Dimensionen von My Lai. Soziologische
Untersuchung eines Verbrechens
von: Erik Fischer
Inhalt
1. Einleitung 4
1.1 Einführung in das Thema 4
1.2 Vorgehen 5
2. Quellenlage und Forschungsstand 6
3. Einordnung des Kriegsverbrechen von My Lai in den historischen Zusammenhang 9
4. Die Soldaten in Vietnam 13
4.1 Die Grundlagen: Was die Soldaten erlebten 13
4.2 Das Resultat: Wie aus „Soldaten Mörder wurden“ 18
5. Schluß 21
5.1 Zusammenfassung der Erkenntnisse 21
5.2 Ausblick 23
Anhang 24
1. Einleitung
WAS WIR UNS VORGESETZT HATTEN, WAR TATSÄCHLICH NICHT WENIGER ALS DIE ERKENNTNIS, WARUM DIE MENSCHHEIT, ANSTATT IN EINEN WAHRHAFT MENSCHLICHEN ZUSTAND EINZUTRETEN, IN EINER NEUEN ART VON BARBAREI VERSINKT. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung1
1.1 Einführung in das Thema
Am Morgen des 16. März 1968 wurde 105 junge Männer der Charlie-Kompanie aus der Task-Force Baker mit Helikoptern in die Nähe eines kleinen, südvietnamesichen Dorfes geflogen: My Lai 4. So hieß der Ort, da es in Südvietnam mehrere Weiler mit diesem Namen gab bzw. gibt. Die Soldaten wurden in der Nähe des Dorfes abgesetzt, später wird man erzählen, dass sich in dem Dorf ein 250-280 Mann starkes Bataillon der Vietcong aufgehalten haben soll. Ein gängiger „search-and-destroy“2- Einsatz sollte es sein. In dem Dorf befanden sich zum Zeitpunkt des Einsatzes lediglich Zivilisten, Frauen und Kinder, Alte und Kranke, allesamt unbewaffnet. Doch die außer Kontrolle geratenen Soldaten fielen „über die gut 400 Bewohner3 her, vergewaltigten, verstümmelten, skalpierten, schändeten Lebendige wie Tote, vergingen sich an Tieren. Manche legten, Paul Meadlo sollte später in einem CBS-Interview davon erzählen, mit Maschinenpistolen auf Babys an, erschossen, erschlugen ihre Opfer eines nach den anderen oder mähten sie, in Gruppen zu 25, 50 oder 100, nieder, das Feuer der M-16 auf Automatik gestellt. Dutzende starben in einem Abwassergraben einen langsamen Tod, derweil ihre Mörder Häuser plünderten, anzündeten und Brunnen mit Kadavern vergifteten. So ging es vier Stunden lang.“4 Unbegreiflich, unbeschreibar, ein „mystery“, wie Tim O’Brien5 es ausdrückt – das sind die Worte mit denen man an das Verbrechen von My Lai denkt. Dabei reichen die Dimensionen von My Lai durchaus weiter, denn solch ein Kriegsverbrechen ist im US-amerikanischen Kampfengagement in Vietnam nicht als Einzelfall zu betrachten.6 Eben diese Dimensionen von My Lai sind das Thema dieser Arbeit. Das Ziel der soziologischen Untersuchung der Verbrechen soll es sein anhand der in Vietnam kämpfenden Soldaten die Mechanismen und Wirkungen der Gewalt im Vietnamkrieg zu untersuchen. Im Mittelpunkt des Interesses soll hierbei stehen, welche Umstände es möglich machten, dass junge Soldaten zu solchen Taten fähig wurden. Um dies zu untersuchen, muss man die Situation dieser Menschen im Vorfeld ihres Kampfeinsatzes und während des Krieges untersuchen.7 Anhand von Briefen der Soldaten nach Hause, soll gezeigt werden, dass es bei den aktiv kämpfenden Soldaten unter der Einwirkung der Erlebnisse in Vietnam zu einem „Verbrauch moralischer Reserven“ und daraus resultierend zu einer „dramatischen Verengung des ethischen Horizonts“ 8 kam. Publiziert sind solche Briefe in dem 2002 neu aufgelegten Band „Dear America. Letters Home from Vietnam“ (im folgenden als „Letters Home“ bezeichnet), welcher von Bernard Edelman für die ‚New York Vietnam Veteran Commission‘ editiert wurde.9
1.2 Vorgehen
