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Anmerkungen zur Form der Arbeit:
Als Textgrundlage benutze ich die im Literaturverzeichnis angegebene, von Stephan Füssel und Hans Joachim Kreutzer herausgegebene kritische Ausgabe der 'Historia'. Aus Gründen der Übersichtlichkeit und des Leseflusses gebe ich Textstellen aus der 'Historia', sofern ich mich nicht auf ganze Kapitel beziehe, nur mit Seiten- und Zeilenzahl im laufenden Text an. Mein Schreibprogramm unterstützt den frühneuhochdeutschen Druck-Zeichensatz nicht, so dass ich darauf ausweichen musste, Diphtonge, die in der Vorlage ü-bereinander angeordnet sind, nebeneinander wiederzugeben.
Ich stütze mich im Wesentlichen auf die Forschungsberichte von Jan-Dirk Müller "Curiositas und 'erfarung' der Welt im frühen deutschen Prosaroman", Maria E. Müller "Der andere Faust. Melancholie und Individualität in der Historia von D. Johann Fausten" und Kirsten Molly Søholm "Historia von Dr. Johann Fausten. Ein Beispiel barocker Melancholie". Zitate aus diesen Aufsätzen werden im laufenden Text in der Form Name (ggf. Vornamenkürzel) und Seitenzahl angegeben. Die Literaturangaben aller weiteren verwendeten Schriften habe ich in Fußnoten gesetzt.
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Einleitung
Seit der italienischen Renaissance wurde Melancholie oft mit Genialität in Verbindung gebracht. Für bestimmte Berufsgruppen galt sie als ein Markenzeichen, welches für schöpferischen Geist und Kreativität stand. "Die Selbststilisierung als melancholisches Saturnkind gehört[e] in der Künstler-, Dichter- und Gelehrtenwelt zum guten Ton" (M. Müller, 592). Melancholie erst schien der Motor zu sein, der beim Genie Kreativität freisetzen konnte. In der Literaturwissenschaft war es lange Zeit Konsens, dass es dem Faust des Volksbuchs an dieser Genialität mangelte. Dies war auch einer der Hauptgründe, weshalb die 'Historia' in Forscherkreisen als nicht besonders 'gut' galt. "Man vermißte am Faust des Volksbuches das Zeichen jener tragischen Größe, die spätere Generationen in ihm verkörpert sahen, man verübelte es dem Autor, daß er aus kleinlichen religiösen Gründen, wie man meinte, Fausts Paktmotive, den Wissensdrang und Forscherehrgeiz, so einseitig negativ beurteilte, und machte ihm also zum Vorwurf, daß seine Auffassung und Gestaltung des Faustthemas in keiner Weise dem entspricht, was wir heute an Vorstellungen, Ideen und Problemen mit diesem Thema zu verknüpfen gewohnt sind" (Könnecker, 161).
