1. Einleitung 2
2. Die soziale Beziehung zwischen den Protagonisten 3
2.1 Die soziale Rolle von Jacques und Maître im Ancien Régime 3
2.2 Die reale Basis dieser sozialen Rollen 4
2.3 Jacques’ Umgang mit diesen Gegensätzen 7
2.4 Offener Ausbruch des sozialen Konfliktes 9
2.5 Die Lösung des Konflikts 12
3. Die persönliche Beziehung der beiden Protagonisten 15
3.1. Die emotionale Ebene 15
3.2 Die Überlegenheit Jacques 18
3.2.1 Die Handlungsebene 18
3.2.2 Die Interaktion in den Dialogen 20
4. Die philosophische Beziehung zwischen den beiden Protagonisten 21
4.1 Aktivität versus Passivität 22
4.2 Determinierung versus freier Wille 23
4.3 Das Kontinuum von Gegensatzpaaren 26
5. Schlußfolgerungen 30
6. Bibliographie 32
6.1 Primärliteratur 32
6.2 Sekundärliteratur 33
1
1. Einleitung
Die Beziehung zwischen Jacques und seinem Maître ist beeinflußt von vielen literarischen Vorbildern, so zum Beispiel von CERVANTES’ Don Quijote und Sancho Pansa, aber auch von RABELAIS’ Pantagruel und Panurge und STERNES Tristram Shandy. Diese Einflüsse sollen hier aber nicht näher besprochen werden, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Dennoch wird alleine schon durch die Vielfalt an intertextuellen Einflüssen deutlich, daß das Verhältnis zwischen Jacques und seinem Maître ein sehr vielschichtiges und komplexes ist. Es ist von zentraler Bedeutung für ein Verständnis des Gesamtwerks. Aus diesem Grund befaßt sich auch die vorliegende Arbeit mit diesem Thema. Ziel ist es, das Verhältnis der beiden Protagonisten aufzuschlüsseln, um auf diese Weise ein tieferes Verständnis des Werkes zu ermöglichen. Zu diesem Zweck wird das Verhältnis zwischen Jacques und dem Maître zunächst aus drei verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Diese Einteilung kann allerdings zunächst nur zur groben Orientierung dienen.
Zunächst muß der soziale Aspekt ihres Verhältnisses betrachtet werden, das heißt also das Herren-Knecht Verhältnis im engeren Sinne. In diesem Rahmen wird auch immer wieder ein Kontext zu der französischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts hergestellt werden. In diesem Teil wird der offene Konflikt, der zwischen Jacques und dem Maître im Grand-Cerf ausbricht, zunächst so weit wie möglich ausgeklammert werden, da er zum Schluß einzeln betrachtet werden wird. Dies geschieht aufgrund der zentralen Bedeutung dieser Episode für den sozialen Aspekt ihrer Beziehung.
Der zweite Blickwinkel auf die Beziehung von Jacques und seinem Maître ist der auf den persönlichen Aspekt ihrer Beziehung. Dieser Teil wird den kürzesten Abschnitt dieser Arbeit darstellen, da die Grenze dieses Aspektes zu den anderen beiden oft fließend ist und eine Wiederholung vermieden werden soll.
Schließlich soll der philosophische Aspekt ihrer Beziehung genauer beleuchtet werden. Die Darstellung dieses Aspektes kann im Rahmen dieser Arbeit naturgemäß nicht vollständig sein, auch bedingt dadurch, daß der Bezug zu literarischen Vorbildern ausgeklammert werden soll. Um in diesem Teil der Arbeit die Darstellung zu vereinfachen, werden einige Einzelaspekte der Beziehung zwischen Jacques und dem Maître mittels einer vom Autor dieser Arbeit entworfenen Hilfskonstruktion besprochen, die der Einfachheit halber „Kontinuum“ genannt wird.
