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Inhaltsverzeichnis
I n h a l t s v e r z e i c h n i i
I E i n l e i t u n g 1
II Zum Stand der Forschung 1
1. Mediziner als Hüter des Erbgutes? -
Das Menschenbild der Psychiatrie im Vorfeld der Krankenmorde 4
1.1 Sozialdarwinismus und Rassenhygiene 4
1.2 Von der Modell-Psychiatrie zum Manifest der Vernichtung 6
1.3 Zwischenkriegszeit 14
2. Die Krankenmorde 22
2.1 Vorbereitung und Organisation 23
2.2 „Planwirtschaftliche Erfassung“ in Baden 28
2.3 Verlegung und Auflösung von Anstalten 30
2.3.1 Kork 30
2.3.2 Mosbach 32
2.3.3 Rastatt 34
2.3.4 Illenau 35
2.3.5 Wiesloch und Heidelberger „Kinderforschungsabteilung“ 37
2.3.6 Emmendingen und Reichenau 38
2.4 Mittäter, Mitläufer, Widerstand: Beispiele 41
2.5 Nach „T4“: Verfolgungen bis 1945 45
3. Umgang mit der Vergangenheit 47
3.1 Nachkriegszeit 1945-1949 48
3.1.1 Der Poitrot-Bericht von 1945 51
3.1.2 Die Freiburger Schwurgerichtsverfahren 53
3.2 Nach Aktenlage: Neubeginn und Verdrängung 55
3.2.1 Das Psychiatrische Landeskrankenhaus Wiesloch 56
3.2.2 Die Kreispflegeanstalt Hub 63
3.4 Zwischen Kontinuität und Reform: Psychiatrie im Südwesten 65
3.5 Klärung oder Verklärung? Badische Einrichtungen und ihr Blick
z u r ü c k 6 8
3
3.5.1 Fachbereich Psychiatrie an der Universität Heidelberg 68
3.5.2 Psychiatrische Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen 72 4. Ergebnisse und Befunde 75 5. Schluss 79
Anhang:
- Literaturverzeichnis
- Abkürzungsverzeichnis
- Journalistisches Produkt - Verzeichnis anhängender Dokumente Dokumente
4
Vom Umgang mit der Vergangenheit - Die Aktion T4 in Baden
I Einleitung
Unter den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung zählten die geistig Kranken und Behinderten lange Zeit zu den „Vergessenen“. Während das individuelle Schicksal der als „Ballastexistenzen“ entwürdigten Kranken bis heute kaum in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt ist, existiert zum Ablauf, zum Ausmaß und zu den Protagonisten der Krankenmorde inzwischen eine umfangreiche Literatur.
Die vorliegende Arbeit will untersuchen, in welcher Weise sich Fachmediziner, psychiatrische Einrichtungen und die Psychiatrie als solche nach 1945 mit den Ereignissen befasst - oder sie ignoriert haben. Mit Fokus auf die Region Baden wird zunächst die historische Entwicklung der Anstaltspsychiatrie im Südwesten Deutschlands kurz vorgestellt, danach der Ablauf der Mordaktion „T4“, von den NS-Machthabern als „Euthanasie“ 1 verharmlost, skizziert. Auf dieser Grundlage soll dann untersucht werden, wie dieser „Einbruch der Unmenschlichkeit“ von der psychiatrischen Medizin nach Kriegsende reflektiert wurde - im ärztlichen Selbstverständnis, in Dokumenten und in der psychiatrischen Praxis. Aus den Ergebnissen der Untersuchung und ihrer Bilanzierung soll ein journalistisches Produkt abgeleitet werden: Ein Hintergrundartikel über den Umgang des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Wiesloch mit seiner Vergangenheit im Nationalsozialismus. Der Beitrag ist konzipiert für eine Sonderveröffentlichung der regionalen Tageszeitung zum 100jährigen Bestehen der Einrichtung.
II Zum Stand der Forschung
Die Literatur- und Quellenlage zum Thema spiegelt gleichzeitig das Auf und Ab des fach- öffentlichen Interesses und der wissenschaftlichen Rezeption der Euthanasie-Verbrechen in der Nachkriegszeit: Eine erste Welle der „Aufarbeitung“ induzierten die alliierten Siegermächte im Rahmen eigener Untersuchungen sowie der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse 1947/48. Gleichzeitige Veröffentlichungen deutscher Mediziner/innen, etwa Mitscherlich/Mielke, Platen-Hallermund erreichten dagegen kaum
1 Begriffe, die im Nationalsozialismus eine missbräuchliche Deutung erhalten haben, werden apostro-
phiert. Andere Bezeichnungen, die im Gegensatz zu heute im Sprachgebrauch der beschriebenen Zeit
üblich waren, bleiben in der Regel ohne Hervorhebung (etwa: Irrenfürsorge, Irrenanstalten).
5
eine größere Öffentlichkeit und wurden in Fachkreisen weithin ignoriert oder gar diskreditiert.
Für die französische Besatzungszone, zu dem der südliche Teil des Landes Baden gehörte, ist einerseits die Untersuchung der Krankenmorde von Bedeutung, die der Militärarzt Robert Poitrot unmittelbar nach Kriegsende erhoben hatte (Poitrot, Die Ermordeten waren schuldig? Baden-Baden 1947) von Bedeutung, andererseits die Freiburger Schwurgerichtsverfahren gegen Dr. Schreck und Dr. Sprauer 1948/49. Für Nordbaden unter amerikanischer Besatzung, wo vergleichbare Untersuchungen nicht stattfanden, habe ich Archivquellen und Literatur zu einzelnen Einrichtungen herangezogen.
Auf nationaler Ebene erschien erst 1960 Alexander Mitscherlichs Dokumentation „Medizin ohne Menschlichkeit“, entstanden als Dokumentation des Nürnberger Ärzteprozesses, in Buchform; 1965 berichtete Gerhard Schmidt, Anstaltsleiter in Kaufbeuren über „Selektion in der Heilanstalt 1930-45“. Das verstärkte öffentliche Interesse an den, vielfach als immer noch unzumutbar kritisierten Zuständen in deutschen psychiatrischen Einrichtungen, brachte einen Reformprozess in Gang, der auch den Blick zurück in die jüngere Vergangenheit der Anstaltspsychiatrie wieder schärfte. Autoren wie Hans-Walter Schmuhl oder Klaus Dörner haben sich seit den Sechziger Jahren dem verhängnisvollen Zusammenspiel von Rassenideologie, Nationalsozialismus und ärztlichem „Idealismus“ angenommen.
Doch noch immer stand die NS-„Euthanasie“ im öffentlichen Bewusstsein im Schatten des Holocaust und spektakulärer Kriegsverbrechen des Hitler-Regimes. Eine neue Qualität in der „Euthanasie“-Forschung stellen die Arbeiten des Journalisten Ernst Klee dar. Unter dem Titel „Euthanasie im NS-Staat“ (1983) veröffentlichte er eine umfassende, faktenreiche Darstellung der geistig-ideologischen Wegbereitung der Vernichtungsaktion „T4“, ihres Ablaufs und ihrer Beteiligten. Seitens der Geschichtswissenschaften ist es zum Thema weiterhin erstaunlich ruhig geblieben, eine Ausnahme ist etwa Hans-Walter Schmuhls Arbeit zu „Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie“ 1987. Selbst die angloamerikanische Geschichtswissenschaft scheint der Thematik aufgeschlossener gegenüber zu stehen als die „heimische“: Neuere Arbeiten über die Kran-kenmorde haben etwa Michael Burleigh und Robert Jay Lifton vorgelegt. 2
2 Michael Burleigh, Death and Deliverance, Cambridge 1994. Deutsch: Tod und Erlösung. Euthanasie in
Deutschland 1900-1945, Zürich 2002. Auch: Burleigh/Wippermann, The Racial State.
