Die deutsche Sprache erfuhr im Laufe der letzten Jahrhunderte Veränderungen, die sie zu dem machte, was sie heute ist: ein komplexes System, das aus mehreren ineinander verflochtenen Subsystemen besteht, zu denen auch die Morphologie gehört. Die Morphologie ist „die Lehre von den formalen Wortausprägungen und von den Wortbildungsprozessen […]; […] sie [kann] als die Lehre vom Bau der Wörter [bezeichnet werden]“ (Linke 1996: 47). Interessant für die vorliegende Arbeit ist hierbei die Lehre der formalen Wortausprägungen, auch bekannt als Flexionsmorphologie. Inwiefern diese im Laufe der Geschichte die deutsche Sprache einem Wandel unterzogen hat, soll sie anhand von Beispielen im sprachhistorischen Kontext präsentieren. Dabei wird sich auf den Wandel der Lehre der formalen Wortausprägungen (Flexionen) vom Mittelhochdeutschen über das Frühneuhochdeutsche bis hin zum Neuhochdeutschen konzentriert, sowie das Althochdeutsche kurz erwähnt.
Zur Analyse des Wandels werden zunächst folgende Punkte umrissen: Analogien, Kategorien und ihre Hierarchien, das Verhältnis von Form und Funktion der Flexionsmorphologie und der Einfluss der Gebrauchsfrequenz. Im Laufe der Arbeit wird deutlich werden, wie eng diese Strukturen miteinander verbunden für einen morphologischen Wandel in der Sprache verantwortlich sind. Schließlich wird der flexionsmorphologische Wandel des Verbs haben kurz angerissen.
Die Arbeit soll den Vorweg zu einem Ausblick auf die Zukunft im Hinblick auf die Gründe der Entwicklung der deutschen Sprache von der Vergangenheit zum Heute bilden, welcher im Fazit wieder aufgegriffen wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wie untersucht man Flexionswandel?
2.1. Analogien
2.2. Flexionskategorien und ihre Hierarchiesierung
3. Verhältnis von Form und Funktion
3.1. Verstöße gegen Uniformität und Transparenz
3.2. Fusionsgrad zwischen lexikalischer Basis und grammatischer Information
3.3. Morphologisch basierte Sprachtypologie
4. Die Tokenfrequenz
5. Das Verb haben: die Entstehung einer flexivischen Unregelmäßigkeit
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den flexionsmorphologischen Wandel in der deutschen Sprache, wobei das Verb haben als zentrales Fallbeispiel dient, um die Zusammenhänge zwischen morphologischen Veränderungen, Sprachgeschichte und Gebrauchsfrequenz zu beleuchten.
- Grundlagen und Untersuchungsmethoden von Flexionswandel
- Wechselwirkungen zwischen grammatischer Form und Funktion
- Die Bedeutung von Tokenfrequenz für den Sprachwandel
- Analyse der historischen Entwicklung des Verbs haben
Auszug aus dem Buch
2.1. Analogien
Analogien sind „Veränderungen von Wörtern oder Wortformen nach dem Muster anderer Wörter/ Wortformen“ (Nübling 2010: 44). Anhand von ihnen kann flexivischer Wandel untersucht werden, indem man verschiedene Verben gleicher Regularität musterhaft gegenüberstellt (vgl. ebd.). Hierbei ist die Produktivität der Verben von großer Bedeutung, denn schwache Verben können „für die Flexion neuer Wörter genutzt […] [werden]“ (ebd.), da sie sich aufgrund höherer Wahrscheinlichkeit eher als Muster für Analogien eignen. Mit der Produktivität der Muster und der Höhe ihrer Typenfrequenz steigt die Wahrscheinlichkeit und Häufigkeit der Analogien, was seit dem Fnhd. dazu geführt hat, dass sich mehrere starke Verben den schwachen angepasst haben und sich beugten (vgl. ebd.: 44 f.).
Gleichzeitig ist zu beachten, dass nicht nur einzelne Wörter Muster bilden können, sondern auch eine mittelgroße Gruppe gleichfunktionierender Wörter, die als Vorlage analogischer Anpassungen dienen und als Schema bezeichnet werden (vgl. ebd.: 45).
