2
Vorbemerkung
Nürnberg ist eine typische Gründungsstadt aus "wilder Wurzel". Anders als etwa Regensburg, Augsburg, Köln oder Mainz kann die Stadt nicht auf ein reiches römisches Erbe zurückblicken, das über einen frühen Bischofssitz Kontinuität bis ins Mittelalter fand. Für die Anlage der Burg und der ersten Siedlung wählte Heinrich III. einen Ort in karger Umgebung, ohne alten kirchlichen Mittelpunkt und fernab von großen Flüssen, die doch die wichtigsten Verkehrswege der damaligen Zeit darstellten. Begünstigt wurde die Siedlung nur durch ihre Lage im Schnittpunkt wichtiger Landstraßen, die von den alten rheinischen Kulturräumen nach Osten und von Norden kommend weiter nach Italien führten. Der schon fast sagenhaft anmutende Aufstieg der Stadt innerhalb weniger Jahrhunderte zu einer der wichtigsten Metropolen des Reiches ist damit freilich noch nicht zu erklären. Vom Zeitpunkt seiner Gründung an war die Entwicklung Nürnbergs eng mit den politischen Ereignissen des Reiches verbunden. Hierin liegt wohl die eigentliche Bedeutung der frühen Nürnberger Stadtgeschichte. Durch kluges Taktieren ihrer Bürger konnte sich die Stadt von ihrer anfänglichen Rolle als Spielball konkurrierender Mächte zur freien Reichsstadt emanzipieren. Diese Arbeit stellt den Versuch dar, die wichtigen Ereignisse des 12. und 13. Jahrhunderts zusammenzufassen, welche die Basis für diesen Prozeß bildeten. Das regionale Geschehen in Nürnberg und seinem Umland soll in den größeren Zusammenhang der Reichsgeschichte gestellt werden, deren politische Vorgänge den Aufstieg der Stadt maßgeblich gefördert haben.
1. Einleitung
Die Gründung Nürnbergs reicht zurück vor das Jahr 1050 und findet ihren Ursprung im Bau der ersten Reichsburg durch Kaiser Heinrich III. auf einem roten Sandsteinfelsen oberhalb der Pegnitz. Die Anlage der Burg ist eine Reaktion auf die Reichskirchenpolitik Heinrichs II. Dieser hatte in groáem Umfang altes karolingisches Königsgut zugunsten der Reichskirche aufgelöst, in der er eine starke Stütze königlicher Macht gegen den Adel sah. So wurden bei der Gründung Bambergs 1007 die reich ausgestatteten Königshöfe Fürth und Forchheim an das neue Bistum gegeben. Heinrich III. aber erkannte, daß die Kirchenreform des 11. Jahrhunderts auch die Reichskirche ergreifen und dem Einfluß des Königs entziehen würde 1 . Eine neue Politik mußte daher den Versuch unternehmen, das vergebene Königsgut zu revindizieren, um die reichische Zentralgewalt zu stärken. Die vermutlich auf kirchlichen
1 Hermann Heimpel: Nürnberg und das Reich des Mittelalters. In: ZBL 16 (1951/52), S. 236f.
3
Boden erfolgte Gründung Nürnbergs 2 ist in diesem Zusammenhang als gegen das junge Bistum Bamberg gerichtete Maßnahme zu betrachten. Deutlich wurde dies, als Markt, Münze und Zollrechte des bambergischen Marktes Fürth an Nürnberg übertragen wurden 3 . Der Markt wurde zwar aufgrund heftiger Proteste der Kirche schon 1062 wieder an Fürth zurückgegeben, was jedoch nicht bedeuten muß, daß Nürnberg das Marktrecht wieder aufgegeben hat 4 . Über die weitere Entwicklung der Siedlung im 11. Jahrhundert gibt es nur wenige Anhaltspunkte. 1050 bereits hielt Heinrich III. in Nürnberg einen Hoftag ab, und es dürfen schon zu dieser Zeit zwei Königshöfe im Umkreis der Burg angenommen werden. Der eine lag auf dem Gebiet des ehemaligen Schottenklosters St. Egidien, auf dem im 12. und
13. Jahrhundert der Butiglerhof stand; der zweite Königshof befand sich auf dem Areal des späteren Deutschherrenhauses St. Jakob in der südlichen Lorenzer Stadt. Vermutlich gleichzeitig mit der Anlage der Reichsburg entstand unterhalb von ihr auch die erste Gewerbesiedlung, die Wurzel der späteren Bürgerstadt. Das salische Nürnberg bildete in Ostfranken den strategischen Gegenpol zum bischöflichen Bamberg. Mit der im 11. Jahrhundert noch unbedeutenden Siedlung legten die Salie die Grundlage für eine Königsstadt. Doch erst die Staufer schufen im 12. und 13. Jahrhundert die Voraussetzungen für Nürnbergs großartigen Aufstieg zur Reichsstadt, die im Spätmittelalter eine der bedeutendsten Handelsmetropolen und zur Wiege der gewerblichen Produktion des Reiches werden sollte.
