Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung 1
B. Historische Grundlegung
B. I. Zum Umgang mit den Juden in der SBZ bis 1949 3
B. II. Exkurs: Stalin und die Juden 4
B. III. Die antizionistische Kampagne in der DDR 7
C. Zur Problematik der Bewertung des antisemitischen Gehalts
C. I. Die Bewertung in der Literatur nach 1989 11
C. II. Begriffsbestimmung Antisemitismus 13
C. III. Antisemitismus in den Farben der DDR 17
C. IV. Der Antisemitismus der DDR - Ein Einordnungsversuch 21
D. Schlussbetrachtung 22
Abk ürzungsverzeichnis 25
Bibliographie 26
Anhang
1
„Wenn es keinen Juden gäbe, der Antisemit würde ihn erfinden“
Jean Paul Sartre
A. Einleitung
Schon im ersten Gesetzblatt, 1 mit dem die Gründungsverfassung am 7. Oktober 1949 in Kraft trat, definierte sich die DDR als einen vor allem antifaschistischen Staat. Bis zum politischen und ökonomischen Zusammenbruch des Landes wurde der Mythos des Antifaschismus hochgehalten und bildete, zusammen mit dem Marxismus-Leninismus, das Fundament der sozialistischen Ideologie. Dabei hatte die Eigenlegitimation über diesen Antifaschismus zwei grundsätzliche Funktionen: Zum einen diente sie der Abgrenzung zur Bundesrepublik, die noch viele Jahre nach ihrer Gründung als praktisch nahtlose Fortsetzung des nationalsozialistischen Deutschlands betrachtet wurde, zum anderen sollte ein Alternativanspruch zu eben jener dunkelsten deutschen Vergangenheit erhoben werden. 2
Wer seine eigene politische Existenz so eng mit dem Antifaschismus verbindet, wer sein Selbstverständnis als historische Antwort auf den totalitären deutschen Nationalsozialismus derart intensiv empfindet, der kann, so möge man meinen, auf das monströseste aller „Makroverbrechen“ 3 des zwanzigsten Jahrhunderts, der Vernichtung des europäischen Judentums, nur auf eine einzige Art und Weise antworten: Mit dem Kampf gegen allen offenen oder latenten Antisemitismus. Doch dass dies für die DDR vor allem in den ersten Jahren ihrer begrenzten Existenz nicht zutraf, dass im Gegenteil nicht nur nicht immer konsequent gegen Antisemitismus gekämpft wurde, sondern dass auch, unter dem Vorwand des Kampfes gegen den „internationalen Zionismus“, offen mit antisemitischen Stereotypen gegen jüdische und nichtjüdische Bürger polemisiert und repressiv vorgegangen wurde, soll Gegenstand dieser Arbeit sein. Diese Arbeit will nicht nur erinnern, an die nur noch Wenigen bekannten und bewussten antisemitisch-antizionistischen Vorfälle in der DDR, sie will auch aufmerksam machen, auf ein landläufig akzeptiertes und kolportiertes Vorurteil, nämlich dass der Antisemitismus stets aus der „rechten Ecke“ käme, mithin (vor allem wegen der Wirkungsmächtigkeit von Auschwitz) ein linker Antisemitismus nicht existiere.
Um einen historischen Einstig in das Thema zu finden, sollen zunächst Grundlagen geschaffen werden. Hierzu wurde das Kapitel B in drei Abschnitte unterteilt, davon werden sich zwei mit der DDR beschäftigen und ihrem Umgang mit den Juden, resp. der jüdischen Frage. Innerhalb
1 Vgl. GBl. der DDR 1949, S. 4
2 Vgl. Danyel/Groehler/Keßler 1994, S. 148 und Diner 1993, S. 25
3 Kraushaar 1992, S. 59
2
eines Exkurses soll anschließend das Verhältnis Josef Stalins zum Judentum dargestellt werden, da dies zum allgemeinen Verständnis der Vorgänge in der DDR beiträgt. Innerhalb dieses Kapitels wird lediglich historisch-deskriptiv vorgegangen, auf eine wertende Analyse verzichtet.
