Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1. Die Entwicklung der Vereinigten Staaten zur wirtschaftlichen
und politischen Weltmacht 3
1.1 Periodisierung 3
1.2 Der Ausgangspunkt - die US-Wirtschaft um die Wende zum
19. Jahrhundert 4
1.3 Die Entwicklung der Vereinigten Staaten zu einer führenden
Industrienation 6
2. Exkurs Lateinamerika 11
3. Ursachen der unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklung 12
Zusammenfassung 19
Literaturverzeichnis 21
Einleitung
Angesichts der ungleichen Verteilung von Reichtum und Armut auf der Welt stellt sich für einen Historiker die Frage, wo die Ursachen einer solchen Ungleichheit liegen. Diese Frage ist ersteinmal rein abstrakter Natur: Man könnte danach fragen, ob es generelle Gründe und Ursachen dafür gibt, dass die einen reich und die anderen arm sind, völlig unabhängig von irgendeiner historischen Epoche. In Anbetracht des Wohlstands und der Höhe des Lebensstandards, den der ‚Westen‘ in den letzten ca. 150 Jahren ansammeln konnte und der jeglicher historischer Analogie trotzt, scheint es aber viel interessanter und aufschlussreicher zu sein, mit David Landes zu fragen: „Wie und warum sind wir an den Punkt gelangt, an dem wir stehen? Auf welche Weise wurden die reichen Länder so reich? Warum sind die armen Länder so arm?“ und schließlich: „Warum übernahm Europa (»der Westen«) in der sich wandelnden Welt eine führende Rolle?“ 1 Diesen Fragen soll im Folgenden am Beispiel der Vereinigten Staaten von Amerika nachgegangen werden. Die USA entwickelten sich in knapp hundert Jahren von einer weitgehend agrarisch geprägten Vereinigung der 13 Gründungskolonien zur größten Ökonomie der Welt und damit gleichzeitig zu einer Weltmacht, die das 20. Jahrhundert maßgeblich bestimmen sollte. In dieser Arbeit soll die Frage im Zentrum der Betrachtungen stehen, wie es zu diesem rapiden Aufstieg gekommen ist und was die wesentlichen Faktoren waren, die den wirtschaftlichen Erfolg der USA ermöglichten. Der zeitliche Rahmen soll dabei durch zwei nicht nur für die USA bedeutende Zäsuren gesteckt werden: Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg bildet den Ausgangspunkt der Abhandlung, der Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs als ein vorläufiger Endpunkt der frühen amerikanischen Industrialisierung den Schlusspunkt.
Die Zahl der Faktoren des US-amerikanischen Erfolges, die hier untersucht werden können, wird durch den angestrebten Umfang dieser Seminararbeit beschränkt. Allein aus diesem Grund können die Erklärungsfaktoren keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Um die aufgefundenen Faktoren zu verifizieren, habe ich mich dazu entschlossen, die US-amerikanische Entwicklung mit einer Region zu vergleichen, die eine ähnliche Ausgangssituation und damit ähnliche Chancen des ökonomischen Erfolgs aufgewiesen hat, wie der Teil Nordamerikas, den wir heute USA nennen. Die Rede ist hier von Mittel- und Südamerika 2 , das aus europäischer Sicht vor allem eins mit Nordamerika gemein hatte: es war zum Zeitpunkt der Entdeckung durch die Europäer ein weitestgehend unbesiedeltes Land, das über schier endlose Ressourcen in Form von Bodenschätzen, Land etc. verfügte und aus der rückblickenden Perspektive allein unter diesen materiellen
1 Landes, David, Wohlstand und Armut der Nationen - Warum die einen reich und die anderen arm sind, Berlin 1999, S. 16.
2 Ich werde ab sofort zur sprachlichen Vereinfachung von Lateinamerika in Unterscheidung zu Angloamerika sprechen. Meines Erachtens ist diese Terminologie auch deshalb günstiger als die Bezeichnungen Nord-, Mittel- und Südamerika, da sie einen wesentlichen Aspekt der unterschiedlichen Entwicklung beider Regionen schon im Namen trägt, der im Laufe der Arbeit deutlicher zu Tage treten sollte: die unterschiedlichen Träger der Kolonisation beider Gebiete.
1
Voraussetzungen eine ähnliche Entwicklungschance hatte wie das heute englischsprachige Amerika.
