Inhalt
I Einleitung 2
II Jeremy Bentham (1748-1832) 3
1. Quellen der Benthamschen Konzeption 4
a) Antike und frühchristliche Quellen 4
b) Neuzeitliche Quellen 5
aa) Hobbes (1588-1679) 5
bb) Spinoza (1632-1677) 5
cc) Locke (1632-1704) 6
dd) Hutcheson (1694-1747) 6
ee) Weitere Quellen 7
2. Die Ausarbeitung durch Bentham 7
a) Benthams Ziele 7
b) Das Prinzip der Nützlichkeit 8
c) Der Ursprung von Freude und Leid 9
d) Arten von Freude und Leid 10
e) Das hedonistische Kalkül 10
aa) Benthams Konzeption 10
bb) Schwierigkeiten des hedonistischen Kalküls 11
III John Stuart Mill (1806-1873) 13
1. Mills Konzeption 14
2. Zur Beweisbarkeit des Nützlichkeitsprinzips 15
3. Kritik 16
a) Kritik am Verfahren 16
b) Kritik am Beweis des utilitaristischen Prinzips 17
IV Die Grenzen des utilitaristischen Denkens am Beispiel des Strafrechts 18
1. Der Gerechtigkeitseinwand 18
2. Stellungnahme 20
Literaturverzeichnis: 22
1
I. Einleitung
Der klassische Utilitarismus (von utilitas, lateinisch für Nutzen) hat seit seiner Ausarbeitung durch Jeremy Bentham und John Stuart Mill Anfang des 19. Jahrhunderts vor allem im angelsächsischen Sprachraum viel Aufmerksamkeit und Zustimmung erfahren. Bis heute ist er dort - wenn auch in Form von zahlreichen Abwandlungen und Varianten 1 - eine der wichtigsten und einflussreichsten philosophischen Strömungen.
Als konsequentialistischer Ansatz beantwortet der Utilitarismus die Frage, wie Recht und Unrecht unterschieden werden können, ohne Rückgriff auf göttliche Autorität oder unveräußerliche „natürliche“ Wertvorstellungen, sondern nur mit Blick auf die Folgen einer Handlung. Der Vorwurf des „Wertnihilismus“ (Nicolai Hartmann) 2 ist dagegen verfehlt; denn auch die utilitaristische Ethik erkennt einen Wert an, den es anzustreben gilt, namentlich das menschliche Glück. Im Gegensatz zum Egoismus wird dabei jedoch nicht auf individuelles, sondern auf kollektives Glück abgestellt; mit der geläufigen Kurzformel ausgedrückt: die Handlung soll gut und moralisch wertvoll sein, deren Konsequenzen das größte Glück für die größte Zahl der von ihr betroffenen Personen bedeuten („greatest happiness for the greatest number“). In einer Zeit der fragwürdig gewordenen Autoritäten lag damit die Attraktivität des Ansatzes auf der Hand: Zum einen baut er auf einem Grundzug des Menschen auf, dem Streben nach Glück. Zum anderen wird Moral als vom Menschen und für den Menschen geschaffene Einrichtung begriffen, die durch die Bezugsgröße „Glück“ rational kalkulierbar und empirisch messbar sein soll - „morality as a human creation, serving human ends“ 3 . Ungeachtet dessen blieb eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Utilitarismus im deutschen Sprachraum aus, was Lasars als „Nicht-Rezeption des Utilitarismus in Deutschland“ 4 bezeichnet. Wo er Berücksichtigung fand, wurde der Utilitarismus kurz abgehandelt, teilweise geradezu abqualifiziert: Schischkoff spricht lapidar von einem „pseudo-ethischen, auf der Gleichsetzung von gut und nützlich beruhenden System“ 5 . Marx und Engels befürchteten eine „exploitation de l´homme par l´homme“ 6 , Nietzsche wiederum sieht den Utilitarismus in der Reihe der „Vordergrund-Denkweisen und Naivitäten“ 7 .
1
S. Höffe (Hrsg.), Einführung in die utilitaristische Ethik, 1975, S. 8.
2 Köhler in Williams (Hrsg.), Kritik des Utilitarismus, 1979, S. 9.
3 Glover, Utilitarianism and its Critics, S. 2.
4 Lasars, Die klassisch-utilitaristische Begründung der Gerechtigkeit, 1982, S. 1.
5 Schischkoff (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch, 14. Aufl. (1957), S. 621.
6 Marx/Engels, „Deutsche Ideologie, Werke (1959), S. 394; zitiert nach Höffe in: Gähde/Schrader (Hrsg.), Der klassische Utilitarismus, 1992, S. 293.