Diese Analyse soll dem zweiten Teil vorbehalten bleiben, hier wird zunächst die Frage gestellt, wie die Literatur die antizionistischen Vorfälle in der DDR der Jahre 1949 bis 1953 bewertet, vor allem - entsprechend der Fragestellung dieser Arbeit - ob diese als antisemitisch charakterisiert werden oder nicht. Hierzu ist auf drei Standardwerke kurz einzugehen, die alle ein und dasselbe Desiderat aufweisen: Sie nutzen durchaus den Begriff „antisemitisch“ zur Kennzeichnung der Politik der DDR gegenüber den Juden und der „Jüdischen Frage“ in dieser Zeit, vermeiden es aber, eine tiefere Inhaltsdeutung des Begriffes mitzugeben. Erst das Buch Antisemitismus von links, des Soziologen Thomas Haury, zeichnet sich dadurch aus, dass der Untersuchung der Ereignisse in der DDR, zunächst eine exakte begriffliche Deutung von „Antisemitismus“ vorausgeht. Haury entwickelte ein logisches Drei-Ebenen-Schema, welches vor allem durch die Berücksichtigung des Einflusses von Nationalismus und ideologischen Denkstrukturen herausragt. Sein Schema, und dessen Anwendung auf die DDR, wird im zweiten und dritten Unterabschnitt vorgestellt werden. Da sich Haurys Überlegungen nicht nur auf die Politik eines Landes, sondern genauso gut auf Parteien und Personen anwenden lassen, soll des weiteren ein eigener Versuch unternommen werden, die Nähe zum Antisemitismus (oder nicht) von Karl Marx, Lenin, der KPD der Weimarer Republik und der Politik der DDR, graphisch darzustellen und damit leichter vergleichbar zu machen. Eine Schlussbetrachtung wird diese Hausarbeit abschließen.
Neben der Arbeit von Thomas Haury, aus der natürlich am häufigsten zitiert wurde, konnte zahlreiche Literatur zum Thema beschafft werden, die meist neueren Datums ist, weil es nach der politischen Wende in der DDR und anderen Staaten des Kommunistischen Blocks erstmalig möglich war, wichtige Archivarien auszuwerten. Hier sind vor allem Angelika Timm, Mario Keßler und Michael Wolffsohn zu erwähnen, die noch kurz besprochen werden sollen. Mit Spannung, aber auch Bedrückung lesen sich die Publikationen des 1999 verstorbenen Berliner Historikers Wolfgang Kießling zum Thema. Seine Bücher leben vor allem davon, dass er das Glück hatte, Protagonisten dieser Zeit - allen voran Paul Merker - noch selbst kennen zulernen. Von Haury abgesehen, stellten die Bücher dieser vier Autoren insgesamt die wichtigste Grundlage dieser Arbeit dar. Das für den Exkurs Stalin und die Juden verwendete Werk von Arno Lustiger ist uneingeschränkt zu empfehlen - gerade in einer Zeit, in der die Juden nun auch noch am Bolschewismus Schuld tragen sollen. Lustiger’s Buch ist schnell gelesen, jeder hat Zeit dafür, erst recht wenn man neuerdings fraktionslos im Bundestag sitzt.
3
B. Historische Grundlegung
B. I. Zum Umgang mit den Juden in der SBZ bis 1949
Es wird sich nicht mehr genau feststellen lassen, wie viele Juden die Nazibarbarei auf deutschem Boden überlebten, angesichts des ungeheueren Blutzolls kommt es auf Genauigkeit letztendlich auch nicht mehr an. Klar ist, dass das deutsche Judentum in seiner Größe und Vielfalt aufgehört hatte zu existieren. Für die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) liegen im Jahre 1946 erstmals offizielle Zahlen vor, demnach sich während einer Volkszählung ca. 2100 Bürger zum jüdischen Glauben bekannten, dazu kamen noch etwa 2400 im sowjetischen Sektor Berlins, was in etwa einem Drittel der Juden in der ganzen Stadt entsprach. 4 Neben der ab Juni/Juli 1945 wieder entstandenen jüdischen Gemeinde in Berlin konstituierten sich acht weitere in der SBZ. 5
Angesichts des nun auch en détail bekannten Ausmaßes der jüdischen Katastrophe, setzte in der SBZ nach Kriegsende eine Diskussion darüber ein, wie der Schoah menschlich und politisch zu begegnen sei. Dabei stellte sich der Umgang mit den Juden bis 1949 als ambivalent dar. Einerseits waren die sowjetischen Machthaber und ihre ostdeutschen Verbündeten in der KPD/SED zunächst um Unterstützung der überlebenden Juden bemüht, im Rahmen der Möglichkeiten nach dem totalen Krieg. Die im Aufbau befindlichen Gemeinden wurden unterstützt, die Religion konnte noch ohne größere Einschränkungen oder Bedingungen ausgeübt werden. 6 Hinzu kamen auch positiv zu bewertende Versuche, die Schrecken der Schoah der Bevölkerung zu vergegenwärtigen, sei es durch Filme wie Die Affäre Blum 7 , oder eine - im Vergleich zu den folgenden Jahren in der DDR - angemessene Darstellung in den ersten Schulbüchern der SBZ. 8 Des weiteren erfolgte eine positive Begleitung der Staatswerdung Israels, vor allem in der Presse, im Gegensatz zur tief antizionistischen Grundhaltung der meisten deutschen Kommunisten (und Sozialdemokraten) vor dem Krieg. 9
