Inhalt
1. Einleitung 2
2. Relevanz und Darstellungsmöglichkeiten von Humor und Komik
2.1. Begriffseingrenzung
2.1.1. Humor 3
2.1.2. Komik. 3
2.1.3. Lachen. 4
2.2. Aufgaben und Auswirkungen von Humor und Komik
2.2.1. Bezüge zur individuellen Biografie und Situation 5
2.2.2. Identifikation und Opposition - gesellschaftliche Relevanz komischer
Darstellungen und ihrer Rezeption 6
2.3. Die Darstellung von Humor und Komik
2.3.1. Komödie, Satire und Tragikomödie. 7
2.3.2. Darstellung in den audiovisuellen Medien - Besonderheiten des Kinos 9
2.3.3. Grenzen der Darstellung 11
3. Humor und Komik im Kinofilm „Das Leben ist schön“
3.1. Themenwahl und Einsatz von Humor und Komik
3.1.1. Idee und Inhalt. 13
3.1.2. Facetten des Humors und der komischen Darstellung 14
3.1.3. Humor und Moral - Die Problematik der Themenwahl. 16
3.2. Das gespaltene Publikum
3.2.1. Zielsetzung und Anspruch des Films. 19
3.3.2. „Das Leben ist schön“ als adäquates Mittel zum Aufzeigen neuer Perspektiven
oder unmoralische Grenzüberschreitung zur Selbstdarstellung. 22
3.2.3. Der Umgang mit der Realität. 27
4. Fazit. 30
Literaturverzeichnis 32
1
1. Einleitung
Humor und Komik sind wichtige Elemente medialer Darstellungen. Vor allem im Film gibt es vielfältige Möglichkeiten des Einsatzes unterschiedlicher Arten von Humor und Komik. Ebenso variationsreich wie die Einsatzmöglichkeiten sind die Auffassungen der Rezipienten darüber, was Humor ist und wie er im Film komisch dargestellt werden sollte. Umstritten sind auch die Grenzen von Humor und Komik, das heißt die Frage, welche Stoffe sich zur Darstellung im Rahmen eines komischen Medienprodukts eignen bzw. ob und wo die Verwendung von Humor moralisch problematisch ist. Diese Arbeit soll sich mit unterschiedlichen Facetten der Problematik von Humor und Komik in medialen Produkten befassen.
Im ersten Teil werden zunächst die Begriffe Humor, Lachen und Komik definiert und voneinander abgegrenzt, um so eine Grundlage für das weitere Vorgehen zu schaffen. Daneben werden Aufgaben und Auswirkungen von Humor und Komik für das Individuum und innerhalb des gesellschaftlichen Zusammenlebens betrachtet, um Unterschiede und Besonderheiten sowohl im individuellen Rezeptionsverhalten als auch in der Bewertung von medialen Produkten im gesellschaftlichen Kontext zu erfassen. Schließlich werden die Darstellungsmöglichkeiten von Humor und Komik untersucht, wobei einerseits unterschiedliche Gattungen und andererseits Möglichkeiten der medialen Darstellung berücksichtigt werden. Außerdem werden Grenzen der Darstellung von Humor und Komik aufgezeigt, die zu deren Scheitern, beispielsweise durch gesellschaftliche Normen und soziale Tabus, führen können.
Als Beispiel einer kontroversen Diskussion über den Einsatz von Humor und Komik in medialen Produkten beschäftigt sich der zweite Teil der Arbeit mit dem Film „Das Leben ist schön“ des italienischen Regisseurs und Schauspielers Roberto Benigni. Hierbei werden die Problematik der Themenwahl und der Einsatz von Humor und Komik im Film untersucht. Im Mittelpunkt stehen unterschiedliche Auffassungen über die Frage, ob und wie Kunst das Thema Holocaust behandeln sollte, bzw. ob die Form der Darstellung, wie sie Benigni in seiner Komödie gewählt hat, die angemessene ist. Dabei werden die Ziele des Regisseurs mit unterschiedlichen Rezensionen verglichen. Ein besonderer Fokus liegt auf der Auseinandersetzung über den Authentizitätsgrad des Films.