2
2. Die soziale Beziehung zwischen den Protagonisten
2.1 Die soziale Rolle von Jacques und Maître im Ancien Régime
Der Roman Jacques le Fataliste et son maître entstand vor dem gesellschaftlichen Hintergrund des Ancien Régime in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankreich. Diese Gesellschaftsform gibt also zunächst das soziale Rollenverhalten vor, das auch der Beziehung zwischen Jacques und seinem Maître zugrunde liegt. Die Befugnisse eines Herren über seinen Diener beziehungsweise über seinen Knecht waren sehr weitgehend, was sich allein schon aus dem Justizsystem des Ancien Régime erklärt. Die Rechtsprechung für das einfache Volk auf dem Land übte in der Regel der adelige Herr selbst aus. Die Leibeigenschaft im eigentlichen Sinne gab es zwar kaum noch, aber dennoch war die Macht eines Adeligen über die nichtadeligen Landbewohner ähnlich absolut wie die des französischen Königs über seinen Staatsapparat sein sollte beziehungsweise sein wollte. Wie weit diese Macht nun auch konkret von Jacques’ Maître ausgeübt wird zeigt sich beispielsweise an der selbstverständlichen körperlichen Züchtigung Jacques:
Voilà le maître dans une colère terrible et tombant à grands coups de fouet sur son valet, et le pauvre diable disant à chaque coup : « Celui-là était apparemment encore écrit là-haut... » 1
Je le rouerai de coups ; oh ! cela est certain ; je le rouerai de coups. » 2
Wie stark der Maître diese soziale Rangfolge verinnerlicht hat, in der Jacques eine Art niedere Kreatur ist, über die er nach Belieben verfügen kann, zeigt sich an der direkten Gleichsetzung von Jacques und dem verloren gegangenen Pferd des Maître:
[...] mets-toi à la place de mon cheval, suppose que je t’aie perdu, et dis -moi si tu ne m’en estimerais pas davantage si tu m’entendais m’écrier : “Mon Jacques ! mon pauvre Jacques !“ 3
In dem Verhältnis von Jacques zu seinem Maître findet man immer wieder Hinweise auf diese Rangfolge und die damit verbundenen sozialen Machtverhältnisse. Man erfährt schon recht früh, daß sowohl Jacques als auch sein Maître im Krieg waren und gekämpft haben, allerdings in ganz verschiedenen Rollen. Während Jacques von sich sagt: «J’ai servi dans
1 K.-TOUMARKINE, BARBARA 1997: DENIS DIDEROT , Jacques le fataliste et son Maître, Paris:42
2 DIDEROT : Jacques le fataliste et son Maître:63
3 DIDEROT : Jacques le fataliste et son Maître:70
3
l’infanterie [...]», entgegnet sein Maître «Moi, j’ai commandé dans la cavalerie». 4 Während Jacques nur gedient hat, hat sein Maître befehligt, war Jacques bei der gewöhnlichen Infanterie, war sein Maître bei der Kavallerie, der Waffengattung also die das größte Ansehen genoß und nur Privilegierten vorbehalten war.
Diese soziale Differenzierung zieht sich durch das ganze Werk durch. So stellt man auch nach dem offenen Ausbruch des Konfliktes zwischen Jacques und seinem Maître noch fest, daß beide sich immer noch in ihren sozialen Rollen bewegen:
Mais tandis que le marquis des Arcis causait avec le maître de Jacques, Jacques de son côté n’était pas muet avec M. le secrétaire Richard, [...] 5
Hier finden sich also quasi automatisch die beiden Herren und die beiden Diener jeweils im Gespräch zusammen. Die sozialen Schranken werden nicht aufgebrochen. Es bleibt also zunächst festzuhalten, daß beide, sowohl Jacques als auch sein Maître, sich innerhalb der ihnen vom gesellschaftlichen und politischen System vorgegeben Rollen verhalten. Es ist nun aber zu hinterfragen, was sich hinter diesem Rollenverhalten verbirgt.