4 Die Volkszählung fand am 29. Oktober statt. Die genauen Zahlen liefern Maser 1995, S. 342 f. und Offenberg 1998, S. 13. Die ungefähre Zahl von 4500-5000 Juden in Ost-Berlin und der SBZ gilt dabei als allgemein gesichert. Vgl. z. B. Deutschkron 1970, S. 221; Herf 1998, S. 88
5 In Schwerin und Rostock für die Jüdische Landesgemeinde Mecklenburg, in Erfurt für den Landesverband der Jüdischen Gemeinden Thüringens, sowie die Gemeinden in Zwickau-Plauen, Chemnitz, Dresden, Leipzig, Halle und Magdeburg. Vgl. Offenberg 1998, S. 50 ff. Dies waren die bedeutenden Gemeinden, Lustiger 1998 gibt noch eine in Eisenach und Oschersleben an (S. 277), Burgauer 1993 neben Eisenach auch noch kleine Gemeinden in Gera, Jena und Mühlhausen/Thür. (S. 138).
6 Deutschkron 1970, S. 216; Maser 1995 S. 341. Eine traurige Ausnahme stellte das Land Mecklenburg dar. Hier wurde die Konstituierung der jüdischen Gemeinde vor allem vom SED-Kultur- und Bildungsminister Gottfried Grünberg bis zum Juni 1948 verzögert. Vgl. übereinstimmend: Offenberg 1998, S. 61; Timm 1997, S. 102; Haury 2002, S. 310. Unzureichende Darstellung bei Struck 2000, S. 115 f.
7 Vgl. Haury 2002, S. 313; Keßler 1995, S. 107
8 Vgl. Rossow/Wiegmann 1994, S. 114 ff. und Wolf 1995, S. 129 ff.
9 Vgl. Keßler 1995, S. 48 ff.; Timm S. 83 ff. Grundlegend zum Verhältnis Arbeiterbewegung und Zionismus: Keßler 1994; Traverso 1995; Na’aman 1997 und Haury 2002
4
Andererseits begegnete die Mehrzahl der Kommunisten in der KPD/SED, insbesondere jene, welche durch die Emigration in der Sowjetunion stalinistisch sozialisiert wurden, der Judenfrage im Allgemeinen und der Schoah im Besonderen mit einer Mischung aus mitleidlosem Unverständnis und elitärer Arroganz. Der deutsche Nationalsozialismus wurde vor allem als antikommunistisch interpretiert. Die Juden konnten innerhalb dieses Ideologiegebäudes als Hauptopfer keine ausreichende Würdigung erfahren. Der Massenmord an ihnen war eher se-kundär, 10 primär wurde auf das Leid der kämpfenden Kommunisten sowie der Völker der Sowjetunion verwiesen. Die Schoah, wurde selbstverständlich nicht verschwiegen, aber angesichts ihrer Dimension insgesamt nur unzureichend gewürdigt. Am deutlichsten kam dies in der Diskussion um die Bewertung des Opferstatus der Juden innerhalb der kurz nach Kriegsende begründeten Verbände der Opfer des Faschismus (OdF) zum Ausdruck, welche von den Kommunisten dominiert wurden. 11 Auf der Konstituierung des OdF-Hauptausschusses am 23. Juni 1945 in Berlin, wurden die Leiden der Juden und anderer Nichtkommunisten 12 zwar anerkannt, ein Fürsorge- und Unterstützungsanspruch aber abgelehnt. In ihrer Eigenreflexion betrachteten sich die Kommunisten als erste und wichtigste Opfer, die gegenüber rassisch Verfolgten eine privilegierte Stellung einnahmen. Juden wurden nur als passive Opfer dargestellt, die nicht durch den politischen Kampf, sondern durch Religionszugehörigkeit, bzw. Geburt, in das Visier der Nazis gerieten. 13 Erst im September 1945 setzte diesbezüglich ein Paradigmenwechsel ein, gegen hartnäckigen Widerstand vieler OdF-Funktionäre und wohl vor allem auf Druck der West-Alliierten, die dem Verband sonst die Anerkennung verweigert hätten. Weiterhin bestand aber eine klare Hierarchie zwischen (aktiven) Kämpfern und (passiven) Opfern. 14
B. II. Exkurs: Stalin und die Juden
Die antizionistischen Kampagne in der DDR von 1949 bis 1953 darzustellen, ohne auf Stalins Verhältnis zu den Juden einzugehen, hieße Unvollständigkeit in Kauf zu nehmen. Denn wenn auch den Machthabern in Ost-Berlin in diesem Zusammenhang ein gehöriges Maß an Eigen-verantwortung und Eigeninteresse unterstellt werden kann, so ist doch ohne Zweifel der Ausgangspunkt für diesen Antizionismus in Moskau zu suchen.
