Um das Thema "Integration von Haftentlassenen" behandeln zu können, bedarf es als erstes einer Klärung des Begriffes "Integration". Die Abgrenzung vom Begriff "Resozialisierung" und der Versuch einer Definition des Begriffes "Integration" ist eine Aufgabe dieses Buches. Des Weiteren beschäftigt sich das Buch mit der Frage nach gelungener sozialer Integration. Verschiedene Institutionen und Betroffene nehmen dazu Stellung.
Dass die Freiheitsstrafe einen dramatischen Einschnitt im Leben eines Menschen darstellt, steht außer Zweifel. Menschen werden dabei aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen, von der Gesellschaft ausgesperrt. Der Staat begründet dies vor allem mit dem Argument der Sicherheit, hat aber auch den Anspruch, durch die Freiheitsstrafe den Verurteilten zu einer rechtschaffenen und den Erfordernissen des Gemeinschaftslebens angepassten Lebenseinstellung zu verhelfen (vgl. § 20 (1) Strafvollzugsgesetz).
Durch das "Wegsperren" erfahren viele Strafgefangene eine soziale Des-Integration. Sie verlieren ihre Arbeitsstelle, der Kontakt zur Familie wird weniger oder reißt ganz ab, Schulden entstehen oder werden höher, die Wohnung geht verloren. Nach der Haftentlassung ist eine Re-Integration notwendig.
Welchen Sinn hat die Strafe, dass diese massive Veränderung im Leben eines Menschen gerechtfertigt ist? Welche Alternativen zur Freiheitsstrafe gibt es, die kleinere "Schäden" in der sozialen Integration eines Menschen verursachen?
Die Situation von Inhaftierten wird in einem weiteren Kapitel des Buches behandelt. Welchen Belastungen und Entbehrungen sind sie ausgesetzt und wie wirken sich diese auf ihre Persönlichkeit und auf das bevorstehende Leben in Freiheit aus.
Viele Haftentlassene kommen mit den Konsequenzen der Haftstrafe, aber auch mit ihren Defiziten, die sie bereits vor der Inhaftierung erworben haben, nicht zurecht. Um wieder in die Gesellschaft integriert zu werden, brauchen sie Unterstützung und Begleitung. Udo Rauchfleisch gibt hier zwei Dimensionen an, die für die Integration von Haftentlassenen wichtig sind: die soziale Dimension und die psychologische Dimension.
Eine spezielle Form der Unterstützung ist die Unterbringung in betreuten Wohnformen. Wie kann durch sozialarbeiterische Betreuung in Wohneinrichtungen die soziale Integration von Haftentlassenen unterstützt werden und welche Möglichkeiten, aber auch welche Grenzen, liegen in dieser Betreuung?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. "Resozialisierung" und "Integration" – Definitionen
2.1. Resozialisierung
2.2. Integration
3. Gelungene soziale Integration?
3.1. Definitionen verschiedener Institutionen
3.1.1. Bundesministerium für Justiz
3.1.2. Verein Neustart
3.1.3. Caritaswohngemeinschaft WEGE
3.2. Beispiel für gelungene Integration
3.3. Integration aus der Sicht der Betroffenen
4. Strafe und Strafvollzug
4.1. Vom Sinn der Strafe
4.1.1. Gerechtigkeitstheorien
4.1.2. "Relative" Theorien
4.1.3. "Vereinigungstheorien"
4.1.4. Die negativen Aspekte der Strafe
4.2. Das Strafvollzugsgesetz
4.3. Alternativen zur Freiheitsstrafe
4.3.1. Diversion
4.3.2. Bedingte und teilbedingte Verurteilungen
4.3.3. Bedingte Entlassungen
4.4. Zusammenfassung
5. Situation von Häftlingen
5.1. Entmündigung der Insassen – Veränderung der Persönlichkeit
5.2. Deprivationen
5.2.1. Freiheitsverlust und Identitätsverlust
5.2.2. Entzug materieller und immaterieller Güter
5.2.3. Verlust der Privatsphäre und der Selbstbestimmung
5.2.4. Verlust heterosexueller Beziehungen
5.2.5. Verlust der eigenen Sicherheit
5.3. Das Gefängnis als totale Institution
5.4. Die Entlassungssituation
6. Situation von Haftentlassenen
6.1. Die soziale Dimension
6.1.1. Mangelnde Schul- und Berufsausbildung
