Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
Ein Blick in die Philosophiegeschichte 4
Die Philosophen in der Antike 4
Theologische Argumentationen des Mittelalters. 5
Die neuzeitliche Diskussion. 5
Der Mensch Viktor Frankl. 6
Kindheit und Jugend 6
Verschiedene Einflüsse. 7
Experimentum crucis 8
Ein Zwerg auf den Schultern eines Riesen - von der
Psychoanalyse zur Logotherapie 10
Sigmund Freud und die Psychoanalyse 10
Alfred Adler und die Individualpsychologie 11
Kritik an Freud und Adler. 11
Die Logotherapie oder der Wille zum Sinn 13
Streben nach Sinn. 13
Der Mensch in Verantwortung gegenüber seinen Entscheidungen. 13
Wachsen am Leid. 14
Logotherapie und Suizid 15
Kritik an Frankl 16
Literaturverzeichnis 18
2
Einleitung
Die Seminararbeit hat folgende Zielsetzungen: Der erste Teil soll einen Einblick in die Geschichte der Philosophie bieten und die Frage klären, wie Philosophen verschiedener Denkrichtungen und Epochen der Thematik „Suizid“ begegnet sind. Die folgenden Kapitel wenden sich dann Viktor Frankl und dessen Logotherapie zu. Der eigentliche Teil, nämlich die Auseinandersetzung mit der Frage, wie die Logotherapie der Selbsttötung therapeutisch entgegenwirkt, ist relativ kurz. Es schien mir wichtig, den Bogen etwas weiter zu spannen und zunächst in einem Kapitel die Kindheit, Jugend und frühe Erwachsenenphase Viktor Frankls zu schildern, und das folgende Kapitel der Beschreibung zu widmen, aus welchen psychologischen Schulen die Logotherapie schließlich entstanden ist. Meiner Meinung nach kann man erst mit diesem Hintergrundwissen die Logotherapie richtig einschätzen. Somit wäre der Titel „Suizid“ für diese Arbeit zu kurz gegriffen, denn de facto geht es in weiten Teilen dieser Arbeit nicht um Suizid. Es war nicht einmal meine Motivation, über Suizid zu schreiben; vielmehr inspirierten mich Viktor Frankl und die Logotherapie. Da es in der Logotherapie aber um die Frage nach dem Sinn geht, und Selbstmorde meist aus einem Gefühl der Sinnlosigkeit heraus begangen werden, habe ich versucht, beides, Logotherapie und Suizid, zusammen zu führen. Die Lektüre der Schriften Frankls oder seiner Schüler hat mir immer wieder gezeigt, dass die Verbindung der Themen „Logotherapie“ und „Suizid“ sinnvoll ist. Nicht nur, weil Frankl sein Werk (unter anderem) aus seinen persönlichen Erfahrungen mit Selbstmordkandidaten heraus gestaltet hat, sondern auch, weil die Logotherapie schon da versucht anzusetzen, wo beim Menschen die Idee eines Suizides noch gar nicht aufgekommen ist: es geht der Logotherapie um das Bewusstsein eines permanenten Sinns, der in jedem Leben zu finden ist.
3
Ein Blick in die Philosophiegeschichte
Im ersten Teil dieser Seminararbeit möchte ich verschiedene Sichtweisen der Thematik „Suizid“ aus der Philosophiegeschichte darstellen. Dieser Teil soll allerdings kein erschöpfender Überblick sein; ich habe vielmehr nach eigenem Gutdünken einige Positionen herausgegriffen.
Die Philosophen in der Antike
Die Denkweise Platons ist sehr stark geprägt von der Verantwortlichkeit des Menschen einem Gott gegenüber. So stehen sowohl das Leben als auch der Tod nicht in der Verfügung des Menschen, sondern in der eines Gottes. Deswegen begeht ein Mensch Unrecht, wenn er sich das Leben nimmt. Eine Ausnahme ist allerdings dann gewährt, wenn der Akt der Selbsttötung aufgrund einer von dem Gott selbst gesandten Notwendigkeit her geschieht.
Platon hält es aber auch für die Pflicht des Menschen, sich gegenüber der menschlichen Gemeinschaft, zum Beispiel der Polis, verantwortungsbewusst zu verhalten. So ist der Suizid ein strafwürdiges Verbrechen, wenn weder ein rechtmäßiges Todesurteil (wie es beispielsweise bei Sokrates der Fall war) noch ein „Handlungszwang auf Grund unentrinnbarer, übergroßer Schmerzen oder eine Situation auswegloser, unerträglicher Entwürdigung gegeben ist“ 1 . In diesem Fall ist der Selbstmord „aus träger Feigheit gegenüber den Anforderungen des Lebens“ 2 motiviert. Auch Aristoteles, der Schüler Platons, verweist auf die Pflichten des Einzelnen gegenüber der Polis und verurteilt damit den Selbstmord, da dieser nicht den Interessen der Polis dienen kann. Aristoteles betont aber, dass der Suizid zwar ein Verbrechen gegenüber der Polis, nicht aber gegen sich selbst ist, denn der Suizident nimmt freiwillig die Folgen seiner Aktion auf sich. Die Meinung Aristoteles deckt sich allerdings insofern wieder mit der des Platon, da Aristoteles es ebenfalls als Feigheit bezeichnet, wenn sich jemand aus Liebeskummer oder aufgrund einer anderen Bedrückung selbst tötet, denn dies ist nicht mehr als eine Flucht vor dem Übel. Auffallend an der Argumentationsweise Platons und Aristoteles ist die spürbare Au-torität der Polis. Es gab jedoch auch philosophische Schulen, die derartige Argumente zurückgewiesen haben. Antisthenes zum Beispiel, ein Vertreter der kynischen Schule, proklamiert den Selbstmord „als eine grundsätzlich den Menschen eingeräumte Freiheit“ 3 und weist den Machtanspruch der Polis damit in gewisse Schranken.
