Jahrhunderts führt er das Leben eines seelischen Einsiedlers zwischen einer Vielzahl von Jüngern, die ihm reichlich Geschenke machen, ihm sogar Villen schenken, in denen sie dann ein- und ausgehen und Feste feiern. In einem Brief an seinen Bruder Jeremy schreibt Douglas: “Du machst dir keine Vorstellungen, wie viele Leute sich in London für Gedichte interessieren, und besonders für ihren Dichter.” 4 Anfang der vierziger Jahre veranlassen ihn einige unangenehme Geschehnisse mit seinem Bruder nach Amerika auszuwandern, wo er von einem Verehrer, dem sechzehnjährigen Halbblut Joshua Jenkins entführt und einige Zeit darauf mit 32 Jahren unter geradezu romantischen Umständen von seinem Bruder ausversehen erschossen wird, als er Joshua, der mittlerweile sein Freund und Geliebter ist, das Leben retten will.
Dies ist natürlich eine grob gekürzte Zusammenfassung, die auch wichtiges verschweigt, aber sie ist gedacht, ein ähnliches Bild wie dieses zu zeigen, das selbst heute noch vor dem einen oder anderen inneren Auge in Verbindung mit den Begriffen Dichter, Schriftsteller oder Autor auftaucht. Woher das kommt, ist schwer zu sagen. Sicher mag es Schriftsteller gegeben haben, die diesem Bild entsprachen, sei es, weil sie es tatsächlich taten oder weil sie, so wie einige eine ihren Werken entsprechende Biographie erfanden 5 , einen zu ihrem Werk passenden Lebensstil lebten, um somit dem damaligen öffentlichen Interesse am Dichter zu entsprechen. Warum sich diese Erwartungshaltung an eine Außergewöhnlichkeit des Dichters, Schriftstellers und Autors bis heute gehalten hat, ist zwar sehr interessant, kann aber an dieser Stelle nicht untersucht werden, festzuhalten ist hier vielmehr, dass es dem Autor, während einerseits noch immer Interesse an seiner Person besteht, es ihm auf der Ebene der Literaturwissenschaft in den letzten Jahren des öfteren ans Leben ging.
Davon noch einmal abgesehen dürfte aufgefallen sein, dass die Zusammenfassung von Fortescues Lebenslauf den Anschein erweckt, es handle sich nicht nur um den tatsächlichen Lebenslauf einer Person, sondern vielmehr um den Lebenslauf einer tatsächlichen Person. Dies geschah in
Anlehnung an das Buch, in welchem eine Wirklichkeit konstruiert wird, zu deren Geschichte ein Dichter Douglas W. Fortescue gehört, in dem die Erzählerin 6 von einer nicht näher datierten, aber nach dem 26. Juli 1891 7 liegenden Gegenwart spricht, in welcher Douglas’ Schule ein Museum ist und eine dort angebrachte Messingtafel an ihn erinnert. 8
Der Grund, Fortescues Geschichte im Zusammenhang mit der Autortheorie zu erzählen und ihn einmal als real existierende Person anzunehmen, ist zum einen die Tatsache, dass er als Autor seiner Texte mit deren Interpretation konfrontiert wurde und er sich dazu auch positionierte, (worauf ich an geeigneter Stelle noch einmal eingehen werde), und zum anderen hatte er ein Problem, welches ich bis hierhin verschwiegen habe, weil es vielleicht alles bisher gesagte in seiner Aussagekraft abgeschwächt hätte. Dennoch erschien mir gerade dieses Problem geeignet, einen endgültigen Einstieg in den Diskurs der Autortheorie zu finden: Douglas W. Fortescue führte vielleicht das klischeehafte Leben eines Dichters, aber er hat selbst nie gedichtet.
“Ich habe”, sagte er, immer noch stehend, das Glas in der Hand, “keine einzige Zeile gedichtet in meinem Leben. [...] Ich bin ein reicher Mann, meine Damen und Herren, und ein berühmter Dichter. Man liest mich in Paris und New York. Ich möchte die Gelegenheit ergreifen und Dank sagen, Dank allen, die meine Gedichte machten für mich und mir Geld gaben, die Lebenden und die Toten, und ich feiere ein Fest zu dieser Gelegenheit, und ich bitte nun um einen zweiten Toast, auf mich und die Fortescue Follies, auf den Dichter, der nicht dichtet, [...].” 9
Thirst, sein erstes Buch, ist die Mitschrift der durchaus poetischen Bekenntnisse eines verrückten Wirtes, der seine Frau ermordet hat. 10 Art & Nature ist das Protokoll eines Liebesgeplänkels zwischen seinem Freund Arthur und einer Hure. 11 Colours ist das exakt wiedergegebene Halluzinieren
5 Vgl. Boris Tomaševskij, Literatur und Biographie, S. 53-57.
6 Ein Foupas, den ich mir als Frau erlaube, in dem ich annehme, das erzählende und in keiner Weise benannt oder beschriebene Subjekt sei eine Frau, eben, weil auch die Autorin eine Frau ist, ohne dabei aber behaupten zu wollen, Erzählerin und Autorin seien identisch.