2
Eine eindeutige Definition des Begriffs Humor ist kaum möglich, wobei vor allem in Detailfragen Unterschiede in den einzelnen Erläuterungen zu finden sind. Schon in der Antike wurde das Wort Humor als Bezeichnung für einen besonderen Gemütszustand verwendet, der durch eine ausgeprägte Sensitivität bzw. Wertschätzung gegenüber lustigen, absurden, inkongruenten oder komischen Ereignissen gekennzeichnet war. Das lateinische Wort „humor“ (Feuchtigkeit, Flüssigkeit) bezeichnete im Mittelalter die vier Körpersäfte Schleim, Blut, schwarze und gelbe Galle, die nach damaliger Auffassung auch für den Gemütszustand des Menschen, also sein Wesen und seine Stimmung verantwortlich waren. In der Renaissance dann stand ein „guter Sinn für Humor“ für ein ausgeglichenes Verhältnis der Körpersäfte. Im 18. Jahrhundert schließlich wurde mit Humor die seelische Grundhaltung bezeichnet, „die in den Missständen des Lebens menschliche Unzulänglichkeiten erkennt und lachend verzeiht“ 1 . Auch in der Neuzeit wird mit Humor eine geistige Kapazität verbunden, „die es erlaubt, sich von den ernsthaften Anforderungen und Anspannungen des täglichen Lebens zu distanzieren und dieses als unterhaltend und positiv anzusehen“ 2 . Diese Geisteshaltung umfasst sowohl aktive, gestaltende als auch passive, rezipierende Elemente mit jeweils kognitiven und emotionalen Aspekten. 3
2.1.2. Lachen
Vor allem in neuerer Zeit und im Zusammenhang mit medialen Ausdrucksformen von Humor sind Lachen und Lächeln wichtige Bestandteile bzw. Reaktionen auf solche Darstellungen. In den Anfängen der Menschheit kam dem Lächeln als angeborener menschlicher Reaktion eine lebenserhaltende Funktion zu; es sollte unter anderem
1 Braunschmid: Das Phänomen Humor, S. 11
2 Haverkamp: Why a duck and the famous Eccles are something completely different, S. 8
3 vgl. ebenda, S.8f
3
die Aggressionen des Feindes hemmen und Wohlwollen sichern. Auch heute noch drückt Lächeln Zufriedenheit aus und signalisiert Aufmerksamkeit und Wohlwollen. 4 Morreal definierte das Lachen 1983 als eine Reaktion auf eine als angenehm empfundene Veränderung des psychologischen Zustands im Individuum, der zu plötzlich eintritt um anders verarbeitet werden zu können. 5 Lachen kann aber nicht nur als physiologische Reaktion auf einen Reiz verstanden werden, sondern ist auch ein soziales Phänomen, das dazu beiträgt, eine humorvolle Situation als solche zu kennzeichnen. Lachen wird also von Kommunikationspartnern genutzt - im Bereich der medialen Kommunikation auch im Rahmen parasozialer Interaktionsprozesse -, „die der Welt um sie herum Sinn verleihen und somit durch das aktive Determinieren eines Ereignisses als unterhaltsam erst das Lachen als konstitutive Komponente ermöglichen“. 6 Außerdem steht Lachen nicht immer in Verbindung mit positiven Emotionen und Reaktionen (z.B. hysterisches oder nervöses Lachen). „Lachen wie Weinen bringen das Individuum in ,Grenzlagen’, wo die gewohnte Balance seiner Existenz gestört ist“ 7 .
2.1.3. Komik
Das Komische ist nicht an eine spezielle ästhetische Form der Darstellung gebunden, sondern t ritt häufig im Alltagsleben auf, und kann hier neben bewusster Produktion auch unbewusst und unfreiwillig entstehen. 8 Die Komik, also die Darstellung des Komischen selbst, beinhaltet in der Regel einen Moment komischer Überraschung, der durch einen Widerspruch gekennzeichnet ist entweder zu Wissen, Werten und Erwartungen des Publikums über die reale Welt oder zu narrativ erzeugten Erwartungen über den Verlauf von Ereignissen. Komik entsteht also häufig durch Abweichung von sozial formierten Erwartungen und Normen. 9 Die komische Empfindung ist dabei jedoch von individueller Wahrnehmung in der jeweiligen Situation des Subjekts geprägt, weshalb nicht immer reale Abweichungen vom „Normalen“ notwendige Voraussetzung für Komik sind 10 .
4
Braunschmid: Das Phänomen Humor, S.42ff
5 vgl. Haverkamp: Why a duck and the famous Eccles are something completely different, S.13
6 vgl. Zijderfeld in Haverkamp: Why a duck and the famous Eccles are something completely different, S.13
7 Berger: Erlösendes Lachen, S. 57
8 vgl. Haverkamp: Why a duck and the famous Eccles are something completely different, S. 8
9 vgl. ebenda, S. 20
4
Humor und Komik haben unterschiedliche Aufgaben oder Auswirkungen auf das Individuum und innerhalb des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Auch wenn vor allem medial vermittelte Komik nicht auf die Bedürfnisse Einzelner zugeschnitten ist, so trifft sie doch auf unterschiedliche Rezeptionssituationen sowie unterschiedliche Arten von Humor und steht somit im Zusammenhang mit der individuellen Biografie und Situation. Der Umgang mit einem medialen Produkt bzw. der darin enthaltenen Komik ist in der Regel mit dem jeweiligen Hintergrund und den Erfahrungen des Rezipienten verbunden. Das ausgelöste Lachen kann dabei nach Hans -Georg Gadamer als Kommentar, Deutung oder zur Bekundung einer Revision vor sich selbst dienen, falls durch die komische Situation ein Bezugspunkt zur eigenen Biografie hergestellt werden kann. 11 Eventuell distanziert sich das Subjekt durch dieses Lachen auch unbewusst von der eigenen Biografie, indem eine vergangene Situation durch die Konfrontation mit Humor neu beurteilt wird.