R. J.Lifton, The Nazi Doctors, NewYork 1986. Deutsch: Ärzte im Dritten Reich, Stuttgart 1988c.
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Für das Verständnis der Zusammenhänge auf regionaler Ebene hat vor allem der Psychiater Heinz Faulstich viel geleistet. Seine Darstellung der badischen Anstaltspsychiatrie „Von der Irrenfürsorge zur ´Euthanasie´“ (1993) liefert wesentliche Grundlagen für diese Arbeit, daneben auch seine Beiträge zu einzelnen Einrichtungen sowie seine umfassende Dokumentation „Hungersterben in der Psychiatrie“ wichtige Informationen. Daneben sind bereits verschiedene Monographien zu einzelnen Pflegeeinrichtungen veröffentlicht worden. Hierzu zählen die Dissertation von Hans-Werner Scheuing „...als Menschenleben gegen Sachwerte gewogen wurden“ - über die Anstalt der Inneren Mission Mosbach/Schwarzacher Hof 1996 sowie Franz Peschkes Arbeit über „Schreck´s Anstalt“ von 1992 - eine Dokumentation über die Heil- und Pflegeanstalt Rastatt. Über „Die Geschichte der Illenau von 1842 bis 1940“ hat Gerhard Lötsch geforscht („Von der Menschenwürde zum Lebensunwert“, 2000). Medizingeschichtliche Arbeiten, in denen die Deportation von Patienten jedoch nicht zentral behandelt wird, sind über das Zentrum für Psychiatrie Emmendingen (Martina Birlinger-Tögel 1986) und das Epilepsie-Zentrum Kork (Harald Müller 1979) erschienen.
Neben einzelnen Auszügen aus der Fach- und Tagespresse habe ich vor allem das Buch „Psychiatriereform als Gesellschaftsreform“ (Paderborn 2003) herangezogen, das neben Herausgeber Franz-Werner Kersting weitere wichtige Vertreter der Psychiatriereform seit den 1960er Jahren zu Wort kommen lässt. - Dies, um die regionale Betrachtung auch im nationalen Kontext verstehen zu können.
Weitere Details lassen sich den Veröffentlichungen einzelner Anstalten in Baden (Jubiläums- und Denkschriften) bzw. ihrer Träger, entnehmen. Über die Geschichte kirchlicher Einrichtungen in der NS-Zeit in Baden haben u.a. H. J. Wollasch (Caritas -Pflegeheim Herten) und H. Rückleben (Innere Mission - Kork und Mosbach) Dokumentationen verfasst. Nicht zuletzt gibt es Anstrengungen zur geschichtlichen Aufarbeitungen aus den Reihen der Einrichtungen selbst: Am Psychiatrischen Landeskrankenhaus Wiesloch dokumentierte ein Arbeitskreis um den ärztlichen Direk-tor Dr. Middelhoff die Geschicke der Anstalt in der Zeit des Nationalsozialismus (dreiteilige Schriftenreihe, 1992-95), in Emmendingen sind unter Herausgeberschaft von Dr. Gabriel Richter Beiträge zur „Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen 1933-1945 - danach“ erschienen (G. Richter, Die Fahrt ins Graue(n), Emmendingen, ohne Datum). Auch die katholische St. Josephsanstalt Herten hat ihr Schicksal und das ihrer Patienten im „3. Reich“ dokumentiert - und in einer weiteren Broschüre auch zum Thema „Eu- genik“ Stellung genommen.
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Zu den „planwirtschaftlichen Verlegungen“ der NS-Zeit und zu den ersten Nachkriegsjahrzehnten habe ich zusätzlich Aktenmaterial herangezogen: Zur KPA Hub bei Ottersweier finden sich Dokumente im Kreisarchiv des Landratsamts Rastatt, im Generallandesarchiv Karlsruhe umfangreiche, vor allem General-Akten zur Anstalt Wiesloch sowie zum kurzen Werdegang der „Sparanstalt“ Rastatt 1934-40. Im Archiv der evangelischen Landeskirche Baden in Karlsruhe konnte ich vor allem Akten der Einrichtung Kork einsehen
Aus Gründen der zu beachtenden Schutzfristen bei personenbezogenen Daten ist die Möglichkeit der Einsichtnahme natürlich beschränkt; die zugänglichen Dokumente ermöglichen es dennoch, den Umgang mit der Vergangenheit in einzelnen Punkten anschaulich und konkret zu machen.
1 Mediziner als Hüter des Erbgutes? -
Das Menschenbild der Psychiatrie im Vorfeld der Krankenmorde 1.1 Sozialdarwinismus und Rassenhygiene
Wie konnten Vertreter einer auf Hilfeleistung und Lebenserhaltung vereidigten Berufsgruppe dazu gelangen, sich an der massenhaften Tötung kranker, behinderter Menschen zu beteiligen? Hans-Walter Schmuhl formuliert die ideengeschichtliche Herkunft der NS-„Euthanasie“ so: „Die Vorstellungen von der `Vernichtung lebensunwerten Lebens´ gingen aus einem rassenhygienischen Paradigma hervor, das wiederum in ein sozialdarwinistisches Substrat eingebettet war.“ 3
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewann eine Bewegung an Bedeutung, die Charles Darwins bahnbrechende Ideen „Über die Entstehung der Arten“ - Untertitel: „Die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampf ums Dasein“ - auf sozialmenschliche Verhältnisse übertragen wollte. In den Jahrzehnten nach ihrer Veröffentlichung 1859 erfuhren Darwins Thesen über „natürliche Zuchtwahl“ und das Überleben des Tüchtigeren, Stärkeren, auf diese Weise eine interpretative Ausweitung hin zum sogenannten Sozialdarwinismus: In Deutschland verband der Zoologe Ernst Haeckel die Vorstellung einer natürlichen Auslese mit weiteren Überlegungen einer künstlichen Selektion. Neben der Todesstrafe brachte Haeckel auch bereits die Tö-
3 Schmuhl, Hans-Walter, Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie, Göttingen, 1987. S. 29
8
tung missgestalteter Kinder ins Spiel, um die Träger unerwünschten Erbgutes nicht zur Fortpflanzung kommen zu lassen. 4
Sozialdarwinistisches Gedankengut mischte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit einer Rassen-orientierten Ideologie, als deren Urheber Joseph Arthur de Gobineau gilt 5 . Sein wissenschaftlich fragwürdiges Werk „...über die Ungleichheit der Menschenrassen“ wurde von Richard Wagner und dessen Schwiegersohn Houston Stuart Chamberlain in Deutschland in Gestalt verklärender Germanenverehrung weiter verbreitet. 6
Wo eine als höherstehend betrachtete Rasse erhalten bzw. „gezüchtet“ werden soll, braucht es nach den Vorstellungen der Rassen-Ideologen geeignete Maßnahmen der „Aufartung“. Hierfür brachte der Mediziner Alfred Ploetz den Begriff der „Rassehygiene“ auf. In seinem 1895 erschienenen Traktat „Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen“ ließ Ploetz keinen Zweifel daran, wie es um diesen Schutz bestellt sein soll: „Kranken- und Arbeitslosenversicherung, sogar die Hilfe eines Arztes... hemmen den Kampf ums Dasein.“ 7 Unter dem Motto Friedrich Nietzsches stehend„Aufwärts geht unser Weg, von der Art hinüber zur Überart“ 8 -, sah Ploetz` Ideenkomplex keinen Platz für Kranke und Schwächere. Für deren Ausjäte sorge die Armut. 9 Nur Menschen mit besten Erbanlagen sollten zur Zeugung von Nachkommen berechtigt sein. Sollte sich ein Kind dennoch als schwächlich oder missgestaltet erweisen, sei dem Neugeborenen ein sanfter Tod zu bereiten - „sagen wir durch eine kleine Dose Morphium“ 10 .
Der Schweizer Psychiater August Forel hat das Gedankengut der Eugenik oder, in deutscher Ausprägung, der Rassenhygiene, wesentlich mitgeprägt und dabei, so die Einschätzung von Ernst Klee, „wie kein anderer deutsche Rassisten beeinflusst.“ 11 . Forels Vision, im Unterschied zu Ploetz: „Wir bezwecken keineswegs, eine neue menschliche Rasse, einen Übermenschen zu schaffen, sondern nur die defekten Untermenschen allmählich ... durch willkürliche Sterilität der Träger schlechter Keime zu beseitigen, und
4 Nach: Klee, „Euthanasie im NS-Staat, S. 15f
5 Klee, Deutsche Medizin im Dritten Reich, S. 17f
6 aao
7 Klee, Deutsche Medizin im Dritten Reich, S. 25f
8 Klee, Euthanasie im NS-Staat, S. 17/18
9 aao
10 Nach: Klee, Deutsche Medizin im Dritten Reich, S. 26
11 Klee, Deutsche Medizin im Dritten Reich, S. 19
9
dafür bessere, sozialere, gesündere und glücklichere Menschen zu einer immer größeren Vermehrung zu veranlassen.“ 12
Forel, ursprünglich Ameisenforscher, leitete ab 1879 die Züricher Irrenanstalt Burghölzli. 13 Doch für die Bewohner seiner Einrichtung hatte er offenbar nur Verachtung, wenn er urteilte: „...die aufopfernden Pfleger und Lehrer solcher Idioten [täten] besser, letztere sterben zu lassen und selbst tüchtige Kinder zu zeugen!“ 14 . In seinem 1905 erschienen Werk „Die sexuelle Frage“ zählt er noch weitere Gesellschaftsgruppen auf, deren Tötung eine „Wohltat“, selbst für die Betroffenen, darstelle: “...alle Verbrecher, Geisteskranke, Schwachsinnige, boshafte, streitsüchtige, ethisch defekte Menschen“. 15 Auch Menschen mit erblichen Krankheiten oder krankhafter Konstitution seien nach dem Willen Forels „auszumerzen“. 16
Insgesamt formulieren Forel, Ploetz und andere Rassen-ideologische Autoren bereits alles vor, was im Nationalsozialismus - von den Zwangssterilisierungen bis zum Mord an den Behinderten - schließlich verwirklicht wurde.