Sobald eine als Muster dienende Gruppe jedoch sehr produktiv und groß ist (wie z.B. schwache Verben), gilt sie als Regel (vgl. ebd.).
Im direkten Vergleich zu Regeln greifen „Analogien und Schemata als Muster auf die Repräsentationen der einzelnen Wörter im mentalen Lexikon [zu]“ (ebd.). Bei Regeln gibt es zum Einen die Annahme, „dass sie unabhängig von den nach ihnen funktionierenden Wörtern abgespeichert sind und damit allgemein […] [, oder, sie gelten als] nur besonders offene, durch eine hohe Mitgliederzahl gestützte Schemata“ (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die morphologische Struktur des Deutschen ein und legt dar, dass die Flexionsmorphologie Gegenstand der historischen Untersuchung ist, wobei das Verb haben als Leitbeispiel fungiert.
2. Wie untersucht man Flexionswandel?: Dieses Kapitel erläutert die methodischen Werkzeuge zur Analyse von Flexionswandel, insbesondere die Rolle von Analogien sowie die Hierarchisierung von Flexionskategorien.
3. Verhältnis von Form und Funktion: Es wird untersucht, wie Form und Funktion interagieren und welche Verstöße gegen Uniformität und Transparenz (wie Allomorphie und Synkretismus) auftreten, sowie der Einfluss des Fusionsgrades auf die Typologie.
4. Die Tokenfrequenz: Dieses Kapitel behandelt die Bedeutung der Gebrauchsfrequenz für die morphologische Stabilität von Wörtern und deren Anfälligkeit für phonologischen Wandel.
5. Das Verb haben: die Entstehung einer flexivischen Unregelmäßigkeit: Am Beispiel des Verbs haben wird konkret demonstriert, wie sich die Flexionsformen im Laufe der Sprachepochen vom Ahd. über das Mhd. zum Nhd. verändert haben.
6. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass der Wunsch nach Einfachheit und die Interaktion von morphologischem und phonologischem Wandel zentrale Triebkräfte für die Sprachentwicklung sind.
Schlüsselwörter
Flexionsmorphologie, Sprachwandel, Verb haben, Analogien, Flexionskategorien, Allomorphie, Synkretismus, Tokenfrequenz, Fusionsgrad, Diachronie, Morphologie, Sprachgeschichte, Synthetik, Analytik, Markiertheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Mechanismen des flexionsmorphologischen Wandels in der deutschen Sprache unter Berücksichtigung sprachhistorischer Entwicklungen.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Arbeit adressiert?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle von Analogien, die Interaktion von Form und Funktion, den Einfluss der Tokenfrequenz sowie die morphologische Sprachtypologie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, den Wandel der Flexionsmorphologie im Deutschen anhand historischer Beispiele nachzuvollziehen und zu erklären, warum bestimmte Formen instabil werden oder sich verändern.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt die diachrone Analyse von Sprachstufen (Ahd., Mhd., Nhd.) und vergleicht diese auf Basis linguistischer Konzepte wie der Relevanzhierarchie und Kategorienfrequenz.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit theoretischen Grundlagen der Flexion, dem Verhältnis von Form und Funktion, der Bedeutung der Gebrauchshäufigkeit (Tokenfrequenz) und der detaillierten Untersuchung des Verbs haben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Flexionsmorphologie, Sprachwandel, Analogien, Synkretismus und die historische Entwicklung des deutschen Verbsystems.
Wie verändert sich das Verb haben im Laufe der Sprachgeschichte laut der Untersuchung?
Das Verb hat eine Entwicklung vom schwachen Verb der ē-Klasse hin zu einem irregulären Verb vollzogen, wobei sich die Flexionsformen durch den Einfluss von Tokenfrequenz und phonologischem Wandel stark gewandelt haben.
Warum spielt die Tokenfrequenz eine so wichtige Rolle für das Verb haben?
Eine hohe Tokenfrequenz führt dazu, dass Wörter schneller phonologische Änderungen erfahren, was bei haben zur Ausbildung unregelmäßiger Formen geführt hat, die sich von den regulären Mustern entfernt haben.
- Citar trabajo
- Marie H. (Autor), 2014, Flexionsmorphologischer Wandel, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282929