Inhaltsverzeichnis
Einleitung S. 1
1. Kurze Einführung in die „Welt der Erlebensprozesse“ 2
2. Schönheit 4
2.1 Niedere und höhere Formen von Schönheit 4
2.2 „Das schöne Objekt“ 5
2.3 Disharmonie 6
2.3.1 Anästhesie - rein negatives Erfassen
2.3.2 Ästhetische Destruktion
2.3.3 Abdrängen in den Hintergrund. Hervorheben des Vordergrunds
2.3.4 Regionenbildung
S. 10
2.4 Verflechtung von Harmonie und Dissonanz
3. Beziehung zwischen Wahrheit und Schönheit 12
4. Ideale Kunst 13
Literaturverzeichnis 15
Einleitung
Was passiert, wenn wir etwas als schön wahrnehmen - sei es ein Kunstobjekt, eine Landschaft?
Ist es das „schöne Ding“, welches das ästhetische Erlebnis auslöst? Doch warum erscheint uns dieses möglicherweise nicht immer als schön, und warum sind andere wiederum anderer Meinung. Es gibt jedoch Objekte, die von einer Mehrheit als schön empfunden werden. Was zeichnet sie gegenüber anderen Objekten aus, denen diese Qualität nicht zugesprochen wird? Sicherlich ist die Wertung, das Urteil, ob man etwas als schön ansieht bis zu einem gewissen Grad (oder sogar vollständig) kulturell präformiert. Darum liegt die Annahme nahe, dass es sich dabei um einen Vorgang handelt, der zumindest partiell an frühere Vorgänge des eigenen Erlebens anknüpft.
Whitehead widmet sich weniger der Frage, ob die „Empfindung von etwas als schön“ kulturell beeinflusst wird als vielmehr der Beschreibung des elementaren Vorgangs selbst. Er versucht, das gemeinsame der vielfältigen Empfindungen von Schönheit heraus zu filtern und bietet eine Theorie über das Erleben der Schönheit und die Schönheit selbst an. Dabei beschränkt er sich nicht auf das Kunstschöne, obwohl es einen besonderen Stellenwert, besonders hinsichtlich dessen zivilisatorischen Elements in seinen Ausführungen einnimmt. 2 Whitehead verwendet vielfältige Begriffsschöpfungen, die er innerhalb seines philosophischen Systems definiert. Sollte man sich jedem Begriff extra widmen, würde das jeglichen Rahmen sprengen, und die Hausarbeit in eine Kette von Begriffserklärungen münden, da jede Erklärung wieder neue Whiteheadsche Begriffe einführen würde. Auch wenn es primär um das Phänomen der Schönheit bei Whitehead gehen soll, besteht meiner Meinung nach dennoch die Notwendigkeit, sein Grundkonzept von den „Erlebensprozessen“ kurz darzulegen, den fundamentalen Mechanismus innerhalb Whiteheads Philosophie.
1 Alfred North Whitehead: Abenteuer der Ideen, Frankfurt am Main 2000, S. 489. [Originalausgabe: Adventures
of Ideas, New York 1933.]
2 Ich werde Whiteheads Ansatz vom Fühlen des Schönen bewußt auf die „personale Abfolge von Erlebenspro-
zessen“, auf das individuelle Erleben anwenden.
Die Textgrundlage bildet Whiteheads Werk „Abenteuer der Ideen“, und hier hauptsächlich das Kapitel über die Schönheit. 3
1. Kurze Einführung in die „Welt der Erlebensprozesse“
Whitehead geht von den „Erlebensprozessen“, von der Struktur des Erlebens als dem fundamentalen Faktum aus. Diese sind gekennzeichnet durch eine Subjekt-Objekt-Beziehung, einer Beziehung zwischen einem „Erlebenden“ und einem „Gegebenen“.