Bis zum Ende des Wilhelminischen Kaiserreichs war das Ideen-Konglomerat der deutschen Rassehygieniker, gespeist aus sozialdarwinistischen, eugenischen und rassenanthropologischen Quellen, im Diskurs von Wissenschaft und Gesellschaft eher eine extremistische Randerscheinung. Ihre Interessensvertretung, die „Deutsche Gesellschaft für Rassenhygiene“ zählte im Jahr 1914 „nur 350 eingeschriebene Mitglieder, allerdings hauptsächlich Universitätsprofessoren.“ 17
1.2 Von der Modell-Psychiatrie zum Manifest der Vernichtung
Nach der Zäsur des Ersten Weltkriegs erfuhr die Ideologie der Rassehygiene und selektiven Eugenik einen deutlichen Aufschwung. Entscheidenden Anteil daran hatte eine Veröffentlichung von 1920 unter dem Titel: „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form.“ Die Autoren, der Strafrechtslehrer Prof. Dr.
12 Forel, Auguste, Die sexuelle Frage, München 1913. Nach: Dörner, Klaus, Tödliches Mitleid, S. 32
13 Klee, Deutsche Medizin im Dritten Reich, S. 21
14 Forel, Die sexuelle Frage, S. 457. Nach Klee, Deutsche Medizin im Dritten Reich, S. 22
15 Forel, Die sexuelle Frage, S. 523 nach Klee, Deutsche Medizin im Dritten Reich, S., 23
16 Nach: Klee, Deutsche Medizin im Dritten Reich, S. 23
17 Kurt Nowak, „Euthanasie“ und Sterilisierung im „Dritten Reich“, Göttingen 1980. Nach: Klee, Eutha-
nasie im NS-Staat, S. 19
10
Karl Binding und der Ordinarius für Neuropathologie Prof. Dr. Alfred E. Hoche, zählten zu den angesehensten Vertretern ihres jeweiligen Fachbereichs. 18 Binding als maßgeblicher Vertreter eines Rechtspositivismus, der dem Staat ein absolutes Gesetzgebungsrecht ohne Bindung an grundlegende Normen wie etwa Verfassungsmäßigkeit zubilligt, 19 wagte mit der Forderung nach Freigabe „lebensunwerten“ Lebens einen „Bruch mit der neueren deutschen Rechtsentwicklung“ 20 . Von Rechtsgelehrten der damaligen Zeit wurde zwar verschiedentlich die Straffreiheit der Tötung auf Verlangen diskutiert, doch selbst diese wurde bis zur NS-„Machtergreifung“ vom Gesetzgeber zurückgewiesen 21 .
Dagegen lehnte es Binding ab, die „tödliche Morphiumeinspritzung“ bei einem Paralytiker - „auf dessen Bitte oder vielleicht sogar ohne diese“ - als „Tötungshandlung im Rechtssinne“ zu bezeichnen: „Es ist in Wahrheit eine reine Heilbehandlung.“ 22 Zwei Personengruppen sah Binding zur Vernichtung vor: Einerseits unheilbar Kranke und Verwundete mit dem ausdrücklichen Wunsch zu sterben 23 - also der Tatbestand der Tötung auf Verlangen, andererseits auch „unheilbar Blödsinnige“, denen die Lebensberechtigung rundweg abgesprochen wurde: „Ihr Leben ist absolut zwecklos, ... Für ihre Angehörigen wie für die Gesellschaft bilden sie eine furchtbar schwere Belastung. Ihr Tod reißt nicht die geringste Lücke...“ 24
Der Mediziner Hoche, noch 1917 ein Gegner der Sterbehilfe, hatte offenbar unter dem Eindruck des verlorenen Weltkrieges, in dem auch Hoches Sohn gefallen war, seine Einstellung geändert 25 : „Denkt man sich gleichzeitig ein Schlachtfeld bedeckt mit Tausenden toter Jugend, ... und stellt man in Gedanken unsere Idioteninstitute mit ihrer Sorgfalt für ihre lebenden Insassen daneben - und man ist auf das tiefste erschüttert von diesem grellen Missklang ... der größten Pflege nicht nur absolut wertloser, sondern negativ zu wertender Existenzen...“ 26
18 Nach: Klee, Euthanasie im NS-Staat, S. 19 und Schmuhl, S. 115
19 Nach: Klee, Euthanasie im NS-Staat, S. 20
20 Schmuhl, S. 114
21 Vgl. Schmuhl, aao.
22 Binding/Hoche: Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form. Leipzig
1920. Nach: Klee, Euthanasie im NS-Staat, S. 21
23 Binding/Hoche: Die Freigabe... S.29, Nach: Klee, Euthanasie im NS-Staat, S. 22
24 Binding/Hoche: Die Freigabe... S. 32f, Nach: Klee, Euthanasie im NS-Staat, S. 22
25 Nach: Schmuhl, S. 117
26 aao
11
Einzelne der von Binding und Hoche vertretenen Ansichten waren zuvor bereits von anderen Autoren geäußert worden. In seiner Streitschrift „Das Recht auf den Tod“ hatte Adolf Jost schon 1895 eine Tötung unheilbar Geisteskranker gefordert, „nach Ermessen des Arztes auch unter Zwang“. 27 Auch hier zeigte sich schon die Überzeugung, dass Leben aus Sicht der Gesellschaft nicht nur „gleich Null, sondern auch negativ werden“ könne, und auch hier wurde das Lebensrecht Behinderter und Kranker mit Verweis auf die Hunderttausende Menschenleben, die der Staat im Krieg opfere, in Frage gestellt. 28 Für die weitere Radikalisierung der Rassehygiene und des Selektionsgedankens jedoch sollte „Die Vernichtung lebensunwerten Lebens“ von Hoche und Binding ein entscheidender Türoffner sein: Die Rede vom „Lebensunwert“, von „Ballastexistenzen“ und ebenso von der Tötung als „Erlösung“ und „Wohltat“ gingen in die Denk- und Rechtfertigungsmuster der späteren T4-Funktionäre und der Tötungsärzte in Grafeneck, Hadamar oder Sonnenstein ein. In den Nürnberger Ärzteprozessen - und späteren Verfahren gegen Verantwortliche der Krankenmorde - verwiesen die Angeklagten immer wieder auf die Schrift als Legitimationsgrundlage ihres Handelns. 29
Da dieses „Manifest der Vernichtung“ in Freiburg entstanden ist, wo Hoche auch lehrte, stellt sich die Frage, ob im deutschen Südwesten besondere Voraussetzungen für dieses Gedankengut gegeben waren. An der Freiburger Universität entwickelte überdies auch Eugen Fischer aus anthropologischen Studien heraus die Grundlagen einer konsequenten Rassenhygiene und gründete schon 1909 in Freiburg einen Ortsverband der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene. Im Jahr 1927 ging Fischer nach Berlin, um die Leitung des Kaiser-Wilhelm-Institus für Anthropologie, Erblehre und Eugenik zu übernehmen. Mit seinem Institut und profilierten Mitarbeitern wie Fritz Lenz oder Hans Nachtsheim stellte sich Fischer auch in den Dienst des Dritten Reiches. 30 Ein kurzer Blick auf die historische Entwicklung der badischen Psychiatrie kann das Verständnis der Zusammenhänge erhellen. 31
27 A. Jost, Das Recht auf den Tod, Göttingen 1895,S. 26. Nach: Schmuhl, S. 108
28 aao
29 vgl. Klee, Euthanasie im NS-Staat, S. 20
30 Nach: Eduard Seidler, Die Medizinische Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg/Br. Heidel-
berg 1991. S. 259
31 Der Überblick folgt im wesentlichen der Darstellung von Heinz Faulstich, Von der Irrenfürsorge zur
„Euthanasie“, Freiburg 1993. S. 13-23
12
Als erste einschlägige psychiatrische Einrichtung in der damaligen Markgrafschaft Baden nennt Heinz Faulstich das 1718 gegründete Tollhaus in Pforzheim 32 . Neben Geisteskranken wurden dort ursprünglich auch andere Kranke sowie Waisenkinder und sogar Zuchthäusler untergebracht. Das Haus erwies sich denn auch als spezielle psychiatrische Anstalt ungeeignet, auch nachdem unter dem ersten badischen „Irren- und Siechenhaus-Physikus“ Johann Christian Roller die Waisen und Zuchthäusler ausgegliedert wurden.
