Inhaltsverzeichnis
1.0. Einleitung 5
2.0 Historischer Abriss 6
2.1. Meilensteine der Musikgeschichte 7
2.1.1. Ursprünge der Musik 8
2.1.2. Naturklänge - Grundlage der Musik? 10
2.2. Heilkraft der Musik und ihre Nutzung im Laufe der
Jahrhunderte 11
2.2.1. Heilungsrituale in Stammesgesellschaften 13
2.2.2. Puls und Musik 14
2.2.3. Musik zu Pestzeiten 15
2.2.4. Musik und Fieber 15
2.2.5. Heilkraft der Musik in der heutigen Zeit 16
3.0. Musik und Gehirn 17
3.1 Verarbeitung akustischer Signale 18
3.2. Vom Klangimpuls zur Musik 21
3.3. Musik und ihre Wirkung im Gehirn 22
3.3.1. Musikalische Reize und deren Einfluss auf die
Hirnaktivit ät 23
3.3.2. Macht Musik intelligenter? 25
4.0. Musik und Gesellschaft 28
4.1. Musik als Spiegelbild einer Kultur 28
4.1.1. Funktion der Musik in Subkulturen 29
4.1.2. Musikgeschmack - ein Charaktermerkmal? 30
2
4.2 Musik, Manipulation und Medien 32
4.2.1. Manipulative Wirkung der Musik in Politik
und Kirche 33
4.2.2. Manipulative Wirkung der Musik in den Medien 34
4.3. Musik in der postindustriellen Gesellschaft 35
5.0. Musik und Sozialkompetenz 38
5.1. Zum Begriff der sozialen Kompetenz 39
5.1.1. Genauere Betrachtung des sozial kompetenten
Verhaltens 39
5.1.2. Soziale Kompetenz als berufliche
Schl üsselqualifikation 41
5.2. Erlernen sozialer Kompetenz am Beispiel eines
Trainingsprogrammes 43
5.3. Wirkungen der Musik auf das Verhalten 47
5.3.1. Wirkungen der Musik und ihre Bedeutung für die
Sozialkompetenz 47
5.3.2. Forschungsergebnisse zur Fragestellung:
Macht Musik sozial kompetenter? 49
6.0. Musikangebote in der Sozialarbeit 51
6.1. Musik im Kindergarten 52
6.1.1. Musik als Ausdrucksmöglichkeit von Stimmungen
und Gefühlen 52
6.1.2. "Schmetterling im Gewitter" - In Klanggeschichten
Natur erleben 53
6.2. Musik in der Jugendarbeit 56
6.2.1. Musikalische Angebote in der offenen Jugendarbeit 57
6.2.2. Projekt "Thealimuta" 59
6.3. Musik mit geistig behinderten Menschen 61
6.3.1. Das Instrumentarium 62
6.3.2. Rhythmisch- melodische Spiele 63
3
7.0 Exkurs: Musiktherapie 65
7.1. Geschichte der Musiktherapie 66
7.2. Anwendungsgebiete und Methoden 67
7.2.1. Funktionelle Musik 68
7.2.2. Rezeptive Musiktherapie 69
7.2.3. Aktive Musiktherapie 71
7.3. Beispiele aus der musiktherapeutischen Praxis 73
7.3.1. Musiktherapie mit einem verhaltensauffälligem
Kind 73
7.3.2. Musiktherapie mit Drogenabhängigen 74
7.3.3. Musiktherapie mit alten Menschen 76
8.0. Fazit 77
9.0 Literaturverzeichnis 79
B ücher 79
Zeitschriften 80
Internetadressen 81
Weiterf ührende Literatur 82
4
1.0. Einleitung
Seit meinem sechzehnten Lebensjahr beschäftige ich mich intensiv mit Musik. Ich habe in verschiedenen Formationen aktiv musiziert und Musikunterricht erteilt und praktiziere beides auch heute noch. Oftmals konnte ich feststellen, dass die Musik Stimmungen und Verhalten der Menschen positiv beeinflusst. Während meiner Studienzeit setzte ich mich unter anderem mit Verhaltensweisen, die zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben befähigen, auseinander. Ich glaubte zu erkennen, dass eben diese bestimmten Verhaltensweisen auch beim Musizieren gefordert und dadurch gefördert werden. Im Rahmen meiner Arbeit werde ich diese Vermutung auf wissenschaftlicher Ebene bestätigen.