2.2 Die reale Basis dieser sozialen Rollen
Spiegelt sich in diesen Rollen das reale Verhältnis zwischen Jacques und seinem Maître wieder, oder sind es nur Fassaden die aus gesellschaftlicher Notwendigkeit aufrechterhalten werden? Um dies zu untersuchen sollen in der Folge die unter Kapitel 2.1 heraus gearbeiteten Merkmale der sozialen Beziehung zwischen Jacques und seinem Maître hinterfragt werden. Zunächst stellt man fest, daß Jacques zwar in der Regel das Recht des Maître, ihn körperlich zu züchtigen, anerkennt und es hinnimmt. Es gibt aber Ausnahmen von dieser Regel:
Le maître s’apercevant aussitôt qu’on lui avait volé son cheval, se disposait à tomber sur Jacques à grand coups de bride, lorsque Jacques lui dit : « Tout doux, monsieur, je ne suis pas d’humeur aujourd’hui à me laisser assommer ; je recevrai le premier coup, mais je jure qu’au second je pique des deux et vous laisse là... » Cette menace de Jacques fit tomber subitement la fureur de son maître, qui lui dit d’un ton radouci : « Et ma montre ? 6
4 DIDEROT : Jacques le fataliste et son Maître:76
5 DIDEROT : Jacques le fataliste et son Maître:217
6 DIDEROT : Jacques le fataliste et son Maître:68
4
Was nun den Vergleich zwischen Jacques und dem Pferd des Maître angeht, der ja nahelegt, daß Jacques sich genauso im Besitz des Maître befindet, wie dessen Pferd. Wenn er Jacques verlöre, wäre der Maître ebenso betroffen, wie er es ist, nachdem er sein Pferd verloren hat. Dieser Vergleich birgt in sich schon in sofern eine gewisse Doppeldeutigkeit, weil in dem Augenblick, in dem er geäußert wird, der Maître zwar noch Besitzer des Pferdes ist, aber keinerlei Verfügungsgewalt mehr über dieses hat, da dieses ihm j a entwendet wurde. 7 Es stellt sich nun also die Frage, ob er analog dazu denn noch wirklich über Jacques verfügen kann. Die Antwort auf diese Frage wird dann endgültig im Grand-Cerf gegeben.
Der Pferdediebstahl allein birgt schon eine gewisse Ironie in sich, denn schließlich war es der Maître, der in der Kavallerie gedient hat und der nun auf einmal ohne Pferd da steht. Als Kavallerist ist er also quasi seiner Existenzgrundlage beraubt und um diese erneut zu erhalten, braucht er Jacques, der für ihn ein neues Pferd kaufen und ihm sein eigenes Pferd abtreten muß. Dieser tut dies übrigens nur wider Willen. Einen besonderen Akzent erhält diese Episode, wenn man Reiter und sein Pferd als ein einziges Wesen interpretiert, wobei das Pferd für den instinktiv und impulsiv handelnden Seite dieses Wesens steht. 8 Danach hätte der Maître hier seine instinktive Handlungsfähigkeit verloren. Schließlich ist auch die soziale Differenzierung, die sich in der abendliche Gesprächsrunde zwischen Jacques, seinem Maître, dem Marquis des Arcis und dessen Sekretär ausdrückt, zumindest für das Verhältnis zwischen Jacques und seinem Maître bereits vorher durch den Maître relativiert worden, als dieser mit dem Marquis des Arcis spricht:
Le marquis des Arcis [...] lui dit: « Vous avez là un serviteur qui n’est pas ordinaire. LE MAÎTRE. - Un serviteur, vous avez bien de la bonté : c’est moi qui suis le sien ; [...] 9
Bei genauerer Betrachtung ergibt sich also, daß die unter 2.1 dargestellte soziale Rollenverteilung nur die äußere Fassade der Beziehung zwischen Jacques und seinem Maître ist. Das eigentliche Verhältnis zwischen beiden verläuft diametral entgegengesetzt zu dem vordergründigen: Das gesellschaftlich vorgegebene Rollenverhalten wird nur solange eingehalten, wie Jacques dies will. So ergibt sich die etwas komplexe Situation, daß der Maître nur Jacques’ Herr von Jacques Gnaden ist. 10 Dies geht so weit, daß Jacques sich auch körperlicher Gewalt seines Maître aussetzt, aber, wie das eingangs angeführte
7 vgl. KÖHLER, ERICH 1965: «„Est-ce que l’on sait où l’on va?“ - Zur strukturellen Einheit von Diderots
Jacques le Fataliste et son Maître», in: Romanistisches Jahrbuch 16:135
8 SCHWARTZ, LEON 1973: «Jacques le Fataliste and Diderot’s Equine Symbolism», in: Diderot Studies
16:248f