7 „Jenseits von Gut und Böse“, in: Nietzsche, Werke (1968), sechste Abteilung, zweiter Band, Nr. 255, zitiert nach Höffe (Fn. 6), S. 293.
2
Grund für die zurückhaltende Aufnahme in Deutschland mag auch die große Bedeutung der Kantschen Lehren gewesen sein. Denn der kategorische Imperativ Kants fordert ein unbedingtes Sollen ohne Beachtung von Zweck oder Folgen einer Handlung 8 , wie sich deutlich auch anhand der absoluten, d. h. auf zweckfreier Vergeltung aufbauenden Straftheorie Kants zeigen lässt 9 .
Im Folgenden soll der klassische Utilitarismus anhand der Arbeit seiner zwei wichtigsten Vertreter, Jeremy Bentham und John Stuart Mill, dargestellt werden.
II. Jeremy Bentham (1748-1832)
Schon im Einleitungssatz seines Hauptwerks, der „Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ von 1789 stellt Bentham zwei Grundannahmen seiner Konzeption vor. Die erste Annahme ist, dass menschliches Handeln zwingend vom Streben nach Lust bzw. vom Vermeiden von Schmerz bestimmt sei („Nature has placed mankind under the governance of two sovereign masters, pain and pleasure“ 10 ). Von diesem (von ihm vorausgesetzten) „Sein“ schließt Bentham schon im nächsten Satz auf das „Sollen“. Er statuiert, dass Lustgewinn bzw. Schmerzvermeidung auch Gradmesser für ethisch richtiges Handeln seien: „It is for them alone to point out what we ought to do, as well as to determine what we shall do.“ Ausgangspunkt seiner Lehre ist also ein „doppelter Hedonismus“: zum einen der psychologische Hedonismus als Grundstruktur menschlichen Handelns, zum anderen der ethische Hedonismus, demzufolge nichts in sich gut ist außer der Lust 11 . Eine Begründung für diesen Schluß vom „Sein“ auf das „Sollen“ sucht man allerdings vergeblich 12 . Bei dieser individuellen Betrachtung bleibt Bentham nicht stehen. Vom individuellen Glück gelangt er zum kollektiven Gemeinwohl, indem er letzteres als Summe des Glücks der einzelnen Mitglieder der Gesellschaft begreift: „The interest of the community then is, what?
- the sum of the several members who compose it“.
So wird verständlich, wie Bentham die „greatest happiness of the greatest number“ als Richtschnur für ethisch richtiges Handeln ermitteln will: durch Addition individueller „Glücksmengen“ zu einem kollektiven Gesamtnutzen. Mit anderen Worten: richtiges Handeln des einzelnen liegt dann vor, wenn das Glück aller - nicht zwangsläufig auch eigenes Glück -
9 S. dazu Roxin, Strafrecht, 4. Aufl. (2006), § 3 Rn. 2 f.
10 An Introduction to the Principles of Morals and Legislation, Auszug bei Glover (Fn. 3), S. 9 ff. 11 S. Höffe, Ethik und Politik, 1979, S. 122.
12 Zur Kritik an einer solchen Vorgehensweise s. u. III. 3. b).
3
maximiert wird. Damit gilt es jedoch, den Widerspruch zwischen der egoistischen Grundstruktur menschlichen Handelns (Streben nach eigenem Glück) und der Forderung der utilitaristischen Ethik (Streben nach kollektivem Glück) zu beseitigen. Bentham erkennt dieses Problem, geht aber davon aus, dass gerade auch die Förderung des Glücks anderer Menschen dem Handelnden Freude bereite („Pleasure of benevolence“ 13 ). Gleichwohl könne dies nicht bei allen Menschen vorausgesetzt werden; nötig sei vielmehr ein System von staatlichen und gesellschaftlichen Sanktionen insbesondere in Form von Gesetzen, um das menschliche Handeln in Richtung auf das Allgemeinwohl zu lenken.
1. Quellen der Benthamschen Konzeption
Ob Bentham als Begründer des Utilitarismus bezeichnet werden kann, kann dahingestellt bleiben 14 . Jedenfalls waren die Elemente seiner Konzeption nicht neu. Vielmehr griff er auf Quellen zurück, die bis in die Antike reichen und die im Folgenden kurz dargestellt werden.
a) Antike und frühchristliche Quellen
Schon Aristoteles (384-322 v. Chr.) hatte in seiner wichtigsten ethischen Schrift, der „Nikomachischen Ethik“ das Glück (griech. ευδαιµονια) als Endziel des menschlichen Handelns klassifiziert und eine folgenorientierte Konzeption ethisch richtigen Handelns begründet. Damit kann er als Urvater zweier wichtiger Theorieelemente des Utilitarismus gelten.
