Die Wandlung der Figaro-Gestalt
von: Timea Peter
6. Semester
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 1
II. Hauptteil 2
1. Von Beaumarchais bis Horváth: die Figaro-Gestalt in zwei unterschiedlichen Epochen 2
1.1. Der revolutionäre Figaro von Beaumarchais 2
1.2. Die Entstehung der Figaro-Gestalt bei Horváth 3
1.3. Die biografischen Züge in der Komödie „Figaro lässt sich scheiden“ 5
2. Schwierigkeiten der Rezeption: die zeitliche Bestimmung der Komödie Horváths 8
3. Figaros Wandlung vom Spießer zum Menschen 11
3.1. Figaros Liebesbeziehung als Auslöser seiner Wandlung 11
3.2. Das Herr-Diener-Verhältnis 14
3.3. Figaro als Produkt seiner Gesellschaft 16
III. Schlussfolgerung 20
IV. Literaturverzeichnis 21
I. Einleitung
In der folgenden Arbeit wird die Wandlung der Figaro-Gestalt behandelt. Haup tsächlich wird für die Analyse der Problematik das Werk „Figaro lässt sich scheiden“ von Horváth untersucht, das eine Art Fortsetzung von Beaumarchais’ „Figaros Hochzeit“ ist. Deshalb fängt die Arbeit mit der Vorstellung der Komödie Beaumarschais’ an. Wegen der zahlreichen Hinweise, die später während der Analyse der Wandlung Figaros vorkommen, erweist sich die kurze Darstellung der Komödie Beauma rschais’ als zweckmäßig. Nach diesem Abschnitt fängt die tatsächliche Analyse des Stückes „Figaro lässt sich scheiden“ an. Der knappen Präsentation der Handlung folgt der Teil, in dem der Einfluss der Biografie Horváths an der Entstehung der Figaro-Gestalt aufgezeigt wird.
Um Figaros Wandlung zu behandeln, stellt sich die Frage, um welche Epoche es in der Komödie geht. Für die Beantwortung dieser Frage werden einige Auslegungen der Forschung in Betracht gezogen. Anschleißend wird Figaros Wandlung mit Hilfe der textanalytischen Interpretationsmethode bewiesen. Als Textvorlage dient die Urfassung der Komödie in 13 Bildern. Die „Variante“ wird zur Analyse nicht einbezogen, daher könnte die Szene mit dem Kind, Cäsar für die Menschenwerdung Figaros nicht als Argument genommen werden. Der Prozess der Wandlung ist aus mehreren Perspektiven zu zeigen. Als erstes wird er anhand der Figurenkonstellation gezeigt, das heißt mit Figaros Liebesbeziehung und dem Herr-Diener-Verhältnis. Abschließend wird der Einfluss der Gesellschaft auf Figaros Veränderung geprüft. Figaros Wandlung vom Spießer zum Menschen ist kein psychologischer Prozess, sondern eine vom Autor gelenkte Entwicklung. Sie zeigt die damalige Auffassung Horváths, wovon in dieser Arbeit noch die Rede sein wird.
1. Von Beaumarchais bis Horváth: die Figaro-Gestalten in zwei unte rschiedlichen Epochen
1.1. Der revolutionäre Figaro von Beaumarchais
Da Horváths Komödie "Figaro lässt sich scheiden" hauptsächlich auf Beaumarchais′ „Figaros Hochzeit“ basiert, - das zweite Theaterstück der „Figaro-Trilogie“-, ist es sinnvoll zu klären, welche Rolle Figaro, der Diener des Grafen in der ursprünglichen Komödie „Figaros Hochzeit“ übernimmt und welche dichterische Botschaften das Figaro- Stück enthält.
