Priv.-Doz. Dr. Olaf Kühne
Die Wahrnehmung von Umweltbelastung
und die Handlungsbereitschaft
für die Umwelt in Polen
1 Einleitung ... 2
2 Allgemeine Überlegungen zum Verhältnis von menschlicher Gesellschaft und Umwelt ... 2
3 Empirische umweltpsychologische Grundlagen ... 7
4 Die Wahrnehmung des Zustandes der Umwelt und das Umweltbewusstsein in Polen ... 12
4.1 Ergebnisse der Feldstudie ... 12
4.2 Interferenzen zwischen soziodemographischen Variablen und dem Umweltbewusstsein ... 15
5 Diskussion der Ergebnisse der Umfrage im Vergleich zu anderen Untersuchungen und vor dem Hintergrund der Postmodernisierung ... 20
Zusammenfassung
Mit der Transformation ging allgemein auch eine Verringerung von Gas- und Staubemissionen einher. Dabei verschoben sich die relativen Anteile von Industrie und Privathaushalten in Richtung Privathaushalte. Damit gewinnt das Umweltbewusstsein und die Bereitschaft zum umweltgerechten Handeln des einzelnen an Bedeutung. Das Umweltbewusstsein als postmaterieller Wert ist jedoch davon abhängig, dass die materiellen Grundbedürfnisse der Handelnden erfüllt sind. Zugleich sind Kenntnisse hinsichtlich ökologischer Zusammenhänge notwendige, wenn auch nicht hinreichende Voraussetzungen für umweltgerechtes Handeln und Verhalten. Hinsichtlich des ökologischen Kenntnisstandes lassen sich in Polen allgemein erhebliche Defizite feststellen. Wobei eine erhebliche Differenzierung hinsichtlich soziodemographischer und parteipolitisch-präferenzierter Variablen und dem Umweltbewusstsein und der Bereitschaft zum umweltgerechten Handeln existieren. Räumlich lässt sich ein höheres Umweltbewusstsein in den großen Städten konstatieren. Gemäß der Inglehartschen Postmaterialismusthese ist festzustellen, dass in den Städten die Postmodernisierung weiter fortgeschritten ist als in weniger dicht besiedelten Landesteilen.
1 Einleitung
Die Verringerung der erheblichen Umweltbelastung war nach Beginn der Systemtransformation in Ostmittel- und Osteuropa eine der zu bewältigenden Aufgaben für die jeweiligen Gesellschaften. Während für die gesellschaftlichen Teilsysteme Wirtschaft und Politik die Interferenzen mit der natürlichen Umwelt bereits umfänglich wissenschaftlich untersucht wurden1, fehlen Untersuchungen des Verhältnisses von sozialem und kulturellem System und natürlicher Umwelt weitgehend. Diese Lücke soll die vorliegende Untersuchung zu schließen helfen, insbesondere da aufgrund einer Verschiebung der Anteile an den Gas- und Staubemissionen von der Industrie zu Privathaushalten, das Umweltbewusstsein des einzelnen ein Bestimmungsfaktor der weiteren Verringerung von Emissionen ist. Dabei gilt es, neben quantifizierten Ergebnissen der Wahrnehmung des Zustandes der Umwelt, auch die Handlungsbereitschaft jeweils in regionaler und soziodemographischer Differenzierung am Beispiel Polen zu behandeln.
2 Allgemeine Überlegungen zum Verhältnis von menschlicher Gesellschaft und Umwelt
Während über den größten Zeitraum der Menschheitsgeschichte die Natur durch den Menschen als Bedrohung wahrgenommen wurde, führte eine forcierte Mechanisierung und Rationalisierung zu einer sich vordergründig verstärkenden Autarkie des Menschen von der Natur. Doch erreichte mit der industriellen Revolution – und stärker noch in der Gesellschaft des Massenkonsums – die Schädigung der Natur bislang unbekannte Ausmaße. Woraus sich insbesondere in den Staaten der Ersten Welt ein gewandeltes Umweltverständnis entwickelte. Einen gesellschaftstheoretischen Hintergrund für das sich seit Mitte der 1960er Jahre entwickelnde Umweltbewusstsein – im Zusammenhang mit anderen gesellschaftlichen und individuellen Zielen – bietet die Inglehartsche Postmaterialismusthese2. Diese, in den späten 1970er Jahren entwickelte These, wertet die Entstehung des Umweltbewusstseins als ein Element eines epochalen Wertewandels, der aus einer signifikanten Verschiebung der Wertvorstellungen resultiere. Als Antriebsquelle wurde der - seit den 1950er Jahren in den Staaten der Ersten Welt - kontinuierlich ansteigende Wohlstand eingeschätzt. Dadurch verschoben sich die Wertprioritäten vom Materialismus zum Postmaterialismus: Jüngere Generationen, die in ihren formativen Jahren in der materiellen Sicherheit der nach-1950er Jahre aufwuchsen, brachen mit den traditionellen Werten und Wertvorstellungen der älteren Generation3. Ökonomische Sicherheit gehört in der Öffentlichkeit entwickelter Industriestaaten zwar noch immer zu den Werten, die jeder für sich verwirklicht sehen möchte, ist aber nicht länger Synonym für Glück. Die Bedeutung von Lebensqualität hingegen nimmt eine immer höhere Position in der Wertehierarchie entwickelter Gesellschaften ein, so dass bisweilen dem Umweltschutz ein höherer Stellenwert zugesprochen wird als dem Wirtschaftswachstum. Die Kurve der ökonomischen Leistungsfähigkeit flacht nach steilem Anstieg in der Modernisierungsphase, ab, wobei zwar die Wachstumsraten materialistischer Gesellschaften im Vergleich zu postmaterialistischen Gesellschaften höher sind, das Wohlbefinden jedoch in den postmaterialistischen Gesellschaften größer ist4.
