricht, doch die Förderung, die er hier erhält, bezieht sich vordergründig auf sein Kunstverständnis. Oeser, als Freund von Johann Joachim Winkelmann 106 und geistiger Kompagnon in Bezug auf die antike Kunst, führt Goethe an die Anschauungen Winkelmanns 107 und die Thesen des Lessingschen Laokoon. »Im Laokoon fand Goethe nun eine Definition, die ihm einleuchtete: Bildende Kunst und Dichtung sollen
100 BA 19, 164-167.
101 BA 19, S. 164.
102 Goethe: Faust I, S. 48-59.
103 SAF, V. 52f.
104 »Da ich alle diese Männer [diverse Künstler] von meiner frühsten Jugend an gekannt, und sie oft in ihren
Werkstätten besucht hatte, auch der Graf [Thoranc] mich gern um sich leiden mochte, so war ich bei den
Aufgaben, Beratschlagungen und Bestellungen wie auch bei den Ablieferungen gegenwärtig, und nahm mir,
zumal wenn Skizzen und Entwürfe eingereicht wurden, meine Meinung zu eröffnen gar wohl heraus.«, Aus
meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. In: Goethe: Werke. (=Digitale Bibliothek), S. 10070f.
105 Hier studiert Goethe von 1765 an Jura.
106 1755 veröffentlichte Winckelmann seine Schrift Gedancken über die Nachahmung der griechischen Wercke
in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst.
107 »[...] ,so wurde auf das hohe Kunstleben Winckelmanns in Italien hingedeutet, und wir nahmen dessen erste
Schriften mit Andacht in die Hände: denn Oeser hatte eine leidenschaftliche Verehrung für ihn, die er uns gar
leicht einzuflößen vermochte.«, Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. In: Goethe: Werke. (=Digitale
Bibliothek), S. 10434f.
26
nicht als identische, sondern als komplementäre Systeme betrachtet werden, die beide zwar der Quelle der Mimesis entspringen, doch eine verschiedene Zielrichtung verfolgen und deshalb unterschiedlicher Ausdrucksformen bedürfen.« 108 Diese Position, die anfangs noch ungefähren Charakter trägt, festigt sich im Zuge seines zunehmenden Kunsterlebens und Schaffens. Wie schon erwähnt, besitzt jedoch die bildende Kunst für Goethe im Gegensatz zu Lessing eine höhere Priorität. Auch in Leipzig sollte Goethe diverse private Kunstsammlungen kennen lernen, die auch überwiegend von der niederländischen Malerei geprägt waren; so ist es nicht verwunderlich, dass er 1768 bei seinem Besuch der Dresdner Gemäldegalerie seine Aufmerksamkeit den niederländischen Meistern Rembrandt, Ruisdael, Rubens u.a. zuwendet, »wo der Pinsel über die Natur den Sieg davontrug: denn solche Dinge waren es vorzüglich, die mich an sich zogen, wo die Vergleichung mit der bekannten Natur den Wert der Kunst notwendig erhöhen mußte« 109 . Die Antikensammlung dagegen sowie die italienischen und französischen Meister lässt er außer acht. Selbst Raffaels Sixtinische Madonna und Giorgiones Schlummernde Venus fanden damals keine Erwähnung bei ihm; später im Faust I wird jedoch das Bild der Venus die Helena-Erscheinung imaginieren, so dass Faust in »diesem hingestreckten Leibe / den Inbegriff von allen Himmeln sehn« 110 wird.
Goethes Erlebniswelt beschränkte sich zu dieser Zeit auf die einfache Nachahmung der Natur: »Was ich nicht als Natur ansehen, an die Stelle der Natur setzen, mit einem bekannten Gegenstand vergleichen konnte, war auf mich nicht wirksam.« 111 ; für das Schönheitsideal der großen italienischen Meister hatte er noch keinen Blick. Erst allmählich entwickelt sich sein künstlerisches Sehen hin zu Manier und Stil 112 als Steigerungsformen der einfachen Nachahmung.