Welches sind aber die spezifischen Merkmale eines genialen Menschen? Genies fühlen sich meistens auf Grund ihrer außergewöhnlichen Begabung von ihrer Umwelt unverstanden. Sie leiden unter starken Gefühlsschwankungen. Seit der Romantik, besonders seit Schopenhauer heißt es, dass Genialität und Wahnsinn oft nahe beieinander liegen. Oft wird ihnen Einzelgängertum und - damit verknüpft - der Hang zu Alkohol und Drogen nachgesagt. Beleuchet man in diesem Zusammenhang den Lebensstil Fausts, zeigen sich deutliche Parallelen: Zum einen charakterisiert Fausts Leben das "Motiv der sozialen Bindungslosigkeit" (M. Müller, 592): Als eines Bauwern Sohn geboren, wird er zur Erziehung einem reichen Vetter übergeben und siedelt ins städtische Milieu nach Wittenberg um - an den Ort, an dem auch der geniale Melancholiker Hamlet seine Studienzeit verbrachte. Fausts gelerniger und geschwinder Kopff, die Leichtigkeit, mit der er sein Theologie-Studium bewältigt und als Bester abschließt (Vgl. 14, 13-19), scheinen diese Maßnahme des 'Verpflanzens' zu rechtfertigen. Dennoch wirkt Faust entwurzelt, weil er nirgendwo wirklich hingehört. Er passt auf der einen Seite als sozialer Aussteiger nicht mehr zum Bauernstand. Auf der anderen Seite kann er sich im städtischen Milieu wegen seiner Herkunft als Bauernsohn nicht richtig etablieren. Dieser Umstand hat Auswirkungen auf sein soziales und berufliches Leben. Er kann sich auf nichts festlegen. Nichts kann seine Aufmerksamkeit lange fesseln. Aus diesem Grund bricht er nach dem Studium seine geistliche Laufbahn ab und schließt sich in der Folge den verschiedensten Berufsgruppen an; er wird Arzt, Astrologe und Mathematiker. Doch auch in einem wissenschaftlichen Umfeld kommt er nicht zur Ruhe. (14,22 - 15,6). Diese soziale Unverbindlichkeit isoliert ihn von der christlichen Gemeinde. Er lässt sich mit zwielichtigen Ges- talten (14,22) und zu guter Letzt auch noch mit dem Teufel selbst ein. Fausts Bindungslosig-
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keit wird durch den daraus resultierenden Pakt endgültig besiegelt. Denn Mephostophiles besteht ganz besonders auf der Einhaltung von Paktbedingung Nummer drei, Faust müsse sich von allen Christenmenschen fernhalten (20, 31-36). Faust kann zwar immer eine ausreichende Menge an Saufkumpanen um sich scharen und gelangt im Laufe seines Lebens zu großem Ansehen, bleibt aber dennoch durch die ganze Geschichte hindurch ein Einzelgänger. Zum Zweiten ist Fausts Leben von unüberwindbaren Gegensätzen gekennzeichnet. Er schwankt beständig zwischen abgründiger Niedergeschlagenheit und hysterischer Fröhlichkeit. So verfällt er immer wieder in hoffnungslose Grübeleien, malt sich seine Zukunft in den schwärzesten Farben aus, leidet unter Panikattacken und verlässt tagelang weder sein Bett, geschweige denn das Haus. Heutzutage würde seine geistige und körperliche Lähmung als Anzeichen einer Depression angesehen werden. Ein "zeitgenössisches Krankenblatt" (M. Müller, 582) würde dagegen verzeichnet haben, dass eine vom Teufel erzeugte melancholia für diese seelische, geistige und körperliche Verfassung verantwortlich sei. Von einer Ruhelosigkeit und sinnlicher Reizbarkeit, die aus heutiger Sicht als manisch bezeichnet werden könnte, sind andererseits seine ausufernden Fress- und Saufgelage, sein unersättlicher Sexualtrieb und sein fast zwanghaftes Bedürfnis nach "Abenteuern" und Aktionismus (Schwank-Episoden) geprägt. In diesem Hin- und Hergeworfensein bestätigt sich "die prinzipielle Polarität der melancholischen Komplexion" (M. Müller, 589), wie sie für die genialische Melancholie typisch ist (Vgl. ebd.). Im Zusammenhang mit den Sauforgien, die Faust veranstaltet, ist es zum Dritten nicht abwegig, von einer Anfälligkeit Fausts für Alkohol auszugehen. Wahrscheinlich wäre er auch der Versuchung von LSD oder anderen halluzinogenen Drogen erlegen, hätte er solche Drogen damals schon gekannt. Seine Höllenfahrt liest sich jedenfalls in weiten Teilen wie die Beschreibung eines 'schlechten Trips'. Kombiniert mit seiner offensichtlichen Begabung und der spezifischen Ausprägung seiner curiositas, die ich noch ausführlich besprechen werde, bestätigt sich in den beschriebenen Merkmalen seiner Persönlichkeitsstruktur, dass auf den melancholischen Faust in der Tat Anzeichen von Genialität zutreffen. Warum er dennoch aus seiner Melancholie keine kreative Kraft schöpfen kann, warum er sich trotz seiner Intelligenz in unauflösbare Konflikte verstrickt und warum er letzendlich sogar an seiner Genialität scheitert, will ich in dieser Arbeit erörtern.