2. Nürnberg als Element staufischer Territorialstaatspolitik
Nürnbergs Entwicklung wird maágeblich bestimmt von der zentralen politischen, wirtschaftlichen und verwaltungsmäßigen Funktion, die der anfangs bescheidenen Siedlung im Zuge des Aufbaus eines Reichslandes allmählich zuwuchs. Die Erschließung des Nürnberger Gebiets unter Konrad III. und Friedrich I. Barbarossa war eines der wesentlichen Elemente staufischer Territorialstaatspolitik und unterstreicht die besondere geostrategische Bedeutung, die die Reichsburg Nürnberg hier einnahm 5 . Mit dem Tod des Diepoldinger Markgrafen und der folgenden Übernahme des Egerlandes, erhielt das im Entstehen begriffene Nürnberger Reichsland eine wichtige Brückenfunktion zwischen den Kernlanden am Oberrhein und in Schwaben, dem Hohenstaufen und den Marken westlich und nördlich
2 siehe Anm. 8, 20.
3 Karl Bosl: Die bayerische Stadt in Mittelalter und Neuzeit. Altbayern-Franken-Schwaben. Regensburg 1988,
S.158.
4 Karl Bosl: Die Anfänge der Stadt unter den Saliern. In: Nürnberg - Geschichte einer europäischen Stadt. Hrsg. v.
Gerhard Pfeiffer. München 1971, S.15.
5 Bruno Gebhard: Handbuch der deutschen Geschichte. Hrsg. v. Herbert Grundmann. Band 1. Frühzeit und
Mittelalter. Stuttgart 1980, S. 794 f.
4
von Böhmen. Diese Gebiete mit ihren riesigen Wäldern waren noch großenteils unerschlossen und boten sich für Landesausbau und Herrschaftsbildung geradezu an 6 . Das Gebiet um die Reichsburg lag zwar fernab von den großen Wasserstraßen, dennoch war der ostfränkische Raum verkehrstechnisch bereits gut erschlossen. Mehrere alte Reichsstraáen durchzogen die Region: die wichtige Fernhandelsstraße von Frankfurt über Würzburg, Nürnberg nach Regensburg, eine weitere West-Ost-Verbindung durch den Nordgau über Eger nach Prag, und weiter südlich verlief über Wimpfen, Geislingen, Dinkelsbühl, Weißenburg die Fernhandelsstraße von Paris nach Konstantinopel. In Nord-Süd-Richtung wurden diese Straßen gekreuzt von der alten Königsstraße Hallstadt-Bamberg-Forchheim-Weißenburg-Neuburg/Donau und schließlich der von Italien kommenden Fernstraße über Augsburg Donauwörth, Dinkelsbühl nach Aub bei Würzburg 7 . Die ausgesprochen gute verkehrstechnische Lage konnte die Entwicklung des neuen Reichslandes nur begünstigen. Nürnberg bildete politisch und verwaltungsmäßig, bald auch in wirtschaftlicher Hinsicht den Mittelpunkt des Gebietes. Um die große Reichsburg wurden in weiterer Entfernung Ministerialenburgen in Eschenau, Kirchrüsselbach, Gründlach, Altenberg, Bürglein, Buttendorf, Wilhermsdorf, Schniegling, Rasch, Penzenhofen, Altenthann und Wettenhofen errichtet. Dieser Burgenring bildete die Grenzbefestigung der neuen terra imperii.