Die Fragen sind offensichtlich: Was waren und sind die Gründe für die so unterschiedliche Entwicklung? Warum sind die Vereinigten Staaten inzwischen schon mehr als einhundert Jahre die bedeutendste und erfolgreichste Ökonomie der Welt, während die Staaten Lateinamerikas noch immer mit ökonomischer Rückständigkeit und politischer Instabilität zu kämpfen haben? Um diese Fragen zu beantworten, habe ich die Arbeit wie folgt gegliedert. Im ersten Kapitel wird die wirtschaftliche Entwicklung der USA zwischen 1776 und 1861 nachgezeichnet, wobei schon erste Faktoren, die diese Entwicklung bedingt haben, herausgearbeitet werden sollen. Daran schließt sich in Kapitel zwei ein Exkurs an, der den Weg Lateinamerikas in der gleichen Epoche kurz darstellt und mit dem angloamerikanischen Entwicklungspfad vergleicht. Im dritten Kapitel soll schließlich systematisch den eingangs aufgeworfenen Fragen nachgegangen werden. Hier ist dann also konkret nach den Faktoren zu suchen, die die unterschiedliche Entwicklung der zwei Regionen erklären können und für den Erfolg bzw. Misserfolg der zwei Gebiete verantwortlich sind. Wie aus dem bisher Gesagten hervorgeht, liegt der Fokus dabei auf den Vereinigten Staaten, und Lateinamerika dient lediglich als Vergleichsfolie, welche die erklärenden Faktoren verifizieren soll. Es zeichnet sich also an diesem Punkt schon ab, dass es sich dabei um Faktoren handeln wird, die den ökonomischen Erfolg einer Gesellschaft determinieren und deren Fehlen im Umkehrschluss zu ökonomischem Misserfolg führt.
2
1. Die Entwicklung der Vereinigten Staaten zur wirtschaftlichen und politischen Weltmacht
1.1 Periodisierung
Die von mir gewählten Zäsuren zur Eingrenzung des zu behandelnden Themas sind natürlich eher willkürliche Zeitpunkte, die durch zwei konkrete Ereignisse bestimmt werden. Im ersten Fall handelt es sich um ein genuin politisches Datum, die Unabhängigkeitserklärung der 12 Kolonien (New York blieb der entscheidenden Abstimmung fern 3 ) vom 4. Juli 1776, das gemeinhin die Geburtsstunde der Vereinigten Staaten von Amerika markiert. Dass dieser Zeitpunkt aber keineswegs den Ausgangspunkt der hier interessierenden Entwicklung darstellt, versteht sich von allein. Selbst auf die politische Sphäre begrenzt hat man es in der historischen Rückschau vielmehr nur mit dem symbolischen Höhepunkt einer Entwicklung zu tun, in dem verschiedenste Differenzen in den Interessen des Mutterlands und der Bewohner eines Teils der britischen Kolonien in Nordamerika kulminieren und der gleichzeitig auch nur als der symbolische Ausgangspunkt des bis 1783 andauernden Unabhängigkeitskrieges zwischen den 13 abtrünnigen Kolonien und dem Mutterland Großbritannien anzusehen ist.
Für die hier interessierende Fragestellung sind zu diesem Zeitpunkt aber längst entscheidende Weichen gestellt gewesen, die zunächst völlig jenseits jeder Frage nach der politischen Unabhängigkeit der Kolonien liegen. Gemeint sind die Voraussetzungen, die durch die ca. 190-jährige britische Besiedlung, wenn man die gescheiterten Siedlungsversuche unter Sir Walter Raleigh auf der Insel Roanoke vor dem späteren North Carolina im Jahre 1590 als erste britische Siedlung in Nordamerika annimmt 4 , für die spätere Entwicklung der Vereinigten Staaten geschaffen worden sind. Dies zeigt sich beispielsweise schon bei einem Vergleich der Pro-Kopf-Einkommen der englischen Kolonien auf dem Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten bzw. der USA einerseits und Mexikos als einem typischen Vertreter Lateinamerikas andererseits: Im Jahr 1700 lag es in Mexiko bei 450 US Dollar nach Preisen von 1985, in den britischen Kolonien betrug es zu diesem Zeitpunkt mit 490 Dollar nur wenig mehr. Schon einhundert Jahre später zeichnete sich aber eine Entwicklung ab, die bis in die Gegenwart angehalten hat. 1800 hatte sich der Abstand deutlich vergrößert: während das Pro-Kopf-Einkommen in Mexiko noch immer bei 450 Dollar verharrte, hatte es sich in den jungen Vereinigten Staaten mit 897 Dollar beinahe verdoppelt. (1989 hatte diese Diskrepanz schließlich ein Ausmaß von über 500 Prozent angenommen, in Mexiko betrug das Pro-Kopf-Einkommen nun 3500 Dollar, in den USA waren es dagegen 18300 Dollar.) 5 Die Bedeutung der zweiten Zäsur ist dagegen schon enger mit der Thematik dieser Arbeit verknüpft. Der Beginn des Sezessionskrieges stellte einerseits einen deutlichen Einschnitt in der ansonsten eher geradlinig auf einem ausgeprägten Wachstumspfad verlaufenden