7 Das chronologisch letztgenannte Datum der Geschichte. Christine Wunnicke, Fortescues Fabrik, S. 443.
8 Ebd. S. 93.
9 Christine Wunnicke, Fortescues Fabrik, S. 333f.
10 Ebd. S.204-220.
11 Ebd. S. 260.
seines vollgedröhnten Schützlings Donny. 12 Iron, Dreams und The Waltz sind jeweils Sammlungen verschiedener Gesprächsfragmente, die Douglas gesammelt hat in seiner Gedichtfabrik Fortescue Follies, wohin er die Leute einludt, um sie in ihrem Drogenrausch zu belauschen.
[...] Er stieg hinauf in den obersten Stock, und er sah hinein in die Separées, ob es dort Gefühle gäbe, die zu verwenden wären in dem einen oder anderen Gedicht. [...]
[...]Und er lauerte weiter auf die Gefühle seiner kleinen Lords und Earls, auf die berauschten und flüchtigen und möglichsten poetischen Gefühle der ahnungslosen Gäste [...]. “Du sagst mir die Wahrheit, oder?” murmelte Douglas bisweilen, wenn er wieder einen Satz gestohlen hatte von dem oder jenem Gast. “Du lügst mir nichts vor?” [...] Er fragte nicht wirklich, denn keiner hörte ihn. Er wusste auch selbst nicht, ob er es ernst meinte. Was ist schon die Wahrheit, wenn man ein Buch füllen möchte? Was ist schon ein Gefühl? 13
Sein letztes Buch, Pain, ist das Diktat seiner Hassliebe und Mitwisserin Marie, die über ihn, aber eben auch für ihn spricht, da er sich dazu nicht in der Lage wähnt. 14
Angesichts dessen stellt sich nicht nur für Douglas die Frage: “Ist einer ein Dichter, der aufschreibt, was andere sagen?” 15 Die meisten würden an dieser Stelle sicher mit einem klaren Nein antworten, doch wenn man erst einmal Douglas, seine Gedanken und sein Leben näher kennengelernt hat, will man sich mit dieser Antwort gar nicht mehr so beeilen.
An dieser Stelle soll deshalb auch eine andere Frage im Mittelpunkt stehen, die sich aber aus vorrangegangener ableiten lässt: Was ist eigentlich ein Dichter, Schriftsteller und in Bezug auf das Thema ganz allgemein ein Autor?
Gemäß dem Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft meinte der Begriff ‘Autor’ 16 , vom lateinischen auctor ‘Förderer’ abgeleitet, ursprünglich den juristischen Inhaber von Urheberrechten. Darüber hinaus wird er heute aber als “geistiger Urheber” von (in erster Linie literarischen) Texten,
12 Ebd. S. 274f.
13 Christine Wunnicke, Fortecues Fabrik, S. 302.
14 Ebd. S. 328-332.
15 Ebd. S. 175.
weitergehend aber auch von Werken der Musik und der bildenen Künste verstanden.
Dieses Selbstverständnis des Autors als Urheber und Schöpfer von etwas Neuem war aber nicht zu allen Zeiten gleichermaßen vorhanden, vielmehr sah es sich zu verschiedenen Zeiten immer wieder dem Problem seiner scheinbaren Unverträglichkeit mit dem Prinzip der Mimesis, welches Kunst als Nachahmung der Natur beschreibt, gegenüber. 17 PLATO, der z.B. Kunst als Nachahmung der Natur verstand, hielt sie gerade darum für verwerflich. Denn PLATO unterschied die technische Nachahmung des Handwerkers von der künstlerischen des Malers. In der technischen Nachahmung sah er die Herstellung eines in der Ideen-Welt bereits vorhandenen Dings. Sie ist demnach Nachahmung erster Klasse. Kunst aber stellt die Dinge nur dar. Sie ist ein Seinsderivat, ‘malt’ das Phänomen und ist somit Nachahmung zweiter, bei Darstellung technisch bereits vorhandener Dinge sogar nur dritter Klasse. ARISTOTELES verneinte für künstliche Dinge die Vorlage von Ideen. Die Welt ist fertig, wie sie ist, alles ‘neu’ Erschaffene geht auf bereits Vorhandenes zurück und nur insofern ist Kunst oder vielmehr techne (meint sowohl ‘Künstliches’ als auch ‘Künstlerisches’) als Nachahmung und Vollendung der Natur zu verstehen.