Verwaltung und Organisation des Reichslandes lagen weitgehend in den Händen von Ministerialen. Karl Bosl hat nachgewiesen, daß Konrad III. seine Dienstleute aus der Bamberger Hochstiftsministerialität rekrutierte. Es liegt nahe, bedeutende Hoheitsrechte des Bamberger Bischofs auf dem Gebiet des Reichslandes zu vermuten. Demnach wäre es durchaus möglich, in Nürnberg noch im 12. Jahrhundert neben dem kaiserlichen Stadtherrn mit einem reichskirchlichen Gegenspieler zu rechnen 8 .
Der Vertreter hoheitlicher Rechte und Oberhaupt der ministerialen Verwaltungsorganisation war zunächst ein hochadeliger Burggraf. Er hatte das militärische Oberkommando im Reichsland, vertrat die Rechte des Stadtherrn gegenüber den Bürgern und übte den Vorsitz in den Gerichten der Burgmannen und der Ministerialen aus. Nach dem Aussterben der Burggrafen von Raabs scheinen die burggräflichen Kompetenzen mit Übertragung des Amtes an die schwäbischen Zollern stark eingeschränkt worden zu sein. Sie konzentrierten sich nun im wesentlichen auf das militärische Kommando der Burg 9 . Das Hochgericht über Reichsland und Stadt wurde nicht von den Zollern ausgeübt, sondern Reichsbeamten
6 Karl Bosl: Das staufische Nürnberg, Pfalzort und Königsstadt. In: Nürnberg - Geschichte einer europäischen
Stadt. Hrsg. v. Gerhard Pfeiffer. München 1971, S. 19.
7 Gebhard, Handbuch, S. 794.
8 Bosl, Das staufische Nürnberg, S. 19f. In einer Urkunde von 1163 werden die kaiserliche und bischöfliche
Ministerialität als dieselbe Körperschaft bezeichnet. Die Existenz einer solchen Doppelfamilia deutet auf die
staufische Praxis, bei der Bildung ihrer Reichsterritorien auf Gut, Leute und Rechte der Kirche zurückzugreifen.
Darin liegt der Versuch, die Folgen des Investiturstreits zu umgehen.
9 Bosl, Das staufische Nürnberg, S. 20.
5
übertragen. Der Reichsbutigler fungiert als Hochrichter im Reichsland und ist darüberhinaus Inhaber maßgeblicher Verwaltungs- und Hoheitsrechte 10 . Das Amt wird gegen Ende des 12. Jahrhunderts wohl im Rahmen einer Neuorganisation des Reichslandes geschaffen 11 , in deren Folge zunehmend Ministeriale mit Verwaltungsaufgaben betraut wurden. Sie standen dem König bei weitem loyaler gegenüber als der hochadelige Burggraf, dessen Bestrebungen bald vordringlich auf die Schaffung eines eigenen Territoriums zielten. Als Oberbeamter im Reichsgut führte der Butigler den Vorsitz im kaiserlichen Landgericht, war in Vertretung des Kaisers Inhaber der Schutzvogtei im Reichsland und in den umliegenden Klöstern. Weiterhin nahm er Dienste und Abgaben der Reichs- und Königsleute ein und war berechtigt, Burgen und Städte zu gründen, sowie Münzen prägen zu lassen 12 . Das Hochgericht in der Stadt übte der Butigler nicht aus. Hier fungierte nachweislich seit 1173/74 ein Schultheiß als Vertreter des Stadtherrn 13 .
Das Reichsgut um Nürnberg hatte sich zu einer gut organisierten terra imperii entwickelt, die militärisch gesichert, verkehrsmäßig erschlossen und durch ihre weitgehende Unabhängigkeit von hochadeligen Landesherren die nötigen strukturellen Voraussetzungen für künftige wirtschaftliche Prosperität bot.