Nach lebensbedrohlicher und in der Folge langer Erkrankung, währenddessen er sich mit mystischen und medizinischen Studien sowie alchimistischen Versuchen beschäftigt 113 , geht Goethe nach Straßburg, um sein Studium zu beenden. Hier erfährt
108 Maisak: Natur - Gefühl - Genie, S. 223.
109 Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. In: Goethe: Werke. (=Digitale Bibliothek), S. 10445.
110 Goethe: Faust I, V. 2438f.
111 Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. In: Goethe: Werke. (=Digitale Bibliothek), S. 10448.
112 1789 publiziert Goethe seinen Aufsatz Einfache Nachahmung der Natur, Manier, Stil im Teutschen Merkur;
BA 19, S. 77-82.
113 Vgl.: Seemann, Annette: Goethes Leben und seine Beziehung zur Bildenden Kunst. In: Schulze: Goethe und
die Kunst, S. 582.
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er entscheidende Impulse von Johann Gottfried Herder und der aufblühenden Strömung des Sturm und Drang; in Bezug auf seine Kunstrezeption bilden Wandteppiche nach Kartons von Raffael zur Apostelgeschichte und das Straßburger Münster entscheidende Eindrücke. Mit letzterem wird er sich eingehend und wiederholt beschäftigen 114 . Auf Grund Goethes sensualistischer Sichtweise, die von Herders Schrift Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele 115 geprägt wurde und dem allgemeinen Gefühlsüberschwang des Sturm und Drang entsprach, erfasst er das Straßburger Münster Erwin Steinbachs in seiner Totalität als gewachsener Organismus: »Er [Erwin Steinbach] ist der erste, aus dessen Seele die Teile, in ein ewiges Ganzes zusammengewachsen, hervortreten. 116 Wenigen ward es gegeben, einen Babelgedanken in der Seele zu zeugen, ganz, groß, und bis in den kleinsten Teil notwendig schön, wie Bäume Gottes« 117 . Entsprechend den drei Aposteln 118 stellt sich ihm das Münster als empfundenstes Kunstwerk dar; dazu bemerkt Osterkamp: »Das ‚empfundenste Kunstwerk’ meint nicht eine bildkünstlerische Umsetzung intensiver Gefühlsqualitäten, sondern die um größte Genauigkeit bemühte Übertragung von Sinneseindrücken in ein Bild; das vom Künstler sinnlich Wahrgenommene wird wiederum zum Anschaubaren, das selbst vom Betrachter zuerst empfunden werden muß, bevor es von seiner Seele erkennend verarbeitet werden kann.« 119 Dies setzt ein lebendiges Ganzes voraus, welches ohne Gestaltverhältnis zusammenstimmt, da es auf Grund einer Empfindung zu diesem charakteristischen Ganzen geformt wurde. 120 Die Ursprünglichkeit und Naturnähe, die dieses Bauwerk in seiner Ganzheit für Goethe verkörpert, weist zum einen auf sein affirmatives Verhältnis zur naturnahen Kunst der Niederländer zurück und zum anderen auf seine Metamorphosen-Lehre voraus. Hier wird der Einfluss von Spinozas hen kai pan deutlich, »das als Denkmodell der „Einheit in der Vielfalt“ und der
114 Von deutscher Baukunst. D. M. Ervini a Steinbach. 1773, BA 19, S. 29ff.; Dritte Wallfahrt nach Erwins
Grabe im Juli 1775, BA 19, S. 70ff.
115 Vgl.: Osterkamp: Im Buchstabenbilde, S. 17.
116 BA 19, S. 31.
117 BA 19, S. 29.
118 Vgl.: Rezensionen aus den “Frankfurter Gelehrten Anzeigen”: »‚Die drei Apostel’ unterschrieben, nach
Michelangelo von Caravaggio, von Oesern gezeichnet, von Bausen radiert.«, BA 19, S. 7, Ab b . I V, S . a 4 .
119 BA 19, S. 29.
120 Vgl.: BA 19 35f.
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Claudia Slischka, 2002, Die bildende Kunst und Johann Wolfgang Goethes Faust I, München, GRIN Verlag GmbH
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