Die Gültigkeit des Mimesis-Prinzips sah man vor allem in der Unfähigkeit, das schöpferische Selbstbewußtsein zu artikulieren. Und in diesem Rahmen wieder eine Trennung zwischen technischer und künstlischer Nachahmung zu vollziehen, macht Sinn, denn das Problem der Sprachlosigkeit ist vor allem das der Technik, die den Sinnhorizont ihres eigenen Tuns nicht erklären kann. Der Prozess der Selbstreflexion bleibt allein der Kunst vorbehalten und sie erhält gerade dadurch ihre Legitimation.
Das Paradigma der Nachahmung wird ab dem 18. Jh. immer mehr von dem Anspruch, selbst schöpferisch tätig zu werden, verdrängt. Aber was bedeutet Selbstschöpfung?
Nimmt man PLATO und ARISTOTELES als Maßstab, dann bedeutet Schöpfung das Hervorbringen neuer Ideen, das Abheben von bereits
16 Erich Kleinschmidt, Autor, S. 176-180.
Vorhandenem. Das Schöpferische bedarf also einer Differenzqualität, es muss ohne Vorbild sein. NIETZSCHE verlangt die Zerstörung des Alten 18 . Aus diesem Verständnis heraus lässt sich dann auch der Begriff des Genies erklären. Er entstand Mitte des 18. Jahrhunderts und meint die Kreativität insbesondere des Autors, der sich gegen alte Normen wendet und dessen Ursprünglichkeit als Garantie des Echtsein, als Beweis der Authenzität fungiert. Das Genie erfindet, während der Künstler ansich auffindet und neu organisiert.
Damit allerdings das Genie erfinden kann, bedurfte es noch einer Entwicklung im Weltverständnis. Der Gedanke, dass unsere Welt eben nur eine mögliche Welt sei, rückte dabei immer mehr in den Vordergrund und mit ihm die Frage, warum die wirkliche Welt eben genau so beschaffen ist, wie sie ist. NIKOLAUS VON CUES rechtfertigte die wirkliche Welt, indem er sie zur höchsten Form der Realität erklärte. LEIBNIZ wird sie später im Rahmen der Idee der Unendlichkeit aller möglichen Welten in einem nicht haltbaren Optimismus als “die beste aller möglichen Welten” bezeichnen. Aber erst, wenn man unsere Welt eben nicht mehr als die ‘beste Welt’ versteht, eröffnet sich die Möglichkeit für das Genie, aus der Unendlichkeit der Möglichkeiten zu schöpfen. Und in diesem Rahmen tritt dann auch der Dichter an die Stelle des Malers, denn so wie der göttliche Schöpfungsakt ein Sprechakt war, so kann der Dichter als ‘alter deus’ mit seinen Worten neue Welten schaffen. Mit der Unendlichkeit der Schöpfungsmöglichkeiten für den Autor kommt es allerdings zu einem Problem, das sich im daraus entstehenden Erklärungsnotstand manifestiert, z.B. warum SHAKESPEARE eine solche Wirkung auf sein Publikum hatte. Deshalb verlangt SCHLEIERMACHER vom Leser , dass er klüger ist als der Autor, dass er den Text hinterfragt und weiss, warum der Autor etwas gerade so gemacht hat, auch wenn dieser selbst es nicht weiss. Dies hat widerum die Unendlichkeit der Auslegungen als Problem zur Folge und dies insbesondere unter dem zeitlichen Aspekt, denn genauso , wie ein Text Teil der Geschichte ist, so ist es auch der Leser, der in seinen Betrachtungen von Vor-Urteilen beeinflusst wird. Insofern bedarf es vielleicht gewisser Interpretationsmaßstäbe. Die Frage, welche und ob man wirklich welche braucht, soll uns an gegebener Stelle
17 Vgl. Hans Blumenberg, „Nachahmung der Natur“, S. 55-103.
Arbeit zitieren:
Monique Weinert, 2001, Das Auf- und Ableben des Autors, München, GRIN Verlag GmbH
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