Inglehart nahm mit seiner Postmaterialismusthese direkten Bezug auf Maslows Theorie menschlicher Bedürfnisse, das sich als hierarchisches Stufenschema darstellen lässt5:
1. Survival - physiologische Bedürfnisse wie Nahrung, Unterkunft, Gesundheit.
2. Security - Sicherheitsbedürfnisse.
3. Belonging - soziale Bedürfnisse wie Liebe, Freundschaft, soziales Gefüge.
4. Self-esteem - egoistische Bedürfnisse wie Status, Selbstachtung, Respekt.
5. Self-actualization - Selbstverwirklichung wie Kreativität, Realisierung seiner Fähigkeiten.
In den entwickelten Ländern der Ersten Welt mit ihrem in der Geschichte der Menschheit beispiellosen Massenwohlstand, der bei großen Teilen der Bevölkerung dazu führte, dass überleben als selbstverständlich gilt, kommt es zu einer verstärkten Diffusion postmoderner Werte. Der Übergang von materialistischen zu postmaterialistischen Werten wirkt in alle Normsysteme hinein (Tabelle 1).
In seiner global angelegten Studie zum politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Wertewandel kommt Inglehart6 zu folgenden Resultaten:
[...]
1 Siehe hierzu zum Beispiel: M. Welfens: Umweltprobleme und Umweltpolitik in Mittel- und Osteuropa. Ökonomie, Ökologie und Systemwandel. Heidelberg 1993, J. Stadelbauer: Umweltprobleme in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) und ihre globale Dimension, in: Geographische Rundschau, 5/1998, S. 306-313, O. Kühne: Umweltpolitik im Transformationsprozeß - das Beispiel Polen. Eine Bestandsaufnahme hinsichtlich des bevorstehenden EU-Beitritts, in: Osteuropa, 8/2001, S. 889-909, O. Kühne: Ökologie und Ökonomie in Ostmitteleuropa - sozialistisches Erbe und Systemtransformation, in: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie, 2/2002, S. 73-91.
2 R. Inglehart: The silent revolution. Change and political styles in Western publics. Princeton 1977.
3 Anhand der Präferenzierung der unterschiedlichen Werte „Ruhe und Ordnung“ und „Inflationsbekämpfung“ (materialistische Items) sowie „Bürgereinfluss“ und „freie Meinungsäußerung“ (postmaterialistische Items) lassen sich Einstufungen von Personen als Vertreter des „Typus des reinen Materialisten“, des „materialistischen Mischtyps“, des „postmaterialistischen Mischtyps“ sowie des „Typus des Postmaterialisten“ charakterisieren. Nach A. Bühl (Das Wertewandel-Theorem Ronald Ingleharts. Methodenausbildung anhand des Allbus. Marburg 1995) nahm die Zahl der Postmaterialisten von 1980 bis 1991 in Westdeutschland von 13,4 auf 30,1 % zu, die Zahl der Materialisten nahm von 37,9 auf 13,1 % ab. Wobei es zum Jahr 1992 wieder einer Verschiebung zugunsten der Materialisten gab, so dass in Westdeutschland nur noch 23,3 % der befragten Personen zum Typus des Postmaterialisten gehörten, 22,7 % zu dem des Materialisten. Im gleichen Jahr ließen sich nur 9,8 % der Ostdeutschen zum Typus der Postmaterialisten zählen, 28,8 % jedoch zu dem des Materialisten.
4 R. Inglehart: Modernisierung und Postmodernisierung. Kultureller, wirtschaftlicher und politischer Wandel in 43 Gesellschaften. Frankfurt am Main, New York 1998.
5 A. Maslow: Motivation and Personality. New York 1954.
Arbeit zitieren:
Priv.-Doz. Dr. Dr. Olaf Kühne, 2003, Die Wahrnehmung von Umweltbelastung und die Handlungsbereitschaft für die Umwelt in Polen, München, GRIN Verlag GmbH
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