Gliederung :
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Formelle Merkmale dieser Novelle
2.2. Der Erzähler
2.3. Die Bedeutung des Ortes
2.4. Das Übernatürliche
2.5. Stilistische Besonderheiten
3. Zusammenfassung
1. Einleitung :
Le réaliste, s’il est un artiste, cherchera, non pas à nous montrer la
photographie banale de la vie, mais à nous en donner la vision plus complète, plus
saisissante, plus probante que la réalité même. 1 Dieser Ausspruch Maupassants im
Vorwort zu seinem Roman Pierre et Jean steht stellvertretend für den gesamten
Schaffenskomplex des Schriftstellers, der neben einigen Romanen vor allem durch
seine zahlreichen gesellschaftskritischen Novellen Bekanntheit erlangte. Diese
zeichnen sich durch den unvergleichlichen Stil Maupassants aus, die Wirklichkeit aus
einer Perspektive zu zeigen, die den zeitgenössischen Leser aus seiner verblendeten
Realität holen sollte. Die Aufdeckung der bürgerlichen Scheinmoral in Abgrenzung
zu den Verhältnissen des einfachen Menschen prägte Maupassants Schreiben genau
so wie die Kritik an den politischen Missständen seiner Zeit. 2 Dennoch ist das Werk
Maupassants heute keineswegs unzeitgemäß oder veraltet. Vielmehr haben vor allem
seine fantastischen Novellen nichts von ihrer Faszination, nichts von ihrer intensiven
Aussagekraft verloren. Auch heute noch ist Guy de Maupassant, neben Poe in
Amerika und E.T.A. Hoffmann in Deutschland, der Meister des fantastischen
Schreibens.
Im Rahmen des Seminars beschäftigte ich mich intensiver mit der Novelle „Le
Horla“, die in ihrer Endversion von Maupassant im Jahre 1887 als fantastische
Novelle verfasst wurde. 3 An dieser Stelle stellt sich die Frage, inwiefern
1 Merlot, André, Précis d’histoire de la littérature française. Paderborn: Ferdinand Schöningh, 1972. S. 136.
2 Grimm, Jürgen (Hrsg.), Französische Literaturgeschichte. Stuttgart: Metzler, 1999. S. 281.
3 Maupa ssant schrieb zwei Versionen des Horla - Vergleich dazu Schurig-Geick, S 78ff
„Der Horla“ sich gängigen Charakterisierungspunkten fantastischer Literatur unterordnet. So spielt zum Beispiel der Aspekt der Wirklichkeit in fantastischen Novellen insofern eine besondere Rolle, als dass Wahrheit und Wirklichkeit eine nicht klar trennbare Beziehung eingehen. Sowohl das Spiel mit den verschiedenen Ebenen der Wahrheit, als auch Maupassants differenzierte Wirklichkeitskonzeption finden hier Eingang. In diesem Zusammenhang soll hier näher auf die Aspekte eingegangen werden, durch die die Novelle unmissverständlich dem fantastischen Genre zugeordnet werden kann. Dabei soll zunächst auf die äußere Form und die wesentlichen strukturellen Merkmale eingegangen werden, wobei die Verbindung zu den Leitthemen der Handlung in Vergleich zu allgemein gängigen Themen fantastischer Literatur gesucht wird. Anschließend erfolgt eine genauere Auseinandersetzung mit der Figur des Erzählers, der Beschreibung und Bedeutung der Atmosphäre bzw. der Umgebung, und der Darstellung des Übernatürlichen und dessen Einbettung in die Geschichte. Schlussendlich soll noch auf die stilistischen Mittel eingegangen werden, die die Grundstimmung der Novelle von Anfang an prägen, natürlich mit Bezug auf die erwähnten Besonderheiten.
2. Hauptteil
2.1. Formelle Merkmale dieser Novelle
Auffallend ist zunächst einmal die Tagebuchform. Im Zeitraum vom 8. Mai bis zum 10. September wird dem Leser die unglaublich erscheinende Geschichte eines Mannes präsentiert, der, im Glauben von einer unbekannten Macht besessen zu sein, mehr und mehr dem Wahnsinn verfällt und anschließend den Plan fasst, Selbstmord zu begehen, um seinem Schicksal zu entfliehen. In unregelmäßigen Abständen verfolgt der Leser die zunehmende Verwirrung des Erzählers, wobei die Handlung zwischen den Einträgen nicht nachvollziehbar ist und nur erahnt werden kann, was zur Verstärkung des Spannungsmomentes beiträgt. Die Länge der einzelnen Einträge variiert je nach Verfassung des Erzählers und dem Geschehen. So findet man auch Einträge, die nur aus einem Satz bestehen und sehr fragmentarisch wirken. Oft hat man deshalb den Eindruck, direkt an den Gedanken des Erzählers
teilzuhaben und nicht an erst nachträglich verfassten Tagebucheintragungen. Wehr bemerkt hier treffend die beinahe schon monologischen Züge der oftmals elliptisch verkürzten Ausführungen. Die Wahl der subjektiven Tagebuchform ermöglicht dementsprechend eine Unmittelbarkeit der Handlung, die stärker kaum sein könnte. Erzähl- und Erlebnisperspektive fallen annähernd zusammen. 4 Auffällig ist des Weiteren die ungleiche „Verteilung“ der zeitlichen Einträge. So findet man in den ersten Tagen noch relativ regelmäßige Eintragungen, jedoch im Zeitraum vom 3. Juni bis zum 6. Juni und wiederholt vom 6. August bis zum 21. August eine starke Häufung der Einträge. Eine Erklärung dafür kann nur auf der Ebene der Handlung zu finden sein, was bedeuten würde, dass sich die Ereignisse und Vorfälle, derer sich der Erzähler ausgesetzt sieht, kritisch zuspitzen bzw. sich gleichsam häufen und überschlagen. Dies wird in den folgenden Abschnitten zu beweisen sein.