Als zweite wichtige Quelle ist der Hedonismus Epikurs (342-271 v. Chr.) zu nennen, der Lust (griech. ηδονη) als Motiv, Ziel oder Beweis sittlichen Handelns betrachtet 15 Interessant ist, dass Epikur dabei durchaus inhaltliche Forderungen an die Quellen dieser Lust stellt, sein Hedonismus also nicht als bloße vulgäre Triebbefriedigung verstanden werden darf: „Wenn wir also die Lust als Endziel hinstellen, so meinen wir damit nicht die Lüste der Schlemmer (...) sondern das Freisein von körperlichem Schmerz und von der Störung der Seelenruhe...“ 16 . Wie die vita-beata-Entwürfe der späten Stoiker erfassten diese Lehren jedoch nur einen Teilbereich der Benthamschen Konzeption, nämlich die des individuellen „summum bonum“,
13
Scarre, Utilitarianism, 1996, S. 77.
14 Verneinend, aber die Wichtigkeit seines Werks insbesondere für den juristischen Bereich betondend Lasars (Fn. 4), S. 32 15 Schischkoff (Fn. 5), S. 229.
16 Menokeus-Brief, zitiert in Trapp in Gähde/Schrader (Fn. 6), S. 191; s. auch Scarre (Fn. 13), S. 40.
4
also des Wohls des einzelnen. Altruistisches Handeln wurde hier nur als Quelle des eigenen Glücks verstanden 17 . Gleiches gilt für die beatitudo-Konzeption des Kirchenlehrers Augustinus, die in zweifacher Weise auf Gott Bezug nahm. Zum einen konnte nach Augustinus der Mensch das Glück nicht allein durch tugendhaftes Leben erreichen, sondern nur durch die Gnade Gottes („gratia gratuita“), zum anderen wies dieser Glücksbegriff eine starke Jenseitsorientierung auf 18 .
b) Neuzeitliche Quellen
Kennzeichnend für das neuzeitliche Denken ist die Überlegung, dass in einer Gemeinschaft nicht jede Handlung den Interessen jedes einzelnen entsprechen kann, somit nicht für jeden Betroffenen einen Zuwachs an Glück bewirken kann. Somit gelte es eine Art soziales Glück (soziales „summum bonum“) herauszuarbeiten, das zentrale oder alleinige Richtschnur ethisch richtigen Handelns sein soll.
aa) Hobbes (1588-1679)
Ein solcher Bezug auf das Gemeinwohl findet sich zwar noch nicht bei Thomas Hobbes. Sein Verdienst war es aber, den individuellen Glücksbegriff der Antike wiederzuentdecken, in dem er zu Beginn von Teil I des „Leviathan“ (1651) einen rein subjektiven und damit relativen Begriff des Guten einführt und von „pleasure“ als Endzweck allen Handelns spricht. Auch die von Bentham angestrebte rationale Begründung von Moral und Recht ohne Rückgriff auf Religion, Metaphysik oder Intuition geht auf Hobbes zurück 19 .
bb) Spinoza (1632-1677)
Auch bei Spinoza, der stark von Hobbes beeinflusst war, findet sich „Freude“ als Individualnutzen. Jedoch geht Spinoza einen Schritt weiter und führt den Begriff des „allgemeinen Glücks“ ein, nach dem zu streben ein Gebot der Vernunft sei. Nur aufgrund der Tatsache, dass nicht alle Menschen von Vernunft geleitet seien, sei ein staatlicher Erzwingungsapparat notwendig. Nach Spinoza ist bei rein vernunftgeleiteten Menschen selbst