6.1.2. Die Schuldenproblematik
6.1.3. Wohnsituation
6.1.4. Mangelnde soziale Kompetenzen
6.1.5. Aufbau eines tragfähigen sozialen Netzes
6.2. Die psychologische Dimension
7. Die Sozialarbeit mit Haftentlassenen in betreuten Wohnformen – Das Konzept der Caritaswohngemeinschaft WEGE
7.1. Zielgruppe, Aufnahmeverfahren und Aufnahmekriterien
7.2. Leistungsangebot
7.3. Ausstattung
7.3.1. Räumliche Ausstattung
7.3.2. Personelle Ausstattung
7.4. Zielsetzungen der WEGE
7.5. Betreuungsgrundsätze
7.5.1. Aufnahme und Gestaltung von Beziehungen
7.5.2. Entwicklung situationsgerechter Konfliktlösungsmuster
7.5.3. Umgang mit finanziellen Mitteln
7.5.4. Organisation des Haushalts
7.5.5. Arbeitsaufnahme
7.5.6. Freizeitgestaltung
7.5.7. Selbstwert- und Identitätsfindung
7.5.8. Vernetzung mit anderen Betreuungseinrichtungen
7.6. Öffentlichkeitsarbeit
7.7. Qualitätssicherung und Dokumentation
8. Möglichkeiten und Grenzen der Sozialarbeit in betreuten Wohnformen
8.1. Der persönliche Bereich
8.1.1. Die soziale Stabilisierung
8.1.2. Die psychische Stabilisierung
8.2. Der gesellschaftliche Bereich
8.2.1. Öffentlichkeitsarbeit
8.2.2. Vernetzung
9. Zusammenfassung
10. Anhang: Privatisierung von Gefängnissen und Arbeitspflicht von Gefangenen
11. Literatur und Quellen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Grenzen der sozialen Integration von Haftentlassenen durch betreute Wohnformen. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie sozialarbeiterische Unterstützung in entsprechenden Wohneinrichtungen zur erfolgreichen Reintegration beitragen kann, welche Hürden bestehen und wie das Konzept einer solchen Einrichtung (am Beispiel der WEGE in Wels) gestaltet ist.
- Analyse der Begriffe Resozialisierung und soziale Integration
- Untersuchung der psychologischen und sozialen Auswirkungen der Haft
- Evaluation sozialarbeiterischer Methoden in betreuten Wohngemeinschaften
- Stellenwert der Arbeitsmarktintegration für Haftentlassene
- Reflexion über gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Vorurteile
Auszug aus dem Buch
Die Entlassungssituation
Der Tag der Entlassung ist ein wichtiges aber auch schwieriges Ereignis im Leben eines Inhaftierten. Viele Erwartungen, Träume und Wünsche sind mit diesem Zeitpunkt verbunden. Oft sieht die Realität aber ganz anders als erwartet aus. Der Häftling wird nach einer unzureichenden Vorbereitung vor die Tür des Gefängnisses gestellt und sich selbst überlassen. Er ist ab sofort wieder selbst für sein Leben und sein weiteres Fortkommen verantwortlich. Aus der totalen Abhängigkeit und Unselbständigkeit in die totale Freiheit, meist ohne Übergangsfrist z. B. in einem Freigängerhaus. Und oft auch sehr überraschend.
Gerade bei bedingten Entlassungen wird dem Gefangenen oft sehr kurzfristig mitgeteilt, dass er aus der Haft entlassen wird. Mark Barnsley, ein Häftling aus England, von dem im Anhang ein Interview zu lesen ist, formuliert das so: "Und plötzlich wurde das Tor geöffnet und die Welt draußen wartete auf mich. [...] Nach den acht Jahren, in denen der Staat mich in seiner Gewalt hatte, spuckte er mich also wieder auf die Straße aus." Diese Sätze beschreiben sehr gut, wie sich Gefangene bei der Entlassung fühlen. Sie werden aus dem Gefängnis geworfen und sind auf sich selbst gestellt. Viele kommen mit dieser Situation nicht zurecht und der Teufelskreis, auftretenden Probleme wieder mit Delinquenz zu begegnen, beginnt von vorne. Um diesen Kreislauf unterbrechen zu können, brauchen sie Unterstützung. In welchen Bereichen diese Unterstützung notwendig ist, wird im nächsten Kapitel erläutert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der persönlichen Motivation des Autors sowie Hinführung zum Thema der Integration von Haftentlassenen.
