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Die 'Logik der Gesten' im Nibelungenlied

Title: Die 'Logik der Gesten' im Nibelungenlied

Term Paper (Advanced seminar) , 1999 , 37 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Hadwig-Maria Kuhn (Author)

German Studies - Older German Literature, Medieval Studies
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Am Anfang war die Geste

Am Anfang jeglicher menschlicher Kommunikation stand die Geste. Bevor der Mensch zur Sprache kam, verfügte er schon über einen Fundus an Gesten, mit denen er sich in seiner ganzen Persönlichkeit der Umwelt begreiflich machen konnte. Auch wenn Verständigung mittels Sprache und Schrift heutzutage, zumindestens in Mitteleuropa, gestische Ausdrucksweisen mehr und mehr überformt und ins Unbewußte verdrängt hat, ist es doch unbestritten, dass Körpersprache wesentlich zum Gelingen einer erfolgreichen kommunikativen Handlung beiträgt. Wenn uns jemand mit freundlichen Worten, aber einer abweisenden Körperhaltung entgegentritt, werden wir uns schwertun, dem Inhalt seiner Worte Glauben zu schenken. Erst wenn Rede und Gestus einer Person miteinander übereinstimmen, wirkt ihr Auftreten authentisch und glaubwürdig. Gestik ist diejenige Ausdrucksform des Menschen, über die sich sein ganzes Sein und Wesen vermittelt. Es ist die spezifische Art und Weise seines „aktiven In-der-Welt-Seins“.

Dieser Tage ist mir ein Buch in die Hände gefallen, welches sich mit den spezifischen Idiomen der türkischen Gastarbeiterkinder aus zweiter und dritter Generation befaßt. Auch hier wird betont, dass Habitus und Sprache einer Person als Möglichkeit der kulturellen Identifikation gleichrangig nebeneinander stehen. Das gilt gleichermaßen für jede andere Subkultur, wie auch generell für jede Art von Gestik in Bezug auf ihre identitätsbildende Funktion innerhalb eines Kulturkreises. Die Geste ist ja gerade auch Mittlerin und Trägerin grundlegender kulturspezifischer Merkmale: Über die Bedeutung der erhobenen Hand beim Schwur müssen wir zum Beispiel genauso wenig diskutieren wie über die des oft sehr kreatürlich wirkenden Siegesgeschreis beim Fußball. Das setzt voraus, dass wir über bestimmte «Codes» verfügen, mit deren Hilfe wir in der Lage sind, die Bedeutungen von Gesten aufzudecken. Dabei sind wir „auf eine empirische, intuitive Lektüre der Welt der Gesten, jener um uns her kodifizierten Welt, eingeschränkt“, die eben auf solch tradierten Kulturmodellen beruht. Das gilt vor allem auch für die Kultur des Mittelalters, die gelegentlich sogar als eine „Kultur der Geste“ bezeichnet worden ist. Dies könnte in der „Unzulänglichkeit des Schriftlichen“ begründet liegen, denn in der Feudalgesellschaft des Mittelalters war Lesen und Schreiben ja bekanntermaßen fast ausschließlich dem Klerus vorbehalten.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Am Anfang war die Geste

2 Zu einer «Gestikologie» des Nibelungenliedes

2.1 Höfisch reglementierte Gesten

2.1.1 Die Geste der milte

2.1.2 Der Gruß als höfisches Ritual

2.1.3 Das Gedränge in Kriegs- und in Friedenszeiten

2.2 Gesten der Gefühlsäußerung

2.2.1 Funktionen des Weinens

2.2.2 Die «Topoisierung» unwillkürlicher Gesten

2.2.3 Kriemhilts Träume

2.3 Das Verlassen des höfischen Weges

2.3.1 Ursachen des Untergangs

2.3.2 Antizipation des Untergangs

2.3.3 Mechanismen des Untergangs

3 Einige abschließende Gedanken

4 Literaturverzeichnis

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von Gesten im Nibelungenlied als zentrales Element höfischer Kommunikation und sozialer Interaktion. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, wie durch ritualisierte körperliche Ausdrucksformen Machtverhältnisse konstituiert, soziale Normen gewahrt oder durch deren bewusste Verletzung gezielte Konflikte und Prozesse der Pervertierung höfischer Tugenden eingeleitet werden.

