Missbach, Anne Warum Kinder Philosophen sind
1. Einleitung
Die folgenden Überlegungen werden damit eingeleitet, was philosophieren bedeutet. Kinder können das besonders gut und bringen das Potential dazu mit, weswegen sie förderungswert sind. Dazu bedarf es aber einerseits der Erkenntnis von Seiten der Erwachsenen, dass in Kindern kleine Philosophen stecken und zum anderen der Überwindung von tradierten Erziehungs- und Sozialisationsmustern. Trotz der Vorteile, die ein Ausbauen der kindlichen Philosophie mit sich bringen würde, sieht die Praxis so aus, dass Erwachsene all zu oft auf ihren „Wissensvorsprung“ beharren und die kindliche Neugier im Keim ersticken. Auf Begründungen der Aussage, dass Kinder Philosophen sind, folgen zwei Beispiele kindlicher Naivität, die konkret zeigen, was das Geniale der „Kinderphilosophen“ ausmacht.
Kapitel 5 ordnet Piagets entwicklungspsychologische Theorie der kognitiven Entwicklung kritisch ein. Piaget ist an „Normalvarianten“ interessiert, während unkonventionelle Antworten der Kinder für die Philosophie einen größeren Reiz darstellen.
Kapitel 6 zeigt neben Fehlverhalten und Problemen der Erwachsenen auch soziologische Aspekte auf, die förderlich oder eben auch hinderlich für den kindlichen Erkundungsdrang sein können.
Ein weiterer Abschnitt der Arbeit wird durch Aufgreifen des Buches „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupery gebildet, welches Parallelen zur Thematik beinhaltet. Das poetische Prosawerk enthält die Botschaft an den Leser, den Kindern mehr Beachtung zu schenken und lässt deren Genialität auf kreative Weise erscheinen.
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2. Philosophieren? Was ist das?
Philosophie und Kinder- wie passt das zusammen? Das Alltagsverständnis würde aufmerken lassen und keine Verbindung sehen. In der Praxis werden die Fähigkeit und das Potential der Kinder, welches im Folgenden transparent werden soll, häufig nicht erkannt sowie vernachlässigt. Werden Kinder unterschätzt? Schenkt man ihren unkonventionellen Antworten zu wenig Beachtung? Unterdrücken Sozialisations- und Erziehungsprozesse Neigungen der Kinder, spontane, freie und ungewöhnliche ideelle Wege einzuschlagen? Das Erziehungskonzept, zum Beispiel die didaktischen Methoden im Schulunterricht (Frontalunterricht), nehmen kreativen Kindern häufig den Boden für philosophische Gedankenspiele.
Dabei haben philosophische Denkmethoden viel zu bieten. Sie können das Denken fordern und fördern, selbstständiges Nachdenken anregen sowie das logische und analytische Denken schulen. All das sollte Ziel eines Umgangs mit Kindern sein. Aber schon in der Grundschule sehen sich Kinder dem bereits erwähnten Frontalunterricht ausgesetzt, der eher passive Rezipienten als aktive Denker hervorbringt.
Welche sind nun aber die philosophischen Methoden, die Einzug an den Schulen (und natürlich auch außerhalb der Schule) halten sollten?
Zunächst sollte verständlich werden, was philosophieren überhaupt ist, damit die Überlegungen zum Potential und den Fördermöglichkeiten der Kinder eine Basis haben.
Philosophieren heißt fragen, hinterfragen, staunen, neugierig sein, kritisch sein, zweifeln, denken, phantasieren, spielen, analysieren, argumentieren, präzisieren, konkretisieren sowie naiv und aufgeschlossen sein, Begriffe zu erklären und sich auf Gedankenexperimente einzulassen.
Betrachtet man diese Attribute und Verben, wird transparent, dass Kinder per se beste Voraussetzungen zum philosophieren mitbringen. Ihre natürliche Neigung zum staunen und fragen, ist eine Kraft, die über Neugier zum Erkunden der Welt führt. Hat man gelernt, aktiv und eigenständig zu überlegen, was eine Sache ausmacht, welche Kriterien dafür stehen und welche Grenzen und Möglichkeiten vorhanden sind, ist man in der Lage zu reflektieren und kritisch zu denken. Reflexion erlaubt die Abwägung von Argumenten, das Finden eigener Begründungen und das Einnehmen eines kritischen Standpunktes. Aus Kindern sollen selbstständige und kritische
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Menschen werden, die ihre Umwelt nicht als gegeben hinnehmen, sondern zunächst überlegen, ob das, was ihnen begegnet, bedingungslos hinzunehmen ist oder nicht lieber doch erst einmal geprüft werden sollte.
Ermöglicht ein offenes und kreatives Denken nicht Fortschritt und Erkenntnis? Ist es nicht eine Quelle für spannende und lebendige Diskussionen? Erleichtert es nicht das soziale Miteinander, wenn man Konsequenzen seiner Handlungen bedenkt und Verhalten differenziert und sich damit der Situation, in der man sich befindet, anpasst? Ermöglicht konstruktive Kritik nicht Entwicklung? Diese Fragen stellen sich mir und verweisen auf die Vorteile des Philosophierens, letztlich des eigenständigen Denkens.