17
S. auch Scarre (Fn. 13), S. 38.
18 S. Trapp (Fn. 16), S. 194 f.
19 Höffe (Fn. 7), S. 121.
5
im archaischen Naturzustand keine Kollision von individuellen und kollektiven Interessen denkbar. Damit lehnt Spinoza gleichzeitig die Hobbesche Vorstellung vom Kampf der von Selbstsucht getriebenen Menschen im archaischen Naturzustand ab („bellum omnium contra omnes“ 20 )
cc) Locke (1632-1704)
In seinem „Essay Concerning Human Understanding“ von 1690 folgt Locke zunächst Hobbes, wenn er Lust und Schmerz als Indikatoren für individuelles Glück anführt: „Things then are good or evil, only in reference to pleasure and pain“ 21 . Hinzu kommt auch bei Locke jedoch das „soziale Glück“, also das oben angeführte Gemeinwohl. Es sei eine natürliche Pflicht („natural duty“) jedes einzelnen, auch das Wohl des Mitmenschen und damit das Kollektivwohl innerhalb der Gesellschaft anzustreben. Dabei führt Locke - einen Gedanken Benthams vorwegnehmend - dieses „public good“ zunächst als vom Staat zu verfolgendes Endziel im Rahmen von Handlungen der Legislative 22 und Exekutive ein, und dehnt erst im Anschluss daran diese Pflicht aus, indem er sie für jeden einzelnen für bindend erklärt 23 .
dd) Hutcheson (1694-1747)
Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss des englischen Moralphilosophen Francis Hutcheson auf die Entwicklung des klassischen Utilitarismus durch Bentham. Er war wohl der erste Philosoph, der ernsthafte (wenn auch nur rudimentäre) Versuche unternahm, die Moralität einer Handlung anhand bestimmter Parameter zu berechnen. Auch war es Hutcheson, der die berühmte utilitaristische Zielformel „the greatest happiness for the greatest number“ einführte 24 .
20
Schischkoff (Fn. 5), S. 246.
21 An Essay Concerning Human Understanding, Kapitel XX des 2. Buches, zitiert in Trapp (Fn. 16), S. 201. 22 Vgl. den Titel von Benthams Werk: „An Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ (Hervorhebung vom Verfasser).
23 Trapp (Fn. 16), S. 202.
24 Trapp (Fn. 16), S. 206; als weiterer Urheber wird Beccaria mit seinem Hauptwerk „Dei delitti e delle penne“ (1764) genannt, dazu sogleich im Text.
6
Quote paper:
Johannes Kaspar, 1999, Der klassische Utilitarismus - Jeremy Bentham und John Stuart Mill, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
History Europe - Other Countries - Middle Ages, Early Modern Age
Scholary Paper (Seminar), 11 Pages
Der Gesellschaftsvertrag bei Thomas Hobbes und seine Wirkungen auf die...
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Scholary Paper (Seminar), 21 Pages
Ludwig Wittgenstein und der Sinn des Lebens. Eine Untersuchung der Si...
Philosophy - Philosophy of the Present
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 25 Pages
Max Webers Analyse der Bürokratie - ein Überblick
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Termpaper, 19 Pages
Der Begriff der Evolution bei Emile Durkheim und Niklas Luhmann
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Termpaper, 21 Pages
Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus - ...
Termpaper, 18 Pages
Standortplanung, -bewertung und -controlling
Business economics - Controlling
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 53 Pages
Handlungs- und produktionsorientierter Umgang mit der Fabel 'Der H...
Deutsch, Klasse 5/6
German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Lesson Plan, 33 Pages
Simmels Geldtheorie und dessen Rezeption in der Gegenwart
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholary Paper (Seminar), 34 Pages
Liebe und Freundschaft in Lysi...
Philosophy - Philosophy of the Ancient World
Scientific Study, 17 Pages
Rhetorik - Eine Einführung in Historie und Systematik
Termpaper, 20 Pages
Beschäftigung mit der Frage Niklas Luhmanns: 'Lässt unsere Gesells...
Scholary Paper (Seminar), 9 Pages
Das Prinzip Verantwortung als Anspruch einer modernen Ethik im Zeitalt...
Scholary Paper (Seminar), 20 Pages
Sprache als Kommunikationsmittel - Die Kurzgeschichte "Ein Tisch ...
German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Lesson Plan, 30 Pages
Workflowmanagement in der Verwaltung
Computer Science - Commercial Information Technology
Scholary Paper (Seminar), 33 Pages
Johannes Kaspar's text Der klassische Utilitarismus - Jeremy Bentham und John Stuart Mill is now available as a printed book
Johannes Kaspar has published the text Der klassische Utilitarismus - Jeremy Bentham und John Stuart Mill
Johannes Kaspar has uploaded a new text
The Pursuit of Certainty: David Hume, Jeremy Bentham, John Stuart Mill...
Shirley Robin Letwin
The Pursuit of Certainty: David Hume, Jeremy Bentham, John Stuart Mill...
Shirley Robin Letwin
0 comments