An den Anfang einer solchen quellenbasierenden Untersuchung wird ein Abriß der allgemeinen Quellenlage und des Forschungsstands gestellt, gefolgt von einer größeren historischen Einordnung der Ereignisse, um einen Überblick über die Situation zu schaffen. Im Hauptteil werden auf der Grundlage einer Diskussion der Quellen und ihrer Inhalte Antworten auf die eingangs formulierten Fragen gesucht. Die Quellen werden dazu nach einem Raster analysiert. Inhalt dieser Systematisierung ist die Frage nach der Motivation der Soldaten nach Vietnam zu gehen und zu kämpfen, die Suche in der Vielzahl nach Briefen nach sich gleichenden Erlebnissen der Soldaten und letztendlich die Frage nach Anzeichen der Entmoralisierung. Aus dieser Analyse wird sich ein Bild ergeben, was die Soldaten in Vietnam erlebten und welche Eindrücke und Einflüsse hier auf sie wirkten. Mit Hilfe dieses rekonstruierten Bildes können dann Mutmaßungen darüber angestellt werden, wie aus „Soldaten Mörder wurden“, um dem psychologischen Umfeld der Kriegsverbrechen einsichtig zu werden. Die Rückschlüsse auf diesen Punkt werden sich vor allem auf die brieflichen Quellen stützen, jedoch auch bereits geleistete Forschungserkenntnisse mit einbeziehen. Denn der hier zu leistende Einblick in die Quellen kann aufgrund der Literaturlage und des beschränkten Umfangs der Arbeit lediglich ein begrenzter und somit selektiver sein. Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst und ein Resultat aus den Untersuchungen formuliert, sowie ein Ausblick auf weiterführende Gebiete zur Untersuchung der Wirkung US-amerikanischer Kriegsverbrechen.
2. Quellenlage und Forschungsstand
[...]
1 Dieses Zitat von Horkheimer und Adorno aus ihrer großen Studie zur Zerstörung der Aufklärung zielte eigentlich auf den Faschismus, besonders den Nationalsozialismus ab. Fern dieser ideologischen Konnotation hat das Zitat auch auf die Realität des amerikanische Engagement in Vietnam angewandt Bedeutsamkeit.
2 „Search-and-destroy“: Suchen und vernichten. Von der militärischen Führung in Vietnam entwickelte und im Dchungelkampf angewandte Taktik, die darauf abzielte, den Feind im jeweiligen Einsatzgebiet aufzuspüren und ihn mit sämtlichen zur Verfügung stehenden Mitteln zu vernichten. Vgl. Herden, Lutz, Der Geruch von Napalm am Morgen, in: Freitag 30 vom 18.07.2003.
3 Die Zahlen scheinen unsicher, Bernd Greiner geht hier von 400, andere Darstellungen sprechen von 500, Marc Frey dagegen von 200 ermordeten Zivilisten aus (Frey, Marc, Geschichte des Vietnamkriegs. Die Tragödie in Asien und das Ende des amerikanischen Traums, München 62002, 164.).
4 Greiner, Bernd, „A Licence to Kill“. Annäherung an die Kriegsverbrechen von My Lai, in: Mittelweg 36, 7 (1998), 3, 4-25, hier: 11.
5 Ebenda. Tim O’Brien ist ein US-amerikanischer Schriftsteller, der selbst am Vietnamkrieg teilgenommen hat und über seine Erlebnisse und Erfahrung mehrere, autobiografisch eingefärbte, Werke geschrieben hat, unter anderem „Going after Cacciato“ oder „If I die in a Combat Zone“.
6 Interessant ist in diesem Zusammenhang, das Marc Frey in seiner Vietnamkriegsdarstellung, welche 2002 in der 6. Auflage erscheint, immer noch davon ausgeht, dass My Lai „ein Einzelfall“ (Frey 2002, 164) war. Es ist jedoch heute bewiesen, dass solche Verbrechen im Umfeld von My Lai, welches in der Öffentlickeit aufgrund seiner Intensität besonders skandalisiert wurde, geschehen sind. Direkt am selben Tag des Verbrechens von My Lai wurde in dem einige Kilometer entfernten Weiler My Khe 4 von der Bravo-Kompanie eine ähnliche Tat begangen, der 90 Zivilisten zum Opfer fielen.
7 Einen entscheidenden Beitrag dazu gibt der Greiner-Artikel „A Licence to Kill. Annäherung an die Kriegsverbrechen von My Lai“.
8 Greiner 1998, 10.
9 Zu beachten ist bei der Edition der Briefe, wer der jeweilige Autraggeber oder was das Motto ist, unter dem die Briefe veröffentlicht werden, da dies viel über die Auswahl der Briefe aussagen kann.
Quote paper:
Erik Fischer, 2003, Dimensionen von My Lai. Soziologische Untersuchung eines Verbrechens, Munich, GRIN Publishing GmbH
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