10 Vgl. Keßler 1995, S. 32 ff.
11 Vgl. Haury 2002, S. 305 f.; Timm 1997, S. 51 ff.
12 Vereinzelt waren selbst Kommunisten jüdischer Herkunft dieser Ansicht, wie z. B. Alfred Kantorowicz. Vgl. Herf 1998, S. 101
13 Die Weigerung als OdF anerkannt zu werden betraf u. a. auch Wehrmachtsdeserteure, Sinti und Roma, Homosexuelle und Zeugen Jehovas.
14 Dies wurde u. a. durch die Ausgabe unterschiedlicher Ausweise für Kämpfer und Opfer zementiert. Vgl. Illichmann 1997, S. 54 ff.; Haury 2002, S. 306 ff.; Groehler 1995, S. 8 ff.; Reuter/Hansel 1997, S. 71 ff.
5
Die Frage, ob Stalin Antisemit war oder nicht, ist weder einfach zu beantworten, noch Gegen-stand dieser Arbeit. Es kann allerdings als unstrittig gelten, dass er die Juden für seinen paranoiden Machterhaltungstrieb durchaus geschickt zu nutzen wusste. Erstmals griff Stalin auf den in der russischen Bevölkerung traditionell starken Judenhass 1927 zurück. Indem er verlauten ließ, dass er den, neben anderen, in Ungnade gefallenen Leo Trotzki nicht wegen seiner jüdischen Herkunft bekämpfe, machte er doch unmissverständlich klar, dass sein größter politischer Gegner Jude ist. 15 Während der Moskauer Schauprozesse von 1936-38 war dann ebenfalls ein latenter Antisemitismus spürbar, viele der Angeklagten, die wegen der absurdesten Beschuldigungen hingerichtet oder in die Deportation geschickt wurden, waren Juden, schließlich entfernte man sie weitestgehend aus dem diplomatischen Dienst. 16 Nach Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes im August 1939 wurden in der Sowjetunion auch auf jegliche Kritik an der antisemitischen Vernichtungspolitik in Deutschland verzichtet. 17
Dies änderte sich erst mit dem deutschen Überfall auf das Land, einmal mehr verstand es Stalin, die Juden für sich zu instrumentalisieren. Kurz vor dem militärischen Zusammenbruch stehend, appellierte er an sie, an der Verteidigung des Landes teilzunehmen. Dazu ließ er sogar ein gewisses jüdisches Nationalgefühl zu und erlaubte die Gründung eines Jüdischen Antifaschistischen Komitees (JAFK), über welches unter anderem Kontakte zu Juden in Großbritannien und den USA hergestellt wurden, die der Sowjetunion dringend benötigte Devisen einbrachten. 18 Nach dem Krieg setzte Stalin diese Politik zunächst scheinbar fort, nicht nur indem die Sowjetunion Israel über die ČSR mit modernen Waffen für den Kampf gegen die Araber belieferte, beide Länder waren auch die ersten, welche den jungen Staat am 18. Mai 1948 völkerrechtlich anerkannten. 19
Doch wer aufgrund dessen ein entspannteres Verhältnis des Despoten zum Judentum erwartet hatte, sollte bitter enttäuscht werden. Schon kurz nach dem Krieg begann Stalin eine Kampagne gegen sogenannte „nationalistische Abweichungen“, 20 gemeint waren vor allem Juden. Die wohlwollende Haltung gegenüber Israel entsprang nicht einem plötzlichen Anfall von Philosemitismus, vielmehr erhoffte sich Stalin eine Schwächung der britischen Hegemonie im Nahen Osten, sowie ein sich kommunistisch entwickelndes Israel. Der Abfall Jugoslawiens unter
15 Vgl. Keßler 1993b, S. 51 f. Dies betraf neben Trotzki, dessen Geburtsname Bronstein lautete, auch die 1936 erschossenen Politbüromitglieder Lew Kamenev (Rosenfeld) und Grigorij Sinowjew (Radomyslski-Apfelbaum), vgl. Lustiger 1998, S. 317 f.