Daher wurde die Anstalt im Jahr 1826 nach Heidelberg verlegt mit dem Ziel, als „Psychiatrische Klinik“ der universitären Forschung und Lehre zu dienen. Doch auch dort sollte die Anstalt keinen dauerhaften Bestand haben. Enge und Überfüllung waren nur ein Grund hierfür, wesentlicher waren wachsende Unstimmigkeiten zwischen der Fakultät auf der einen, und dem jungen Assistenzarzt Christian Friedrich Roller auf der anderen Seite. Roller, der Sohn des Pforzheimer Anstaltsleiters, hatte nach seinem Medizinstudium in Tübingen im Auftrag der badischen Regierung führende europäische Einrichtungen der Psychiatrie aufgesucht und im Januar 1827 eine Stelle als Assistenzarzt an der Heidelberger Klinik angetreten. 33
Seine Vorstellungen einer idealen Heilanstalt, die er 1831 unter dem Titel: „Die Irrenanstalt nach allen ihren Beziehungen“ veröffentlichte, kollidierten mit den universitären Verhältnissen in Heidelberg: Roller wandte sich gegen einen psychiatrischen Unterricht der Studenten und befand, eine Anstalt solle „auf keinen Fall in einer Stadt, sondern ´isoliert` in schöner Landschaft gelegen sein, mit einer Versorgungsanstalt für Unheilbare verbunden werden und unter der Direktion eines Arztes stehen“. 34 Der programmatische Streit zwischen den beiden Parteien sollte nachhaltige Auswirkungen haben für die weitere Entwicklung der Psychiatrie in der Region und, so Faulstich, „wesentlich zur späteren Spaltung zwischen Anstalts- und Universitätspsychiatrie in Deutschland beitragen“. 35 Roller gelang es nämlich, für seine Pläne Unterstützung bei der badischgroßherzoglichen Regierung zu finden und den bisherigen Direktor der Heidelberger Anstalt, Friedrich Groos, abzulösen. Seit 1835 in leitender Funktion, betrieb Roller zielstrebig den Bau einer neuen Einrichtung in ländlicher Umgebung, die ab 1842 als „die
32 Heinz Faulstich, Von der Irrenfürsorge zur Euthanasie, S. 13
33 Nach: Gerhard Lötsch, Von der Menschenwürde zum Lebensunwert, Kappelrodeck 2000. S. 13. -
Faulstich wiederum berichtet, Roller habe „sich für einige Zeit zu Esquirol nach Paris begeben und da-
nach fast alle psychiatrischen Kapazitäten Deutschlands ... aufgesucht und sich eindeutige Vorstellungen
davon gebildet, wie eine ideale Heilanstalt auszusehen habe“. - Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 14
34 Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S.14
35 aao
13
Illenau“ internationales Rennommee erlangen sollte. Das Modell einer „relativ verbundenen“ Heil- und Pflegeanstalt, „ihre kreuzförmige Aufteilung in Männer- und Frauenseite sowie Heil- und Pflegeanstalt wurde im Anstaltsbau ebenso übernommen wie die in ihr praktizierte philosophisch-anthropologisch orientierte Psychiatrie.“ 36 Die knapp hundertjährige Geschichte der Illenau hat der Acherner Pfarrer i.R. Gerhard Lötsch detailreich dokumentiert. Nach hauptsächlich zeitgenössischen, örtlichen Quellen zeichnet er ein Bild der Anstaltsleiter, aber auch Ärzte und Pflegekräfte, das von hohem Engagement und Idealismus für Heilung und Pflege geprägt ist. Christian Roller, der sein Werk unter den Leitspruch „Liebe! Diene!“ 37 gestellt hatte, wird noch 1921 von Max Fischer, Leiter der Heilanstalt Wiesloch, gefeiert: “Rollers Schöpfung Illenau war eine einzig dastehende Großtat, nicht nur für die Heilwissenschaft ...; sie war in ihrer Art eine kosmopolitische Neuerung ohne Vorbild.“ 38 Rollers Nachfolger und langjähriger Freund Dr. Karl Hergt wird gar noch gütiger, hingebungsvoller beschrieben: „Er lebte und wirkte im Verborgenen; ... er lebte nur seinen Kranken.“ 39 Den dritten Illenauer Leiter charakterisiert der gleiche Chronist bereits ein gut Stück anders: „Heinrich Schüle gehörte der Welt, der Gesellschaft, der Wissenschaft ... kurz das, was man einen genialen Mann nennt.“ 40 Auch, wenn Schüle in der Tradition seiner Vorgänger das „Aufgehen im Dienst“ als erste „erste Pflicht“ 41 ansah, blieb er doch vom wissenschaftlichen Diskurs über Eugenik und Rassenhygiene nicht unberührt. In einer 1901 gemeinsam mit seinen Fachkollegen Haardt und Fischer verfassten Denkschrift gab er kund: „Das unüberlegte, wahllose Ineinanderheiraten schwer Belasteter oder Degenerierter wird immer ernstlicher überwacht und mit der Zeit bekämpft werden müssen...“ 42
Bei aller Fortschrittlichkeit war die Illenau bereits Ende der 1850er Jahre „maßlos überfüllt“, ebenso die alte Anstalt Pforzheim, als Ausweichplatz für unheilbare Kranke aufrecht erhalten. 43 Zu einem teuren Neubau wollte sich die badische Landesregierung lange Zeit nicht entschließen. Im Zeichen eines vorherrschenden Wirtschaftsliberalis-
36 Faulstich,Von der Irrenfürsorge... S. 15
37 Gerhard Lötsch, Von der Menschenwürde... S. 15
38 Max Fischer, „Christian Friedrich Wilhelm Roller“ in: Theodor Kirchhoff Hg. Deutsche Irrenärzte,
Band I, S. 189 ff.; Nach: Gerhard Lötsch, Von der Menschenwürde... S. 15
39 L. Ackermann, Erinnerungen aus meinem Leben, Manuskript, S. 43; Nach: Gerhard Lötsch, Von der
Menschenwürde... S. 27
40 L. Ackermann, nach: Gerhard Lötsch, Von der Menschenwürde... S. 30
41 Gerhard Lötsch, Von der Menschenwürde... S. 31
42 Fischer/Haardt/Schüle, Denkschrift über den gegenwärtigen Stand der Irrenfürsorge in Baden und de-
ren zukünftige Gestaltung. Nach: Gerhard Lötsch, Von der Menschenwürde... S. 52
43 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 16
14
mus monierte ein Bericht der Budget-Kommission des Landes, dass man „mit Humanität auch Luxus treiben“ könne. 44 Ein Beitrag der damaligen „Landeszeitung“ vom 24. Mai 1864 wurde noch deutlicher: „Wenn der Staat das Äußerste thun will, so richte er für die Klasse der Thiermenschen (sic) eine Anstalt her, wozu ältere Räume zu benutzen sind ... für welche die Anforderungen nicht wohl höher gehen können, als auf Obdach, Nahrung und Reinlichkeit.“ 45
In dieser Situation wurden viele chronisch Kranke in Kreispflegeanstalten abgeschoben, die in den 1870 er Jahren in Folge der politischen Aufwertung der Landkreise entstanden. 46 Ende des 19. Jahrhunderts machten in diesen reinen Bewahranstalten die Geisteskranken annähernd die Hälfte der rund 2000 der Belegung aus. Hier sollte sich der Wunsch nach sparsamer Minimalverwahrung annähernd erfüllen: „Fast ohne psychiatrische oder auch nur medizinische Betreuung, auf das Einfachste untergebracht und verpflegt, nur in ihrer Arbeitskraft so weit wie möglich ausgenutzt, dämmerten die ´Unheilbaren` dort neben körperlich Siechen vor sich hin,“ wie Heinz Faulstich resümiert. 47 Erst spät, dann in recht schneller Folge gab das badische Innenministerium seine Zustimmung für Anstaltsneubauten. Zunächst erhielten die Universitäten Heidelberg 1878 und Freiburg 1887 die lange geforderten Instituts-Kliniken. Nahe Emmendingen eröffnete 1889 eine große Pflegeanstalt - weiter Rollers Prinzip der Wohlabgeschiedenheit folgend -, im nordbadischen Wiesloch 1905, auf der Reichenau bei Konstanz im Jahr 1913.
