Universität Mannheim
Lehrstuhl Romanistik II/Linguistik
HS: Die französischen Kreolsprachen
8.FS / Diplom-Romanistik
Die Standardisierung der Kreolsprachen aus
soziolinguistischer Perspektive
von: Christina Stojek
Inhaltsverzeichnis
1 Relevanz des Themas 1
2 Status Quo der Verschriftlichung 2
3 Gründe der mangelnden Standardisierung 3
3.1 Einstellung der Sprecher 3
3.2 Sprachpolitik 5
3.3 Wirtschaftliche Aspekte 6
4 Konsequenzen der mangelnden Verschriftung 6
5 Vorschläge für orthographische Systeme und deren Vor- und Nachteile 8
5.1 Etymologische Schreibweise 8
5.2 Phonologische Schreibweise 9
5.3 Neuere Ansätze 12
6 Ausblick 14
7 Bibliographie 15
1 Relevanz des Themas
Heutzugabe spielt die Schrift aufgrund neuer Medien wie bspw. dem Internet eine sehr große Rolle. Dies führt leicht dazu, dass rein mündlichen Sprachen voreilig der Status „Sprache“ aberkannt wird und ihre Existenz in Frage gestellt wird (vgl. Hazaël- Massieux 1999: 133). Da es sich dabei allerdings trotz aller Vorurteile um Sprachen handelt (vgl. Hazaël-Massieux 1999: 158), haben diese – und v.a. ihre Sprecher – ebenso ein Recht auf Verschriftlichung wie andere Sprachen auch (vgl. Hazaël- Massieux 1999: 136f.). Ziel dieser Arbeit ist es, eine Sensibilisierung für ein Thema zu erreichen, dessen schwerwiegende Konsequenzen viel zu selten behandelt und diskutiert werden. Einleitend soll deshalb zunächst der aktuelle Stand der Verschriftung der französischen Kreolsprachen skizziert werden. Im darauf folgenden Kapitel werden dann Gründe für die mangelnde Verschriftung und im Anschluss in Kapitel 4 deren Konsequenzen dargestellt. Danach sollen die bereits bestehenden Orthographiesysteme und ihre Vor- und Nachteile diskutiert werden.
2 Status Quo der Verschriftlichung
Obwohl bereits im 17. Jahrhundert vereinzelt erste Schriftstücke in créole von Missionaren, Reisenden und Schriftstellern verfasst wurden, gibt es – außer auf Haiti1 – bis heute keine fixierte Orthographie der französischen Kreolsprachen (vgl. Valdman 1978: 98). Stattdessen beziehen sich kreolische Schriftsteller häufig auf individuelle Systeme; die Mehrheit der Bevölkerung verwendet die französischen Kreolsprachen allerdings immer noch überwiegend mündlich (vgl. Hazaël-Massieux (a): 1). Bei bisherigen Versuchen der Verschriftlichung handelt es sich fast ausschließlich um Transkripte, die die gesprochene Sprache unter rein phonetischen Gesichtspunkten wiedergeben. Hierbei orientieren sich die Schreiber nicht an einer auf die Bedürfnisse und die soziolinguistische Situation der Kreolsprachen angepassten Orthgraphie, sondern an Systemen wie dem Internationalen Phonetischen Alphabet (vgl. Hazaël-Massieux (a): 1f.). Ein bekanntes Beispiel ist die von „Le Groupe d’Etudes et de Recherches en Espace Créolophone“ (GEREC) erarbeitete gleichnamige Graphie, die auf den Kleinen Antillen weit verbreitet ist und anderen Ländern bei der Erarbeitung einer eigenen Schrift als Grundlage diente (vgl. Strobel- Köhl 1994: 63).
Kritisch zu sehen an diesen rein phonetischen Systemen ist allerdings, dass sie Distanz schaffen: Das Gehörte ist subjektiv und kann u.U. regional und sozial bedingt sein und somit dazu führen, dass sich Sprecher unterschiedlicher Varietäten schriftlich nicht mehr verständigen können. Außerdem verwandelt es das Kreolische in eine Sprache, deren schriftlicher Gebrauch sich auf Linguisten und die einheimische gebildete Oberschicht beschränkt. Diese Systeme lassen sich somit nicht als „Orthographie“ im eigentlichen Sinn bezeichnen, da sie keine Standards festlegen und häufig keine Varietät als Grundlage der geschriebenen Sprache bestimmt wird (vgl. Hazaël-Massieux (a): 1). Um aus dem créole eine geschriebene Sprache zu machen, wird statt einer reinen Wiedergabe der Aussprache ein Orthographiesystem benötigt, das neben den soziolinguistischen Bedürfnissen vor allem die Anforderungen erfüllt, die an eine Schriftsprache gestellt werden. Eine bedeutende Rolle spielt Redundanz, die in der geschriebenen Sprache anders erzeugt wird als in der gesprochenen, da sie die Lektüre und die korrekte Rezeption eines geschriebenen Textes erleichtert (vgl. Hazaël-Massieux 1993: 40f.). Da die Graphie nach dem phonologischen Prinzip diesen Anforderungen nicht ausreichend Rechnung trägt, bleibt die ausschließlich nach diesem System fixierte Sprache in ihren Strukturen und insbesondere im Bewusstsein der Sprecher eine gesprochene Sprache (vgl. Hazaël- Massieux 1999: 144). Jüngste Vorschläge, wie bspw. von Marie-Christine Hazaël-Massieux, berücksichtigen auch morphologische und lexikalische Gegebenheiten, um die Lektüre der geschriebenen Sprache zu erleichtern und sie allen Bewohnern der Kleinen Antillen zugänglich zu machen (vgl. Hazaël-Massieux 1993: 62ff. und Strobel-Köhl 1994: 82ff.).
3 Gründe der mangelnden Standardisierung
3.1 Einstellung der Sprecher
[...]
1 Die 1979 per Dekret eingeführte Rechtschreibung auf phonologischer Basis (McConnell-Laubach- Graphie) wird allerdings bis heute nicht von allen Sprechern akzeptiert. Für ausführlichere Informationen siehe Strobel-Köhl (1994): S. 60ff.
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Christina Stojek, 2004, Die Standardisierung der Kreolsprachen aus soziolinguistischer Perspektive, Munich, GRIN Publishing GmbH
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