Zuallererst soll durch den historischen Abriss ein möglichst großes Verständnis für die bedeutende Rolle der Musik erreicht werden. Zu wissen, dass es in der Anthropologie des Menschen keine Gesellschaft ohne Musik gab, dass Musik seit Jahrhunderten zu wissenschaftlichen Untersuchungen über ihre Wirkungen anregt und dass Musik ebenfalls seit Jahrhunderten zu heilenden Zwecken eingesetzt wurde, dürfte diesem Verständnis förderlich sein. Die neuesten Ergebnisse aus der Hirnforschung erklären, warum Musik eine solch bedeutende Rolle spielt. Gerade in den letzten Jahren konnte immer eindrücklicher bewiesen werden, dass Musik unser Gehirn besonders stark reizt. Äußerst interessant dabei ist, in welcher Form musikalische Impulse die Hirnaktivität anregen. Im Kapitel "Musik und Gehirn" wird detailliert darauf eingegangen. Da Musik in jeder Gesellschaft eine Rolle spielt, werde ich mich des Weiteren mit der Funktion der Musik in gesellschaftlichen Systemen beschäftigen. Welchen gesellschaftlichen Nutzen hat Musik? Und wenn Musik dem Funktionieren einer Gesellschaft tatsächlich dienlich ist, so muss herausgearbeitet werden, warum. In einer Gesellschaft treten nachweislich weniger Probleme auf, wenn möglichst viele Menschen die vorherrschenden Werte und Normen annehmen und auch danach handeln. Dazu benötigen sie ein Grundmaß an sozialer Kompetenz. Welche Fähigkeiten im einzelnen soziale Kompetenz ausmachen und inwieweit Musik die Entwicklung dieser Fähigkeiten beeinflusst, wird im Kapitel "Musik und Sozialkompetenz" beschrieben.
Einen Eindruck davon, wie vielfältig Musik in der Sozialarbeit eingesetzt werden kann, werden einige Beispiele aus der Kinder-, Jugend- und Behindertenarbeit vermitteln.
5
Bei der Anwendung von Musik in der Sozialarbeit sind musiktherapeutische Kenntnisse nützlich. Der Exkurs in die Musiktherapie soll nicht nur einen Einblick in die Arbeit eines Musiktherapeuten vermitteln, sondern auch das Wissen um die Wirkungskraft der Musik und ihre vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten vertiefen.
2.0. Historischer Abriss
Jede Kultur hat ihre Musik entwickelt. Beispiele hierfür sind die indonesische Gamelan-Musik, die doppelkehligen Gesänge aus Tuva oder die Kompositionen Johann Sebastian Bachs aus Deutschland. 1
Musik rührt seit alters her die Menschen, stimmt traurig oder heiter. Schon immer scheint Musik eine Ausdrucksform menschlicher Kultur gewesen zu sein. Deutsche Forscher entdeckten 1973 eine 35000 Jahre alte Flöte aus Schwanenknochen. Grifflochflöten, einfellige Trommeln, Xylophone, Maultrommeln und Panflöten wurden schon in der Jungsteinzeit gespielt. Aus der Bronze- und Eisenzeit stammen die ersten Zithern und Glocken. 3000
v. Chr. spielte der Mensch in Mesopotamien Harfe und Leier, 2000 v. Chr. benutzen die Ägypter Trompete und Laute. 2
In vielen Mythen zur Entstehung der Welt spielt Musik eine entscheidende Rolle und seit Jahrtausenden glauben die Menschen an ihre heilenden Kräfte.