3. Die Entwicklung der Stadt bis 1240
Der Ausbau des Reichslandes beeinfluße nachhaltig die allmähliche Entwicklung der Handwerker- und Kaufmannssiedlung zur Stadt. Bis zur Mitte des 12.Jahrhunderts sind die vorliegenden Angaben über die Bürgersiedlung noch sehr ungenau und zum Teil widersprüchlich 14 . Doch mit Übernahme der Königsherrschaft durch Friedrich I. Barbarossa begann der eigentliche Aufstieg Nürnbergs zur Bürgerstadt. Obgleich der Ort noch bis 1167 staufisches Hausgut blieb, wurde er bereits vom Kaiser als Residenz genutzt 15 . Barbarossa trifft hier 1156 eine Gesandtschaft des byzantinischen Kaisers und hält 1163 und 1166 Hoftage ab 16 . Die zentrale Funktion der Siedlung im Reichsland und die Lage an wichtigen Landstraßen fördern überdies die Bedeutung des Handelsplatzes Nürnberg. Schon 1112 erscheint der Ort in einer Urkunde Heinrichs V. neben Frankfurt, Boppard, Hammerstein, Dortmund, Goslar und Engern als weiterer Reichsort, in dem Wormser Kaufleute und
10 Heinz Dannenbauer: Die Entstehung des Territoriums der Reichsstadt Nürnberg. Stuttgart 1928, S. 79ff.
11 Die Bezeichnung Buticularius ist erst seit 1220 bezeugt, das Amt existierte jedoch schon früher.
12 Bosl, Das staufische Nürnberg, S. 20f.
13 Näheres dazu in Kapitel 3.
14 So wird bereits 1105 und 1146 Nürnberg als oppidum bzw. municipium , d.h. als städtische Siedlung
bezeichnet, während im Freiheitsbrief von 1229 noch immer von locus, einem königlichen Platz gesprochen wird.
Vgl. Nürnberger Urkundenbuch.
15 Bosl, Die bayerische Stadt, S. 160. Der Pfalzcharakter Nürnbergs findet allerdings erst 1183 in einer
schriftlichen Quelle Erwähnung, wo vom palacium Nurenberc die Rede ist.
16 Bosl, Das staufische Nürnberg, S. 16f.
Arbeit zitieren:
Christian Plätzer, 1995, Der Aufstieg Nürnbergs im 12. und 13. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Unitas - Doktrin oder Methode im Werk des Wynfreth-Bonifatius?
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Schwedisches Manifest und Gustav II Adolf von Schweden
Absichten und Intentionen im 3...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 19 Seiten
Unterrichtsstunde: Going-To-Future Fragen: What is Santa Claus going t...
Englisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 22 Seiten
Gegenüberstellung der Frauen Mme Arnoux und Rosanette des Romanes ...
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit, 16 Seiten
"Preemptive Action" - Der Präventivkrieg und die Theorie des...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 15 Seiten
Entwicklung der Bürgerrechte im Mittelalter. Frankfurt im Vergleich mi...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Die freie Reichsstadt Augsburg und der Beginn der Reformation
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 25 Seiten
Der Hitler-Stalin-Pakt: Weg und Beweggründe
Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Der Anschlag vom 11. September 2001
Politik - Internationale Politik - Region: USA
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Schweden unter Gustav II. Adolf im Dreißigjährigen Krieg
Motive und Kriegsziele
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 17 Seiten
Die veränderte Rezeption der Haitianischen Revolution im Zuge des post...
Eine Bestandsaufnahme
Hausarbeit, 29 Seiten
Das Verhältnis zwischen Macht und Mission. Die Karolinger und Bonifati...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Die Staatsreligion des Kaisers Theodosius oder wie das Christentum zur...
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hausarbeit (Hauptseminar), 40 Seiten
Franziskus von Assisi. Personifikation laikaler Armutsbewegung im 12./...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Hugo Grotius (1583-1645) und die Diplomatie als Mittel internationaler...
Politik - Internationale Politik - Thema: Geschichte der Internationalen Beziehungen
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Kolumbien - Spiegelbild der "neuen Kriege" nach Münkler
Politik - Internationale Politik - Region: Mittel- und Südamerika
Hausarbeit, 28 Seiten
Die Entstehung des Völkerrechts
Die Idee der Völkergemeinschaf...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 25 Seiten
Sind "neue Kriege" wirklich neu?
Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit
Zwischenprüfungsarbeit, 34 Seiten
Sachsen und Slawen im 9. Jahrhundert
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 17 Seiten
Christian Plätzer hat den Text Der Aufstieg Nürnbergs im 12. und 13. Jahrhundert veröffentlicht
Christian Plätzer hat einen neuen Text hochgeladen
A Zimmermann
0 Kommentare