9 DIDEROT : Jacques le fataliste et son Maître:210
10 KÖHLER 1965: 132
5
Zitat belegt, nur wenn er in der Stimmung dazu ist. Ist er es nicht, so muß sein Maître sich fügen und auf die Demonstration seiner Macht, die vor diesem Hintergrund zur Farce wird, verzichten. Es stellt sich nun also die Frage, warum Jacques sich trotzdem immer wieder dieser Gewalt unt erwirft und selbst nach dem offenen Konflikt, in dem die wahren Verhältnisse offenkundig werden, seine Rolle weiter spielt. 11 Einen ersten Hinweis darauf gibt folgende Passage, in der Jacques dem Maître seinen Lebenslauf erzählt:
[...] qui me plaça chez vous, à qui je devrai un morceau de pain sur mes vieux jours, car vous me l’avez promis si je vous restais attaché : et il n’y a pas d’apparence que nous nous séparions. 12
Die ökonomischen Verhältnisse des Ancien Régime sind also ein wichtiger Faktor für Jacques, denn unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen verfügt nur ein Herr über die materiellen Mittel, ihn zu ernähren, wenn er nicht mehr selbst in der Lage sein wird seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Diese materielle Komponente wird noch einmal in einem Wortspiel aufgegriffen, welches einerseits die ökonomische Situation und andererseits die Umkehrung der klassischen Rollen andeutet. Es geht um den völlig verwöhnten und verweichlichten Sohn Desglands, der offensichtlich ein Abbild des genußsüc htigen und völlig von der Realität entfremdeten französischen Adels des späten Ancien Régime ist:
JACQUES. - [...] ; il sait qu’il sera riche, autre bonne raison pour n’être qu’un vaurien. LE MAÎTRE. - Et comme il est valétudinaire, on ne lui apprend rien ; on ne le gêne, on ne le contredit sur rien, troisième bonne raison pour n’être qu’un vaurien. 13
Hier wird das ungebräuchlichere Wort valétudinaire, in dem das Wort valet recht deutlich anklingt, dem extra in einer Fußnote zur Erklärung angegebenen maladif vorgezogen. Durch dieses Wortspiel wird die Situation des Adels charakterisiert: Er ist reich durch die soziale Ordnung des Ancien Régime, aber eben auch aufgrund dieser Ordnung nicht mehr Herr über die Dinge. 14
Liest man das valétudinaire nun einfach als valet, so ergibt sich ein sehr interessanter Satz: Et comme il est valet, on ne lui apprend rien. Hier findet man in einem prägnanten Satz das Konzept wieder, mit dem es dem ersten und zweiten Stand jahrhundertelang gelang, sich vom dritten Stand sozial abzugrenzen und so die Macht zu sichern. Diese aber war genau deshalb im 18. Jahrhundert gefährdet, weil der Adel nach seiner Entmachtung durch LOUIS
11 vgl. auch Kapitel 2..5 dieser Arbeit
12 DIDEROT: Jacques le fataliste et son Maître:192
13 DIDEROT : Jacques le fataliste et son Maître:276 (Hervorhebung von mir)
14 zum Beherrschen „der Dinge“ und der daraus resultierenden Selbständigkeit des Knechts und
Unselbständigkeit des Herrn, vgl. KÖHLER 1965:134f
6
XIV nur noch nach Prunk und Genuß strebte und so les choses verlor. 15 Kurz gesagt, man hatte mit der Grund regel gebrochen und die valets aus eigener Bequemlichkeit lernen lassen. Der Maître formuliert darauf den einzige Ausweg für seinen Stand, mit dem noch verhindert werden kann daß er zu einem Stand der Taugenichtse wird und den er für sich selbst akzeptiert hat: Er läßt sich von seinem Knecht Jacques „stören“ und „widersprechen“ um so dem dritten Grund zu entgehen, ein Taugenichts zu sein.
2.3 Jacques’ Umgang mit diesen Gegensätzen
Nachdem die vordergründigen Rollen der beiden Protagonisten als Meister und Diener sich in der Realität innerhalb des Werkes als Farce herausgestellt haben, kann hier schon festgehalten werden, daß Jacques sich seinem Maître gegenüber eigentlich nur dann unterwirft, wenn es ihm selbst gerade gefällt. Sein Verhalten seinem Maître gegenüber ist von Beginn an egalitär. In diesem Abschnitt soll aber die Ausprägung dieses egalitären Verhaltens, anders gesagt der Emanzipationsprozeß, den Jacques in den verschiedenen Etappen des Werkes durchmacht, näher betrachtet werden.