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Die helle Sonn leucht’t jetzt herfür;
Fröhlich vom Schlaf aufstehen wir. Gott Lob, der uns in dieser Nacht Behütet vor des Teufels Macht.
Nikolaus Hermann (gest.1561)
Faust präsentiert sich zu Beginn der 'Historia' als respektloser Renaissancetyp (Vgl. Søholm, 6), weil er sich anmaßt, Gott ins Handwerk zu pfuschen und die heilsgeschichtliche Ökonomie von Schuld und Sühne für sich außer Kraft zu setzen, in Windt (42, 24) zu schlagen: Er wird zum Spekulierer (14,21), möchte sich die Schöpfung und das Mysterium Gottes nicht wie bisher nur aus der Bibel, sondern auf Erkenntniswegen erschließen, die im Sündenkanon der f rühneuzeitlichen Kirche in beiden konfessionellen Richtungen scharf sanktioniert sind. Aus diesem Grund hat er die H. Schrifft ein weil hinder die Thuer vnnd vnter die Banck gelegt (14, 23/24) und wendet sich den verbotenen schwarzen Künsten, aber auch den Naturwissenschaften zu (Vgl. 14,28 - 15,6). Faust scheint an der Autorität und Wahrhaftigkeit der heiligen Schrift, der Kirchenväter und anderer theologisch abgesegneter Gelehrtenmeinungen zu zweifeln. Er möchte einen eigenen Zugang zu Erkenntnis und Wissen finden, sich selbst ermächtigen, statt in religiöser Demut das zu glauben, was ihm an den christlichen Universitäten und Lehrstätten 'vorgebetet' wurde. Sein Zweifel ist aber noch viel grundsätzlicherer Art, denn, obwohl er jenseits der traditionellen Erkenntniswege über Gott zu spekulieren beginnt, obwohl er sich den modernen Wissenschaften Medizin, Astrologie und Mathematik zuwendet, ein Weltmensch (15, 2) wird, und obwohl er in verbotenen Zauberbüchern herumstöbert, scheint ihn das so erworbene Wissen doch nicht zufriedenzustellen. Er begehrt,
das zulieben / das nicht zu lieben war / dem trachtet er Tag und Nacht nach / name an sich Adlers Fluegel / wollte alle Gruend am Himmel vnd Erden erforschen / dann sein Fuerwitz / Freyheit vnd Leichtfertigkeit stache vnnd reitzte jhn also / daß er auff eine Zeit etliche zaeuberische vocabula / figuras / characteres vnd coniurationes / damit er den Teufel vor sich moechte fordern / ins Werck zusetzen / vnd zu probiern jm fuername (15, 17-25).
Was ist das, was er nicht lieben kann und nach christlichen Maßstäben offensichtlich auch nicht lieben darf? Der Autor will mit dieser Wortwahl offenbar ausdrücken, dass Faust sich ein Wissen erwerben will, welches sich nach Ansicht der Zeit dem menschlichen Horizont nur entziehen kann und welches, weil es die menschliche Natur übersteigt, nur Gott allein besitzen kann. Diese besondere Form der curiositas ist charakteristisch für Faust und steht mit seiner Neigung zur Melancholie in engem Zusammenhang. Er will alle Gründe am Himmel und auf Erden untersuchen. Dies ist ein absoluter Anspruch auf Erkenntnisgewinn, auf dessen Einlösung die zeitgenössischen Naturwissenschaftler nicht zu hoffen wagten. Dieses
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Hadwig-Maria Kuhn, 2002, Spekulationischer Geist und zweifelhaftes Gemüt. Zur Beschreibung und Funktion der Melancholie in der 'Historia von D. Johann Fausten', Munich, GRIN Publishing GmbH
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