Der politische Schriftsteller Pierre Augustin Caron de Beaumarchais (1732-1799), vertritt die Ideologien der Aufklärung. Seine gesellschaftskritischen Werke drücken den Machtzuwachs des Bürgertums aus. Die Komödie „Figaros Hochzeit“ des scho n bekannten Dramaturgen entstand in Folge einer Wette zwischen Beaumarchais und seinem Förderer, Graf Conti. Die Wette ging um eine zweite „Figaro Komödie“, die genauso erfolgreich sein sollte wie sein vorheriges Stück der „Barbier von Sevilla“. Beaumarchais verfasste sein Werk 1776, musste aber 8 Jahre warten, bis König Ludwig XVI. die öffentliche Aufführung erlaubte. Beaumarchais gewann die Wette. „Figaros Hochzeit“ war der größte Theater- Erfolg des Jahrhunderts, der durch die Skandalgerüchte um dieses Werk und die Schwierigkeiten, es zur Aufführung zu bringen, noch verstärkt wurde. Die Handlung spielt wegen der Zensur in Andalusien und für die Protagonisten ist spanische Kleidung vorgeschrieben, doch der Inhalt ist zeitkritisch: Figaro, der Diener des Grafen Almaviva, möchte Susanne, die Zofa der Gräfin heiraten. Der Graf vernachlässigt seine Frau und versucht die hübsche Dienerin zu verführen. Er hat die Macht, denn er verfügt über das feud ale Privileg „Ius primae noctis“ (Herrenrecht der ersten Nacht). So macht er Figaro zu seinem Rivalen. Der treue Diener aus dem „Barbier von Sevilla“ wird zum Rebellen, weil er seine Braut schützen muss. In dem ersten Stück hilft er dem Grafen zu heiraten, hier verfolgt er nun seine eigenen Ziele. Im Bündnis mit der Gräfin und Susanne siegt letztendlich der sozial untergeordnete, aber dafür sehr listige Diener. Der adelige Herr wird lächerlich gemacht. Figaro, der Vertreter des politisch benachteiligten Bürgertums, drückt am deutlichsten seine Unzufriedenheit gegen die Gesellschaftsordnung in seinem berühmten Monolog aus: Weil Sie ein großer Herr sind, halten Sie sich für einen großen Geist… Adel, Reichtum, ein hoher Rang, Würden, das macht so stolz! Was haben Sie denn getan, um so viele Vorzüge zu verdienen? Sie machten sich die Mühe, auf die Welt zu kommen, weiter nichts; […] während ich , zum Teufel, ein Kind aus der obskuren Menge, nur um zu leben mehr Witz und Verstand aufbringen musste, als man seit hundert Jahren auf das Regieren ganz Spaniens und seiner Länder verwandt hat. Und Sie wollen sich mit mir messen…2 Hinter diesen mutigen Worten steht ein geistiger Vorkämpfer der Revolution. Napoleon bezeichnete dieses Stück als den „Sturmvogel der Revolution“.
1.2. Die Entstehung der Figaro-Gestalt bei Horváth
„Horváth arbeitet jetzt an einer brillanten Komödie, >Figaro lässt sich scheiden<, eine Art Fortsetzung von >Figaros Hochzeit<-, nur dass der berühmte Monolog des hier zum Emigranten gewordenen Figaro nicht revolutionär, sondern kleinbürgerlich reaktionär klingt“.3 Mit diesen Worten kündigt Franz Theodor Csokor 1936 Horváths noch in diesem Jahr beendete Komödie an. Auf die Fortsetzung der Beaumarchais- Komödie weisen schon die ursprünglich vorgesehenen Titel des Stückes hin: „F igaro der zweite“ oder „Die Hochzeit der Figaro in unserer Zeit“4. Die ersten Überlegungen für die Verfassung einer modernen „Figaro Komödie“ stammen bereits aus dem Jahre 1933.
Ödön von Horváth (1901-1938) greift den vor 150 Jahren entstandenen Figaro- Stoff auf und setzt seine Helden in eine neue Epoche, wo sie mit den zur dieser Zeit aktuellen Probleme kämpfen müssen. Im Heimatland des Grafen ist nun die Revolution ausgebrochen. Der ehemalige Feudalherr mit seiner Frau ist gezwungen seine Heimat zu verlassen. Da Susanne, die treue Zofe, ihre Herren nicht im Stich lassen kann, überredet sie Figaro das Ehepaar auf ihrer Flucht zu begleiten. In dem Stück sind zahlreiche Anspielungen auf Beaumarchais′ Komödie zu finden. In den ersten Bildern ist der Graf Almaviva zwar nicht mehr in seiner gewohnten Umgebung, wo er seine Herrenrechte ausleben konnte, aber er glaubt immer noch an seine Macht. Er hofft, dass er mit seinem Einfluss die Situation rasch verändert.
[...]
1 vgl. Petersen, Jürgen: Figaro, Modell einer Epoche. In: Neue Deutsche Hefte 104. 1965, S.36
2 Beaumarchais: Figaros Hochzeit. Frankfurt am Main. 1981, S.225
3 Franz Theodor Csokor: Zeuge einer Zeit. Briefe aus dem Exil 1933-1950. München-Wien. 1964, S. 119
4 vgl. Kurt Bartsch: Ödön von Horváth. Stuttgart. 2000, S. 135
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Timea Peter, 2004, Die Wandlung der Figaro-Gestalt, Munich, GRIN Publishing GmbH
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