Bei allen Widerständen hat Baden, so Faulstich, „nach 1840 alle seine Anstalten neu erbaut, wiederum eine vorbildliche Leistung dieses nicht sehr reichen Landes“. 48 Andere deutsche Länder wie Württemberg hätten dagegen ihre Irrenanstalten meist in verstaatlichten Schlössern oder Klöstern notdürftig untergebracht. Mit den Neubauten bot sich auch die Möglichkeit, Erweiterungen einzuplanen und neue Anstaltskonzepte zu berücksichtigen. Beispiel hierfür ist die Dezentralisierung der Funktionsbauten in einzelne Pavillons, auf welche die Patienten je nach Geschlecht und Krankheitsbild aufgeteilt wurden, und die sich in modifizierter Form etwa in Wiesloch findet. Schule machte auch das Modell der „agricolen Colonie“, bei der sich um eine Zentraleinrichtung für Akutkranke mehrere Landhäuser mit Ackerflächen gruppierten, die von chronisch
44 Wacker, Zur Geschichte der Irrenpflege im Lande Baden. Nr. 20, S. 4. - Beilage zum Protokoll der 113.
öffentlichen Sitzung der zweiten Kammer vom 26. Juni 1902. In: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 17
45 aao
46 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 18
47 aao
48 Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 32
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Kranken bewohnt und bewirtschaftet wurden. Damit einher gingen Konzepte zur Aktivierung geistig Kranker durch Arbeits- und Bewegungsangebote und für mehr Bewegungsfreiheit der Insassen nach angelsächsischem Vorbild. So richtete sich die Idee des „no restraint“, wie sie für die neue Anstalt Emmendingen vorgesehen war, 49 gegen Zwangsmaßnahmen wie Fesselungen und Einsperren als Behandlungsmethode. 50 Vorreiter im Deutschen Reich war Baden auch mit dem Erlass eines Irrenfürsorgegesetzes 1910, das auch die Aufnahme von Patienten „auf eigenen Antrag“ zuließ. 51
Trotz der regen Bautätigkeit konnte das Land der überproportionalen Zunahme an Aufnahmegesuchen um die Jahrhundertwende kaum Herr werden. Emil Kraepelin, der maßgebliche Weichen für die Psychiatrie des 20. Jahrhunderts stellte, gab sogar wegen „unerträglichen Arbeits- und Forschungsbedingungen“ seine Professur in Heidelberg auf ging 1903 nach München. 52 Bei allen Missständen sind mit der Heidelberger Fakultät weitere namhafte Vertreter ihres Fachs verbunden, unter ihnen kurzzeitig Karl Bonhoeffer als Lehrstuhlinhaber (1903/04) und später Karl Jaspers als Begründer der wissenschaftlichen Psychopathologie - der „Heidelberger Schule“. 53 Den Lehrstuhl für Psychiatrie in Freiburg hatte mit Alfred E. Hoche ebenfalls kein Unbekannter inne. Hoche war besonders interessiert an Fragen der Forensik, der klinischen Psychiatrie und nahm „zu vielen Fragen aus den psychiatrischen Grenzgebieten Stellung“. 54 Im Gegensatz zu den frühen Illenauer Anstaltsleitern scheinen ihn dagegen „Probleme der psychiatrischen Versorgung ... nicht interessiert zu haben“. 55 Auch soll Hoche „sich mit dem Pflegepersonal nicht gut verstanden haben,“ 56 worauf eine hohe Personalfluktuation hindeutet. Für die Behandlung psychiatrischer Patienten hatte Ordinarius Hoche folgende Anweisungen zur Hand: „Patienten ... müssten frühzeitigen Abhärtungsmaßnahmen unterzogen werden, wie die Verhinderung des Onanierens bei Knaben und die Einhaltung der Bettruhe zur Zeit der Menses bei Mädchen.“. 57 Unterbringung in der Anstalt bzw. Bettruhe sollten Maniker und Melancholiker von Suizid-
49 Nach:Richter, Gabriel, (Hg.), Fahrt ins Graue(n), Die Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen in den
Jahren 1933 - 1945 - und danach, Emmendingen (Eigenveröffentlichung), 2002. S. 11
50 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 33f.
51 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 45 und Anm. 51
52 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 19
53 W. Janzarik, 100 Jahre Heidelberger Psychiatrie. In: Heidelberger Jahrbücher 1978, S. 104
54 Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 61
55 aao
56 aao
57 Gabriel Richter (Hg.), Die Fahrt ins Graue(n), Zentrum für Psychiatrie Emmendingen. S. 34f
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versuchen abhalten, während bei leichteren Angstzuständen Alkohol, Brom oder eine Bäderbehandlung angezeigt sei. 58
Kraepelins Standardwerk der Psychiatrie beschreibt in 8. Auflage 1913 die Dementia praecox („fortschreitender Verblödung“) auf rund 300 Seiten, wobei ganze vier Seiten die Therapie beschreiben und schlicht „Bettruhe, Überwachung, Sorge für Schlaf und Nahrungsaufnahme“ als wichtigste Erfordernisse genannt sind. „Bei den Erregungszuständen sind Dauerbäder am Platze,“ so Kraepelin weiter. Wenn das fehlschlägt, rät der Lehrmeister zu Betäubungsmitteln und, als finaler Ausweg, zur „Anwendung feuchtwarmer Wicklungen“. 59 Dabei stellt die Dementia praecox, später nach Bleuler als Schizophrenie bezeichnet, nach der von Kraepelin geschaffenen Klassifizierung einen sehr häufigen und unheilbaren Typus geistiger Erkrankung dar: Im Eröffnungsjahr der Anstalt Reichenau bei Konstanz erhielten 72 Prozent aller 310 Aufnahmen diese Diagnose gestellt. 60
Aus solchen Zeilen spricht deutlich der Pessimismus, der die wissenschaftlichen Psychiatrie am Vorabend der Ersten Weltkriegs geprägt haben musste. Im Urteil Edward Shorters waren die ersten Ansätze einer „biologischen Psychiatrie“ zum Scheitern verurteilt, „weil sie sich zu stark von den Patienten und ihren Problemen abschottete“. Und weiter: „Während also die anatomische und physiologische Hirnforschung intensiviert wurde, wandte sich die biologische Psychiatrie mit immer größerem Nihilismus gegen die Möglichkeit einer klinischen Versorgung und widmete sich lieber der Forschung.“ 61 Für Dr. Gabriel Richter, der über die Anstalt Emmendingen und das Schicksal ihrer Bewohner forscht, ist es denn auch „nicht verwunderlich, dass die Forderung nach der Tötung von ´Ballastexistenzen` von einem Vertreter der akademischen Psychiatrie [Hoche, d.V.] gestellt wird.“ 62 Die Psychiatrie habe noch in den 20er Jahren nur wenige therapeutische Ansätze vorzuweisen, so Richter. „Bedrückende Zustände, Hilflosigkeit, Stillstand der Therapie und eine pessimistische Zukunftsschau waren gerade ein Nährboden dafür, die Vernichtung sogenannten ´lebensunwerten Lebens` zu fordern.“ 63