Philosophieren ist aber keine leichte Tätigkeit. Das was für philosophieren steht ist dem Menschen zu eigen und ein Teil seiner psychischen Natur. Dennoch ist es mühsam und unbequem, kritisch und selbstdenkend zu sein. Konformität und sozialpsychologische Gesetze stoßen sich an unbequemen Zeitgenossen, die anders als die Majorität denken und durch Kritik in einen Diskurs eintreten, der Wahrheiten ans Licht der Welt holen kann. Bereits Sokrates versuchte mit seiner „Hebammenkunst“ (Mäeutik), die Wahrheit seines Gesprächspartners, die in ihm bereits schlummert, hervorzuholen. Das Mittel war der Dialog, der durch Fragen zur Erkenntnis führen sollte. 1 Aber Sokrates wurde: „...verleumdet und verunglimpft..., wie man ihm Ungerechtigkeit und Unfug vorgeworfen und ihn als grübelnden Erforscher des Irdischen und Himmlischen hingestellt hat, der “die schlechte Sache zur guten macht und dies auch andere lehrt“, ... .“ 2 Schon in der Antike zogen kritische Denker den Unmut der Mitmenschen auf sich. Sollen Kinder gar nicht eigenständig denken, um loyale Mitglieder der Gesellschaft zu werden? Trotz der Vorteile des durch Philosophie geschulten Denkens, fehlen gezielte Fördermaßnahmen für Kinder und stehen Gefahren eines eigenständigen Individuums im Vordergrund. Die Fragen, die ich mir bisher gestellt habe, bleiben offen.
1 Ulfig, Alexander: Lexikon der philosophischen Begriffe. Frankfurt a.M. : Komet, 1997, S.254 2 Woyte, Dr. Curt (Hrsg.): Platon: Apologie und Kriton. Leipzig : Reclam jun., 1926, S.7
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3. Warum Kinder per se bessere Philosophen sind
Ich denke, dass, nachdem ich aufgezählt habe, was philosophieren bedeutet, Kinder per se bessere Startbedingungen haben, um zu philosophieren.
Sie sind naiv und unbedarft, frei im Geist und unabhängig. Sie haben nicht primär materielle und machtorientierte Intentionen. Kinder haben noch nicht zahlreiche Erfahrungen wie Erwachsene. Diese Distance zu Wissen und Erfahrung ermöglicht einen ungetrübten Blick auf die Welt. „Sie stolpern aus geistiger Unschuld über philosophische Probleme und nicht aus kultivierter Naivität, auf die Erwachsene sich beschränken müssen. Sie haben sich noch nicht angewöhnt, die vielen Fragen, die Philosophen aus dem Papierkorb der Forschung zu retten gelernt haben, als kauzig oder absurd abzutun.“ 1 Neugier ist ein Katalysator für philosophisches Denken. Neugier birgt den Impetus, Fragen zu stellen. Kinder haben viele Fragen und diese verlangen nach Antworten. Fragen sind der Ursprung der kreativen Gedanken. Wenn ein Kind staunt und noch nicht über Wissen verfügt, welches die Frage beantworten würde, sucht es nach Erklärungen. Vielleicht fragt es gerade deshalb, weil es etwas noch nicht weiß. Macht Wissen nachfragen also überflüssig, weil die Antwort schon bekannt ist? Ich denke, Wissen kann durchaus neue Fragen generieren, die auf Wissen aufbauen. Erwachsene gehen allerdings davon aus, dass sie „fertig“ in ihren Lernprozessen sind und nicht mehr als das Wissen brauchen, welches sie zur Alltagsbewältigung benötigen. Gewiss trifft das nicht auf alle zu, besonders nicht auf die, die sich das Stück kindliche Neugier erhalten haben. Fragen müssen nämlich nicht immer unmittelbar zu Ergebnissen führen, sondern können auch um ihrer selbst Willen gestellt werden. Es kann Spaß machen, zu fragen und dabei mitunter auf „nutzlose“ Antworten zu kommen. Mit Kreativität und Naivität können daraus interessante Gedanken entstehen. Kinder betrachten das Fragen nicht so nüchtern wie Erwachsene, die ihrer funktionalen Fixiertheit unterliegen und über eingefahrene Denkschemata verfügen, die philosophieren verhindern.
Erich Kästners Zitat, was dieser Arbeit als Titel dient, enthält eine interessante Aussage, nämlich, dass man nur dann ein Mensch bleibt, wenn man erwachsen geworden ist unter der Bedingung, sich das kindliche Wesen bewahrt zu haben. Erich Kästner hält kindliche Erwachsene für menschlicher als solche, die ihr Kindsein
1 Matthews, Gareth B. : Denkproben. Philosophische Ideen jüngerer Kinder. Berlin : Freese, 1991, S.116
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Anne Missbach, 2004, "Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, bleibt ein Mensch" - Kinder als Philosophen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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