16 So z. B. der Außenminister Maxim Litwinow, vgl. Lustiger 1998, S. 90 ff.
17 Und nicht nur das, sozusagen als „freundliche Geste“ gegenüber seinem neuen Verbündeten Hitler, lieferte Stalin etwa Tausend Kommunisten an Deutschland aus, darunter auch viele Juden. Die meisten wurden in den Konzentrationslagern ermordet. Vgl. ebd., S. 274 f.
18 Vgl. Wistrich 1987, S. 348
19 Vgl. Haury 2002, S. 336; Wolffsohn 1998, S. 178; Timm 1997, S. 81 ff.
20 Vgl. Keßler 1993b, S. 51
6
Tito und der beginnende Kalte Krieg, verschärften die Situation. Im Januar 1948 ließ Stalin den großen jiddischen Volksschauspieler und Präsidenten des JAFK Solomon Micho’els er-morden. 21 Als im Herbst des selben Jahres die israelische Botschafterin in Moskau, Golda Meïr, ihr Beglaubigungsschreiben überbrachte und von Tausenden Juden auf dem Roten Platz spontan bejubelt wurde, stellten diese für Stalin mehr als zuvor völlig unzuverlässige Elemente dar. 22 Fortan wurde eine heftige antijüdische Kampagne gestartet, die das Ziel hatte, den „Kosmopolitismus“ im Land zu vernichten. Alle noch erscheinenden jiddischen Zeitungen, alle Verlage, Theater und Schulen wurden verboten. Das JAFK wurde aufgelöst, viele seiner Mitglieder inhaftiert und ermordet.
Daran schlossen sich die Jahre der erbarmungslosen stalinistischen Säuberungen in Osteuropa an, wobei immer nach dem gleichen Prinzip verfahren wurde: Ein „Titoist“, ein Westemigrant, ein Spanienkämpfer oder ein Jude wurden auserkoren, um den Sündenbock zu geben. Zum Kopf einer angeblichen Verschwörung erklärt, fand anschließend ein öffentlicher Schauprozess statt. Die Angeklagten gestanden die abenteuerlichsten Verbrechen, wobei die “Geständnisse“ in aller Regel unter Folter erpresst wurden. In weiteren, dann meist geheimen, Prozessen wurden oft Hunderte “Anhänger“ der Geächteten verurteilt. Die ersten Schauprozesse fanden gegen die kommunistischen Führer Ungarns und Bulgariens, László Raijk und Traitscho Kostow, statt. Beide angeblichen Anhänger Titos wurden, zusammen mit anderen, 1949 hingerichtet. Der erste Schauprozess mit offenen antijüdischen Inhalten war Ende 1952 der ČSR vorbehalten. Dem Führer der KPČ, Rudolf Slánský, und dreizehn weiteren Kommunisten warf man unter anderem Spionage und Zusammenarbeit mit Trotzkisten und Titoisten vor. 23 Immer wieder wurde die kleinbürgerlich-jüdische Herkunft Slánskýs und zehn seiner Mitangeklagten betont. Unter schwerster Folter “gestanden“ sie schließlich, und wurden im Dezember 24 desselben Jahres gehängt, darunter auch Slánský. Dabei sollte der Schauprozess in Prag nur der Auftakt von weiteren im Ostblock sein. In Moskau hatte man schon jüdische Ärzte in Verdacht, die angeblich führende Kommunisten ermordet und es auch auf Stalin abgesehen hatten, sie sollten auf dem Roten Platz öffentlich erschossen, die sowjetischen Juden nach Sibirien deportiert werden. 25
21 auch: Mikhoels, vgl. Wistrich 1987, S. 350
22 Vgl. Keßler 1993, S. 51, der von 60.000 spricht, bei Haury 2002 sind es 50.000 (S. 336). Wolffsohn 1998 (S. 179) und Lustiger 1998 (S. 189) geben mit 20.000, bzw. 15-20.000 wesentlich weniger an. Keine Zahlenangaben dagegen bei Timm 1997, S. 88
23 Vgl. Lustiger 1998, S. 271 f. und Kaplan 1998, S. 169 ff. Grundlegend für alle Schauprozesse in dieser Zeit: Hodos 2001
24 Meist wird der 3. Dezember angegeben, so bei Lustiger 1998 (S. 272), Maser 1995 (S. 343) und Wolffsohn 1998 (S. 138). Herf 1998 nennt den 30. November (S. 152), Keßler 1993/1995 den 30. Dezember 1952 (S. 53, bzw. 57).