58 Aao.
59 E. Kraepelin, 3. Bd. Teil II, S. 968-972; nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge.. S. 50
60 Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 43
61 Edward Shorter, Geschichte der Psychiatrie, Berlin 1999, nach: Gerhard Lötsch, Von der Menschen-
würde, S. 37
62 Gabriel Richter (Hg.), Die Fahrt ins Graue(n), Zentrum für Psychiatrie Emmendingen. S. 61
63 aao
17
Der 1. Weltkrieg brachte für die Heil- und Pflegeanstalten nicht nur in Baden empfindliche Einschnitte: Ein großer Teil der Ärzte und „Wärter“ wurde zum Heeresdienst herangezogen, die Ernährungslage zunehmend katastrophal. Die Versorgungskrise der Jahre 1916/17 betraf Heiminsassen überproportional, denn: „Im Gegensatz zu den Menschen draußen hatte der eingeschlossene Kranke keine Möglichkeit zu hamstern oder sich auf dem schwarzen Markt etwas hinzu zu kaufen.“ 64 Das „Hungersterben in der Psychiatrie“, von Heinz Faulstich in seinem gleichnamigen Werk erstmals umfassend dokumentiert, nahm in den Jahren 1914-19 Ausmaße an, die den Opferzahlen der späteren NS-Aktion T4 nahe kommen: Auf die Zahl von 71787 Hungeropfern kommt der Medizinhistoriker Hans Ludwig Siemen, der die Todeszahlen 1914-19 in deutschen Anstalten mit den Sterberaten in Friedenszeiten abgeglichen hat. 65 In Baden ist die Entwicklung offensichtlich in gleichem Ausmaß verlaufen; der Psychiater Hans Römer stellte 1928 die Belegungsverläufe und Todesfälle der regionalen Anstalten grafisch dar: Für 1917 ist die Todesrate der Patienten auf über 1000 angestiegen, während sie in Friedensjahren unter 500 lag. 66
1.3 Zwischenkriegszeit
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des „Manifests der Vernichtung“ von Binding/Hoche wird bereits ein Ausmaß an Diskrepanz deutlich, das trotz aller Deutungsversuche stupent bleibt: Wie konnte es geschehen, dass ausgerechnet namhafte Vertreter des medizinischen Standes, die sich auf Lebenserhalt eidlich verpflichtet hatten, zu Be-fürwortern von Repressionen (Zwangssterilisation, Isolierung) bis hin zur Vernichtung ihrer eigenen Klienten wurden? Warum wurde gleichzeitig mit anhaltendem Engagement in der Pflege und an immer neuen Therapien für psychisch und geistig Kranke gearbeitet - ein Antagonismus, der oft genug in der Person ein und desselben Arztes oder Wissenschaftlers zutage tritt, wie noch deutlich werden soll. Stand 1920 ist jedenfalls ideologisch der Boden dafür schon bereitet, dass sich die Tendenz „Die Heilbaren behandeln - die (scheinbar) Unheilbaren vernachlässigen“ zum Paradigma von „Heilen und Vernichten“ radikalisieren konnte.
64 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 75; Burleigh, Michael, Tod und Erlösung, 2002. S. 21
65 H.L. Siemen, Menschen blieben auf der Strecke, 1987, S. 29. Nach Burleigh, Tod und Erlösung, S. 21
66 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 76
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Karl Bonhoeffer, inzwischen Vorsitzender des Deutschen Vereins für Psychiatrie, konstatierte im gleichen Jahr ahnungsvoll: „Fast könnte es scheinen, als ob wir in einer Zeit der Wandlung des Humanitätsbegriffs stünden. Ich meine nur, ... dass wir in den Hungerjahren des Krieges uns damit abfinden mussten, zuzusehen, dass unsere Kranken in den Anstalten in Massen an Unterernährung dahinstarben, und dies fast gutzuheißen in dem Gedanken, dass durch diese Opfer vielleicht Gesunden das Leben erhalten bleiben könnte.“ 67
Bis dieses „Opfer“ unter dem Vorwand des nächsten Weltkrieges in industriellem Ausmaß vollstreckt wurde, setzten sich die beschriebenen gegenläufigen Tendenzen in der Zwischenkriegszeit weiter fort: Auf der einen Seite das fortgesetzte Bemühen um eine Modernisierung der psychiatrischen Behandlung und Unterbringung, auf der anderen eine zunehmende ideologische Radikalisierung des rassehygienischen Gedankenguts.
Die Nachkriegsverhältnisse im Südwesten Deutschlands scheinen in einem Bericht auf, den der Berichterstatter einer fünfköpfigen Kommission über die staatlichen badischen Anstalten und Irrenkliniken verfasst hatte. Der Untersuchungsbericht vom Herbst 1919 hat nach Einschätzung Faulstichs beschönigende Tendenzen, doch etliche Befunde darin sprechen doch eine deutliche Sprache, so über die marode, im April 1921 endgültig aufgelöste, Anstalt Pforzheim: „Die Anstalt steht mit den ältesten, übelriechendsten, abbruchwürdigsten Gefängnissen auf gleicher Stufe...“ Über die Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals hieß es bezüglich der Illenau „Ein Teil der Wärterinnen hat kaum menschenwürdige Schlafstellen im niederen Dachgeschoß. ... 12 Betten in einem niederen Dachraum sind ein Unding.“ 68 Die Wärter in Freiburg haben eine Dienstzeit von „66 ½ Stunden in der Woche, hierzu noch Reserveschlafen“. 69 In Wiesloch hatte sich die Belegschaft nach Ende des wilhelminischen Obrigkeitsstaats „neben Gehaltserhöhungen auch erheblich verkürzte Arbeitszeiten erkämpft“, 70 was dem konservativen Berichterstatter Fehn genügte, um von einer unbotmäßigen „Revolution“ 71 zu sprechen. Die Ärzteschaft der Anstalten suchte sich ihrerseits in den Verhältnissen der jungen Weimarer Republik zurecht zu finden und in einer ständischen Interessensvertretung zusammen zu schließen. Bevor der „Reichsverband beamteter deutscher Irrenärzte“ im
67 Karl Bonhoeffer, Eröffnungsrede vor dem Deutschen Verein für Psychiatrie. In: Allgemeine Zeitschrift
für Psychiatrie 76, 1920/21, S. 600
68 Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 82
69 Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 83
70 Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 84
71 aao
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Februar 1920 in Halle gegründet wurde, existierte wiederum bereits (seit Januar 1919) ein „Verein der Ärzte an badischen Anstalten“. 72
Unter dem Diktat der Finanzknappheit gelang es reformwilligen Ärzten nur mit Mühe, neue, oder auch nur altbewährte, Behandlungsansätze über die reine Verwahrung hinaus zu beleben. Dr. Hans Römer, Oberarzt der Anstalt Reichenau, trat für eine frühere Entlassung schizophren Erkrankter ein, die in Verbindung mit einer ärztlichen Nach-sorge bereits gute Ergebnisse gezeigt hatte. 73 Kolb in Erlangen hatte das Konzept der offenen Fürsorge kurz vor dem Krieg entwickelt. Doch schon Jahrzehnte zuvor war in Emmendingen, „hauptsächlich aufgrund der Überbelegung der Anstalt, eine ambulante Versorgung erprobt worden.“ 74
Gleichzeitig empfahl er die Einrichtung von poliklinischen Beratungsstellen an den Anstalten: „Die durch die Kriegserfahrung besser erkannte weittragende Bedeutung des psychogenen Faktors, ... überhaupt die bewusstere Einstellung auf die Psychotherapie ... muss in einer solchen Anstaltssprechstunde planmäßig verwendet werden.“ 75 Römers Reformanstöße fanden unter seinen Fachkollegen wenig Widerhall. So ging Römer daran, wenigstens in der Anstalt bei Konstanz Neuerungen zu verwirklichen. Als Vertreter des erkrankten Direktors Klewe-Nebenius konnte er die Fürsorge für entlassene Patienten nicht wie gewünscht vorantreiben. Allerdings gelang ihm der Aufbau einer wissenschaftlichen Bibliothek und eines fachmedizinischen Austausches. 76 Im August 1921 avancierte Hans Römer zum psychiatrischen Referenten im badischen Innenministerium. In dieser Rolle konnte er als regionaler Impulsgeber für Psychiatriereformen wirken. So eröffnete im Oktober 1922 die Anstalt Wiesloch eine erste externe „Fürsorgestelle für Nerven- und Gemütskranke“ in Mannheim, und auch die Familienpflege für entlassene Patienten wurde vielfach wieder aufgenommen. 77 Bis 1927 hatten auch die anderen großen Einrichtungen Reichenau/Konstanz, Illenau und Emmendingen die Offene Fürsorge eingeführt - 42 Anstalten betrieben damals die Außenfürsorge deutsch-landweit. 78
„Im ländlichen Baden, wo ehemalige Patienten in kleinen Dörfern, wo neugierige Blicke aus den Fenstern und auf der Straße zum Alltag gehörten, untergebracht werden
72 Nach:: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 91
73 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 92
74 Kuhne, Offene Für sorge für entlassene Geisteskranke der Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen, in:
Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie 91, 1929. S. 356f. Nach: Burleigh, S. 42
75 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 97
76 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 100 ff.