1 vgl. Der Spiegel, Heft Nr. 31, 28.07.2003, S. 130 ff
2 vgl. ebenda, S. 130 ff
6
2.1.1. Ursprünge der Musik
"Nada Brahma" kommt aus dem Hinduismus und bedeutet: "Die Welt ist Klang". Musik wird als Ur-Vibration verstanden. Die ganze Existenz ist nach hinduistischem Glauben aus dieser Vibration hervorgegangen. Auch der westafrikanische Yehweh-Kult erklärt den Anfang aller Dinge durch Musik. Diesem Glauben nach war am Anfang der Ur-Laut hu (hu-dze-ngo). Der Anfang aus dem Nichts geht nach den meisten Mythen aus einem hörbaren Geschehen hervor. Vom Aushauchen wird erzählt, vom Singen, Sprechen, Rufen oder Donnern. Im alten Ägypten beispielsweise war Hathor die Göttin der Musik, des Tanzes, der Fruchtbarkeit, der Liebe und gleichzeitig weibliches Schöpfungsprinzip. Musik und Tanz sind auch nach altindischem Glauben göttlichen Ursprungs. Durch Musik, Gesang und Tanz nach geheiligten Regeln bleiben die kosmischen Kräfte und somit die Weltordnung erhalten. Die griechische Mythologie versteht Musik als Geschenk Apollons und der Musen an die Menschen. Musik hat nach Schriften des griechischen Dichters Hesiod um 700 v. Chr. ihren Sitz in der Seele des Menschen und bildet den Gegenpol zum Verstand. Der Ton gilt dabei als akustisches Naturgesetz. 1
Fernab der mythischen Bedeutung, dass Musik schon vor dem Menschen existiert
1 vgl. Zur Anthropologie der Musik, www.uni-bamberg.de/ppp/ ethnomusikologie, S. 1 ff,
8
habe, hat der US-Musikforscher David Huron von der Ohio State University folgende Vermutung:
Der Mensch sei besonders stark auf soziale Beziehungen angewiesen und möchte sich einer Gruppe zugehörig fühlen. Musik, so Huron, sei wahrscheinlich entstanden, um den Zusammenhalt einer Gruppe zu fördern. Um seine Theorie zu untermauern, berichtet Huron von den noch heute am Amazonas lebenden brasilianischen Mekranoti-Indianern.
Diese Indianer sind Jäger und Sammler. Musik ist fester Bestandteil ihres Alltags. Jeden Morgen und Abend singen die Frauen ein bis zwei Stunden, die Männer sogar schon morgens ab halb fünf. Über ihren Gesang definieren sich die Mekranoti als Gruppe.
Insbesondere die Männer, meint Huron, signalisieren durch ihr Singen Wachheit, Aufmerksamkeit und Verteidigungsbereitschaft. 1
Charles Darwin sprach 1871 von einer Art der Umwerbung, ähnlich des bei Vögeln zu beobachtenden Paarungsverhaltens. Zu diesem Zweck hätten die Menschen, bevor sie der Sprache mächtig waren, die Musik möglicherweise eingesetzt. Dieser Vermutung schließt sich der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer an. Seiner Meinung nach ist die Musik Folge der sexuellen Selektion. Durch Musik wollte der Mann die Frau beeindrucken. Demnach wäre Musik ein Ausdrucksmittel der Stärke und Gesundheit des Mannes. Dem allerdings widerspricht David Huron: Nach Spitzers Auffassung müssten Männer musikalischer sein als Frauen - wofür es aber keine Anhaltspunkte gibt.
Der japanische Evolutionsforscher Hajime Fukui meint, ebenso wie Huron, dass Musik aufgrund ihrer sozialen, gemeinschaftsfördernden Funktion entstanden sei. Die Gruppen, in denen der Urmensch lebte, wurden größer, sagt Fukui, dadurch seien spannungsabbauende Aktivitäten, wie zum Beispiel das Musizieren, willkommen gewesen. 2