Die Erlebensprozesse, die sich zwischen Subjekt und Objekt ergeben, spielen sich auf der Grundlage einer „emotionalen Tönung“ ab:
„Die Basis des Erlebens und der Erfahrung ist emotional, allgemeiner gesagt: das fundamentale
Faktum ist das Aufkommen einer affektiven Tönung, die von Dingen ausgeht, deren Relevanz be-reits gegeben ist.“ 4
Offenbar handelt es sich bei Whiteheads Emotionsbegriff um einen Wechselwirkungsprozess zwischen Ding und Subjekt, wobei die emotionale Tönung (als Basis des Erlebens) nach Whitehead dauerhafter, beständiger ist als ein isolierter kognitiver Vorgang. Das Subjekt, bzw. der subjektive Erlebensvorgang wird affiziert von einem Objekt 5 , das als ein „Gegebenes“ wahrgenommen wird. Ein Objekt, welches als ein solches wahrgenommen wird, also schon ein Bestandteil des vorausgegangen Erlebens war, ist hinfort nicht mehr neutral, sondern durch eine bestimmte „affektive Tönung“ gekennzeichnet. Dem Subjekt „geht es um“ („concern“) ein Objekt:
„Und dieses „Gehen um“ gibt dem Objekt sogleich seinen Platz als Bestandteil im Erleben des
Subjekts, mit einer affektiven Tönung, die vom Objekt ausgeht und auf es zurückgerichtet ist.“ 6
Dem Subjekt wird die Rolle als aktiv Aufnehmendes und dem Objekt als Hervorrufendes zugewiesen; ihr Verhältnis relativ zueinander verstanden:
„Ein Erlebensvorgang ist Subjekt im Hinblick auf die Aktivität, in der es um ein bestimmtes Objekt
geht; und alles ist Objekt, was ein bestimmte Aktivität in einem Subjekt hervorruft.“ 7
Das Erfassen von etwas Gegebenen gliedert sich in drei Faktoren: in den „Erlebensvorgang,
innerhalb dessen dieses Erfassen ein Detail seiner Aktivität bildet, die Gegebenheit, deren Rele-vanz den Anlaß dieses Erfassens bildet, also das in ihm erfaßte Objekt, und die subjektive Form des
Erfassens, d. h. die affektive Tönung, die seine Effektivität innerhalb dieses Erlebensvorgangs be-
stimmt.“ 8
3 Vgl. Abenteuer, S. 441-461.
4 Abenteuer 326.
5 Whitehead stellt folgende zwei Bedingungen auf, die für ein Objekt eines Erlebensprozesses gelten: „Zwei
Bedingungen müssen erfüllt sein, wenn eine Entität als Objekt in einem Erlebensprozeß fungieren soll: (1) Es
muß sich um eine schon vorher existierende Entität handeln, und (2) muß sie vermöge ihrer Vorgängigkeit erlebt
werden, d. h. als etwas Gegebenes.“ (Abenteuer 330.)
6 Abenteuer 326..
7 Abenteuer 327.
8 Ebenda.
Durch das Objekt ist eine „reale Potentialität“ hinsichtlich der Erlebensprozesse gegeben. Durch ein bestimmtes Gegebenes kann z. B. Kreativität begünstigt werden, was für Diskussion über das Phänomens der Schönheit im weiteren relevant ist. Die „Eigenaktivität“ der „passiven Objekt“ ergibt sich aus dem schöpferischen Charakter des ganzen Erlebensvorgangs. Dieser ist in „ein Netz“ (ein System) von anderen Erlebensvorgängen integriert, die sich gegenseitig beeinflussen, verstanden als ein komplexer Prozess:
„Die subjektive Form des unmittelbar vergangenen Erlebensvorgangs geht kontinuierlich in die
subjektive Form ihres Erfaßtwerdens im Ansatz des neuen Erlebensvorgangs über. Während des
Prozesses der Synthesis der Vielzahl fundamentaler Erfassensakte kommt es dann zu Modifikatio-
nen.“ 9
Dem Bewußtsein ist es möglich innerhalb dieses komplexen Erlebensprozesses einzelnes zu betonen oder Strukturen zu erkennen. Diesen Vorgang bezeichnet Whitehead als „Erscheinung“. 10
Whitehead konstatiert bezüglich der Erlebensprozesse, dass es keine reine Sinneswahrnehmung gebe. Diese ließe sich nicht isolieren, sondern ist immer vor dem Hintergrund der „nichtsinnlichen Wahrnehmung“ (kognitive Vorgänge) zu sehen. Die Interpretation des Wahrgenommen und die Reflexion über das Wahrgenommene gehen unmittelbar in die sinnliche Wahrnehmung mit ein, was in der Folge Erinnerung möglich macht, und für Whitehead die Voraussetzung für die Erfahrung von Kontinuität bildet, und vor dem Hintergrund der Relativität von Subjekt und Objekt zu sehen ist. 11
Der Erlebensprozess wird von Whitehead als ein Formbildungsprozess verstanden. Die Form wird während des Erlebensvorgangs Realität und kann damit in andere subjektiven Formprozesse mit eingehen. Jedoch nur das, was für die anderen Formprozesse relevant ist, wird im folgenden aufgenommen. Das Erfassen ist also gleichzeitig Elmination, und damit bereits ein aktiver Prozess, der erste Schritt zu einer neuen Formbildung.
Dabei spielt die emotionale Tönung eine grundlegende Rolle; sie ist der Beginn des „Gegenwärtigseins“, ein sich selbst artikulierender Interpretationsakt.
9 Abenteuer 337.
10 Vgl. Abenteuer, Kapitel XIV: „Erscheinung und Wirklichkeit“, S. 374ff.
11 Vgl. Abentuer, Kap. XI: „Objekte und Subjekte“, S. 326ff.
Arbeit zitieren:
Jessica Heyser, 2002, Das Phänomen der Schönheit hinsichtlich der ästhetischen Erfahrung und der Förderung von Kreativität in Alfred North Whiteheads "Abenteuer der Ideen", München, GRIN Verlag GmbH
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