  • Die identitätsstiftende und gesellschaftskonstituierende Funktion mittelalterlicher Gestik.
  • Das Spannungsfeld zwischen höfischer Etikette (Routine) und bewussten Brüchen mit diesen Normen.
  • Die politische Instrumentalisierung von Gefühlsäußerungen wie Weinen oder Beschenken.
  • Die Analyse der "Logik der Gesten" als Ausdruck von Freiheit und individueller Handlungsmacht innerhalb typisierter Rollenbilder.

Auszug aus dem Buch

2.1.1 Die Geste der milte

Die Geste des Gebens, aber auch des Annehmens einer Gabe nimmt breiten Raum ein. Ganz im Sinne einer Gabelogik wird darauf Wert gelegt, Herrschaftspositionen zu konstituieren und soziale Machtgefüge zu affirmieren. Es geht dabei um eine Frage der êre, denn wer sein Gut großzügig verteilt, für unsere Begriffe sogar verschwenderisch damit umgeht, besitzt die Tugend der milte, die einen Adeligen vor einem Mitglied eines anderen Standes in besonderem Maße auszeichnet und Darstellungsmodus eines vorbildlichen Herrschers ist.

Bei Sîfrits Schwertleite verteilen Sigmunt und Sigelint großzügig Geschenke, ohne einen Unterschied zwischen Fremden und Gefolgsleuten zu machen:

Von der hôchgezîte man möhte wunder sagen.
Sigmunt unde Siglint die mohten wol bejagen
Mit guote michel êre; des teilte vil ir hant.
Des sach man vil der vremden zuo ze in rîten in daz lant.
(Vs. 29)

Gaben sind idealerweise ungerichtet und nicht berechnend auf Gegenleistung abgestimmt und sie stellen befriedete Beziehungen zu fremden Gruppen her, zum Beispiel, indem Absandte anderer Höfe mit Geschenken überhäuft werden. Generell erhält die Vergabe von Botenlohn einen besonderen Status innerhalb dieses sehr hierarchisch geprägten Gefüges. Im Text werden solche Situationen häufig und ausführlich geschildert. Nach dem erfolgreichen Sieg über die Sachsen schickt Gernot Boten nach Worms, um diese frohe Kunde überbringen zu lassen. Nachdem ein Bote Kriemhild über die Ereignisse informiert hat, heißt es:

Dô sprach diu minneclîche: „du hâst mir wol geseit.
du solt haben dar umbe ze miete rîchiu kleit
und zehen marc von golde, die heize ich dir tragen.“
des mac man solhiu mære rîchen frouwen gerne sagen.
(Vs. 242)

Jan-Dirk Müller unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen echter milte und der Zahlung von miete oder lôn. Echte „milte“ ist geprägt von Freigiebigkeit und Absichtslosigkeit, sowohl in Bezug auf einen bestimmten Zweck, als auch in Bezug auf eine bestimmte Person. miete oder lôn hingegen empfängt derjenige, der beauftragt wurde, eine konkrete Leistung zu erbringen.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Am Anfang war die Geste: Eine Einleitung in die kommunikative Bedeutung von Körperlichkeit im Mittelalter und die theoretische Verortung der Arbeit.

2 Zu einer «Gestikologie» des Nibelungenliedes: Untersuchung der Interaktionsstrukturen und der Rolle von Ritualen im dramatischen Aufbau des Epos.

2.1 Höfisch reglementierte Gesten: Analyse von Gesten, die den höfischen Kodex stützen, wie Geben, Begrüßen und das Verhalten im Gedränge.