1 vgl. Der Spiegel, a.a.O., S. 139 f
2 vgl. ebenda, S. 139 f
9
2.1.2. Naturklänge - Grundlage der Musik?
Musik, die sich in verschiedenen Kulturen entwickelt, kann äußerst unterschiedlich sein, doch scheinen alle Tonsysteme letztendlich denselben Naturgesetzen zu folgen. Dabei wird die Oktave als Grundlage verstanden. Die Oktave gehört, wie auch der bei uns übliche Dur-Dreiklang zu den Intervallen, die überall in der Natur vorkommen. 1 Bäume, Steine und andere Dinge haben ihren Klang, der sich aus einem vorherrschenden Ton und den dazugehörigen Obertönen zusammensetzt. Diese Obertöne schwingen in bestimmten Intervallen zum Grundton mit, zum Beispiel im Oktavabstand und bestimmen die Färbung des Klangs. Sie sind dafür verantwortlich, ob ein Klang gefällt oder nicht. Manfred Spitzer meint, in der Musik sei durch schwingende Körper und durch die Beschaffenheit des Gehörs sehr viel festgelegt. Wahrscheinlich habe sich das Ohr den aus der Natur vertrauten Klängen angepasst. 2 Die Musikwissenschaftlerin Susanne Binas vom Forschungsministerium Populäre Musik Berlin berichtet, dass Musik ihrem lokalen Hintergrund entsprechend umgedeutet wird. Dieselbe Musik kann deshalb sehr unter- schiedlich wahrgenommen werden. So interpretieren Inder rhythmische Strukturen und Melodien desselben Liedes anders als Europäer. In der indischen Musik wird eine Oktave in 22 Intervalle unterteilt, in unserem Musiksystem hat eine Oktave 12 Halbtonschritte. Darum erscheint die indische Musik mit ihren kleinen Tonabständen unseren Ohren so fremd. Die in einer bestimmten Region vorherrschenden Naturklänge könnten der Grund für die Entwicklung unterschiedlicher Tonsysteme sein. 3 Nach Auffassung des Musikethnologen Raimund Vogels und seines Kollegen Reinhard Kopiez ist Musik keine universelle Sprache. Ihrer Meinung nach wird Musikempfinden kulturell erlernt. Natürlich gäbe es so in allen Kulturen die einfach strukturierten Kinderlieder und die Vorliebe eines Tempos von 120 Schlägen pro Minute - ein Rhythmus, der besonders zum Mitmachen anregt - doch "[...] gibt es keine natürliche, biologisch vorgefasste Präferenz, von der eine individuelle Kultur nicht abweichen könnte." 4
Diese Auffassung schließt eine auf Naturklängen basierende Grundstruktur aller Tonsysteme nicht aus. Ein Tonsystem kann durchaus aus Naturklängen hervorgehen
1 Anmerkung d. Verf.: Als Intervall wird der Abstand eines Tones zu einem
anderen bezeichnet
2 vgl. Der Spiegel, a.a.O., S. 134
3 vgl. ebenda, S. 134 f
4 vgl. GEO, Heft Nr.11, November 2003, S. 80
10
und sich dann individuell weiterentwickeln.
Dass Hörgewohnheiten vermutlich kulturell geprägt sind, zeigt eine amerikanische Studie. Nur 60 % der Menschen aus einer fremden Kultur haben ein Kinderlied als solches erkannt. Die Menschen aus der dem Kinderlied zugehörigen Kultur erzielten eine Trefferquote von 80 %. 1
Auch die Tatsache, dass selbst raffinierteste Melodien einem kulturfremden Ohr monoton erscheinen, lässt auf kulturspezifische Prägung schließen. 2 Letztendlich aber kann man aufgrund der Tatsache, dass eine Vielzahl von Musikhörern gelernt hat, kulturfremde Musik zu hören, zu entschlüsseln und nach oftmals anfänglicher Befremdung als angenehm zu empfinden, eine gemeinsame, auf Naturgesetzen beruhende Grundlage vermuten.
2.2. Heilkraft der Musik und ihre Nutzung im Laufe der
Jahrhunderte
Heilende Kräfte spricht man der Musik seit längst vergangenen Zeiten zu. Schon in der Bibel ist zu lesen, dass nach David gerufen wurde, damit er mit seinem Harfenspiel die Schwermut des Königs Saul lindere. 3 Doch wurde Musik nicht nur eingesetzt, um trübe Stimmung aufzuhellen oder Krankheiten zu heilen. Viele Ärzte und Philosophen vertraten die Ansicht, der menschliche Körper sei musikalischen Strukturen und Ordnungen entsprechend aufgebaut. Dadurch wäre auch die große Wirkung der Musik auf den Menschen erklärbar. Der gesunde Körper wird gleichgesetzt mit harmonischer Musik. Bei Krankheit ist diese Harmonie gestört. In einer Spruch- und Zitatensammlung aus dem 17. Jahrhundert steht geschrieben:
"Ein gesunder Leib ist wie ein Musicalisch Instrument / so die Seiten
verletzt werden / hat man lang daran zu stimmen / biß sie wieder zur
Harmoni komen."
Ebenfalls ist zu lesen:
1 vgl. GEO, a.a.O., S. 82
2 vgl. ebenda, S .82
3 vgl. ebenda, S. 82
11
"Kranckheit ist nichts anders / alß ein zerrüttung der Natürlichen Ordnung des
Leibs. Die Harmony der Seiten wird zerstört / und man hat offt lang daran zu
1 stimmen / biß man sie wieder zur Consonans bringt."