Einen Ansatz zur Erklärung der individuellen Gratifikation durch Humor und insbesondere durch medial vermittelte Komik liefert der „Uses and Gratifications Approach“ 12 . In dieser Erwartungs-Wert-Theorie erfolgt die Analyse menschlicher Bedürfnisse ausgehend von einer Mangelerscheinung, deren Beseitigung im Rahmen von Alltagshandeln individuelle Befriedigung verschafft. Der Konsum von medialen Angeboten stellt dabei eine spezifische Möglichkeit zur Erlangung der gewünschten Gratifikation dar. Der Medienkonsum wird beispielsweise häufig als Möglichkeit des Stressabbaus gesehen bzw. als Möglichkeit, die eigene Stimmung zu verbessern oder eine gewünschte Stimmung aufrecht zu erhalten. Die Auswahl des jeweiligen Produkts erfolgt meist unreflektiert, wobei sie unbewusst vom Ziel der Herstellung eines gewünschten Gemütszustands gesteuert wird. 13 Während der Rezeption von Komik befindet sich das Individuum in einer geschlossenen Welt,
10 diese Auffassung wird jedoch beispielsweise von Sigmund Freud vertreten, vgl. Genazino: Über das Komische, S. 7
11 vgl. ebenda, S.12
12 der von Blumler und Katz entwickelte Ansatz markiert den paradigm atischen Wechsel in der Medienwirkungsforschung von der Frage „Was machen die Medien mit den Menschen?“ hin zu der Frage „Was machen die Menschen mit den Medien?“
13 vgl. Haverkamp: Why a duck and the famous Eccles are something completely different, S. 57ff
5
innerhalb derer die Alltagsrealität aufgehoben ist 14 ; durch „die Herstellung psyc hischer Effekte im Medienkonsum können so die verschiedenen realen Bedürfnisse in der Phantasie des Publikums einer Scheinbefriedigung zugeführt werden“ 15 . Der „Uses and Gratifications Approach” gibt zwar Auskunft über mögliche und zum Teil unbewusste Selektionsprinzipien komischer oder humorvoller medialer Darstellungen, erfasst jedoch nicht direkte Auswirkungen auf das Individuum, die sich durch die eigentliche Rezeption ergeben. Dabei hat Lachen - auch ausgelöst durch komische Darstellungen - direkte gesundheitsfördernde Auswirkungen, löst zudem psychische Blockaden und hilft, soziale Ängste zu überwinden. Lachen wurde in der Medizin schon im Altertum und Mittelalter eingesetzt, wird jedoch auch in der Moderne wiederentdeckt. 16 Humor dagegen hat viele Wurzeln und Absichten und kann im Gegensatz zum Lachen nicht eindeutig als konstruktiv oder heilsam angesehen werden; z.B. in der Form von Ironie, Sarkasmus, Zynismus kann er als demütigend oder beschämend erlebt werden und steht hierbei in enger Verbindung zu Aggressionen als Intention oder Konsequenz.
2.2.2. Identifikation und Opposition - gesellschaftliche Relevanz komischer
Darstellungen und ihrer Rezeption
Humor und Komik haben neben individueller Gratifikation auch eine gesellschaftliche und politische R elevanz. In komischen Darstellungen sind häufig an sich absurd scheinende Ereignisse in ihrer Erzählstruktur logisch stringent aneinandergereiht und folglich für das Publikum nachvollziehbar. Somit werden eindimensionale Sichtweisen vermieden, vielmehr werden durch den Tabubruch neuartige Bewertungen und alternative Interpretationen nahegelegt, sodass der unernsten Betrachtung der Situation ein latent vorhandener Wille zur Opposition zugrunde liegt. 17 Lachen kann in diesem Zusammenhang auch als subtil abgeschwächte Form des Widerstands gegen den Funktionalismus der Lebenswelt verstanden werden: „Indem sich die komische Empfindung von den außen herrschenden Instanzen abwendet, stärkt sie die Innenausstattung des Subjekts gegen diese“ 18 . Eine
14
der Philosoph Alfred Schütz bezeichnet insbesondere den Witz (im Kinofilm) als geschlossenen Sinnbereich (finite province of meaning) in der dominanten Wirklichkeit (paramount reality), vgl. Berger: Erlösendes Lachen, S. 8ff
15 Haverkamp: Why a duck and the famous Eccles are something completely different, S. 59
16 vgl. Braunschmid: Das Phänomen Humor, S. 37ff
17 vgl. Haverkamp: Why a duck and the famous Eccles are something completely different, S. 37ff
18 Genazino: Über das Komische, S. 8
6
Arbeit zitieren:
Veronika Petzold, 2003, Möglichkeiten und Grenzen medialer Darstellungen von Humor und Komik am Beispiel der "KZ-Komödie" "Das Leben ist schön", München, GRIN Verlag GmbH
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