77 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 104
78 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 116
20
mussten, kostete es die Psychiater einige Mühe, nicht unangenehm aufzufallen: Beispielsweise zögerten sie, sich nach dem Weg zu erkundigen, oder vermieden es, ihre Autos unmittelbar vor den Wohnungen ihrer Patienten zu parken. Sie taten ihr Bestes, um die ´mittelalterlichen` Vorstellungen von geistiger Krankheit unter den Verwandten ihrer Patienten zu überwinden und versuchten, dem Bild psychiatrischer Heilanstalten menschlichere Züge zu verleihen.“ 79 Diese Charakterisierung scheint genau auf den Leiter der Reichenau, Maximilian Thumm, zu passen. Er optimierte Behandlungskonzepte wie die Außenfürsorge und die Arbeits- bzw. Simons „Aktivere Therapie“ in seinem Wirkungskreis und verwirklichte die erste spezielle Behandlungsabteilung für Trinker in deutschen Anstalten. 80
Die universitäre Psychiatrie erlebte in den Zwanziger Jahren in Heidelberg ebenfalls eine Blüte: Mit ihren „forensisch-psychiatrischen und psychopathologischen Interessen“ trugen sie bei zu Heidelbergs Ruf jener Zeit als „wissenschaftlich bedeutendste Universitätsklinik Deutschlands“. 81 Insgesamt konnte die badische Psychiatrie in dieser Zeit noch einmal eine führende Rolle in Deutschland übernehmen. 82 Die zunehmende Überfüllung der Anstalten und die einschneidenden Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise sollten den Bemühungen der Reformpsychiatrie aber bald einen Rückschlag versetzen. Die Reichstagswahlen vom März 1933 brachten im traditionell liberalen Baden keine Mehrheit für die NSDAP, dennoch ließ die „Gleichschaltung“ unter Einsetzung des „Reichsstatthalters“ Robert Wagner auch im Südwesten nicht lange auf sich warten. In der Folge verloren führende Vertreter der Reformpsychiatrie ihre Posten, darunter Maximilian Thumm, vom Direktor der Reichenau zum Oberarzt der Illenau degradiert, und vor allem Ordinarius Willmann und etliche seiner Mitstreiter von der Universität Heidelberg. Ihre Funktion bekamen „politisch zuverlässige“ Mediziner: In Wiesloch übernahm Dr. Wilhelm Möckel die Leitung, in Konstanz Dr. Arthur Kuhn. Nationalsozialistische Kreise und ihnen nahestehende Vertreter der Erbbiologie, etwa Ernst Rüdin, mischten sich auch massiv in die Autonomie der Universitäten ein. Sie setzten als Nachfolger Willmanns Dr. Carl Schneider durch und forderten auch in Freiburg einen Vertreter der rassehygienischen Geistesrichtung.
79 Kuhne, Offene Fürsorge, S. 361. Nach Burleigh, S. 43
80 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 116
81 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 135 mit Bezug auf Janzarik, 1978.
82 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 135
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Entgegen aller Einflussnahmen - selbst des derzeitigen Dekans Martin Heideggerbestimmte aber die Fakultät Kurt Beringer auf den Lehrstuhl für Psychiatrie. 83
Ein Großteil der Ärzteschaft und namentlich der Psychiater musste indessen nicht eigens auf die Ideale der neuen Führung eingeschworen oder entlassen werden, da sie dem Nationalsozialismus ohnehin aufgeschlossen gegenüber standen. Schon in der ersten Jahreshälfte 1933 traten zahlreiche Ärzte der NSDAP bei; von der traditionsreichen Anstalt Illenau erklärten bis auf einen sämtliche Ärzte am 1. Mai ihren Beitritt, so auch Dr. Arthur Schreck und der Reformer und Direktor Dr. Hans Römer. Römer, der 1929 die Leitung der Illenau übernommen hatte, war auch im Vorstand des „Deutschen Ver-bands für psychische Hygiene“ und als Mit-Herausgeber der „Zeitschrift für psychische Hygiene“ aktiv. 84 Rassenhygiene und Eugenik bestimmten die Zielrichtung der psychischen Hygiene, die nach Faulstich eine „Keimzelle der NS-Psychiatrie“ war. Bislang war die deutsche Psychiatrie innerhalb der medizinischen Berufsgruppe eher gering geachtet worden, hatte sie doch mit einer randständigen Klientel zu tun und im übrigen noch kaum entscheidende Behandlungsfortschritte erzielen können. „Psychiater galten nicht selten als Ärzte zweiter Klasse. Selbst innerhalb der Profession war die Meinung verbreitet, die Psychiatrie habe es mit Abschaum zu tun. ... Man betrachtete die Psychiater als gesellschaftliche Versager, die hilflos und isoliert Seite an Seite mit Menschen zusammenlebten, die offiziell stigmatisiert waren.“ Über die Schwierigkeiten, geeigneten Nachwuchs zu finden, schrieb Fritz Ast, Direktor der Anstalt Eglfing-Haar, die Psychiatrie werde mehr und mehr zum Sammelbecken von Elementen, „die sich selbst zum Daseinskampf im freien Beruf nicht tauglich genug fühlten“. 85 Nachdem die Ideale der Rassenhygiene, verbunden mit der Aussonderung und Selektion erblich „Minderwertiger“, quasi offizielle Staatsdoktrin geworden waren, kam dem Berufsstand nunmehr eine geradezu staatstragende Bedeutung zu: Um das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ im Sinne der NS-Ideologie umzusetzen, war die tatkräftige Hilfe der Mediziner vonnöten. 86 Es bedeutete de facto die Zwangssterilisierung für einen großen Kreis kranker Menschen, der von „angeborenem Schwachsinn“
83 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 147 f.
84 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 149
85 Fritz, Ast, Der Ärztemangel in den Heilanstalten. In: Zeitschrift für Psychische Hygiene 9, 1936. S. 16.
86 Vgl. Ernst Klee, Deutsche Medizin im Dritten Reich - Karrieren vor und nach 1945, Frankfurt/M 2001.
S. 64
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über Schizophrenie bis zu „erblicher“ Blindheit, Taubheit und körperlicher Missbildung reichte.