25 Vgl. Kostryčenko 1998, S. 89 ff.; Wistrich S. 349 f.
7
Der Grund für die plötzliche antijüdische Wendung der Säuberungen war relativ simpel: Überall im Ostblock herrschte über die sowjetische Hegemonie Unzufriedenheit, hinzu kamen wirtschaftliche Probleme. Waren die ersten Prozesse in Ungarn und Bulgarien vor allem unter dem Aspekt der Säuberung und Disziplinierung der eigenen Partei zu sehen, kam nun noch ein weiterer Grund hinzu. Stalin benötigte Schuldige für die miserable Lage und als Begründung für weitere Säuberungsaktionen. Durch die Benennung von Sündenböcken versprach er sich eine Kanalisierung der Unzufriedenheit. Und wiedereinmal wusste er die Juden für sich selbst auf perfideste Art und Weise zu benutzen, wohl wissend, dass sich aus Angst vor einem neuen Nationalsozialismus gerade viel Juden als aktive Kämpfer für den Kommunismus engagierten, sahen sie sich doch nur von einer kommunistischen Macht vermeintlich am besten geschützt. Diese jüdischen Kommunisten opferte er nun eiskalt und konnte so den Volkszorn auf sie lenken. 26
B. III. Die antizionistische Kampagne in der DDR
Obwohl die entscheidenden Schaltstellen der Macht in der SBZ nach Kriegsende sukzessive mit moskautreuen Kadern der KPD/SED besetzt wurden, sollte zunächst ein „eigener deutscher Weg“ zum Sozialismus gegangen werden. Dieses Vorgehen war allerdings vor allem taktisch geprägt, wegen des Kalküls der Sowjetunion, Gesamtdeutschland sowjetisieren zu können. 27 Als jedoch 1947/48 klar war, dass die Bildung eines westdeutschen Teilstaates in die Wege geleitet wurde, verschärfte die Sowjetunion mit der Berlin-Blockade und dem Ausschluss Jugoslawiens aus dem Informationsbüro der Kommunistischen und Arbeiterparteien (Kominform) den Kurs im Kalten Krieg. Von nun an sollten Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in der SBZ/DDR ganz offen sozialistisch umgestaltet werden. Die SED ordnete sich Moskau völlig unter, Ziel war die Schaffung einer streng zentralistischen, marxistisch-leninistischen Kampfpartei, einer „Partei neuen Typs“, nach dem Vorbild der KPdSU. 28 Von diesem Vorbild war die SED im Jahre 1948 jedoch noch weit entfernt, nur wenige Mitglieder waren „stalinistisch sozialisiert“, es existierten noch starke sozialdemokratische Strömungen neben antistalinistisch eingestellten Kommunisten. 29 Nicht wenige Parteimitglieder sympathisierten heimlich mit dem Weg, den Tito in Jugoslawien gegangen war. Um die Partei entsprechend auf Linie zubringen, ihre Mitglieder also politisch zu homogenisieren, wurde
26 Vgl. Wistrich, S. 354
27 Ein anderer Grund war der, die Sozialdemokraten besser einverleiben zu können. Vgl. Haury 2002, S. 339
28 Offiziell beschlossen auf der 1. Parteikonferenz im Januar 1949, selbstverständlich stand dieses Vorhaben schon während des Krieges bei der Moskauer Exilgruppe um Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht fest. Vgl. Keßler 1995, S. 66
29 Vgl. Haury 2002, S. 343
Arbeit zitieren:
Kai Posmik, 2003, Die antizionistische Kampagne in der spätstalinistischen DDR und die Problematik der Bewertung ihres antisemitischen Gehaltes, München, GRIN Verlag GmbH
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