Der Vergleich zwischen Mensch und Musik ist deutlich geprägt von Pythagoras und Platons Vorstellungen. Nach der Auffassung des Pythagoras bestimmten Zahlen alles Räumliche, alle Formen, die Laufbahnen der Planeten, alles Lebendige und sogar die Einheit von Leib und Seele des Menschen. Pythagoras entdeckte die Zahlen als Grundlage der Musik. Er fand heraus, dass die musikalischen Hauptintervalle in ganzzahligem Schwingungsverhältnis zueinander stehen. Nicht nur der Musik, auch dem menschlichen Körper wurden Zahlen zugeordnet. Durch den griechischen Arzt Galen (129 - 199 n. Chr.) 2 er- langte zum Beispiel das Vierer-Schema größere Beachtung. Vier Körpersäfte, vier Elemente, vier Hauptorgane, vier Himmelsrichtungen, um nur einige Vierergruppierungen zu nennen, wurden miteinander auf vielfältigste Weise kombiniert und bildeten Jahrhunderte lang die Grundlage ärztlicher Theorie und Praxis. Die auf Zahlenverhältnissen begründete Ordnung sowohl des menschlichen Körpers als auch der Musik ließ eine Wesensverwandtschaft von Mensch und Musik vermuten. 3 Nicht nur den Körper, selbst das Innere der Seele stellte man sich als streng musikalische Ordnung vor. Krankheit wurde als Störung dieser Zahlen-Ordnung angesehen und mit zahlenmäßig-harmonischer Musik glaubte man eine gesundheitliche Störung beseitigen zu können. 4
Die folgenden Beispiele vermitteln ein Bild von der Verwendung der Musik als heilende Kraft.
2.2.1. Heilungsrituale in Stammesgesellschaften
Die Heilkraft der Musik spielte in den afrikanischen, indianischen und slawischen Stammesgesellschaften schon immer eine zentrale Rolle. Schamanen oder Medizinmänner, zumeist unter der Wirkung berauschender Substanzen, singen und
1 vgl. W.F. Kümmel: Musik und Medizin - ihre Wechselbeziehungen in Theorie
und Praxis von 800 bis 1800,Verlag Karl Alber GmbH, Freiburg/München 1977, S. 89
2 vgl. ebenda, S. 24
3 vgl. ebenda, S. 90
4 vgl. ebenda, S. 91 f
12
tanzen, um Kranke zu heilen. Ein Heilungsritual des ostafrikanischen Stammes Digo dauert beispielsweise eine ganze Woche. Nach Vorstellung der Digo schweben Geister durch die Luft. Manche Menschen werden von ihnen befallen und dadurch krank.
Nachdem sich der Medizinmann über mehrere Tage ein Bild von der Krankheitsgeschichte eines Patienten gemacht hat, befragt er ein Orakel, von
welchem er die Namen der krankmachenden Geister erfahren möchte. Sobald das Orakel dem Medizinmann diese Namen offenbart hat, beginnt das Herbeilocken der Geister. Dies geschieht mit Trommeln, Rasseln, Amuletten und Geisttüchern. Jeder Geist hat dabei seinen speziellen Rhythmus.
Wenn dann der gerufene Geist anwesend ist, wird der Patient durch stundenlangen, gleichförmigen, im Tempo ansteigenden Tanz in Ekstase versetzt. Dabei beträgt das anfängliche Tempo - übereinstimmend mit unserem Herzschlag - 72 Schläge pro Minute und steigert sich auf doppelte Geschwindigkeit. Der Geist wird unter Beschimpfungen aller Stammesmitglieder ausgetrieben. Dann beendet der Medizinmann den ekstatischen Zustand seines Patienten, indem er ihn massiert und in einen monotonen Gesang übergeht. Der Trommelrhythmus verlangsamt sich wieder auf 72 Schläge pro Minute. Der Patient gilt jetzt als geheilt, wird aber noch in einer weiteren Ritualphase vor Rückfall geschützt und letztendlich in die Stammesgemeinschaft reintegriert.