2. "Resozialisierung" und "Integration" – Definitionen: Theoretische Abgrenzung und begriffliche Analyse der beiden Kernbegriffe vor dem Hintergrund staatlicher Strafziele.
3. Gelungene soziale Integration?: Untersuchung unterschiedlicher Einrichtungsdefinitionen und Reflexion der Integration aus Sicht betroffener Häftlinge.
4. Strafe und Strafvollzug: Überblick über Straftheorien, das österreichische Strafvollzugsgesetz und Alternativen zur Freiheitsstrafe.
5. Situation von Häftlingen: Analyse der Haftfolgen, von Persönlichkeitsveränderungen bis hin zur Deprivation innerhalb der totalen Institution Gefängnis.
6. Situation von Haftentlassenen: Erläuterung der sozialen und psychologischen Dimensionen, die für eine erfolgreiche Rückkehr in die Gesellschaft entscheidend sind.
7. Die Sozialarbeit mit Haftentlassenen in betreuten Wohnformen – Das Konzept der Caritaswohngemeinschaft WEGE: Detaillierte Vorstellung des Praxisbeispiels inklusive Zielgruppen, Ausstattung und Betreuungsgrundsätzen.
8. Möglichkeiten und Grenzen der Sozialarbeit in betreuten Wohnformen: Reflexion über die Stabilisierung in persönlichen und gesellschaftlichen Bereichen.
9. Zusammenfassung: Synthese der Erkenntnisse und Schlussbetrachtung zur Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Öffnung.
10. Anhang: Privatisierung von Gefängnissen und Arbeitspflicht von Gefangenen: Exkurs zur Problematik der Ökonomisierung von Strafvollzug.
11. Literatur und Quellen: Auflistung der verwendeten Fachliteratur und sonstiger Quellen.
Schlüsselwörter
Soziale Integration, Resozialisierung, Haftentlassene, Strafvollzug, Sozialarbeit, betreute Wohnformen, WEGE, Deprivation, Persönlichkeitsveränderung, Arbeitsmarktintegration, Strafe, Wiedereingliederung, Straffälligkeit, Rückfallprävention, Soziale Stabilisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Diplomarbeit beschäftigt sich mit der sozialen Integration von Menschen nach einer Haftstrafe und beleuchtet dabei, welche Rolle betreute Wohnformen bei diesem Reintegrationsprozess spielen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen die theoretischen Definitionen von Resozialisierung, die Situation von Inhaftierten, der Sinn von Strafe sowie die konkrete Praxis sozialarbeiterischer Betreuung in Wohnprojekten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Möglichkeiten und Grenzen der sozialen Arbeit mit Haftentlassenen aufzuzeigen und ein konkretes Konzept einer betreuten Wohngemeinschaft (WEGE) als Weg zur erfolgreichen Integration zu evaluieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor stützt sich auf eine Kombination aus Literaturanalyse zu Straftheorien und Integrationskonzepten sowie auf praktische Erfahrungen, Beobachtungen und Gesprächsprotokolle aus seinem Praktikum in einer Wohngemeinschaft.
Was wird im Hauptteil thematisiert?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Haftbedingungen, die Analyse der Situation nach der Entlassung und die detaillierte Darstellung des Betreuungskonzepts einer speziellen Caritas-Einrichtung.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Soziale Integration, Resozialisierung, Betreutes Wohnen, Haftentlassenenhilfe, Deprivation sowie die psychologische und soziale Stabilisierung von Klienten.
Warum ist die Arbeitssuche für Haftentlassene so problematisch?
Haftentlassene sind oft stigmatisiert und weisen häufig eine lange Historie der Arbeitsmarktferne auf. Zudem fehlt oft die notwendige Qualifikation, was die Integration in die Erwerbsgesellschaft erschwert.
Welche Bedeutung hat das "Titelbild" laut dem Autor?
Das Titelbild mit Puzzleteilen symbolisiert den Integrationsprozess: Wie Puzzleteile müssen Individuum und Gesellschaft ineinandergreifen, wobei Flexibilität auf beiden Seiten gefordert ist, um ein gemeinsames Ganzes zu bilden.
- Quote paper
- Franz Xaver Mayr (Author), 2004, Integration von Haftentlassenen. Möglichkeiten und Grenzen im Rahmen betreuter Wohnformen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28372