2.2 Gesten der Gefühlsäußerung: Darstellung von Emotionen als politisch eingesetzte Mittel und als Ausdruck des inneren Zustands der Figuren.

2.3 Das Verlassen des höfischen Weges: Untersuchung der Pervertierung von Normen und der bewussten Provokation durch den Bruch mit dem Zeremoniell.

3 Einige abschließende Gedanken: Fazit über die Bedeutung der Gestik als Spiegel der Subjektivität und deren Vorform von Individualität.

4 Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Forschungsliteratur.

Schlüsselwörter

Nibelungenlied, Gestik, höfische Kultur, Ritual, milte, Kommunikation, Mittelalter, Affekte, Interaktion, Machtverhältnisse, Symbolik, Identität, höfische Normen, Kriemhilt, Hagen.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die „Logik der Gesten“ im Nibelungenlied. Sie untersucht, wie körperliche Handlungen und Gesten als strukturierende Elemente in der mittelalterlichen höfischen Gesellschaft funktionieren und wie sie politisch oder sozial instrumentalisiert werden.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Zentrale Themen sind die höfische Etikette, die symbolische Bedeutung von Geschenken (milte), Begrüßungsrituale, der Ausdruck von Emotionen sowie das bewusste Durchbrechen von Verhaltensnormen, das oft den Weg in den Untergang ebnet.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Die Forschungsfrage zielt darauf ab, wie Gestik im Nibelungenlied nicht nur harmonische Interaktionen sichert, sondern wie ihre bewusste Störung oder Pervertierung dazu dient, Machtansprüche geltend zu machen, Konflikte zu schüren und die tragische Entwicklung des Epos voranzutreiben.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Analyse, die insbesondere auf Theorien zu Gesten von Vilém Flusser sowie auf mediävistische Konzepte zur höfischen Kultur von Jean-Claude Schmitt und Jan-Dirk Müller zurückgreift.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in drei Hauptbereiche: Die Analyse höfisch reglementierter Gesten (Geben, Gruß, Gedränge), die Funktion von Gefühlsäußerungen (insbesondere Weinen und Träume) sowie die Untersuchung von Szenen, in denen das Verlassen des höfischen Weges zu Eskalation und Zerstörung führt.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind Gestik, höfische Kultur, Ritual, Macht, milte, Kommunikation und der Bruch mit höfischen Normen durch die zentralen Charaktere wie Kriemhilt und Hagen.

Warum ist die Szene der "Steigbügelszene" für die Argumentation der Verfasserin so wichtig?

Sie dient als exemplarisches Beispiel für den bewussten Missbrauch höfischer Normen. Siegfrieds Handeln täuscht ein vasallitisches Verhältnis vor, um Gunthers Machtstatus zu wahren, was jedoch das Gleichgewicht der gesellschaftlichen Sichtbarkeit stört und langfristig zum Untergang beiträgt.

Welche Rolle spielen die Träume von Kriemhilt in dieser Untersuchung?

Die Autorin deutet die Träume nicht tiefenpsychologisch modern, sondern als christlich geprägte Zeichen von außen. Sie fungieren im Text als Instrumente der Vorahnung und Manipulation, mit denen Kriemhilt versucht, das Handeln der Helden zu beeinflussen und ihre Ängste zu legitimieren.

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Details

Title
Die 'Logik der Gesten' im Nibelungenlied
College
Humboldt-University of Berlin  (Institut für Ältere deutsche Literatur)
Grade
1,0
Author
Hadwig-Maria Kuhn (Author)
Publication Year
1999
Pages
37
Catalog Number
V28123
ISBN (eBook)
9783638299992
Language
German
Tags
Logik Gesten Nibelungenlied
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Hadwig-Maria Kuhn (Author), 1999, Die 'Logik der Gesten' im Nibelungenlied, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28123
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