Die vielen Heilerfolge dieser Rituale lassen sich größtenteils auf den intensiven Einsatz aller Stammesmitglieder zurückführen. Deutlich erkennbar wird an diesem Beispiel, wie sehr die Musik das Heilungsritual trägt und das Gemeinschaftsgefühl, das dem Kranken die zur Gesundung nötige Geborgenheit vermittelt, fördert. 1
2.2.2. Puls und Musik
Schon 300 v. Chr. hat sich der Arzt Herophilos aus Alexandria mit der Verbindung von Puls und Musik beschäftigt. Dabei ging es ihm um zahlenbedingte
Gesetzmäßigkeiten des Pulsschlags. Er bemerkte ein bestimmtes Auf und Nieder im Pulsschlag und erarbeitete entsprechende musikalisch-metrische Modelle. Nach diesen
1 vgl. Hermann Rauhe, Reinhard Flender: Schlüssel zur Musik, Droehmersche
Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München 1990, S. 173 ff
13
Modellen glaubte er, gesunde und kranke Pulse kennzeichnen und unterscheiden zu können. Die Pulslehre des Herophilos fand über zwei Jahrtausende viel Beachtung, aber auch Ablehnung. Der griechische Arzt Galen (129 - 199 n. Chr.) bemängelte, dass den bemerkenswerten Erkenntnissen des Herophilos über Pulsrhythmen keine Krankheitsprognose folgen würde. 1
Im Laufe der Jahrhunderte wurden weitere Pulslehren entwickelt, die sich im Wesentlichen mit der Musik im Puls, nicht aber mit der Wirkung der Musik auf den Puls beschäftigten. 2
Erst im 18. Jahrhundert wird eine solche Wirkung häufiger vermutet. 1745 stellte der Mediziner Ernst Anton Nicolai ein Aufrichten der Haare beim Hören von Musik fest. Das Herz, so bemerkte er, würde schneller schlagen, der Atem langsamer und tiefer werden. Auch würde der ganze Mensch, meinte Christoph Wilhelm Hufeland im Jahre 1796, Ton und Takt der ge-hörten Musik annehmen und der Puls würde entsprechend lebhafter oder ruhiger werden. 3
Der italienische Arzt Luigi Desbout beobachtete 1784 ein fieberndes Mädchen, dessen Puls- und Atemfrequenz sich während eines Konzertes genau dem Takt der Musik anpasste. Weitere Aussagen von Ärzten und Musikern bestätigten diese Beobachtungen und ließen eine direkte Wirkung von Musik auf den Puls vermuten. So glaubte man, einen geschwächten Puls durch Musik stärken zu können. 4
2.2.3. Musik zu Pestzeiten
Zu Pestzeiten schrieben einige Ärzte, dass Angst und Traurigkeit zur Ausbreitung der Seuche beitragen würden, Fröhlichkeit dagegen vor Ansteckung schützen könne. Eine Wiener Pestschrift von 1510 empfiehlt die Vermeidung von Zorn, Traurigkeit, Furcht und anstrengenden Gedanken, insbesondere über Pest, Krankheit und Tod. Durch solcherlei Affekte würde der Körper geschwächt werden. Stattdessen solle man auf Medikamente und Gottes Hilfe hoffen und maßvolle Freude anstreben, zum Beispiel durch wohlklingende Lieder, Harfen- oder Lautenspiel. 1 1626 beschreibt der Danziger Arzt Joachim Olhafius, warum seiner Meinung nach ängstliche Menschen häufiger
1 vgl. W.F. Kümmel, a.a.O., S. 23 ff
vgl. ebenda, S. 47 ff 2
vgl. ebenda, S. 60 ff 3
vgl. ebenda, S. 60 ff 4
1 vgl. W.F. Kümmel, a.a.O., S. 96
14
von der Pest angesteckt würden als fröhliche. Dabei verwendet er den Begriff
"spiritus". Unter Spiritus wurde bis ins 18. Jahrhundert hinein ein feiner Stoff verstanden, der mit der Atmung aufgenommen wird, sich im gesamten Organismus verteilt und zwischen Körper, Seele und Geist vermittelt. 2 Die "spiritus" würde sich nach Olhafius Auffassung bei guter Stimmung über den ganzen Körper verteilen. Ebenso würde der Peststoff bei guter Stimmung gleichmäßig im Körper verteilt
werden, gelänge nur teilweise zum Herzen und würde von den anderen Organen entschärft werden. Angst dagegen würde die "spiritus" zum Herzen drängen und den Peststoff unverteilt mit sich führen, wodurch die Gefahr der Pesterkrankung erhöht sei. Musik sorge dafür,
"daß die spiritus richtig in Umlauf gesetzt und richtig über den ganzen Körper
verteilt werden, damit sie nicht in großer Menge in Erregung gebracht und den ansteckenden
Peststoff zum Herzen mitnehmen." 3
2.2.4. Musik und Fieber
Jahrhundertel ang glaubte man, neben anderen magischen Praktiken, Fieber durch Zaubergesänge vertreiben zu können. Die Auffassung arabischer Ärzte stützte sich jedoch nicht auf Magie. Ab dem frühen 10. Jahrhundert vertraten sie vielmehr die Meinung, angenehme musikalische Klänge würden die Seele des Kranken erfreuen und stärken.