Bereits die E pisode in der Gastwirtschaft, in der Jacques die Räuber überrascht und einsperrt, zeigt dieses egalitäre Verhalten. Mit den Pistolen seines Maîtres, über die er ohne nachzufragen, ohne ausdrückliche Erlaubnis verfügt hält Jacques die Räuber in Schach. Alleine diese Aktion ist in einem klassischen Herren-Diener-Verhältnis undenkbar. Die Offenheit mit der Jacques auf seinen Maître reagiert nimmt in den Dialogen ständig zu. Das eigene Verhalten in dem Gasthaus, sowohl seines als auch das seines Maîtres komment iert er noch:
Tous, dans cette maison, nous avons peur les uns des autres ; ce qui prouve que nous sommes tous des sots ... 16
Diese Kritik zielt eigentlich mehr auf den Maître als auf ihn selbst, denn er hat ja schon die Pistolen ergriffen. Er formuliert sie aber hier noch als kollektive Kritik. Als der Maître ihn später beauftragt, das Pferd des Mannes zu kaufen, der, wie sich später herausstellt, der Henker ist, ist Jacques’ Kritik wesentlich deutlicher:
LE MAÎTRE. - [...] Je voudrais que tu allasses proposer à cet homme de nous le céder, en payant s’entend.
15 Als Beispiel sei an dieser Stelle nur der Bürgerliche NECKER genannt, der als „Leiter der Finanzen“ den
Kollaps des Staatshaushalts des Ancien Régime lange Zeit hinauszögern konnte.
16 DIDEROT : Jacques le fataliste et son Maître:48
7
JACQUES. - Cela est bien fou, mais j’y vais. 17
Diese Kritik, die sich hier noch vordergründig auf eine reale Aktion, nämlich den Kauf eines Pferdes bezieht, weitet sich in der Folge auch auf die Philosophie des Maître aus und wird dabei wesentlich offensiver:
LE MAÎTRE: - Tu ignores le fond d’une affaire, et tu t’en mêles ! Jacques, cela n’est ni selon la prudence, ni selon la justice, ni selon les principes [...]
JACQUES. - Je ne sais ce que c’est que des principes, selon des règles qu’on prescrit aux autres pour soi. Je pense d’une façon, et je ne saurais m’empêcher de faire d’une autre. Tous les sermons ressemblent aux préambules des édits du roi ; tous les prédicateurs voudraient qu’on pratique leurs leçons, parce que nous nous en trouverions mieux peut-être ; mais eux à coup sûr ... 18
Doch nicht nur seinen Maître und dessen Philosophie greift Jacques hier an, sondern dessen ganzen Stand, einschließlich des Königs, der hier des Egoismus und der Scheinheiligkeit angeklagt wird. Man könnte meinen, Jacques hat hier schon das Ça ira, ça ira, ça ira auf den Lippen.
Diese Anklage gegen die Prinzipien des Maître wiegt um so schwerer angesichts der Reaktion von Jacques und dem Maître, als der Verwandte der Wirtsleute ins Gasthaus kommt. Der Wirt stürzt sich sofort auf diesen, weil er ihm Geld schuldet:
Jacques et son maître se préparaient à plaider pour ce pauvre diable ; mais l’hôtesse, en posant le doigt sur sa bouche, leur fit signe de se taire. 19
Hier verstößt der Maître ganz offensichtlich gegen die von ihm kurz vorher formulierten Prinzipien, denn er kann in dieser Sache nicht wissen, worum es geht und ist doch sofort bereit, zugunsten des Compère zu intervenieren, sich also einzumischen. Dieselbe Situation findet man wieder bei dem Vergleich der Liebesgeschichten der beiden: als Jacques von seine Geschichte mit dem Mädchen Justine erzählt, wirft der Maître ihm empört Vergewaltigung vor und droht ihm mit der ganzen Härte des Gesetzes. 20 Doch wie sich dann herausstellt ist der Maître selbst nicht anders mit Agathe umgegangen, indem er im Dunkeln vorgab der Chevalier de Saint-Ouin zu sein. 21 Jacques These, daß Prinzipien primär für „die anderen“ gedacht sind, wird hier also bestätigt. Bis zu diesem Punkt kann man eine ansteigende Tendenz in Jacques Emanzipationsprozeß seinem Maître gegenüber feststellen, die sich an immer offenerer Kritik ablesen läßt.
17 DIDEROT : Jacques le fataliste et son Maître:76
18 DIDEROT : Jacques le fataliste et son Maître:121
19 DIDEROT : Jacques le fataliste et son Maître:130
20 DIDEROT : Jacques le fataliste et son Maître:227
21 vgl. DIDEROT : Jacques le fataliste et son Maître:271f
8
Arbeit zitieren:
Ulrich Jacobs, 1998, Die Beziehung zwischen Jacques und seinem Maître in DENIS DIDEROTS "Jacques le Fataliste et son maître", München, GRIN Verlag GmbH
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