Die Haltung der Kirchen im Reich zu den Zwangsmaßnahmen fiel recht unterschiedlich aus - sie soll hier kurz skizziert werden, da auch in Baden einige große Einrichtungen für Behinderte unter kirchlicher Leitung standen. Die Ablehnung der offiziellen katholischen Kirche gegenüber dem Sterilisationsgesetz hatten die NS-Machthaber schon im Vorfeld ins Kalkül gezogen: Von der Reichsregierung am 14.7.1933 beschlossen, wurde das Gesetz aus taktischen Gründen (das Ende der Konkordatsverhandlungen mit dem Vatikan sollte abgewartet werden) erst am 25.7. verkündet und ab 1.1.1934 in Kraft gesetzt. „Die Kirche erhob keinen Widerspruch,“ wie Pfarrer Gerhard Lötsch, der Chronist der Anstalt Illenau, vermerkt. 87 Der Freiburger Erzbischof Conrad Gröber, Fördermitglied der SS, 88 verkündete gar: „Wir können und wir dürfen den neuen Staat nicht ablehnen, sondern müssen ihn bejahen, mit unbeirrbarer Mitarbeit.“ 89 In evangelischen Kreisen wiederum war der Erbbiologie schon in den Jahren zuvor ideologisch der Boden bereitet worden. Dr. Hans Harmsen, Geschäftsführer des Gesamtverbandes der deutschen evangelischen Kranken- und Pflegeanstalten, rief 1931 in der Zeitschrift ´Gesundheitsfürsorge` zu einer bevölkerungspolitischen und eugenetischen Neuorientierung der evangelischen Wohlfahrtspflege auf. „Außer der Asylierung wird es aber notwendig sein, die Frage der freiwilligen oder auch zwangsmäßigen operativen Unfruchtbarmachung mit allem Ernst zu bedenken.“ 90 Schon 1928 führte das evangelische Fachlexikon „Die Religion in Geschichte und Gegenwart“ unter dem Stichwort Eugenik auf: „eine zielbewusste und planmäßige Ausmerzung der degenerierten Volksteile bedarf der Hilfe des Staates. Dauerverwahrung ... und zwangsweise Unfruchtbarmachung sind wichtige Maßnahmen...“ 91
Auf Betreiben Harmsens bildete der Central-Ausschuss der Inneren Mission eine „Evangelische Fachkonferenz für Eugenik“, die erstmals im Mai 1931 in Treysa bei Kassel zusammenkam. Hier positionierte sich die Innere Mission zu Fragen der Erbbiologie und Wohlfahrt: Es sollten erhebliche Aufwendungen nur noch für solche Fürsorgebedürftigen getätigt werden, bei denen die Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit in
87 Gerhard Lötsch, Von der Menschenwürde zum Lebensunwert, Kappelrodeck 2000, S. 81
88 Nach: Klee, „Euthanasie im NS-Staat“, S. 41
89 Am 25. April 1933 auf der Diözesan-Synode Freiburg. Nach Gerhard Lötsch, Von der Menschenwürde
zum Lebensunwert, Kappelrodeck 2000, S. 81
90 Freudenberger, Murr, Wo bringt ihr uns hin? Epilepsiezentrum Kork (Hg.), Kehl 1990. S. 7
91 Freudenberger, Murr, Wo bringt ihr uns hin? Epilepsiezentrum Kork (Hg.), Kehl 1990. S. 7
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Aussicht stand. Zur freiwilligen Sterilisierung erblich Schwerbelasteter forderte die Konferenz eine gesetzliche Regelung seitens des Staates. 92 In Kork als Einrichtung der badischen Inneren Mission fiel das rassehygienische Gedankengut auf fruchtbaren Boden. Schon in seinem Jahresbericht 1932/33 sprach Anstaltsarzt Dr. Wiederkehr von einer „fortschreitenden biologischen Degeneration unseres Volkes“. Er würdigte die neue NS-Gesetzgebung als „Möglichkeit, die Zahl der Erbkranken herabzusetzen, dadurch viel Leid und Elend zu verhüten und ... die Kosten für die Allgemeinheit etwas herabzusetzen.“ 93
Wiederkehr sah die überwiegende Mehrzahl seiner epileptischen Patienten als erbkrank an, ebenso der stellvertretende Direktor der Anstalt, Pfarrer Dr. Wilhelm Ziegler. Entsprechend eifrig wurde in Kork sterilisiert - gegen die Anweisung der Inneren Mission, und sogar über gesetzliche Forderungen hinaus: Da nur „Erbkranke“ außerhalb der geschlossenen Anstalten und solche, die zur Entlassung anstanden, unter das Gesetz fielen, hätte die Anstalt nur wenige Eingriffe vornehmen müssen. Tatsächlich aber stellte sie 1936 eigens einen Assistenzarzt wegen der häufigen Sterilisierungsmaßnahmen ein.
Andere Anstalten am Oberrhein betrieben die Sterilisierungspraxis ähnlich intensiv: „Auf Antrag der Anstalt“ wurden in Illenau von 1934 bis 1939 insgesamt 538 Menschen sterilisiert. Direktor Römer war sich der tief greifenden Bedeutung einer Sterilisation (noch dazu unter Zwang) offenbar bewusst: Schon 1925 hatte er mit seinem Wieslocher Amtskollegen Max Fischer davor gewarnt, durch den Eingriff „nicht neuen Schaden (zu) stiften“. Die Sterilisation sei „in Wirklichkeit eine Körperverletzung und Verstümmelung mit Ausschaltung einer naturgegebenen Funktion...“ 94 In ihren Erhebungen zur „Zwangssterilisation im Nationalsozialismus“ geht die Autorin Gisela Bock davon aus, dass in ganz Baden außerordentlich häufig sterilisiert worden sei im Vergleich zum übrigen Reich. Ihre Annahme, im Südwesten sei die Rate der Eingriffe annähernd doppelt so hoch gewesen, 95 wird von Forschern der regionalen Krankenverfolgung (eine Ausnahme ist Gabriel Richter 96 ) geteilt. Heinz Faulstich bestätigt „Badens ´Spitzenplatz in der Sterilisation`“ und nennt unter anderem die Ermitt-
92 Nach:Freudenberger, Murr, Wo bringt ihr uns hin? Epilepsiezentrum Kork (Hg.), Kehl 1990. S. 7
93 aao, S. 7
94 Max Fischer, Betrachtungen über Unfruchtbarmachungen eines Geisteskranken, in: Sozialhygienische
Mitteilungen, Karlsruhe 1925, Nr. 4, S. 107. Zit. nach: Gerhard Lötsch 2000. S. 94 f.
95 Gisela Bock, Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. In: Euthanasie in Hadamar. LWV Hessen,
Kassel 1991, S.75
96 Gabriel Richter, Zwangssterilisation. In: G. Richter, Die Fahrt ins Graue(n), Emmendingen, Eigenver-
lag, S. 43 ff.
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lungsergebnisse der französischen Besatzungsmacht in Südbaden: „Danach wurden in zehn badischen Kreisen ... in der Zeit von 1934 bis 1944 genau 11 412 Menschen, das ist fast ein Prozent der Bevölkerung, sterilisiert.“ 97 Und auch Richter hat keinen Zweifel, „dass bezüglich der Sterilisation in der Ärzteschaft weitgehender Konsens mit den nationalsozialistischen Machthabern bestand“. 98
Zumindest in einem Punkt versuchten die badischen psychiatrischen Krankenhäuser jedoch wiederum vorbildlich zu sein - dem der rigorosen Sparsamkeit. Das führte unter anderem dazu, dass Kranke vermehrt zu möglichst produktiven Arbeitsmaßnahmen herangezogen wurden. Allerdings spielte die therapeutische Seite der Beschäftigung dabei keine große Rolle mehr, eine umso größere aber das Kriterium der Arbeitskraft. Um unabhängiger von teuren pharmazeutischen Präparaten zu werden, setzte man beispielsweise auf den Eigenanbau von Arzneipflanzen und auf billige Ersatzstoffe. „Als Sedativum dient die Bromwürze...“ vermeldete beispielsweise die Anstalt bei Konstanz, wo man auch Verbrauchsmittel wie Bohnerwachs (1934 wurden 800kg produziert) selbst herstellte. 99 Dank solcher Bemühungen senkte die Anstalt Illenau ihre gesamten Personal- und Sachaufwendungen von 6,63 Reichsmark im Jahr 1929 auf 4,06 RM 1936. Konstanz (Reichenau) gelang im gleichen Zeitraum gar eine Kostenreduzierung von 5,03 auf 2,79 Reichsmark pro Patient und Tag. 100
Derartige Pflegesätze, sicherlich der Traum heutiger Gesundheitsreformer, wurden jedoch an anderer Stelle noch unterboten: Im Frühjahr 1934 verließ der Oberarzt Dr. Josef Arthur Schreck seine Position in der Illenau, um in der Garnisonsstadt Rastatt eine Modellanstalt ganz anderen Zuschnitts zu leiten. Staatlicherseits als „besondere Verwahranstalt für dauernd anstaltsbedürftige Geisteskranke“
101
konzipiert, wurde die Einrichtung in einem maroden Kasernenareal nach notdürftigen Instandsetzungsarbeiten untergebracht. Diese „Sparanstalt“ sollte nach dem Willen des Karlsruher Gesundheitsministeriums nicht nur die chronische Überbelegung bestehender badischer Anstalten von bis zu 30 Prozent abbauen helfen, sondern auch „sehr wesentlich zur ordnungsgemäßen Durchführung des Sterilisierungsgesetzes“
102
beitragen. Schreck, der die Sparmaximen des NS-Staates fast bis zur Selbstaufopferung zu verwirklichen such-
97 Faulstich,Von der Irrenfürsorge... S. 201. Vgl. auch Anhang zur Aussage Karl Bonhoeffers
98 G. Richter, Zwangssterilisation, S. 49
99 Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S.165
100 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 167
101 Franz Peschke, Schrecks Anstalt, Rastatt 1992, S. 6
102 Nach: Faulstich, Von der Irrenfürsorge... S. 162.
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