Somit trüge Musik zur Auflösung der schädlichen, Fieber auslösenden Stoffe bei. Trotz aller Umstrittenheit dieses Nutzens wurde die Überzeugung der arabischen Ärzte weitgehend geteilt. 1 Über das durch Kummer und Sorgen entstehende Eintagsfieber schreibt 1184 der armenische Arzt Mechithar:
"Die Behandlung bestehe darin, daß man mittels Spiel und Scherz und allerlei
Kurzweil Heiterkeit hervorrufe und zerstreue. Und soviel wiemöglich soll (der)
Patient des Sängers und des Saitenspiels und süßer Weisen Klängen lauschen und
sich mit allen Dingen beschäftigen, die innere Fröhlichkeit herbeischaffen." 2
Um die Wende zum 19. Jahrhundert hin waren viele Ärzte von der therapeutischen Wirkung der Musik gegen Fieber überzeugt. Doch die Wirkung wurde nicht
2 vgl. ebenda, S. 96
3 vgl. ebenda, S. 328
1 vgl. W.F. Kümmel, a.a.O., S. 313
2 vgl. ebenda, S. 316 f
15
überschätzt. Man sah zwar in der Musik ein wertvolles Hilfsmittel, glaubte aber nicht, allein durch Klänge Fieber heilen zu können. 3
2.2.5. Heilkraft der Musik in der heutigen Zeit
Mittlerweile steht fest, dass durch angenehm empfundene Musik die Stresshormone Adrenalin und Kortisol abgebaut werden, die Ausschüttung von Endorphinen, den körpereigenen Opiaten, wird dagegen angeregt. Diese Forschungsergebnisse beweisen, was der Mensch im Grunde schon immer wusste: Musik, die man mag, steigert das Wohlbefinden. Wegen ihrer Stress, Angst und Schmerz reduzierenden Wirkung wird Musik schon seit einiger Zeit bei medizinischen Eingriffen eingesetzt. Es konnte sogar bewiesen werden, dass weniger Beruhigungsmittel benötigt werden, wenn vor Operationen oder während Lokalanästhesien eine vom Patienten ausgewählte Musik gespielt wird. 1987 entdeckten japanische Forscher einen deutlich niedrigeren Stresshormonspiegel bei Zahnarztpatienten, die während ihrer Behandlung Musik hörten. Verglichen wurde mit einer Kontrollgruppe, die keine Musik hörte. 4
In einer Schmerztherapie, berichtet der Musikmediziner Ralph Spintge, konnten mit einem speziell komponierten Musikprogramm über 120000 Patienten erfolgreich behandelt werden.
Auch bei der Behandlung von Depressionen, Phobien und Essstörungen wird Musik mittlerweile eingesetzt. Man nutzt hier die angstlösende Wirkung. Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass ein langsamer Takt von etwa 60 bis 70 Schlägen pro Minute dem Herzschlag des ruhenden Körpers entspricht. Langsame Musik eignet sich also zur Ruhefindung.
Insgesamt wirkt das Hören von Musik, so die Musiktherapeutin Ute Rentmeister, hauptsächlich entspannend und richtet die Aufmerksamkeit nach innen. Die aktive Musiktherapie, in welcher der Patient selbst musiziert, dient eher der Kontaktaufnahme. 1
3 vgl. ebenda, S. 320 f
4 vgl. Psychologie Heute, Heft Nr.3, März 2003, S. 54
1 vgl. Psychologie Heute, Heft Nr.3, März 2003, S. 54
16
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Beate Zacher, 2004, Mensch und Musik und deren Relevanz für die Sozialarbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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