3 Vgl. Heideking, Jürgen, Geschichte der USA, 2. Aufl., Tübingen, Basel 1999, S. 40.
4 Vgl. Adams, Willi Paul, Die USA vor 1900 (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte 28), München 2000, S. 24.
3
US-amerikanischen Wirtschaftsgeschichte dar: Die Zeit des Krieges war durch eine gewisse Stagnation der Wirtschaftstätigkeit geprägt. Zwischen 1860 und 1865 wuchs die industrielle Produktion lediglich um 7%. Diese Stagnationsphase wurde nach dem Krieg durch einen regelrechten Wachstumsschub abgelöst, der einen neuen Abschnitt der amerikanischen Industrialisierung einläutete und die Entwicklungen des knappen Jahrhunderts seit der Unabhängigkeit noch deutlich übertraf. Die Industrieproduktion nahm in dem halben Jahrzehnt von 1865 bis 1870 um fast 47% zu, in der Baumwolltextilindustrie war allein zwischen 1865 und 1866 eine Verdopplung der Produktion zu verzeichnen. 6 Andererseits hatten die Vereinigten Staaten zu diesem Zeitpunkt schon einen Gutteil des Weges zur größten Wirtschafts- und Industrienation der Welt zurückgelegt, die Führungsrolle Großbritanniens war in vielen Bereichen längst nicht mehr unbestritten.
1.2 Der Ausgangspunkt - die US-Wirtschaft um die Wende zum 19. Jahrhundert Im Jahre 1776 bevölkerten erst 3 Millionen 7 zumeist britische Einwohner die 13 nach Unabhängigkeit strebenden Kolonien, die Wirtschaftsleistung dieser Kolonien betrug ca. 40% des Mutterlands 8 . Das Potential des jungen Staates war zum Zeitpunkt seiner Unabhängigkeit gleichwohl nicht von der Hand zu weisen: Die Vereinigten Staaten von Amerika verfügten über den weltweit zweitgrößten Landbesitz nach dem russischen Zarenreich. Diese schiere Größe des Territoriums und die günstige geographische Lage jenseits des Atlantiks stellten einen nicht zu unterschätzenden militärischen Vorteil gegenüber möglichen Invasoren dar, wie der Krieg gegen das britische Mutterland bewies. Die lange Küstenlinie am Atlantik begünstigte den Überseehandel. Die Handelsmarine des Landes konnte sich bereits zu diesem Zeitpunkt mit der britischen, der holländischen und der spanisch-französischen Handelsflotte messen, und der Umfang des Außenhandels war schon so groß wie es der britische im Jahre 1700 gewesen war. 9
Gerade wegen der Größe und Leere des Landes waren die USA lange Zeit ein stark agrarisch geprägter Staat, dessen Aussehen bis weit in das 19. Jahrhundert hinein von über das Land verteilten, kleinen und kaum miteinander verbundenen Ansiedlungen bestimmt wurde. Von einem nationalen Markt konnte zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch keinesfalls gesprochen werden. Nicht einmal die Einzelstaaten bildeten etwas, was man als geschlossene Märkte hätte bezeichnen können. Vielmehr gab es eine Vielzahl von kleinen, eher lokalen als regionalen, Märkten. Der größte Teil
5 Vgl. Landes, Wohlstand und Armut, S. 304.
6 Vgl. Heilbroner, Robert / Singer, Aaron, The Economic Transformation of America, 1600 to the Present, 4. Aufl., Forth Worth und Orlando 1999, S. 138.
7 Vgl. Braudel, Fernand, Sozialgeschichte des 15. - 18. Jahrhunderts, Bd. 3: Aufbruch zur Weltwirtschaft, München 1990, S. 453.
8 Vgl. Heideking, Geschichte der USA, S. 25.
4
Arbeit zitieren:
Michael Berka, 2002, Die Industrialisierung der USA zwischen Unabhängigkeit und Bürgerkrieg, München, GRIN Verlag GmbH
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