Die thematischen Bezüge fügen sich in die gängigen Handlungsaspekte fantastischen
Schreibens ein. Dazu gehört, wie Raymond und Compère aufführen 5 , vor allem die Unterdrückung der Grenzen, die gewöhnlich zwischen Kategorien wie Leben und Tod, dem Natürlichen und dem Übernatürlichen, der Vergangenheit und der Zukunft oder auch dem Menschlichen und dem „Nicht-Menschlichen“ bestehen. Bezüglich der Novelle „Le Horla“ wären primär drei Leitthemen zu nennen: die schmale Grenze zwischen Wahnsinn und geistiger Gesundheit, die Furcht vor dem
Unerklärbaren, und das Ende der menschlichen Vorherrschaft auf der Erde. Auf das Problem der Abgrenzung von Wahrheit und Wirklichkeit wurde bereits verwiesen.
2.2. Der Erzähler
Der Leser erlebt das Geschehene aus der Perspektive des Ich-Erzählers. Dieser berichtet in seinem Tagebuch von der zunehmenden Verwirrtheit seines Verstandes. Grund dafür ist der „Horla“, den er zunächst noch nicht als solchen zu
4 Wehr, Christian, Imaginierte Wirklichkeiten: Untersuchungen zum „récit fantastique“ von Nodier bis Maupassant. Tübingen: Narr, 1997. S.186.
5 Raymond, F. und D. Compère, Les maîtres du fantastique en littérature. Paris: Bordas, 1994. S.46.
benennen vermag, ein Wesen, das laut Erzähler mehr und mehr Besitz von ihm ergreift. Ursprünglich war dieser nur von körperlichen Unwohlsein und Alpträumen, in dem dieses unheimliche Wesen ihm auf parasitäre Weise die Lebenskraft aussaugt, gequält. Doch im Laufe der Zeit erfährt der Erzähler schließlich sogar die körperliche Manifestierung dessen, was er bis dahin nur als geistigen Verfall seinerseits abtat. Der Horla leert die Karaffe des Erzählers, pflückt im Garten des Erzählers eine Rose vom Strauch, und erscheint letztlich in Form des nicht vorhandenen Spiegelbildes des Erzählers. Im Glauben, seiner geistigen Kräfte mehr und mehr beraubt zu werden, entschließt sich der Erzähler, nach einem gescheiterten Versuch den Horla zu töten - unter Inkaufnahme des Verlustes all seines Besitzes, zum Selbstmord. Im Laufe dieser Handlung wird der Leser Augenzeuge einer erstaunlichen Wandlung des Ich-Erzählers von einem selbstbestimmten, energischen Menschen zu einem willenlosen, geistig verwirrten Individuum. Das Geschick Maupassants zeigt sich in der Fähigkeit, diesen Wandel allmählich und beinahe unbemerkt geschehen zu lassen. 6 Der vermeintliche Wahnsinn des Erzählers erscheint nie überzogen oder zu drastisch, sondern äußert sich so, wie es der menschlichen Natur, dass heißt auch der des Lesers, entspräche. Auf die meisterhafte Art und Weise Maupassants, diesen Wandel darzustellen, soll im Folgenden konkreter eingegangen werden.
Im ersten Eintrag präsentiert sich der Ich-Erzähler in bester geistiger und körperlicher Verfassung. Er nimmt teil an der Natur, die ihn umgibt und weiß die Schönheiten, die das Leben zu bieten hat, zu schätzen.
« Quelle journée admirable! J’ai passé toute la matinée étendu sur l’herbe, devant ma maison, sous l’énorme
platane qui la couvre, l’abrite et l’ombrage tout entière. J’aime ce pays, et j’aime y vivre parce que j’y ai mes
racines, ces profondes et délicates racines, qui attachent un homme à la terre où sont nés et mort ses aïeux, qui
l’attachent à ce qu’on pense et à ce qu’on mange, aux usages comme aux nourritures, aux locutions locales,
7
aux intonations des paysans, aux odeurs du sol, des villages et de l’air lui-même. »
Doch schon hier wird deutlich, dass der Erzähler gesellschaftlich wenig integriert ist.
6 Schurig-Geick, Dorothea, Studien zum modernen „conte fantastique“ Maupassants und anderer ausgewählter Autoren des 20. Jahrhunderts. Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag, 1970. S. 48. 7 Maupassant, Guy de, Oeuvres Complètes. Le Horla. Pierre et Jean. Paris: Maurice Gonon, 1990. S.19.
Arbeit zitieren:
Mandy Dobiasch, 2004, Das Fantastische in Maupassants "Le Horla", München, GRIN Verlag GmbH
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