Die Stoiker, besonders in der Kaiserzeit mit den Vertretern Mark Aurel und Seneca, halten den Tod und das Leben als solches als etwas Belangloses, „belangvoll ist nur ein vernunftgemäßes Leben; ist aber das nicht mehr möglich, so bleibt als letzter Akt der ‚wohlerwogene Lebensausgang’“ (Seneca) 4 .
1 Gutknecht, Th., Art. Selbstmord, in: Historisches philosophisches Wörterbuch 9 (1995) S. 494.
2 Ebenda, S. 494.
3 Ebenda, S. 494.
4 Ebenda, S. 495.
4
Theologische Argumentationen des Mittelalters
Der Kirchenlehrer Augustinus gründet seine Argumentation in dieser Thematik auf den Mosaischen Dekalog; Selbsttötung behandelt er grundsätzlich wie Mord, was gegen das fünfte Gebot verstößt. Thomas von Aquin verfolgt diese Linie weiter. Nach seiner Begründung ist eine Selbsttötung verboten, „weil sie dem Selbsterhaltungstrieb und der ‚Liebe, mit der jeder sich selbst lieben muss’ (Th. v. A.) entgegengesetzt ist.“ 5 Thomas von Aquin führt dann noch ähnliche Argumente auf wie Platon und Aristoteles, indem er sagt, ein Selbstmord sei ein Unrecht gegenüber der Gemeinschaft und wendet sich gegen die göttliche Entscheidung über Leben und Tod.
Die neuzeitliche Diskussion
Gemäß dem niederländischen Philosophen Spinoza können „nur äußere und seiner Natur entgegengesetzte Ursachen (…) den Menschen zur Selbstvernichtung veranlassen.“ 6 Spinoza wörtlich: „Dass aber der Mensch aus der Notwendigkeit seiner eigenen Natur heraus danach streben sollte, nicht zu sein …, ist ebenso unmöglich, wie dass aus nichts etwas würde.“
Im Zeitalter der Aufklärung traten dann wieder Befürworter der Freiheit zur Selbsttötung auf. Der schottische Philosoph David Hume unternimmt den Versuch, die Argumente Thomas von Aquins zu widerlegen. So ist die Selbstvernichtung ebenso wenig ein Verstoß gegen den göttlichen Willen wie die Selbsterhaltung, denn der Mensch nutzt in beiden Fällen lediglich die Kräfte, die ihm verliehen sind, weswegen es abwegig ist, von einem Eingriff in die Vorsehung zu sprechen. Die soziale Verpflichtung, so Hume mit Blick auf Thomas von Aquin weiter, erreicht spätestens dann ihre Grenze, wenn das eigene Leben unerträglich wird; wenn das Leben also zur Last wird, so ist die Selbstvernichtung legitim.
Immanuel Kant hält die Selbsterhaltung „wenngleich nicht [die] vornehmste, [so] doch erste Pflicht des Menschen gegen sich selbst.“ Als Begründung dieser Aussage führt er das Prinzip der kategorischen Pflichterfüllung an. Arthur Schopenhauer ist der Überzeugung, dass die Selbstvernichtung im Allgemeinen vergeblich ist, weil sie nicht zur ‚wirklichen Erlösung’ führt. Lediglich den ‚freiwillig gewählten Hungertod’ (= Hungerstreik) lobt er als ‚höchsten Grade der Askese’, weil dieser Hungertod „nicht bloß den physischen Tod bedeutet, sondern den Tod des Willens zum Leben voraussetzt“ 7 .Er kritisiert jedoch die Verdammungsurteile durch ‚europäische Moralphilosophen’ und bezeichnet deren Argumentationen als nichtig, weil sie den Standort asketischer Philosophen nicht erreicht haben.
5 Gutknecht, Th., Art. Selbstmord, in: Historisches philosophisches Wörterbuch 9 (1995) S. 495.
6 Ebenda, S. 496.
7 Ebenda, S. 497.
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Arbeit zitieren:
Timo Grünbacher, 2004, Suizid und die Logotherapie Viktor E. Frankls, München, GRIN Verlag GmbH
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